Harry Mulisch : Siegfried

Siegfried

Harry Mulisch

Siegfried

Originalausgabe: Siegfried. Een zwarte idylle De Bezige Bij, Amsterdam 2001 Siegfried. Eine schwarze Idylle Übersetzung: Gregor Seferens Carl Hanser Verlag, München / Wien 2001
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der niederländische Schriftsteller Rudolf Herter kommt zu einer Autorenlesung nach Wien. Zufällig lernt er dort Ullrich und Julia Falk kennen, die Hausangestellte auf dem Obersalzberg gewesen waren und ihm erzählen, sie hätten Adolf Hitlers und Eva Brauns Sohn Siegfried erzogen, bis er 1944 auf Befehl seines Vaters erschossen worden sei.
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Kritik


Auf ironische und unterhaltsame Weise spielt Harry Mulisch in seinem Roman "Siegfried. Eine schwarze Idylle" mit dem Hitler-Mythos und dem Satansglauben.

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Der sechsundachtzigjährige erfolgreiche niederländische Schriftsteller Rudolf Herter fliegt 1999 mit seiner dreißig Jahre jüngeren Freundin Maria von Amsterdam nach Wien, wo er am nächsten Tag aus seinem neuen Roman „Die Erfindung der Liebe“ lesen soll. Seine Ehefrau Olga, mit der er zwei erwachsene Töchter hat und die inzwischen mit einem Kardiologen zusammenlebt, passt auf den siebenjährigen Marnix auf, den der Autor mit Maria gezeugt hatte. Thérèse Röell, eine hochschwangere Angehörige der niederländischen Botschaft in Wien, holt die beiden Gäste vom Flughafen Schwechat ab und begleitet sie ins Hotel Sacher, wo ein Zimmer für sie reserviert ist. Herter fühlt sich sofort wohl in Wien und überlegt, ob es etwas damit zu tun hat, dass seine Familie aus Österreich stammt.

Weil Rudolf Herter schwerhörig ist, wiederholt Maria hin und wieder mit deutlichen Mundbewegungen, was andere sagen. Die Taubheit auf dem rechten Ohr zog er sich 1967 zu, als er anlässlich der offiziellen Feierlichkeiten zum Jahrestag von Fidel Castros gescheitertem Aufstand am 26. Juli 1953 zusammen mit anderen Künstlern und Intellektuellen auf Kuba war und am frühen Morgen durch 26 Böller geweckt wurde. Sein linkes Gehör wurde zwanzig Jahre später bei einem Silvesterfeuerwerk beschädigt.

In einem der Interviews, die mit Rudolf Herter geführt werden, entwickelt er den Einfall, man könne eine Person besser zu verstehen versuchen, indem man sie in einem Gedankenexperiment einer Extremsituation aussetzt und ihr Verhalten studiert. Diese Methode ließe sich auch auf Adolf Hitler anwenden, der trotz der vielen Bücher über ihn noch immer ein Rätsel sei.

In jeder Hinsicht war diese Kreatur gescheitert, zunächst als Künstler in Wien, dann als Politiker in Berlin; er wollte den Bolschewismus vernichten, hatte ihn aber bis in das Herz Deutschlands gelockt, er wollte die Juden vernichten, bewirkte aber die Gründung des Staates Israel. Allerdings war es ihm gelungen, fünfundfünfzig Millionen Menschen mit in den Tod zu reißen […] (Seite 48)

Am Abend werden Rudolf Herter, seine Begleiterin und der ebenfalls im Hotel Sacher untergebrachte berühmte niederländische Dirigent Constant Ernst zu einem Empfang beim niederländischen Botschafter Rutger Schimmelpenninck und seiner Gattin abgeholt.

Die Autorenlesung findet in der Nationalbibliothek statt, die in einem Trakt der Hofburg untergebracht ist. Nach der Lesung und dem Signieren der von den Zuhörern gekauften Bücher, als er gerade seinen Füller zuschraubt, nähert sich ein altes, sauber aber ärmlich gekleidetes Ehepaar und spricht ihn schüchtern an. Die beiden – sie heißen Ullrich und Julia Falk – haben am Vortag ein Interview mit ihm im Fernsehen gesehen und so erfahren, dass er ein Buch über Adolf Hitler zu schreiben beabsichtigt. Sie wissen offenbar etwas über Hitler, das noch in keinem Buch steht. Da Rudolf Herter beim Vin d’Honneur in einem der anderen Räume erwartet wird, verspricht er dem Paar, es am nächsten Vormittag im Altersheim zu besuchen. Dann werde er auch nicht unter Zeitdruck stehen, denn er müsse erst am späten Nachmittag zum Flughafen.

Herter bringt Blumen mit, und Julia Falk entschuldigt sich, dass sie den Strauß in Ermangelung einer Vase in einen Plastikeimer stellen muss. Der niederländische Schriftsteller nimmt in dem winzigen Apartment Platz, bekommt einen dünnem Kaffee und selbst gebackenen Streuselkuchen vorgesetzt und hört zu.

Ullrich Falk wurde 1910 als Sohn eines Konditorgehilfen bei Demel am Kohlmarkt in Wien geboren. Nachdem sein Vater im Ersten Weltkrieg an der Somme gefallen war, verdiente seine Mutter den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn als Hausangestellte. Ullrich Falk besuchte die Volksschule und wurde Postbote, doch abends nahm er an einem Kurs der Hotelfachschule teil. Mit zwanzig, als er seinen Abschluss machte, war seine Mutter bereits gestorben. Wie üblich, wechselte er als Kellner mehrmals die Stellen, bis er 1933 in einer Kneipe arbeitete, in deren Hinterzimmer sich Rechtsradikale, als Skatklub getarnt, regelmäßig trafen.

Seit sechsundsechzig (!) Jahren ist er nun schon mit der vier Jahre jüngeren Julia verheiratet, der Tochter eines Buchhalters, der früh zu den Nationalsozialisten gestoßen war und Ullrichs Interesse an der Politik geweckt hatte.

In dem Lokal, in dem Ullrich Falk kellnerte, tauchte 1936 ein Adjutant Hitlers auf. Für seinen Berghof auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden suchte der „Führer“ nämlich einen vertrauenswürdigen Butler und Kammerdiener, dessen Ehefrau im Haushalt arbeiten konnte. Nachdem die Gestapo die arische Abstammung der beiden geprüft hatte, reisten sie mit dem Zug nach Berchtesgaden und wurden dort abgeholt.

Es fiel ihnen gleich auf, dass die angebliche Sekretärin Eva Braun nicht bei den anderen Angestellten auf dem Obersalzberg wohnte, sondern im Berghof selbst, im ersten Stock, in einem Schlafzimmer, das nur durch ein gemeinsames Badezimmer von dem Hitlers getrennt war. Der „Führer“ hatte also heimlich eine Geliebte! Die sportliche Vierundzwanzigjährige, die sich während der langen Abwesenheiten Hitlers einsam fühlte, fasste rasch Vertrauen zu der zwei Jahre jüngeren Julia Falk.

Nach einiger Zeit beobachtete Ullrich Falk durchs Fenster zum ersten Mal die Ankunft Hitlers auf dem Obersalzberg.

„Es war sehr beängstigend. Jede Bewegung war von vollkommener Beherrschung und Präzision, wie bei einem Akrobaten, einem Trapezkünstler.“ (Seite 81)

Eine dreiviertel Stunde später brachte er Tee und Gebäck in Hitlers Arbeitszimmer. Dort traf er nicht mehr auf den Furcht erregenden „Führer“, sondern auf einen im Sessel lehnenden erschöpften Mann, „nicht mehr als ein Schatten des dämonischen Akrobaten, der vorhin angekommen war“ (Seite 84).

Zu Falks Aufgaben gehörte es, Hitler um 11 Uhr zu wecken, indem er dessen ans Schlafzimmer angrenzendes Arbeitszimmer betrat, Zeitungen und Telegramme hinlegte und „Guten Morgen, mein Führer! Es ist Zeit!“ rief. Häufig erschien Hitler dann im langen weißen Nachthemd und mit Pantoffeln an den Füßen; einmal allerdings hockte Eva im Morgenrock vor ihm und schnitt ihm die Zehennägel.

Julia Falk sah den „Führer“ einmal sogar splitternackt. Das geschah, als sie Eva Braun vor dem Schlafengehen den gewohnten Becher Kakao brachte, anklopfte, aber nichts hören konnte, weil Hitlers Schäferhund Blondie bellte. Als sie deshalb einfach eintrat, stand Hitler nackt im Zimmer und hielt Eva Braun in den Armen. Zum Glück merkte er nichts, und Julia Falk schloss auch gleich wieder leise die Tür.

Im Mai 1938 ließ Hitler die Falks in sein Arbeitszimmer rufen und empfing sie dort in Anwesenheit von Eva Braun, Martin Bormann und Wilhelm Brückner. „Herr Falk, gnädige Frau“, begann er, „ich werde Ihnen ein Staatsgeheimnis verraten: Fräulein Braun erwartet ein Kind.“ (Seite 92) Bormann erklärte dem verblüfften Ehepaar, der „Führer“ könne Fräulein Braun nicht heiraten und schon gar nicht der Vater eines Kindes sein, denn alle deutschen Frauen wünschten sich ein Kind von ihm und würden sich betrogen fühlen. Deshalb solle es so aussehen, als handele es sich um ein Kind der Falks.

Auf Geheiß des „Führers“, der vorgab, seine persönlichen Bediensteten in der Nähe haben zu wollen, zogen Ullrich und Julia Falk in den Berghof um, wo zwei Gästezimmer für sie freigemacht worden waren. Und sie mussten ihren Eltern mitteilen, dass sie ein Kind erwarteten. Julia Falk begann schließlich, sich mehr und mehr auszustopfen, während Eva Braun angeblich eine Italienreise unternahm, in Wirklichkeit jedoch in ihrem Zimmer war und sich nicht zeigen durfte.

Am 9. November 1938, wenige Stunden vor dem Pogrom, wurde Eva Braun durch den zum Schweigen verpflichteten Berchtesgadener Hausarzt Dr. Krüger von einem Jungen entbunden. Ullrich Falk meldete ihn auf dem Standesamt in Berchtesgaden unter dem Namen Siegfried Falk an. Eva Braun, die angeblich gerade von ihrer Italienreise zurückgekehrt war und sich jetzt wieder offen auf dem Obersalzberg zeigte, stillte heimlich den Säugling.

Nach einem seiner Aufenthalte auf dem Obersalzberg reiste Hitler Mitte Juli 1944 wieder ins „Führerhauptquartier“ Wolfsschanze in Ostpreußen. Er sollte nie mehr in den Berghof zurückkehren. Nach dem fehlgeschlagenen Attentat von Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg am 20. Juli 1944 schickte Hitler Eva Braun seine zerfetzte Uniform.

Am 22. September 1944 kam Martin Bormann auf den Obersalzberg und teilte Eva Braun mit, der „Führer“ wolle sie in der Wolfsschanze an seiner Seite haben. Freudig erregt packte die junge Frau ihre Koffer. Den sechsjährigen Siggi konnte sie selbstverständlich nicht mitnehmen, denn es durfte nicht herauskommen, dass es ihr Sohn war, und außerdem – so meinte Bormann –, sei es im „Führerhauptquartier“ viel zu gefährlich für ein Kind. Nachdem Eva Braun in den Wagen gestiegen war, der sie zum Flugplatz Salzburg bringen sollte, ließ Bormann Ullrich Falk rufen und erklärte ihm ohne Umschweife: „Auf Befehl des Führers müssen Sie Siegfried töten.“ (Seite 119) Bestürzt fragte Falk nach dem Grund, aber da schnauzte Bormann ihn an: „Ein Befehl wird nicht begründet, der wird erteilt.“ (Seite 120) Rasch begriff Ullrich Falk, dass er keine Möglichkeit hatte, den Jungen zu retten. Seine Weigerung, den Befehl auszuführen, würde ihn nur zusammen mit seiner Frau in ein Konzentrationslager bringen. Das wollte er Julia nicht antun.

In diesem Augenblick erinnerte er sich wieder an das Chaos am 25. Juli 1934 im Bundeskanzleramt in Wien, das er selbst erlebt hatte: Schüsse, Schreie, Explosionen. In einem verlassenen Eckzimmer hatte der einundvierzigjährige Bundeskanzler Engelbert Dollfuß stöhnend auf dem Teppich gelegen. Aus einer Wunde unter dem linken Ohr war Blut gesickert. Ohne zu überlegen, hatte Ullrich Falk den Sterbenden erschossen. Später hatte der Nationalsozialist Otto Planetta gestanden, den ersten und wahrscheinlich bereits tödlichen Schuss abgegeben zu haben; er war zum Tod verurteilt und erhängt worden. Wer den zweiten Schuss abgegeben hatte, konnte nie geklärt werden.

Eine Woche nach Bormanns Abreise ging Ullrich Falk mit Siegfried in den unterirdischen Schießstand auf dem Obersalzberg, zeigte dem Jungen seine Pistole und wie man die Waffe halten muss. Wie zum Spaß richtete er den Lauf aus unmittelbarer Nähe auf Siegfrieds Stirn, und als das Kind lachte, drückte er ab. Es habe sich um einen Unfall gehandelt, behauptete Falk. (Erst gegen Ende des Krieges, als er im Radio von Hitlers Selbstmord hörte, gestand er seiner Frau die Wahrheit.) Martin Bormann schickte ein Beileidstelegramm.

Mit der vorgeschobenen Begründung, man wolle ihnen über den schmerzlichen Verlust ihres Sohnes hinweghelfen, wurden die Falks gleich nach der Beerdigung Siegfrieds nach Den Haag versetzt, zu Arthur Seyß-Inquart, dem früheren österreichischen Bundeskanzler, den Hitler 1940 als Reichskommissar für die besetzten niederländischen Gebiete abgeschoben hatte. So merkten sie auch nicht, dass Siegfrieds Leiche exhumiert und verbrannt wurde.

Rudolf Herter kehrt am Nachmittag ebenso erregt wie erschöpft ins Hotel zurück und lässt sich von Maria sein Diktiergerät geben. Was er gerade erfahren hat, treibt ihn wie einen Besessenen um.

„Das letzte Wort über Hitler lautet nichts. Die unzähligen Studien über eine Person verfehlen ihr Thema, weil sie sich mit etwas beschäftigen und nicht mit nichts. Es war nicht so, dass er niemanden an sich heranließ, wie alle sagen, die ihn persönlich erlebt haben, sondern da war nichts, an das sie herangelassen werden konnten.“ (Seite 137f)

Wie die Null in der Multiplikation jede andere Zahl vernichte, habe Hitler alles zerstört, meint der Schriftsteller und sieht ihn jetzt als „Personifikation dieses Angst erregenden, nichtenden Nichts“ (Seite 139). Die Menschen hätten damals an das Nichts geglaubt.

Hitler war ebenfalls viel mehr ein Religionsstifter als ein Politiker, er sagte, die Vorsehung habe ihn gesandt, und die Deutschen glaubten an ihn, die ganzen nächtlichen Massenrituale mit Fackeln und Flaggen hatten religiösen Charakter […] (Seite 156)

Auf genau diese nihilistische Göttlichkeit sollte Hitler am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts nun endlich einmal für immer festgenagelt werden – danach würde er kein Wort mehr an ihn verschwenden. (Seite 83)

Seit Hitlers Machtergreifung sind genau sechsundsechzig Jahre vergangen. Die Zahl Sechsundsechzig gilt als Satanszeichen. Herter weist Maria auf die Häufung des Wortes Braun in Hitlers Biografie hin: Braunau, Braunhemden, das Braune Haus in München, Eva Braun, und Hermann Göring pflegte den Berghof auf dem Obersalz auch „Braunhaus“ zu nennen (Seite 159).

Das Drama des zwanzigsten Jahrhunderts, dozierte er, begann mit Plato, als er seine Vorstellung von einer Welt der Ideen hinter der sichtbaren Welt formulierte. Das führte geradewegs zu Kants der Erkenntnis nicht zugänglichem Ding an sich. Nach ihm verlief die Entwicklung in zwei Richtungen, eine optimistische und eine pessimistische. Die optimistische Strömung war die rational-dialektische Hegels, die über Marx zu Stalin führte – doch vielleicht sollte man fairerweise sagen: zu Gorbatschow. Wie er bereits gesagte hatte, ging von Hegel auch die Tradition des Nichts aus, mit Kierkegaard, Heidegger und Sartre als existenzialistischem Seitenarm; er müsse noch einmal genauer darüber nachdenken, wie das im Einzelnen war. Der Erzvater der pessimistischen, irrationalen Strömung war Schopenhauer. Bei ihm wurde das ewige Ding an sich zu einem düsteren, dynamischen „Willen“, der die ganze Welt regiert, inklusive der Planetenbahnen, und der im Individuum die Gestalt von dessen Körper angenommen hat. (Seite 144f)

Dann behauptet Rudolf Herter, Friedrich Nietzsche sei Hitlers erstes Opfer gewesen, und als Maria ihn vorsichtig daran erinnert, dass der Philosoph 1900 starb, also vor neunundneunzig Jahren bzw. dreiunddreißig Jahre vor Hitlers Machtergreifung, erklärt er ihr, entscheidend sei nicht das Todesjahr, sondern das Jahr 1888. Damals müsse etwas Unheimliches geschehen sein. Nietzsche arbeitete im Sommer 1888 an einem Werk, das er wegen seiner zu dieser Zeit einsetzenden Geisteskrankheit nicht fertigstellen konnte. Die von seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche posthum unter dem Titel „Der Wille zur Macht“ veröffentlichte Schrift beginnt mit den Worten „Der Nihilismus steht vor der Tür: woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste?“ (Seite 150) Warum personifizierte Nietzsche den Nihilismus? Herter ist überzeugt, dass der Philosoph damit meinte: „Hitler steht vor der Tür.“ (Seite 151) Nietzsche starb ebenso wie später Hitler im Alter von sechsundfünfzig Jahren, und sein Wahnsinn dauerte genauso lange wie dessen Herrschaft: zwölf Jahre. Das entscheidende Indiz für die Verbindung zwischen den beiden sieht Rudolf Herter jedoch darin, dass Adolf Hitler am 20. April 1889 geboren, also im Juli 1888 gezeugt wurde, genau zu dem Zeitpunkt, als Friedrich Nietzsche wahnsinnig wurde.

Auf Marias Rat hin legt Rudolf Herter sich noch für eine halbe Stunde hin. Solange bleibt noch Zeit, bis sie abgeholt und zum Flughafen gebracht werden.

Nachdem Eva Braun am 15. April 1945 aus eigenem Antrieb nach Berlin gefahren war, um mit ihrem Geliebten im Bunker unter der zerbombten Reichskanzlei zu sterben, begann sie heimlich ein Tagebuch zu führen.

Sie erinnerte sich, wie sie am 22. September 1944 statt nach Salzburg in eine Art Sanatorium in Bad Tölz gebracht und dort bewacht worden war. Erst nach einigen Wochen hatte Hitler angerufen: „Tschapperl! Das Ganze ist ein Missverständnis! Noch heute Mittag wirst du abgeholt und zum Berghof gebracht. Aber bereite dich auf eine grauenvolle Nachricht vor: Es hat einen Unfall gegeben. Siggi lebt nicht mehr.“ (Seite 167) Sie hielt es jedoch nicht lange auf dem Obersalzberg aus, sondern fuhr zu ihren Eltern nach München. Ihnen war von der Gestapo mitgeteilt worden, bei der Überprüfung von Dokumenten im Standesamt von Geiselhörnig, dem Geburtsort von Evas Mutter, durch das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS habe sich herausgestellt, dass Eva Brauns Urgroßmutter eine Jüdin gewesen war. Ihr Vater erinnerte sich schließlich daran, dass er beglaubigte Abschriften von den bei der Hochzeit benötigten Dokumenten hatte machen lassen, und er fand sie auf dem Dachboden in einem Schuhkarton. Damit konnte er die arische Abstammung seiner Frau nachweisen und die Fälschungen im Archiv des Standesamtes von Geiselhörning entlarven.

Am 20. April 1945, Hitlers sechsundfünfzigsten Geburtstag, fragte Eva Braun ihn, warum ihr Sohn hatte sterben müssen. Unter dem Porträt seiner Mutter und mit Blick auf ein Porträt Friedrichs des Großen gestand Hitler ihr, man habe ihm damals berichtet, der Junge sei jüdisch verseucht. Plötzlich schlug er mit der Faust auf die Armlehne seines Sessels und schrie mit rot angelaufenem Gesicht: „Das hätte den Juden gut in den Kram gepasst! Mein Sohn ein jüdischer Bastard – ein Geschenk des Himmels! Ich hatte Rassenschande begangen! Die hätten sich totgelacht.“ (Seite 173) Es war ein Komplott Heinrich Himmlers. Dessen Verbindungsoffizier Hermann Fegelein hatte am 3. Juni 1944 Eva Brauns Schwester Gretl geheiratet, wollte sich aber nach wenigen Monaten wieder von ihr trennen. Weil die Eheschließung auf Hitlers ausdrücklichen Wunsch und mit ihm persönlich als Trauzeugen geschlossen worden war, konnte Fegelein sich jedoch nicht einfach scheiden lassen. Da verfiel Himmler, der längst von Hitlers illegitimen Sohn wusste, auf die Idee, den beiden Schwestern Eva und Gretl eine jüdische Urgroßmutter anzudichten, und er ließ die Unterlagen in Geiselhöring entsprechend fälschen.

Um seinen Fehler gutzumachen, ließ Hitler sich am 28. April 1945 im Bunker mit Eva Braun trauen. Zwei Tage später erschoss er sich, und Eva Braun schluckte Gift.

Als Maria nach einer halben Stunde ins Hotelzimmer zurückkehrt, erstarrt sie vor Schreck und telefoniert sofort nach einem Arzt. Doch für Rudolf Herter kommt jede Hilfe zu spät: Er starb durch einen akuten Herzstillstand. Kurz darauf kommt der ahnungslose Chauffeur der Botschaft, der den Schriftsteller und seine Begleiterin zum Flughafen bringen soll und entschuldigt Thérèse Röell, die nicht dabei sein kann, weil sie gerade von einem Mädchen entbunden wurde. Als Maria wieder allein mit dem Toten ist, merkt sie, dass er noch das Diktiergerät in der Hand hält. Das Band ist bis zum Ende durchgelaufen. Sie spult es zurück. Außer den Straßengeräuschen hört sie einige Minuten, nachdem Rudolf Herter sein Diktat beendete, ein undefinierbares Getöse und dann, wie er stammelt: „… er … er … er ist hier …“ (Seite 191).

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„Es gibt inzwischen hunderttausend Studien, die sich mit ihm [Hitler] beschäftigen, wenn nicht sogar mehr: politische, historische, ökonomische, psychologische, psychiatrische, soziologische, theologische, okkultistische und ich weiß nicht was sonst noch für welche. Von allen Seiten hat man ihn eingekreist und erforscht, die Reihe der Bücher, die über ihn erschienen sind, reicht von hier bis zum Stephansdom, mehr Bücher als über irgendeinen anderen Menschen, doch sie haben uns keinen Schritt weitergebracht. ich habe nicht alles gelesen, denn dafür reicht ein Menschenleben nicht aus, doch wenn jemand ihn befriedigend erklärt hätte, dann wüsste ich es. Er ist das Rätsel geblieben, das er von Anfang an für alle war – nein: er ist durch diee Studien immer rätselhafter geworden. All diese sogenannten Erklärungen haben ihn nur noch unsichtbarer werden lassen, worüber er selbst sehr zufrieden wäre. Wenn Sie mich fragen, dann sitzt er in der Hölle und lacht sich tot. Es wird Zeit, dass sich das ändert. Vielleicht ist die Fiktion das Netz, mit dem man ihn fangen kann.“
(Rudolf Herter auf Seite 21)

Auf ironische und unterhaltsame Weise spielt Harry Mulisch in seinem Roman „Siegfried. Eine schwarze Idylle“ mit dem Hitler-Mythos und dem Satansglauben. Hitler sei nicht die Personifikation des Bösen, so lautet seine These, sondern des Nichts, und könne deshalb weder verstanden noch erklärt werden. Der niederländische Schriftsteller Rudolf Herter, Harry Mulischs Alter Ego, vergleicht Adolf Hitler in seiner aberwitzigen Theorie mit einem „schwarzen Loch“, einer Singularität, in die alles aus der Umgebung hineinstürzt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Paul F. Secord, Carl W. Backman - Social Psychology
"The text is organized topically rather than in terms of a single theoretical system. At the same time, each major topic has been organized in terms of what appears to be the most promising theoretical orientation." (Paul F. Secord, Carl W. Backman)
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Paul F. Secord, Carl W. Backman

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