Halbe Treppe

Halbe Treppe

Halbe Treppe

Originaltitel: Halbe Treppe - Regie: Andreas Dresen - Drehbuch: Andreas Dresen - Kamera: Michael Hammon - Schnitt: Jörg Hauschild - Musik: "17 Hippies" (Kompositionen und Arrangements: Max Manila) - Darsteller: Axel Prahl, Steffi Kühnert, Gabriela Maria Schmeide, Thorsten Merten u.a. - 2001; 105 Minuten

Inhaltsangabe

Zwei befreundete Ehepaare Ende dreißig leben mit ihren Kindern in billigen Mietwohnungen in Frankfurt an der Oder. Ihr Leben ist längst grauer Alltag und langweilige Routine geworden. Da entdecken der Mann aus der einen und die Frau aus der anderen Familie unvermittelt ihr sexuelles Interesse aneinander. Als sie von der betrogenen Ehefrau in der Badewanne ertappt werden, gerät die erstarrte Welt der beiden Paare in Bewegung ...
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Kritik

Die Geschichte ist banal und spielt in einer tristen Umgebung, aber das Filmteam hat daraus keine langweilige sozialrealistische Milieustudie gemacht, sondern mit viel Wortwitz und Situationskomik eine Tragikomödie bzw. eine Realsatire, in der Ernst und Humor ausbalanciert sind: "Halbe Treppe".
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Uwe und Ellen Kukowski ((Axel Prahl, Steffi Kühnert) leben mit ihren Kindern Mascha und Gregor ((Mascha Rommel, Gregor Ziesche) in einem Wohnblock in Frankfurt an der Oder. Sie sind seit dreizehn Jahren verheiratet. Während Ellen als Verkäuferin in einer Parfümerie arbeitet, betreibt Uwe auf einer Treppenanlage in der Nähe der Wohnung den Imbiss „Halbe Treppe“. Befreundet sind Uwe und Ellen mit Christian und Katrin Düring (Thorsten Merten, Gabriela Maria Schmeide). Christian („Chris“) moderiert jeden Morgen eine Hörfunksendung für „Radio 24“ („Dauerpower vom Powertower“), und Katrin weist die Lastwagen an der deutsch-polnischen Grenze in die Parkplätze ein. Uwe ist vierzig Jahre alt, Chris drei Jahre jünger, und die Frauen sind auch ungefähr in diesem Alter.

Chris und Katrin haben eine halbwüchsige Tochter: Julia (Julia Ziesche). Sie bringt eines Abends unangekündigt ihren Freund Jens (Jens Graßmehl) mit, der sich auch gleich am Kühlschrank zu schaffen macht, als ob er hier wohnen würde. Katrin zischt Chris zu, er solle etwas dagegen unternehmen, aber das tut er nur halbherzig, und Jens lässt sich auch nicht weiter einschüchtern. Als die Eltern schlafen gehen, hören sie nebenan das Gestöhn des jungen Paars.

Versehentlich lässt Ellen einmal die Balkontür offen, und der Wellensittich Hans-Peter fliegt davon. Auf der Suche nach dem Tier laufen Uwe und Ellen mit dem leeren Käfig zwischen den eintönigen Plattenbauten herum und rufen. Ellen meint zwar, man müsse den Vogel wegen seiner gelben Farbe sofort sehen, aber es bleibt alles grau in grau.

Ellen und Katrin sind ein wenig unzufrieden, weil das Leben längst zur langweiligen Routine geworden ist und ihre Männer nicht mehr besonders auf sie achten. Uwe rackert sich von früh bis spät in seinem Imbiss ab, lagert schon mal Eisbeine in der heimischen Badewanne und vergisst vor lauter Arbeit hin und wieder seine Familie. Als er gefragt wird, wann er das letzte Mal glücklich gewesen sei, erinnert er sich, wie er von Ellen erfuhr, dass sie mit dem ersten Kind schwanger war. „Aber das war im Urlaub. Da hatten wir Zeit für einander.“

Nach einem Abend bei Uwe und Ellen, an dem Chris und Katrin sich Urlaubsdias ansehen müssen, lässt Katrin ihr Handy liegen. Ellen bringt es am nächsten Vormittag in den vierundzwanzigsten Stock des Oderturms, wo Chris gerade seine Sendung hat. Kurze Zeit später geht Chris zu der Parfümerie, in der Ellen arbeitet und kauft etwas für seine Frau. Am nächsten Tag ruft Ellen aus der Parfümerie bei Chris und Katrin an: Sie könne gerade ein paar Stunden abbummeln und beispielsweise mit Katrin ins Kino gehen. Katrin ist noch arbeiten, aber Chris holt Ellen ab, fährt mit ihr ans Oderufer, hält unter einer Brücke, und sie knutschen im Auto. Für ihr nächstes Schäferstündchen mietet Chris ein billiges Hotelzimmer. Dann kommt Katrin einmal früher nach Hause und ertappt die beiden nackt in der Badewanne.

Während Katrin sich weinend im Schlafzimmer einsperrt, zieht Ellen sich hastig an und geht nach Hause, wo Uwe sie damit überrascht, dass er eine Dunstabzughaube über den Herd montiert hat. Er ist stolz auf sein Werk und erwartet einen Freudenschrei, denn Ellen wünscht sich schon lang eine neue Kücheneinrichtung. Statt zu jubeln, gesteht ihm Ellen, dass sie sich in einen anderen Mann verliebt hat.

Als Chris von Uwe angerufen und zu einem Gespräch gebeten wird, fährt er hin – und ist verblüfft, als sein Freund ihn zur Begrüßung erst einmal umarmt. Tatsächlich ahnt Uwe noch gar nicht, wer Ellens Geliebter ist und begreift es erst aufgrund einiger Andeutungen von Chris.

„Irgendwie kann das ja so nicht weitergehen“, meint Uwe und lädt die Dürings am Sonntagnachmittag zu Kaffee und Kuchen ein. Die Kinder sind aus dem Wohnzimmer verbannt, damit die Erwachsenen über ihr Problem sprechen können. Niemand außer Uwe hat Appetit. Ellen, Chris und Katrin starren vor sich hin. Chris führt zur Entschuldigung an: „Das hat sich so ergeben und war nicht von langer Hand geplant.“ Er sieht das überhaupt nicht so eng. „Die Ehe ist ja kein Marathon, wo es ums Durchhalten geht“, sagt er bei einer anderen Gelegenheit. „Und wenn dann einer stirbt, ist man auf der Ziellinie.“ Uwe meint, einen einmaligen unbedachten Seitensprung hätte er tolerieren können, aber mit einem dauerhaften Verhältnis könne er sich nicht abfinden. Schließlich präsentiert er seinen Lösungsvorschlag: „Also ich finde, ihr solltet euch einfach nicht mehr sehen.“

Darauf lassen Chris und Ellen sich nicht ein. Sie wollen ihre Ehepartner verlassen und suchen mit Hilfe von Immobilienmaklerinnen nach einer gemeinsamen Mietwohnung. Chris kann sich jedoch nicht entscheiden und mäkelt an jedem Angebot herum. In der siebten Wohnung, die sie besichtigen, wird ihm plötzlich klar, dass er seine Ehe retten möchte. „Es tut mir Leid“, murmelt er und küsst Ellen flüchtig auf die Stirn, bevor er sie in der leeren Wohnung stehen lässt. Er fährt zu dem LKW-Parkplatz an der Grenze, wo Katrin arbeitet. Ihre Vespa steht noch da, aber er findet sie nicht. Sie dagegen sieht ihn, denn sie sitzt bei einem der Fahrer im Führerhaus.

Um Katrin zurückzugewinnen, erfindet Chris am nächsten Morgen in seiner Sendung ein „Sonderhoroskop für alle am 8. Mai geborenen Stiere“: „Jemand liebt dich und will den größten Fehler seines Lebens wieder gutmachen.“

Ellen geht reumütig nach Hause. Dort ließ Uwe inzwischen die neue Küche installieren, die sie sich gewünscht hatte. „Neue Küche: Neues Glück“, meint er. Doch Ellen weint und sagt: „Du hast überhaupt nichts begriffen.“ Während Ellen ihren Mann endgültig verlässt und mit den beiden Kindern auf Wohnungssuche ist, kehrt der Wellensittich zurück und klettert von sich aus wieder in den Käfig.

Vor dem Imbiss „Halbe Treppe“ stand vor einiger Zeit ein einzelner Straßenmusiker und nervte Uwe mit seinem Dudelsack. Als er ein paar Tage später seinen Imbiss aufschloss, hatte sich ein Gitarrist zu dem Dudelsackbläser gesellt. Inzwischen spielen auf der Treppenanlage „17 Hippies“, und im Radio sind sie auch noch zu hören. Am Ende holt Uwe die ganze Kapelle in sein Imbisszelt.

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„Halbe Treppe“ handelt von vier Alltagsmenschen Ende dreißig. In ihrer Unvollkommenheit wirken die Figuren glaubwürdig und sympathisch, immer wieder auch komisch; sie bringen uns Zuschauer zum Lachen, aber sie sind nicht lächerlich und auch keine Witzfiguren. Die Geschichte ist banal und spielt in einer tristen Umgebung, die schonungslos gezeigt wird, aber Andreas Dresen hat daraus keine langweilige sozialrealistische Milieustudie gemacht, sondern mit viel Wortwitz und Situationskomik eine Tragikomödie bzw. eine Realsatire, in der Ernst und Humor ausbalanciert sind.

Wie selbstverständlich sind Szenen eingestreut, in denen die Hauptfiguren einem weder sicht- noch hörbaren Interviewer antworten und ihre Meinung sagen. Authentizität wird auch durch die digitale Handkamera erzeugt, vor allem aber durch viel Improvisation. Es gab nämlich kein Drehbuch, sondern nur ein Konzept, mit dem Andreas Dresen, die vier Hauptdarsteller, ein paar weitere Schauspieler, die „17 Hippies“ und ein kleiner Tross Anfang 2001 für drei Monate nach Frankfurt an der Oder zogen. Erst während der Dreharbeiten entwickelten sich die Szenen.

Nebendarsteller in „Halbe Treppe“: Julia Ziesche, Jens Graßmehl, Mascha Rommel, Gregor Ziesche, Christine Schorn, Miro De Vittoris, Eberhard Urban, Ralf Schönknecht, Doris Schlingmann, Knut Elstermann, André Schneider, Janko Brett, Torsten Thiem, Martina Pach, Frank Fuhrmann, Joanna Zaremba, Jacqueline Röstel, Carmen Engler, Martin Stoffer, „17 Hippies“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005

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