Die Fremde in dir

Die Fremde in dir

Die Fremde in dir

Die Fremde in dir – Originaltitel: The Brave One – Regie: Neil Jordan – Drehbuch: Roderick Taylor, Bruce A. Taylor, Cynthia Mort – Kamera: Philippe Rousselot – Schnitt: Tony Lawson – Musik: Dario Marianelli – Darsteller: Jodie Foster, Terrence Howard, Mary Steenburgen, Naveen Andrews, Jane Adams, Ene Oloja, Luis Da Silva jr., Zoe Kravitz, Nicky Katt u.a. – 2007; 120 Minuten

Inhaltsangabe

Bei einem Raubüberfall in New York wird die Radiomoderatorin Erica Bain schwer verletzt, und ihr Verlobter kommt ums Leben. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus fällt es Erica schwer, sich wieder auf die Straße zu wagen, und aus Angst besorgt sie sich illegal eine Pistole. Damit schießt sie zunächst zur Selbstverteidigung, aber sie merkt, dass sie sich verändert hat, und weil der Polizei durch gesetzliche Vorschriften die Hände gebunden sind, glaubt sie, durch Selbstjustiz für Gerechtigkeit sorgen zu müssen ...
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Kritik

"Die Fremde in dir" ist das Psychogramm einer verstörten Frau, die von Jodie Foster differenziert und eindrucksvoll dargestellt wird. Man kann das Thrillerdrama von Neil Jordan als Plädoyer für Selbstjustiz verstehen.

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Erica Bain (Jodie Foster) moderiert die Radiosendung „Street Walk“. Sie streift durch New York und verbindet die Geräusche der geliebten Stadt mit nachdenklichen Texten. Beispielsweise erzählt sie von der sechsjährigen Eloise, einer von Kay Thompson (1908 – 1998) in den Fünfzigerjahren erfundenen Romanfigur, die mit ihrem Mops „Weenie“ und ihrer Schildkröte „Skipperdee“ im Hotel Plaza wohnt und Abenteuer erlebt.

Verlobt ist Erica mit dem Arzt David Kirmani (Naveen Andrews), der sie lieber heute als morgen heiraten würde. Sie überlegen bereits, welche Farbe sie für die Einladungskarten wählen sollen.

Als die beiden eines Abends ihren Hund im Central Park ausführen, werden sie von drei Kleinganoven (Luis Da Silva jr., Blaze Foster, Rafael Sardina) überfallen. Einer der Kerle filmt zum Spaß, wie seine Kumpane David und Erica brutal zusammenschlagen.

Nach drei Wochen erwacht Erica im Krankenhaus aus dem Koma – und erfährt, dass David längst beerdigt wurde.

Ihre Verletzungen heilen ab, aber Erica wagt sich zunächst nicht mehr auf die Straße. New York ist in ihrer Wahrnehmung nicht mehr die Stadt, die zu Streifzügen einlädt, sondern ein bedrohlicher Moloch. Nur mit ihrer Willenskraft schafft sie es, aus dem Haus und zum Polizeirevier zu gehen. Dort fragt sie nach den Detectives Pitney und O’Connor (James Biberi, Brian Delate), von denen sie weiß, dass sie die Ermittlungen in ihrem Fall leiten. Sie möchte sich erkundigen, ob die Mörder ihres Verlobten gefasst wurden. Aber keiner der beiden Detectives ist anwesend, und der Polizist am Empfang fertigt Erica routinemäßig und gefühllos ab. Dadurch schwindet ihr letztes Vertrauen in die Polizei, von der sie auch bei den Vernehmungen verständnislos behandelt wurde.

Frustiert sucht sie ein Waffengeschäft auf. Da sie keinen Waffenschein vorweisen kann, schickt der Verkäufer (Brian Tarantina) sie wieder fort. Ein vor dem Laden herumlungernder Krimineller (Angel Sing), der das beobachtet hat, spricht Erica an und verkauft ihr in einer Nebengasse für 1000 Dollar eine 9-mm-Automatik-Pistole mit Munition.

Kurz darauf steht Erica in einem kleinen Supermarkt als einzige Kundin zwischen den Regalen, als der Ehemann der Angestellten (Larry Fessenden, An Nguyen) hereinstürmt, die Vietnamesin wütend anbrüllt und erschießt. Ein Geräusch verrät ihm, dass er nicht allein ist. Mit seiner Waffe in der Hand sucht er nach der Person, die außer ihm im Laden ist – bis Erica ihn erschießt. Nachdem sie das Band der Überwachungskamera herausgerissen hat, verlässt sie das Geschäft.

An diesem Abend sammelt sie auf ihrem Diktiergerät Gedanken für ihre Sendung, die sie demnächst wieder aufnehmen möchte. Dabei konstatiert Erica, sie habe eine Fremde in sich entdeckt.

Zögernd lässt Ericas Chefin Carol (Mary Steenburgen) die Moderatorin wieder ans Mikrofon.

Nach der ersten Sendung seit dem Raubüberfall im Central Park wird Erica in der U-Bahn Zeugin, wie zwei junge Männer (Jermel Howard, Dennis L. A. White) andere Fahrgäste belästigen und sie bei der nächsten Haltestelle verjagen, nachdem sie einem von ihnen den iPod geraubt haben. Als der Zug weiterfährt, stellen sie überrascht fest, dass eine Frau sitzengeblieben ist. Mit einem Messer in der Hand gehen sie auf sie zu. Erica erschießt sie ohne Vorwarnung.

Statt am Tag durchstreift Erica die Stadt nun nachts.

Dabei wird sie von einem Taxifahrer (Musto Pelinkovicci) angesprochen, der ihr 50 Dollar bietet, wenn sie bei ihm einsteigt. Im Fond kauert eine offensichtlich von Drogen benebelte minderjährige Prostituierte namens Chloe (Zoë Kravitz). Der Taxifahrer erwartet von den beiden Frauen eine lesbische Privatshow, aber Erica hält ihm plötzlich ihre Pistole an den Kopf und zwingt ihn, Chloe das ganze Geld zu geben, das er bei sich hat. Dann steigt sie mit dem Mädchen aus. Der frustrierte, wütende Mann gibt Gas und hält auf die Frauen zu. Erica dreht sich um und erschießt den Fahrer, kann aber nicht verhindern, dass Chloe von dem Fahrzeug umgerissen wird. Auf die Frage der Verletzten, wer sie sei, antwortet Erica: „Niemand.“

Die Medien berichten über einen geheimnisvollen Racheengel in New York. Detective Sean Mercer (Terrence Howard) von der Mordkommission des NYPD beginnt zu ermitteln.

Sean, dessen Ehe mit der Rechtsanwältin Jackie (Carmen Ejogo) gescheitert ist, gehört zu den treuen Hörern der Sendung „Street Walk“. Nach dem Doppelmord in der U-Bahn traf er die Moderatorin und ein paar Tage später gab er ihr ein Interview. Sean und Erica kommen sich näher und werden Freunde.

Eines Abends klagt Sean darüber, dass er seit drei Jahren versucht, den Mafia-Boss Mortell (Lenny Venito) zu überführen. Als die Ehefrau seines Komplizen Murrow (Gordon MacDonald) sich kürzlich bereit erklärte, gegen ihn auszusagen, starb sie durch einen Schuss ins Gesicht. Sean ist überzeugt, dass sie ermordet wurde, kann jedoch nicht beweisen, dass es kein Suizid war. Vermutlich hatte die kleine Tochter der Toten etwas beobachtet, aber als Sean sie befragte, schwieg sie, und ihr Stiefvater Murrow lässt niemanden mehr an sie heran.

Nach Mitternacht ruft Erica ihren neuen Freund an. Sie könne nicht schlafen, behauptet sie. Bevor Erica das kurze Telefongespräch beendet, hört Sean die Klingel einer Aufzugkabine. Erica steigt in diesem Augenblick in einem Parkhaus zu Mortell in den Lift und folgt ihm, als er zu seinem Wagen geht. Sie spricht ihn auf seine Verbrechen an. Der Gangsterboss hebt ein Stemmeisen auf und schlägt damit auf sie ein. Erica überwältigt ihn und stürzt ihn über die Brüstung in die Tiefe.

Bei der Besichtigung des Tatorts hört Sean das Klingeln des Aufzugs und erinnert sich an das Telefongespräch, das Erica zur Tatzeit mit ihm führte. Ein befreundeter Fachmann bestätigt nach einer entsprechenden Überprüfung seinen Verdacht: Erica rief ihn nicht von ihrer Wohnung aus an, sondern war am Tatort.

Bisher ging er davon aus, dass es sich bei dem Racheengel um einen Mann handelt. Könnte es auch eine Frau sein? Erica?

Er nimmt sie mit ins Krankenhaus zu Chloe. Die junge Frau erkennt ihre Retterin, verrät sie jedoch nicht, sondern gibt an, außer dem Taxifahrer „niemand“ gesehen zu haben.

Der junge Mann, dem der iPod geraubt wurde, sagt bei einer erneuten Vernehmung aus, in dem U-Bahn-Waggon auch eine Frau gesehen zu haben.

Kurze Zeit später bringt Sean den Ring mit, der Erica im Central Park vom Finger gerissen worden war. Es handelt sich um ein Geschenk von Davids Großmutter. Ein Mädchen namens Shauna Nelson (Julia Garro) versetzte das auffällige Schmuckstück bei einem Pfandleiher, der die Polizei verständigte. Sean fordert Erica auf, zu einer Gegenüberstellung mit Shaunas Freund mitzukommen. Obwohl Erica in dem Mann einen von Davids Mördern erkennt, behauptet sie, sie erinnere sich an keines der Gesichter.

Sean erklärt Erica, er sei psychisch stark genug, auch eine ihm nahestehende Person festzunehmen, und es fehle ihm nur noch ein letzter Beweis, dann habe er die hasserfüllte Frau überführt, die seit einiger Zeit in New York Selbstjustiz verübt.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Erica lässt sich von der Warnung nicht abschrecken. Sie spürt Shauna auf und erhält von ihr nicht nur einen Tipp, wo sie deren Freund finden kann, sondern auch eine MMS mit der Aufnahme des Raubüberfalls im Central Park. Nachdem sie Sean eine Kopie des Videos weitergeleitet hat, macht sie sich auf den Weg.

Sean ahnt, was sie vorhat und sucht sie.

Es gelingt Erica, zwei der drei Täter zu erschießen, aber vom dritten wird sie überwältigt. Im letzten Augenblick taucht Sean auf und zwingt den Kerl mit vorgehaltener Waffe, sich auf den Boden zu legen. Erica richtet ihre Pistole auf den Verbrecher, aber Sean fordert sie ruhig auf, ihm die Waffe zu überlassen. Dann reicht er ihr seine Dienstwaffe und geht ein paar Schritte zurück. Nachdem Erica den Mörder getötet hat, bringt Sean sie dazu, ihm mit der anderen Pistole in die Schulter zu schießen und fortzugehen. Sean wischt die Fingerabdrücke von Ericas Pistole ab und drückt sie dem Toten in die Hand. Dann meldet er sich bei der Einsatzzentrale. Es sieht es so aus, als habe der Ganove zwei Kumpane ermordet und den Polizisten verletzt. Der tödliche Schuss aus der Dienstwaffe war also Notwehr.

Erica wagt es wieder, in den Central Park zu gehen, aber sie weiß, dass sie nicht mehr die Frau ist, die sie vor dem Überfall war. Ein Zurück gibt es nicht: Sie bleibt die Fremde.

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Das Thrillerdrama „Die Fremde in dir“ von Neil Jordan dreht sich um eine Radiomoderatorin in New York, die durch einen brutalen Raubüberfall aus der Bahn geworfen wird. Als sie sich nach langer Zeit wieder auf die Straße wagt, besorgt sie sich aus Angst eine Waffe. Damit schießt sie zunächst zur Selbstverteidigung, aber sie merkt, dass sie sich verändert hat, und weil der Polizei durch gesetzliche Vorschriften die Hände gebunden sind, glaubt sie, durch Selbstjustiz für Gerechtigkeit sorgen zu müssen. Dabei beobachtet sie sich nicht selbstgerecht, sondern kommt sich selbst wie eine Fremde vor. „Die Fremde in dir“ ist das Psychogramm einer verstörten Frau, die von Jodie Foster differenziert und eindrucksvoll dargestellt wird.

Bedenklich ist, dass „Die Fremde in dir“ als Plädoyer für Selbstjustiz verstanden werden kann, nicht zuletzt wegen des fragwürdigen Schlusses.

Die beiden Handlungsstränge – Ericas Erlebnisse auf der einen, die Polizeiarbeit auf der anderen Seite – laufen rasch zusammen, und die Geschichte wird weitgehend aus Ericas Perspektive erzählt.

Die Verwandlung der sensiblen Moderatorin einer poetischen Radiosendung in einen Racheengel wird in „Die Fremde in dir“ durch eine gelungene Parallelmontage symbolisiert: In der einen Szene sehen wir den Körper der Frau beim zärtlichen Liebesspiel, in der anderen zerschneiden Ärzte die verschmutzte Kleidung und Unterwäsche der Schwerverletzten. Ericas Verstörung wird durch eine schief gehaltene Kamera unterstrichen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010

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