Eva Menasse : Dunkelblum

Dunkelblum
Dunkelblum Originalausgabe Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021 ISBN 978-3-462-04790-5, 524 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Im Herbst 1989 kommt ein älterer Mann aus Boston nach Dunkelblum im Burgenland und quartiert sich unter dem Namen Dr. Alexander Gellért im Hotel Tüffer ein. Er scheint sich für Ereignisse in den Dreißiger- und Vierzigerjahren zu interessieren, über die niemand reden will. Es wird sich herausstellen, dass er vor dem Krieg mit seinen Eltern in Dunkelblum gelebt hatte, bis er und sein Vater Jenó Goldman vor den Nationalsozialisten flüchten mussten ...
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Kritik

Das Dorf Dunkelblum ist fiktiv, aber Eva Menasse spielt in ihrem gleichnamigen Roman auf das Massaker von Rechnitz im Frühjahr 1945 an, das sie passenderweise als Leerstelle ausspart, denn ihr geht es nicht um die zeitgeschichtlichen Ereignisse, sondern um das kollektive Schweigen nach dem Kriegsverbrechen, und das veranschaulicht sie in einer vielstimmigen Komposition.
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Das Schloss

Das Schloss Dunkelblum im Burgenland an der Grenze zu Ungarn gibt es nicht mehr. Weil sich am Ende des Zweiten Weltkriegs Rotarmisten im Turm verschanzt hatten, schossen es die eigenen Leute in Brand, und später ließ man es abreißen. Auf dem frei gewordenen Areal im Zentrum von Dunkelblum errichtete man ein Autohaus, eine Drogerie und Bürogebäude.

Anlässlich der Renovierung der Familiengruft kam im September 1965 nach 20 Jahren erstmals wieder jemand aus der Grafenfamilie zu Besuch nach Dunkelblum: Paul Edmund („Epsi“) Graf von Dunkelblum, der Sohn der seit dem Kriegsende in Zürich lebenden Gräfin.

Herbst 1989

Im Herbst 1989 kommt ein älterer Mann aus Boston nach Dunkelblum und quartiert sich unter dem Namen Dr. Alexander Gellért im Hotel Tüffer ein. Er scheint sich für Ereignisse in den Dreißiger- und Vierzigerjahren zu interessieren.

Diese Zeit ist auch Thema eines Abschnitts der Dorfchronik, an der Rehberg arbeitet, der schwule Inhaber des Reisebüros in Dunkelbum. Eszter Lowetz, die einige Passagen schreiben sollte und Material dafür gesammelt hatte, starb kürzlich im Alter von 64 Jahren, und ihr 1954 geborener Sohn kommt fast gleichzeitig mit Gellért nach Dunkelbum, um zu entscheiden, was mit dem Elternhaus geschehen soll.

Den Kleinwagen der Mutter fährt jetzt die 23-jährige Lehrerin Flocke Malnitz, die sich um Eszter Lowetz kümmerte und die Sommerferien 1989 in Dunkelblum verbringt. Mit Lowetz gemeinsam sucht sie vergeblich nach Aufzeichnungen der Verstorbenen für die Dorfchronik.

Nach dem Paneuropäischen Picknick wird ein DDR-Flüchtling in einer zu Dunkelblum gehörenden Hütte aufgegriffen und vom Besitzer Heuraffl verprügelt. Weil Reinhold − so heißt der Deutsche − beim illegalen Überqueren der ungarisch-österreichischen Grenze seine Frau Vera und die 16-jährige Tochter Silke verloren hat, will er erst einmal in Dunkelblum auf sie warten. Lowetz quartiert ihn im Haus seiner Mutter ein, und Flocke Malnitz fährt nach Ungarn, um nach Reinholds Angehörige zu suchen. Nach einigen Tagen gelingt es ihr, die beiden zu finden, und sie schmuggelt sie im Kofferraum über die Grenze.

Weil der Immobilienmakler Heinz Balf, der Bürgermeister von Dunkelblum, krebskrank in einem Krankenhaus in Wien liegt, amtiert sein Stellvertreter Herbert Koreny, als im Herbst 1989 auf der Rotensteinwiese ein Skelett gefunden und geborgen wird. An diesem Ort soll ein Wasserspeicher gebaut werden, sobald der vor einem Jahr von Heinz Balf autoritär durchgedrückte und in der Gemeinde umstrittene Beitritt Dunkelblums zum regionalen Wasserverband rückgängig gemacht werden kann.

Zunächst wird angenommen, dass es sich bei dem Skelett auf der Rotensteinwiese um das einer Frau handelt, aber der Fund eines Stahlhelms der Wehrmacht in der Nähe deutet auf einen toten Soldaten hin. (Als Leserinnen und Leser wissen wir allerdings, dass ein seit Jahrzehnten in der von Mick Malnitz in Zwick gepachteten Tankstelle ausgestellter Stahlhelm gestohlen wurde.)

Studentinnen und Studenten aus Wien sind im Sommer 1989 nach Dunkelblum gekommen, um im Auftrag der israelitischen Kultusgemeinde den verwahrlosten jüdischen Friedhof zu renovieren. Die 23-jährige Filmstudentin Martha dokumentiert die Arbeit mit ihrer Videokamera.

Nachdem Grabmäler auf dem jüdischen Friedhof mit Hakenkreuzen und antisemitischen Parolen beschmiert worden sind, geht Vizebürgermeister Herbert Koreny von einer Jugendtorheit aus und glaubt, es handele sich um eine „b’soffene G’schicht“.

Für mehr Aufsehen sorgt ein Fernseh-Interview des früheren NS-Gauleiters Dr. Alois Ferbenz, der davon schwärmt, dass Hitler die Hände eines Künstlers gehabt habe.

Die Behörden übersehen, dass der Gemeindearzt Dr. Sterkowitz, der vor dem Krieg den aus Dunkelblum verjagten jüdischen Arzt Dr. Bernstein abgelöst hatte, die Pensionsgrenze erreicht hat. Eilig wird nach einem Nachfolger gesucht. Der Neue heißt Alphonse Bello und ist schwarz.

Familie Malnitz

Der 1934 in Dunkelblum geborene Toni Malnitz und seine Ehefrau Leonore sind die Eltern der 23-jährigen Lehrerin Flocke.

Leonore verfluchte wortgewandt das elende Kaff an der Grenze, voller Nazis, Lügner, Mostschädel, in das sie sich hatte schleppen lassen.

Die beiden haben das von Toni übernommene Weingut seiner Eltern nicht nur auf Bio, sondern auch auf anspruchsvolle Qualität umgestellt. Weil das alte Ehepaar für die ehrgeizigen Ziele vor allem der Schwiegertochter Leonore kein Verständnis hat, ist es zum jüngeren Sohn Mick nach Zwick gezogen. Während Toni und Leonore mit ihrem modernen Betrieb erfolgreich sind, musste Mick Malnitz sein Weingut aufgeben und hat stattdessen mit dem Vater zusammen eine Tankstelle in Zwick gepachtet.

Hotel Tüffer

Das Hotel Tüffer in Dunkelblum wird von Resi Reschen betrieben. Als 14-Jährige hatten sie und ihre Freundin Veronika („Vroni“) sich als Lehrlinge bei Wilhelm Tüffer beworben. Der war der Anweisung seiner Mutter gefolgt und hatte das weniger attraktive Mädchen eingestellt. Resi stieg bald zur Rezeptionistin auf, und als die jüdische Familie Tüffer vor den Nationalsozialisten floh, führte sie das Hotel weiter. Die Tüffers kamen nie zurück, und auch Resi weiß bis heute nicht, was aus ihnen geworden ist.

Sie ist mit dem zehn Jahre älteren, einarmig aus dem Krieg zurückgekehrten ehemaligen Hauptsturmführer Reschen verheiratet.

Ihre frühere Freundin Veronika fragt sie 1989 boshaft, ob sie etwas mit Wilhelm Tüffer gehabt habe und erwähnt, dass damals ein Neugeborenes vor der Kirche in Ehrenfeld abgelegt worden sei. Falls das Kind von Tüffer stamme, könnte der oder die inzwischen Erwachsene Erbansprüche geltend machen.

Greißlerladen

Den Greißlerladen in Dunkelblum führt seit Jahrzehnten Antal Grün, der Sohn von Gisella, einer geborenen Wohlmut, und Salomon Grün.

Seine verwitwete Mutter Gisella hatte für die ebenfalls jüdische Familie Tüffer genäht, und als diese aus Österreich emigrierte, bot man ihr eine Schiffskarte an, denn die Tüffer-Schwiegertochter hatte sich auf ihre arische Herkunft besonnen und scheiden lassen. Gisella wollte jedoch ihren damals 16-jährigen Sohn Antal nicht allein in Dunkelblum zurücklassen.

Die beiden mussten dann aber ebenfalls vor den Nationalsozialisten fliehen.

Nach Kriegsende kehrte Antal Grün als einziger Jude nach Dunkelblum zurück und richtete seinen Greißleraden behelfsmäßig bei der Witwe Agnes Kalmar und ihrem Sohn Fritz ein. 1965 tauchte der gefürchtete Nazi Georg Horka unter, und dessen Frau verkaufte Antal Grün dessen von den Nationalsozialisten requiriertes Elternhaus, bevor sie in die Steiermark zog. Seither befindet sich der Greißlerladen wieder am Ursprungsort.

Georg Horka

Georg Horka wurde um 1910 in einer Hütte am Rand vom Zwick geboren. Als Schüler schloss er sich der Entourage des gleichaltrigen Schustersohns Alois Ferbenz an, der später bei den Nationalsozialisten Karriere machte.

Schon vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Horka zum Mörder. Weil sich nämlich der Wanderarbeiter Mildos Jobbagy weigerte, für ihn ein Zimmer zu tünchen, brachte er ihn um. Es gab dann zwar polizeiliche Ermittlungen, aber nachdem Dr. Alois Ferbenz, der Stellvertreter des Gauleiters, sich telefonisch eingeschaltet hatte, hieß es, Georg Horka habe in Notwehr gegen einen aggressiven „Zigeuner“ gehandelt.

Einige Zeit später befehligte Horka ein Zwangsarbeiter-Lager und wies stolz darauf hin, dass Dunkelblum „judenrein“ sei.

Er vergewaltigte die Ehefrau des Gemeindearztes Sterkowitz und schüchterte sie mit der Nachricht ein, den Zahntechniker Lajos habe man erschossen, weil er zu viel geredet habe.

Im Frühjahr 1945 nahm die Rote Armee Dunkelblum ein. Horka gab sich erfolgreich als Verfolgter des NS-Regimes aus, wurde zunächst Vertrauensmann der russischen Offiziere und nach dem Krieg Polizeichef.

Jenó Goldman

Mitte der Dreißigerjahre unterrichtete Jenó Goldman als Aushilfslehrer an der Volksschule in Dunkelblum. Als ihn die Nationalsozialisten wegen seiner Herkunft mit einem Berufsverbot belegten, arbeitete er in Thea Rosmarins Fabrik in Dunkelblum. Jenó Goldman und seine fünf Jahre jüngere Frau Elisabeth („Eliza“, „Erzsébet“), eine geborene Rehberg, hatten einen Sohn. Sascha („Schani“) Goldman fing mit 14 zwar eine Lehre im Hotel Tüffer an, brach sie aber bald wieder ab und ließ sich in der Buchhaltung der Fabrikantin Thea Rosmarin ausbilden − bis er mit seinem Vater vor den Nationalsozialisten nach Budapest fliehen musste.

Sechs Jahre später trieben die Deutschen die beiden Goldmans wieder zurück. Wie viele andere auch mussten sie am Südostwall mitarbeiten, der die vorrückende Rote Armee aufhalten sollte. Sascha gelang es, zu fliehen. Zuflucht suchte er bei seinem fünf Jahre älteren Onkel Max Rehberg, dem jüngsten Bruder seiner Mutter, aber der hatte sich den Nationalsozialisten angeschlossen und wies ihn ab. Eszter Lowetz und Agnes Kalmar versteckten Sascha Goldman zwei Wochen lang in einer Scheune und retteten ihm das Leben.

Als an der Grenze ein Mann erschossen und ein anderer schwer verletzt wurden, folgte Elisabeth Rehberg − die wieder ihren Mädchennamen benutzte − Agnes Kalmars Rat und identifizierte den ihr unbekannten Toten als ihren Ehemann. Der Fremde wurde auf dem jüdischen Friedhof in Dunkelblum bestattet: Jenó Goldman, 16. Jänner 1895 − 12. September 1946. Im Herbst 1989 zeigt Resi Reschen ihrem aus Boston angereisten Gast Dr. Alexander Gellért (Sascha Goldman) das Grab mit dem Namen seines Vaters, der damals zwar überlebt hatte, aber einige Zeit später bei einem Autounfall ums Leben kam.

Weitere Personen

Andreas Bart („Bartl“): Student aus Wien
Frau Balaskó: Sekretärin des Bürgermeisters
Berneck: Versicherungsmakler
Faludi-Bauer
Alois Ferbenz: ehemaliger Gauleiter, Inhaber eines Herrenmodengeschäfts in Dunkelblum
Gitta: Betreiberin des Cafés Posauner
Josef Graun: inzwischen gestorbener Ehemann von Veronika („Vroni“)
Karin Kalschinger
Emmerich Kolonovits: Gutachter
Leonhard und Gerald: Gendarme
Neulag: früherer Sturmscharführer, Ortsgruppenleiter und Bürgermeister von Dunkelblum
Elly Rehberg: unverheiratete Schwester des 15 Jahre jüngeren Max Rehberg
Max Rehberg: Glasermeister in Dunkelblum
Thea Rosmarin: Fabrikantin, die vor dem Zweiten Weltkrieg Kleidung an Bedürftige verteilte
Stipsits: Drogist
Inge Stipsits: Diebin eines Stahlhelms
Theresia Wallnöfer: von Rotarmisten erschossene Bürgerin von Dunkelblum
Zenzi: Angestellte im Hotel Tüffer
Zierbusch: Baumeister, Vater des Architekten Zierbusch

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In Dunkelblum haben die Mauern Ohren, die Blüten in den Gärten haben Augen, sie drehen ihre Köpfchen hierhin und dorthin, damit ihnen nichts entgeht, und das Gras registriert mit seinen Schnurrhaaren jeden Schritt. […] Die Vorhänge im Ort bewegen sich wie von leisem Atem getrieben, ein und aus, lebensnotwendig. Jedes Mal, wenn Gott von oben in diese Häuser schaut, als hätten sie gar keine Dächer, wenn er hineinblickt in die Puppenhäuser seines Modellstädtchens, das er zusammen mit dem Teufel gebaut hat zur Mahnung an alle, dann sieht er in fast jedem Haus welche, die an den Fenstern hinter ihren Vorhängen stehen und hinaus spähen. […] Man wünschte Gott, dass er nur in die Häuser sehen könnte und nicht in die Herzen.

So beginnt Eva Menasse ihren Roman „Dunkelblum“.

Das Dorf Dunkelblum ist fiktiv, aber hin und wieder spielt Eva Menasse in ihrem gleichnamigen Roman auf das Massaker von Rechnitz an.

Gegen Ende es Zweiten Weltkriegs befand sich im Schloss der Gräfin Margareta („Margit“) von Batthyány (1911 − 1989) in Rechnitz im Burgenland die Bauabschnittsleitung für den Südostwall gegen die Rote Armee. Aus Ungarn verschleppte jüdische Zwangsarbeiter mussten die Erdarbeiten ausführen. Nationalsozialisten und Kollaborateure aus der Gegend feierten in der Nacht vom 24./25. März 1945 ein Fest im Schloss und erschossen zwischendurch etwa 200 auf dem Gelände untergebrachte Zwangsarbeiter.

Das Massaker von Rechnitz ist auch Thema des am 28. November 2008 in den Münchner Kammerspielen uraufgeführten Theaterstücks „Rechnitz (Der Würgeengel)“ von Elfriede Jelinek.

Der Südostwall konnte die Rote Armee nicht zurückhalten. Am 29. März 1945 überschritten die von Marschall Fjodor Tolbuchin kommandierten Einheiten die Grenze zum Burgenland. Dabei wurde das Schloss in Rechnitz zerstört. Rechnitz wurde zwar am 1. April von der SS zurückerobert, aber nach ein paar Tagen gewannen die Sowjets erneut die Oberhand.

Eva Menasse interessiert sich in „Dunkelblum“ nicht für die zeitgeschichtlichen Ereignisse, sondern ihr geht es um das kollektive Schweigen nach dem Kriegsverbrechen. Das Massaker bleibt dabei passenderweise eine Leerstelle. „Dunkelblum“ ist also kein historischer Roman, sondern das an (zu) vielen Figuren festgemachte Porträt einer Kleinstadtgemeinde. Die eigentliche Handlung − wenn man überhaupt von einer sprechen kann − datiert im Herbst 1989, als die ungarisch-österreichische Grenze für DDR-Flüchtinge geöffnet wird. Erinnerungen und Rückblenden reichen bis in die Dreißigerjahre zurück.

Eva Menasse schreibt zwar in der dritten Person Singular, aber aus der Sicht wechselnder Personen und in einer Sprache, die „mündlich“ wirken soll. Ihre Erzählweise ist also dezentral und polphon. Bei der Vielzahl der übrigens kaum als Charaktere ausgeleuchteten Romanfiguren wäre ein Personenverzeichnis hilfreich gewesen.

Den Roman „Dunkelblum“ von Eva Menasse gibt es auch als Hörbuch, gelesen von der Autorin.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © Kiepenheuer & Witsch

Eva Menasse (kurze Biografie / Bibliografie)

Eva Menasse: Vienna
Eva Menasse: Lässliche Todsünden
Eva Menasse: Quasikristalle

Alfred Komarek - Daniel Käfer
Bei den Romanen, die Alfred Komarek über Daniel Käfer geschrieben hat, dient die Handlung vor allem dazu, das Lokalkolorit, den Genius loci des Salzkammerguts, darzustellen. Nicht dramatische Wendungen fesseln den Leser, sondern die Atmosphäre.
Daniel Käfer