Spider

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Spider – Originaltitel: Spider – Regie: David Cronenberg – Drehbuch: Patrick McGrath, nach dem Roman "Spider" von Patrick McGrath – Kamera: Peter Suschitzky – Schnitt: Ronald Sanders – Musik: Howard Shore – Darsteller: Ralph Fiennes, Miranda Richardson, Gabriel Byrne, Lynn Redgrave, John Neville u.a. – 2002; 95 Minuten

Inhaltsangabe

Nach 20 Jahren wird Dennis Cleg aus der psychiatrischen Anstalt entlassen, in die man ihn als 13-Jährigen gesperrt hatte. Er wohnt nun mit anderen Patienten in einem Heim. Der Schizophrene, der sich kaum mitteilen kann, schreibt obsessiv in ein Notizheft und versucht zu rekonstruieren, was damals geschah. In quälenden Erinnerungen bzw. Wahnvorstellungen sieht er, wie seine Mutter seinen Vater mit einer Prostituierten ertappt. Bill Cleg erschlägt seine Frau und nimmt Yvonne mit nach Hause ...
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Kritik

"Spider" – die Verfilmung eines existenzialistischen Romans von Patrick McGrath durch David Cronenberg – ist ein düsteres, von Ralph Fiennes überzeugend gespieltes Psychogramm. Wie der erwachsene Protagonist sich als Kind sieht, ist faszinierend gestaltet.
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In den Siebzigerjahren wird Dennis Cleg (Ralph Fiennes) aus der psychiatrischen Anstalt entlassen, in die man ihn als 13-Jährigen (Bradley Hall) eingewiesen hatte. In einem Londoner Bahnhof steigt er aus dem Zug. Er sucht die Adresse, die man ihm auf einem Zettel mitgegeben hat. Es handelt sich um ein Halfway House für Psychiatrie-Patienten, die nicht mehr in einer geschlossenen Anstalt leben müssen. Geleitet wird es von Mrs Wilkinson (Lynn Redgrave). Sie zeigt ihm sein Zimmer. Dort schiebt Dennis seinen Koffer, in dem sich nur Gerümpel befindet, unter das Feldbett.

Mrs Wilkinson fragt Dennis, ob es wirklich nötig sei, auch im Haus vier Hemden übereinander zu tragen, dazu ein verknittertes Jackett und einen schmutzigen Mantel. Statt Dennis antwortet Terrence (John Neville), der ebenfalls hier untergebracht ist: „Kleider machen Leute. Je weniger Mann es gibt, desto mehr Kleidung ist erforderlich.“

Im Aufenthaltsraum versucht Dennis das Puzzle einer fliegenden Möwe zu legen, und Terrence schaut ihm zu. Als nur noch ein paar Teile im Zentrum des Bildes fehlen, scheint nichts zu passen. Verzweifelt fegt Dennis alles vom Tisch.

Dennis Cleg ist schizophren; er leidet unter Angstzuständen. Angst macht ihm beispielsweise der riesige Gasometer, den er von seinem Fenster aus sieht und in dessen Nähe er aufwuchs. Zwar spricht Dennis kaum, und wenn dann ist nur ein Gestammel zu hören, aber wie besessen schreibt er immer wieder in ein Notizheft. Dabei benutzt er eine Geheimschrift, und bevor er sein Zimmer verlässt, versteckt er das Heft unter dem schäbigen Teppich.

Was er notiert? Offenbar versucht er verzweifelt, Erinnerungen an die Kindheit festzuhalten und zu rekonstruieren, was damals geschah.

Seine liebevolle Mutter (Miranda Richardson) nennt ihn Spider (Spinne) und erzählt ihm von den Spinnenweibchen, die sich zum Sterben zurückziehen, nachdem sie ihre Eier in einem aus Seide gesponnenen Beutel abgelegt haben. Fasziniert spannt Spider in seinem Kinderzimmer Schnüre, die ein Spinnennetz nachbilden sollen.

Sein Vater Bill (Gabriel Byrne) arbeitet als Klempner und versucht, seine Unzufriedenheit mit den Lebensumständen allabendlich in einem Pub zu vergessen. Als Spider ihn wieder einmal von dort zum Essen holen soll, hebt die vulgäre Prostituierte Yvonne (Alison Egan) eine Brust aus dem Kleid und zeigt sie dem erschrockenen Jungen.

Nachdem Bill Cleg in der Wohnung, die sich Yvonne mit ihrer Kollegin Nora (Tara Ellis) teilt, eine Rohrleitung repariert hat, verabredet er sich mit ihr in seiner Schrebergarten-Hütte.

Seine Frau sucht an diesem Abend nach ihm. Weil sie ihn nicht im Pub findet, geht sie zum Schrebergarten – und ertappt ihn dort in flagranti mit Yvonne (ab jetzt Miranda Richardson). Bill erschlägt seine Frau mit einem Spaten und vergräbt die Leiche noch in der Nacht in einem Beet. Danach nimmt er Yvonne mit nach Hause, als wäre sie seine Frau.

Spider hasst sie. Eines Tages erzählt Yvonne ihm triumphierend, Bill und sie hätten Spiders Mutter ermordet. Als der Vater nach Hause kommt, beschimpft Spider ihn als Mörder. Aufgebracht zieht Bill Cleg den Riemen aus seiner Hose, um den Sohn zu schlagen, aber der rennt davon und sucht Zuflucht in der Schrebergarten-Hütte.

Bill findet ihn dort. Inzwischen hat er sich beruhigt und setzt sich hin, um mit dem Sohn zu reden. Der meint stur, die Frau sei nicht seine Mutter. Wer sie denn sonst sei, fragt er Vater, und als Spider darauf mit „eine Hure“ antwortet, droht er erneut auszurasten, belässt es jedoch bei einer Ohrfeige und geht mit dem Jungen nach Hause, wo Yvonne rohe Fische auftischt.

Der erwachsene Spider bzw. Dennis hält inzwischen Mrs Wilkinson (jetzt Miranda Richardson) für Yvonne. Panisch vor Angst zerreißt er das Notizbuch, sammelt auf der Straße einen Strick auf, mit dem er seine Tür zubindet und Schnüre, mit denen er wie in der Kindheit ein Spinnennetz nachzubilden versucht. Nachdem er Mrs Wilkinson einen Schlüsselbund gestohlen hat, verdächtigt sie ihn zwar als Dieb und tastet ihn ab, findet aber das Corpus delicti nicht.

Dennis besorgt sich einen Hammer und einen großen Schraubenzieher. Damit dringt er nachts in ihr Schlafzimmer ein und beugt sich über ihr Bett.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Sein Vorhaben erinnert ihn daran, wie er als 13-Jähriger heimlich die Schnüre seines „Spinnennetzes“ so erweiterte, dass er damit den Gashahn aufdrehen konnte. Dann wartete er, bis Bill und Yvonne wie üblich betrunken vom Pub nach Hause kamen, und als der Vater zu Bett gegangen und Yvonne in einem Sessel eingeschlafen war, zog Spider an der Schnur und öffnete den Gashahn.

Plötzlich riss der Vater, der das Gas gerochen hat, die Tür des Kinderzimmers auf, packte Spider und brachte ihn ins Freie. Dann kehrte er ins Haus zurück, um die Frau zu retten. Sie war jedoch bereits tot. Spider sah sie. Es war seine Mutter! Deren Ermordung und Ersatz durch eine billige Prostituierte waren Wahnvorstellungen.

Nachdem er seine Mutter ermordet hatte, wurde Spider in die Psychiatrie eingewiesen.

Mrs Wilkinson (wieder Lynn Redgrave) wacht auf und sieht, wie Dennis sich über sie beugt. Erschrocken lässt er die Mord-Werkzeuge fallen.

Dennis wird mit einem großen dunklen Auto abgeholt und in die psychiatrische Anstalt zurückgebracht.

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1990 veröffentlichte der britische Schriftsteller Patrick McGrath (* 1950) den Roman „Spider“ („Spider“, Übersetzung: Brigitte Walitzek, 287 Seiten, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 1992). Bei der Verfilmung verschieben Patrick McGrath (Drehbuch) und David Cronenberg (Regie) die Handlung um zwei Jahrzehnte; sie spielt nun in den Fünfziger- und Siebzigerjahren in London. Außerdem weicht das Ende des Films von dem der Romanvorlage ab.

Miranda Richardson spielt sowohl die liebevolle Mutter als auch die vulgäre Hure (und zeitweilig auch die Heimleiterin Mrs Wilkinson). Das lässt an Sigmund Freud und seine Theorie vom Ödipus-Komplex denken. Dazu kommt, dass der Psychoanalytiker Karl Abraham die Spinne für ein Symbol der phallischen Mutter hielt.

Der Film „Spider“ ist ebenso wie die Romanvorlage vom Existenzialismus geprägt. Aber es ist keine Welt der Angst machenden Freiheit wie bei Jean-Paul Sartre, denn der vereinsamte, verstörte Protagonist Spider / Dennis Cleg kann sich seiner Erinnerungen und Wahnvorstellungen nicht erwehren und erkennt keine alternativen Handlungsmöglichkeiten. In seiner Psyche herrscht ein Chaos wie in seinem Koffer. Ebenso verzweifelt wie vergeblich versucht er zu rekonstruieren, was geschehen ist. Es gelingt ihm jedoch nicht, die Zusammenhänge zu erkennen und ein beständiges Puzzle-Bild herzustellen.

Patrick McGrath und David Cronenberg zeigen den erwachsenen Spider / Dennis. Rückblenden veranschaulichen seine subjektiven Erinnerungen bzw. Wahn­vorstellungen. Dabei schaut der Erwachsene immer wieder dem Kind zu, das er 20 Jahre zuvor war und beobachtet auch seine Eltern. Diese Parallelität des Erwachsenen und des Kindes ist optisch sehr geschickt gestaltet.

In der Hauptrolle des Geistesgestörten, aus dessen Perspektive wir alles sehen, überzeugt Ralph Fiennes.

„Spider“ ist ein faszinierendes Psychogramm. Oberflächlich betrachtet, könnte man „Spider“ mit einem Horrorfilm oder einem „Whodunit“-Thriller vergleichen, aber der dialogarme Film lässt sich nicht in eine Schublade einordnen. Leuchtende Farben gibt es nicht, alles wirkt trist und düster. Das wird von dem quälend langsamen Erzählrhythmus noch verstärkt.

Im Vorspann sehen wir gespiegelte Aufnahmen von Wänden mit abgeblätterter Farbe bzw. zerfetzten Tapeten, bei denen man an den Rorschach-Test denkt.

Die von dem 13-jährigen Spider und dem erwachsenen Dennis Cleg gebastelten „Spinnennetze“ erinnern an das von Marcel Duchamp 1942 für die Ausstellung „First Papers of Surrealism“ in New York geknüpfte Netz, das allerdings nicht nur aus ein paar Schnüren, sondern aus 2500 Meter Faden bestand.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015

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