Natalie Zemon Davis : Leo Africanus

Leo Africanus

Natalie Zemon Davis

Leo Africanus

Originalausgabe: Trickster Travels.A Sixteenth-Century Muslim Between Worlds Hill and Wang, New York 2006 Leo Africanus Übersetzung: Gennaro Ghirardelli ISBN: 978-3-8031-3627-5, 400 Seiten, 38 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als Al-Hasan noch ein Kind war, flohen seine Eltern mit ihm vor der Reconquista aus seiner Heimatstadt Granada nach Marokko, wo er später in den Dienst des Sultans von Fes trat. Von Piraten gefangen genommen, wurde der Muslim 1518 nach Rom verschleppt und von Papst Leo X. persönlich getauft. 1527 kehrte "Leo Africanus" nach Nordafrika zurück.
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Kritik

Auf der Grundlage eines stupenden historischen Wissens bettet Natalie Zemon Davis die wenigen greifbaren Daten über Leo Africanus in die Verhältnisse der damaligen Zeit ein und rekonstruiert ein farbiges Bild.
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Al-Hasan bin Muhammad bin Ahmad al-Wazzan wurde wahrscheinlich zwischen 1486 und 1488 als Sohn einer gut situierten muslimischen Familie in Granada geboren. Um die Zeit, als die Stadt von den Christen zurückerobert wurde (1492) floh die Familie nach Marokko. In Fes nahm sich ein vermutlich bereits früher aus Spanien emigrierter Onkel Al-Hasans der Neuankömmlinge an. Dieser Verwandte, der wohl dem Sultan Muhammad al-Shaykh (1465 – 1505), dem Gründer der Wattasiden-Dynastie in Fes (1465 – 1549), als Diplomat diente, sorgte dafür, dass sein Neffe eine exzellente Bildung bekam, und nahm ihn schließlich auf seinen Reisen mit, um seinen Horizont zu erweitern.

Sobald Al-Hasan alt genug war, betraute ihn der Sultan mit diplomatischen Missionen: Als »Gesandter, Militär, Vertrauensperson und Bevollmächtiger im Dienst des Sultans von Fes« (Seite 28) reiste er – manchmal nur mit zwei Dienern, hin und wieder auch mit einem Gefolge von neun Personen – in andere Reiche. Er kam bis Timbuktu; um 1513 war er in Kairo, zwei Jahre später in Algier und Tunis, 1516 bei Sultan Selim I. in Istanbul.

Der sunnitische Herrscher des Osmanischen Reiches hatte 1514 Krieg gegen den persischen Schah Ismail, den Gründer der schiitischen Safawiden-Dynastie, geführt. Sultan Qansuh al-Ghawri, der sunnitische Mamelucken-Herrscher in Kairo, blieb in dem Konflikt neutral, aber seine Hoffnung, dass die beiden Kriegsgegner sich gegenseitig schwächen würden, erfüllte sich nicht: Selim I. besiegte Ismail in der Schlacht von Tschaldiran, eroberte danach einen mameluckischen Vasallenstaat in Südostanatolien und marschierte 1516 gegen Qansuh al-Ghawri, der in einer für ihn verlorenen Feldschlacht einen tödlichen Herzanfall erlitt. Im Jahr darauf nahmen die Osmanen Kairo ein und unterwarfen das Mamelucken-Reich.

Al-Hasan folgte Selim I. von Istanbul nach Kairo. Als er 1518 nach Fes zurückkehren wollte, wurde sein Schiff von dem spanischen Seeräuber Don Pedro de Cabrera y Bobadilla überfallen. Der Korsar, der erkannte, dass Al-Hasan kein gewöhnlicher Gefangener war, schenkte ihn Papst Leo X. in Rom, statt ihn zu versklaven. Leo X. ließ den Gefangenen zwar in der Engelsburg festsetzen, aber wohl nicht in ein Verlies werfen, sondern Al-Hasan konnte sich verhältnismäßig frei innerhalb der Festung bewegen. Schon einen Monat nach der Ankunft durfte er einige arabische Schriften von der Vatikanbibliothek ausleihen. Aufgrund seiner Studien konnte „Al-Hasan bin Muhammad bin Ahmad al-Wazzan al-Fasi“ (Al-Hassan … aus Fes) – wie er sich jetzt nannte – als faqih (Rechtsgelehrter) bzw. idschaza (Rechtsprofessor) auftreten, aber sein Wissen beschränkte sich keineswegs nur auf juristische Themen, sondern er war universell gebildet.

Papst Leo X. taufte Al-Hasan am 6. Januar 1520 in der Peterskirche in Anwesenheit von drei Zeugen – Bernardino López de Carvajal, Kardinal von Santa Croce und Patriarch von Jerusalem, Lorenzo Pucci, Kardinal von Santi Quattro und Egidio da Viterbo, Kardinal von Santo Bartolomeo in Isola – auf den Namen Johannes Leo, und als Zusatz durfte der Konvertit den Familiennamen des Papstes verwenden: de Medici. Auf Arabisch nannte er sich nun Yuhanna al-Asad.

Durch die Taufe kam er frei; er konnte sich nun endlich in Rom umsehen und bis Bologna reisen. Leo Africanus – wie er später auch genannt wurde – betätigte sich als Kopist, Arabischlehrer und Schriftsteller. Mit Jacob Mantino, einem Juden aus Bologna, arbeitete er an einem arabisch-hebräisch-lateinischen Wörterbuch; er schrieb ein Buch über die arabische Verslehre und stellte Biografien berühmter Araber zusammen. Sein bedeutendstes Werk, das »Libro de la Cosmographia et Geographia de Affrica« vollendete Leo Africanus am 10. März 1526. Wir kennen es aus einer 939 Seiten langen Abschrift aus dem 16. Jahrhundert, die in der Biblioteca Nazionale Centrale in Rom aufbewahrt wird. Das Afrikabuch ist sowohl Beschreibung als auch Kommentar; Leo Africanus wechselte als Autor bewusst zwischen den Perspektiven der Afrikaner und Europäer, der Muslime und Christen. Bemerkenswert ist, wie respektvoll Leo Africanus mit allen drei Schriftreligionen umging, mit Islam, Judentum und Christentum.

Der römische Zensus vom Januar 1527 erfasste einen Io Leo. Da die Kombination der Namen Johannes und Leo bzw. Giovanni und Leone recht selten war, schließt Natalie Zemon Davis daraus, dass es sich um Leo Africanus gehandelt haben könnte. Das würde bedeuten, dass er einem Haushalt vorstand, also eine Familie gegründet hatte. (Wenn er bei seiner Gefangennahme eine Familie in Nordafrika zurückgelassen hatte – was Natalie Zemon Davis für wahrscheinlich hält –, wäre diese Ehe nach islamischem Recht aufgrund seines Religionswechsels nicht mehr gültig gewesen.)

Am 22. Mai 1526 schloss sich der französische König Franz I. mit dem Papst, mit Mailand, Florenz und Venedig in der Heiligen Liga von Cognac gegen Kaiser Karl V. zusammen. Der eroberte daraufhin am 6. Mai 1527 Rom. Seine deutschen Landsknechte und spanischen Söldner plünderten die Stadt und vergewaltigten die Frauen („Sacco di Roma“).

Diese Unruhen nutzte Leo Africanus – davon geht Natalie Zemon Davis aus –, um nach Nordafrika zurückzukehren. Auch wenn er dort wieder seinen alten Namen annahm, die Art der Kleidung wechselte und sich zum Islam bekannte, wird er es nicht einfach gehabt haben. Er musste damit rechnen, dass man ihn für einen Kollaborateur des Papstes hielt. Sultan Abdallah Muhammad von Fes (1505 – 1524) hatte einen Moslem, der den Portugiesen gedient hatte und zum Christentum übergetreten war, 1524 bei lebendigem Leib verbrennen lassen! Leo Africanus wagte sich also nicht nach Fes zurück, wo inzwischen Abu l-Abbas Ahmad (1524 – 1549) regierte. Da es einen Hinweis darauf gibt, dass er 1532 in Tunis lebte, liegt die Vermutung nahe, dass er sich dort niedergelassen hatte.

Weitere Zeugnisse über ihn gibt es nicht. Wir wissen nicht, ob er eine Familie hatte und kennen nicht einmal sein Todesjahr.

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Eigentlich wissen wir über Leo Africanus so gut wie nichts, aber das ficht Natalie Zemon Davis nicht an: Auf der Grundlage eines stupenden historischen Wissens bettet sie die wenigen greifbaren Daten über Leo Africanus in die Verhältnisse der damaligen Zeit ein und rekonstruiert aus begründeten Vermutungen, wahrscheinlichen Zusammenhängen und logischen Schlussfolgerungen ein farbiges Bild. Ein konkretes (aber fiktives) Porträt von Leo Africanus kann nur ein Romancier wie Amin Maalouf liefern („Leo Africanus. Der Sklave des Papstes“); die Historikerin beschreibt dagegen das Umfeld von Leo Africanus und vermittelt auf diese Weise eine Vorstellung von ihm.

Ich habe versucht, al-Hasan al-Wazzan – soweit es geht – in der nordafrikanischen Gesellschaft des sechzehnten Jahrhunderts anzusiedeln, die sich aus Berbern, Andalusiern, Arabern, Juden und Schwarzafrikanern zusammensetzte und an ihren Rändern von Europäern zerfressen wurde. Ich habe außerdem versucht, die diplomatischen, wissenschaftlichen, religiösen, literarischen und geschlechtsspezifischen Anschauungen darzustellen, die er nach Italien mitbrachte, und zu zeigen, wie er auf jene der europäischen christlichen Gesellschaft reagierte: was er lernte, was ihn interessierte und irritierte, wie er sich veränderte und vor allem wie er dort schrieb. Mein Porträt ist das eines Mannes mit einer doppelten Perspektive, der zwei kulturellen Welten angehört, sich bisweilen zwei Zuhörer vorstellt, Techniken aus dem arabischen und islamischen Repertoire anwendet und gleichzeitig auf eigene Weise europäische Elemente daruntermischt. (Seite 16)

Das Buch „Leo Africanus. Ein Reisender zwischen Orient und Okzident“ ist trotz des wissenschaftlichen Inhalts auch für Laien gut verständlich. Natalie Zemon Davis hat ihre Darstellung mit einem umfangreichen Anhang versehen: 78 Seiten Anmerkungen, dazu Glossar und Abkürzungsverzeichnis, Register und Bibliografie. Die deutsche Übersetzung von Gennaro Ghirardelli weist ein paar Schludrigkeiten auf. In der Renaissance gab es beispielsweise noch keine Kopierer (umgangssprachlicher Ausdruck für Kopiergeräte), sondern nur Kopisten. Das ist schade, fällt aber gegenüber der eindrucksvollen Leistung von Natalie Zemon Davis nicht weiter ins Gewicht.

Von der 1996 emeritierten amerikanischen Historikerin Natalie Zemon Davis (* Detroit, 8. November 1928) erschienen im Verlag Klaus Wagenbach auch die Bücher „Drei Frauenleben“, „Lebensgänge“ und „Die wahrhaftige Geschichte von der Wiederkehr des Martin Guerre„.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Verlag Klaus Wagenbach

Literatur über Leo Africanus

Christoph Peters - Der Arm des Kraken
Der Roman "Der Arm des Kraken" spielt in der Berliner Unterwelt, in der Vietnamesen das Sagen haben. Christoph Peters geht es vor allem um den Gegensatz zwischen einer ineffizienten deutschen Kommissarin und einem disziplinierten Jakuza, den er auch sprachlich spiegelt.
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