Clemens Meyer : Als wir träumten

Als wir träumten

Clemens Meyer

Als wir träumten

Originaltitel: Als wir träumten – Regie: Andreas Dresen – Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase, nach dem Roman "Als wir träumten" von Clemens Meyer – Kamera: Michael Hammon – Schnitt: Jörg Hauschild – Darsteller: Merlin Rose, Julius Nitschkoff, Marcel Heuperman, Joel Basman, Frederic Haselon, Ruby O. Fee, Thao Vu: Li Dong, Chiron Elias Krase, Tom von Heymann, Kilian Enzweiler, Nico Ramon Kleemann, Henning Tadäus Beeck, Luna Rösner u.a. – 2015; 115 Minuten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine Clique 17-Jähriger in Leipzig sieht die Zeichen nach der Wende auf Um- und Aufbruch stehen. Alte Normen haben sich als verlogen erwiesen, neue Leitlinien kennen sie noch nicht. Orientierungslos testen sie die Grenzen aus, machen Bambule, knacken Autos und fahren sie absichtlich zu Schrott. Als sie mit einer Disko einen potenziellen neuen Drogen-Marktplatz eröffnen, geraten sie mit einer um die Vorherrschaft im Viertel kämpfen­den Skinhead-Gang aneinander ...
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Kritik

Der Film "Als wir träumten" von Andreas Dresen setzt sich ebenso wie die Romanvorlage von Clemens Meyer aus zahlreichen Episoden zusammen. Das Verhalten der orientierungslosen Jugendlichen wird ohne erhobenen Zeigefinger in düsteren Bildern dargestellt.
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Dani (Chiron Elias Krase / Merlin Rose), Rico (Tom von Heymann / Julius Nitschkoff), Mark (Nico Ramon Kleemann / Joel Basman), Paul (Henning Tadäus Beeck / Frederic Haselon) und Pitbull (Kilian Enzweiler / Marcel Heuperman) bilden als 17-Jährige kurz nach der Wende eine Clique in Leipzig.

Rico rebellierte bereits als Pionier gegen die Staatsdoktrin: Nachdem sein bis dahin als Vorbild betrachteter Vater, ein hoher Offizier, die Familie wegen einer anderen Frau verlassen hatte, verbrannte Rico in einer Schultoilette sein rotes Pionier-Halstuch und weigerte sich im Unterricht, einen linientreuen Text vorzulesen. Dani, sein bester Freund, wurde daraufhin vom Schulleiter (Ronald Kukulies) und dem Pionierleiter (Roman Weltzien) in Anwesenheit einer Lehrerin (Regine Seidler) und eines Offiziers (Andreas Keller) aufgefordert, sich von Rico zu distanzieren – und tat es. Trotzdem sind sie noch immer eng befreundet.

Rico trainiert viel in einem Box-Klub und träumt von einer Karriere im Ring.

Er und seine Freunde sehen die Zeichen auf Um- und Aufbruch stehen. Sie reizen die vermeintlichen Freiheiten aus, führen Ladendiebstähle durch, knacken Autos und probieren Drogen. Alte Normen haben sich als verlogen erwiesen, neue Leitplanken kennen Dani, Rico, Mark, Paul und Pitbull noch nicht. Der Kampf, zu dem die Partei aufrief, war falsch, aber wofür sollen sie sich nun einsetzen? Sie sind orientierungslos.

Wenn sie nachts ein Auto aufbrechen, damit durch die leeren Straßen der Stadt rasen, sie absichtlich zu Schrott fahren, geparkte Autos rammen und dann auch noch Scheiben einschlagen, fühlen sie sich stark.

Als Dani von der Polizei nach Hause gebracht wird, beklagt seine Mutter (Melanie Straub) sich darüber, dass sein Vater sie verlassen habe, sie in einer stinkenden Fischfabrik schuften müsse und der Sohn ihr nichts als Ärger mache. Während sie schluchzend im anderen Zimmer sitzt, nimmt Dani sich ungerührt ein paar Scheine aus ihrem Portemonnaie.

Paul verliebt sich in eine Verkäuferin in einem Schreibwarengeschäft, von der er glaubt, dass sie ihm schöne Augen macht, aber die 28-jährige „Lottofee“ (Lynn Femme) gibt sich mit dem elf Jahre jüngeren Kerl nicht weiter ab. Über seinen Liebeskummer helfen ihm die Freunde hinweg.

Als er Dani einige Zeit später mit dem von seiner Mutter geliehenen Auto vom Jugendarrest abholt, zeigt er ihm stolz sein neues Handy und erzählt, dass er beabsichtige, Fotos für Pornohefte zu machen; „Porno Paul“, das klinge gut, meint er.

Einer einsamen, dementen Greisin (Dorothea Walda) schleppen Dani, Rico, Mark, Paul und Pitbull Briketts vom Keller in die Wohnung, kassieren dafür Geld, stehlen ihr unbemerkt noch ein paar zusätzliche Scheine, lassen sich von ihr mit Grog bewirten und leisten ihr beim Fernsehen Gesellschaft. Dabei geraten sie in Konflikt mit einer Clique von Skinheads, die die Alte ebenfalls ausnutzen will und die Gegend als ihr Revier betrachtet.

Der Konkurrenzkampf bricht voll aus, als Dani, Rico, Mark, Paul und Pitbull die Diskothek „Eastside“ eröffnen und die Glatzköpfe diesen potenziellen, nicht von ihnen kontrollierten Drogenmarkt nicht zulassen wollen. Nachdem Drohungen nichts bewirkten, zertrümmern die Skinheads die Einrichtung. Später sieht Dani vom Balkon der Wohnung, wie Rico und Mark von einer ganzen Horde Skinheads verfolgt werden und bei ihm klingeln. Aus Angst öffnet er nicht. Nachdem Rico und Mark zusammengeschlagen wurden, tut er so, als habe er Kohlen aus dem Keller geholt und von der Prügelei nichts mitbekommen. Als die Skinheads dann hinter ihm her sind, flüchtet er in ein fremdes Treppenhaus. Eine Bewohnerin (Anja Schneider) fragt ihn, was er hier zu suchen habe, und er tischt ihr spontan eine Lüge auf: Seine Mutter sei von einigen älteren Jugendlichen bestohlen worden und habe sie angezeigt. Deshalb wollten sie sich nun an ihm rächen. Die Frau nimmt ihn mit in ihre Wohnung und knöpft sich das Kleid auf, aber sobald die feindliche Clique abgezogen ist, verlässt Dani die notgeile Frau. An einem Imbiss erwischen ihn die Glatzköpfe erneut, und dieses Mal entkommt er ihnen nicht.

Katja (Luna Rösner / Ruby O. Fee), die von den Jungs „Sternchen“ genannt wird, beugt sich kurz über den am Boden Liegenden. Dani ist seit Jahren in sie verliebt. Sie war eine besonders eifrige Pionierin, aber jetzt ist sie mit dem Anführer der Glatzköpfe zusammen.

Im Krankenhaus wird Dani von Rico, Mark, Paul und Pitbull besucht.

Rico verliert alle entscheidenden Boxkämpfe. Nachdem er beim letzten Kampf ausgezählt und vom Ringrichter für „k. o.“ erklärt wurde, rafft er sich noch einmal auf und fällt den umjubelten Sieger von hinten an.

Dani versucht zu verhindern, dass Mark immer stärker abhängig von Drogen wird, aber es gelingt ihm nicht. Nachdem der Junkie aus einer Entzugsklinik ausgebrochen ist, findet Dani ihn in einem leer stehenden Kino. Während er mit Mark im Dunkeln redet, setzt dieser sich einen „goldenen Schuss“. Nach Marks Tod wirft Dani dem Drogendealer Pitbull vor, auch den gemeinsamen Freund mit dem Stoff versorgt zu haben, statt ihm zu helfen. Dani will nichts mehr mit Pitbull zu tun haben. Die Clique zerfällt.

Bei einem Besuch in einem Nachtklub sind Dani und Rico überrascht, als die Topless-Tänzerin „Carmen“ angekündigt wird und Sternchen auf die Bühne kommt. Nach ihrem Auftritt setzt Sternchen sich zu den beiden und trinkt Sekt mit ihnen. Dani ist noch immer in sie verliebt, und sowohl Rico als auch Sternchen wissen das. Doch während er an der Bar steht, um eine neue Runde Getränke zu holen, verschwinden Rico und Sternchen. Dani hört sie in einer Kabine der Damentoilette, unternimmt jedoch nichts dagegen und fährt später mit Rico nach Hause. Auf Rico wartet bereits die Polizei. Er wird festgenommen. Allein fährt Dani weiter.

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Andreas Dresen verfilmte den 2006 von Clemens Meyer veröffentlichten Roman „Als wir träumten“ (S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2006, 517 Seiten, ISBN 978-3-10-048600-4). Wolfgang Kohlhaase schrieb dazu das Drehbuch.

„Als wir träumten“ ist ein Drama mit Thriller-Elementen und alles andere als ein Feel-Good-Movie. Die Coming-of-Age-Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen in Leipzig. In der Gegenwart kurz nach der Wende sind die Hauptfiguren 17 Jahre alt. Rückblenden zeigen sie als 13-Jährige vor dem Zusammenbruch der DDR. Diese Jugendlichen leben also in einer Zeit, in der sich die Verlogenheit der alten Leitlinien gezeigt hat und die Zeichen auf Um- und Aufbruch stehen. Das Unfertige verspricht bisher ungeahnte Möglichkeiten, aber neue Ideale kennen die Jugendlichen noch nicht. Sie sind orientierungslos und wissen nicht, wofür sie sich nun einsetzen sollen. In dieser anarchischen Situation testen sie ihre Grenzen aus, rebellieren, machen Bambule. Während sie von einer besseren Zukunft träumen, verhalten sie sich destruktiv und enden als Lost Generation.

Parallel dazu geht es in „Als wir träumten“ um Freundschaft, Loyalität und Solidarität, Verrat und Abhängigkeit, Zuversicht und Desillusionierung.

Ebenso wie Clemens Meyer in der Romanvorlage verzichten auch Wolfgang Kohlhaase und Andreas Dresen im Film darauf, den moralischen Zeigefinger zu heben, um Verständnis zu werben oder pädagogische Hinweise zu geben. Stattdessen zeigen sie das Verhalten der Jugendlichen in Einstellungen, die authentisch wirken sollen und das Milieu atmosphärisch dicht veranschaulichen.

Eine Handlung im engeren Sinne gibt es in „Als wir träumten“ allenfalls rudimentär. Buch und Film setzen sich aus zahlreichen Episoden und Momentaufnahmen zusammen.

Nicht alle Szenen sind überzeugend. Beispielsweise sitzen Dani und „Sternchen“ einmal nebeneinander in der Ruine einer Sporttribüne. Als Dani dem Mädchen, das er schon seit Jahren anhimmelt, eine Hand auf den Oberschenkel legt, schiebt Sternchen sie weg und sagt: „Sei nicht so wie die anderen.“ Dani erzählt ihr dann, dass seine Eltern verreist sind und schlägt vor, die Gelegenheit zu nutzen: „Wir könnten ja mal zu mir gehen und ein bisschen bumsen. Wir sind ja in dem Alter.“ Als Sternchen nicht darauf eingeht, hat Dani noch eine andere Idee: „Wir könnten ja einen ganzen Tag lang mit der Straßenbahn fahren. Das wollte ich schon lange ‚mal machen.“ Mit der Ankündigung, ein Geschenk für ihn zu haben und es ihm zeigen zu wollen, steht Sternchen dann auf, geht ein paar Schritte weg, hockt sich hin und uriniert vor seinen Augen.

Verwunderlich ist auch die Darstellung anderer Frauen in „Als wir träumten“. Einzeln mögen die Figuren noch angehen, aber in der Zusammenschau ergeben sie ein seltsames Frauenbild: Die vorbildliche Pionierin Katja wird ausgerechnet die Braut des Anführers einer Skinhead-Clique und endet als Topless-Tänzerin. Die fremdländische „Lottofee“ wird nur als Sexualobjekt wahrgenommen. Die Frau, die Dani in die Wohnung holt, erweist sich als notgeil. Eine Trinkerin lässt sich von ihrem ebenfalls alkoholkranken Mann schlagen. Danis alleinerziehende, von ihrem Mann verlassene Mutter ist überfordert. Ricos Großmutter (Hannelore Schubert) verspricht, nicht zu öffnen, wenn die Polizei kommt, um ihren Enkel zu verhaften. Und die einsame, demente Greisin, die von den Jungs ausgenutzt und bestohlen wird, freut sich über deren Gesellschaft.

Die Authentizität vermittelnde düstere Optik wird immer wieder von grellbunten, bildfüllenden Zwischentiteln unterbrochen: SEID BEREIT, KONKURRENZ, GEWITTER IM KOPF, LOTTOFEE, GROSSER WAGEN, DIE GROSSEN KÄMPFE, STRAHLEN, EASTSIDE, STRASSENKÖTER, IMMER BEREIT, JVA ZEITHAIN, ABSCHIED. Dass der Filmtitel erst am Ende auftaucht, passt zum Präteritum.

„Als wir träumten“ ist nach „Sommer vorm Balkon“ (2005) und „Whisky mit Wodka“ (2009) der dritte Film, bei dem der Regisseur Andreas Dresen und der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase zusammengearbeitet haben. Der Romanautor Clemens Meyer hat in „Als wir träumten“ übrigens einen Cameoauftritt als Polizist auf dem Revier.

Die Dreharbeiten fanden im Herbst 2013 in Halle (Saale), Dessau, Dresden und vor allem in Leipzig statt.

„A New Error“ von der Berliner Gruppe „Moderat“ ist als Titelsong des Films „Als wir träumten“ zu hören.

Am 9. Februar 2015 wurde „Als wir träumten“ als offizieller Wettbewerbsbeitrag der 65. Berlinale vorgeführt. In die Kinos kam der Film am 26. Februar.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015

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