Der englische Patient

Der englische Patient

Der englische Patient

Der englische Patient - Originaltitel: The English Patient - Regie: Anthony Minghella - Drehbuch: Anthony Minghella, nach dem Roman "Der englische Patient" von Michael Ondaatje - Kamera: John Seale - Schnitt: Walter Murch - Musik: Gabriel Yared - Ausstattung: Stuart Craig und Stephenie McMillan - Kostüme: Ann Roth - Darsteller: Ralph Fiennes, Juliette Binoche, Kristin Scott Thomas, Willem Dafoe, Naveen Andrews, Colin Firth, Julian Wadham, Jürgen Prochnow, Kevin Whately, Clive Merrison, Nino Castelnuovo, Hichem Rostom, Peter Rühring - 1996; 155 Minuten

Inhaltsangabe

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs pflegt die 20-jährige kanadische Krankenschwester Hana in einem zerbombten toskanischen Kloster einen Patienten, der beim Absturz mit seinem Flugzeug so schwere Verbrennungen erlitt, dass sein Leben nicht zu retten ist. Während er regungslos auf dem Bett liegt, erinnert er sich bruchstückhaft an die Geschichte seiner leidenschaftlichen Liebe zu der Frau eines anderen ...
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Kritik

Kongeniale Verfilmung des Romans "Der englische Patient" von Michael Ondaatje. Ein großartiger Film über Liebe, Tod und Krieg, Kultur und Barbarei.


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Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs erfährt die 20-jährige kanadische Krankenschwester Hana (Juliette Binoche) im Santa-Chiara-Lazarett von Pisa, dass ihr Vater Patrick in Frankreich gefallen ist.

Kurz darauf trifft sie auf einen am ganzen Körper verbrannten Mann, den man für einen Engländer hält (Ralph Fiennes). Im Frühling 1945 werden die Kranken, Verletzten und Verwundeten nach Süden verlegt. Hana aber hamstert Kodeintabletten und Morphium-Ampullen und bleibt mit dem todgeweihten Patienten in der zerbombten Villa San Girolamo in den Bergen nördlich von Florenz zurück, sechs Kilometer vom nächsten Dorf entfernt.

Auf einem Tischchen neben dem Bett liegt ein aus dem Feuer gerettetes Buch von Herodot mit Notizen und eingeklebten Texten, Skizzen und Karten. Sein Name steht nicht darin.

Nach einiger Zeit taucht David Caravaggio (Willem Dafoe) in der Villa San Girolamo auf. Der 45-Jährige kannte Hana vor dem Krieg in Toronto und war mit ihrem Vater befreundet. Damals lebte er von Diebstählen. Im Krieg war er als Spion für die Alliierten tätig. Als er sich bei einer Abendgesellschaft in Mailand als deutscher Offizier ausgab, übersah er, dass eine der anwesenden Damen Erinnerungsfotos knipste und drehte sich deshalb nicht schnell genug weg. In der Nacht drang er in ihr Zimmer ein, um die Kamera zu stehlen. Er überraschte sie beim Liebesspiel mit einem deutschen Offizier. Sie blickte ihn an, verriet ihn aber nicht. Als er aus dem Fenster sprang, wurde er entdeckt. Die Deutschen ahnten, wer er war, aber sie wollten, dass er seinen Namen bestätigte, banden seine Handgelenke an einen Tisch und schnitten ihm beide Daumen ab. Später ließen sie ihn laufen, wohl in der Hoffnung, er werde sie zu anderen Agenten führen.

Caravaggio wurde seit vier Monaten in einem Lazarett in Rom behandelt, als er zufällig von der kanadischen Krankenschwester Hana hörte, die mit einem am ganzen Leib verbrannten Patienten allein in einer toskanischen Villa zurückgeblieben war. Da machte er sich auf den Weg, um sie zu beschützen.

Ein 26-jähriger Sikh gesellt sich zu der Frau und den beiden Männern in der Villa. Kirpal („Kip“) Singh (Naveen Andrews) schlägt sein Zelt in einer entlegenen Ecke des verwüsteten Gartens auf. Er ist Pionier. Seine Einheit hat den Auftrag, nicht explodierte Bomben aufzuspüren und zu entschärfen. Kip, der sein Handwerk 1941 in England erlernt hatte, ist er erfahrenste unter den Technikern und kennt fast alle Tricks der deutschen Bombenbauer.

Der Patient weiß seinen Namen nicht mehr, aber Caravaggio vermutet, es könne sich um Ladislaus Graf von Almásy handeln. Während der Todgeweihte regungslos auf dem Bett liegt, treibt er auf einem „Floß aus Morphium“ und erinnert sich bruchstückhaft an seinen Aufenthalt in der ägyptisch-libyschen Wüste.

Zu Beginn der Dreißigerjahre gehörte er zu einer Gruppe von Forschern, die das Gilf-Kebir-Plateau kartografierten und nach der verschollenen Oase Zarzura suchten. 1936 stieß das erst seit zwei Wochen verheiratete Ehepaar Clifton zu ihnen. Geoffrey Clifton (Colin Firth) war in „überströmender Flitterwochenfreude“. Clifton war reich und besaß ein zweisitziges – für die Gruppe sehr nützliches – Flugzeug. Die alte Maschine, die einem von ihnen gehörte, ließen sie bei Uwenat stehen und deckten sie mit einer Plane ab.

Während einer kleinen Feier im Lager las Katherine Clifton (Kristin Scott Thomas) aus den Historien von Herodot vor, und zwar die Geschichte des lydischen Königs Kandaules, der seine Gemahlin für die schönste Frau der Welt hielt, das auch seinem Lieblings-Leibwächter Gyges beweisen wollte und ihn deshalb dazu überredete, sich hinter die geöffnete Schlafzimmertür zu stellen. Von diesem Platz aus konnte Gyges der Königin beim Entkleiden zusehen und sich von der Makellosigkeit ihres Körpers überzeugen. Die Königin bemerkte Gyges, als er das Schlafzimmer verließ, schlug aber keinen Alarm. Am nächsten Tag rief sie ihn und stellte ihn vor die Alternative, entweder Kandaules zu töten, sie zu heiraten und als König zu herrschen oder sich selbst das Leben zu nehmen. „Einer von euch darf nicht mehr leben, entweder er, der jenen Plan ersonnen hat, oder du, der mich nackt gesehen und getan hat, was sich nicht gebührt.“

Almásy wollte es zuerst nicht wahrhaben, aber zwischen ihm und Katherine entwickelte sich eine leidenschaftliche Liebe. Eineinhalb Jahre dauerte die Affäre; Anfang 1938 bestand Katherine darauf, dass sie sich trennten.

Als 1939 der Krieg drohte, verließen sie alle das Land. Almásy kehrte im Spätsommer noch einmal nach Gilf Kebir zurück, um das Basislager bei Uwenat, nördlich des Ain-Dua-Brunnens, zu räumen. Anschließend sollte ihn Geoffrey Clifton mit dem Flugzeug abholen. Die Maschine tauchte über dem Plateau auf, dröhnte dicht über Almásy hinweg, kehrte dann um, hielt genau auf ihn zu und stürzte fünfzig Meter vor ihm in den Sand. Entsetzt stellte er fest, dass Geoffrey nicht allein, sondern mit Katherine in der Maschine saß. Geoffrey war tot. Offenbar hatte er sich, seine Frau und Almásy wegen der längst vergangenen Affäre töten wollen, denn zu dritt hätten sie in dem Flugzeug nicht Platz gehabt. Almásy zog Katherine aus dem Wrack. Ein Handgelenk und mehrere Rippen waren gebrochen. Er trug sie in eine nahe gelegene Höhle, zerschnitt Cliftons Fallschirm und bettete sie darauf.

Drei Tage lief er durch die Wüste. Dann sah er El Tadsch vor sich. Bevor er die Siedlung erreichte, ergriff ihn ein englisches Kommando. Verzweifelt wies er seine Bewacher auf die Frau hin, die 110 km entfernt in einer Höhle im Gilf Kebir lag und dringend Hilfe benötigte – aber die Briten glaubten ihm kein Wort.

Er hatte Katharina versprochen, sie aus der Wüste zu holen. Almásy vergaß es nicht, auch nicht, als es längst zu spät war, um sie zu retten. Aber er musste drei Jahre lang warten, bis sich eine Gelegenheit dazu ergab. Zu Fuß schlug er sich zum Gilf Kebir durch. Die Tote lag auf dem Rücken. Er hüllte sie in die Fallschirmseide und trug sie zu dem alten Flugzeug, das mit Sand zugeweht war. Nachdem er es frei gegraben hatte, startete er mit der Leiche auf dem Rücksitz. Unterwegs wurde die Maschine beschossen und fing Feuer.

Beduinen fanden den Schwerverletzten und trugen ihn zu der Oase Siwa. Auf seine verbrannte Haut legten sie ölgetränkte Filzstücke. Im Lazarett von Pisa begegnete er dann Hana.

Am 6. August 1945 hört Kip Nachrichten. Von den Engländern lernte er, sich korrekt zu benehmen, und durch sie entwickelte er großen Respekt vor der westlichen Kultur. Nun zündeten die Amerikaner über Hiroshima eine Bombe, gegen die selbst Kip mit all seinem Wissen nichts ausrichten könnte. Die blanke Barbarei! Kip reißt die militärischen Abzeichen von seiner Uniform ab und fährt mit seinem Motorrad nach Süden, um sich in seine asiatische Heimat einzuschiffen.

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Diese großartige, teilweise authentische Geschichte über das Schicksal des Wüstenforschers Graf Ladislaus Almásy (1895 – 1951) erzählt der in Sri Lanka geborene holländische Schriftsteller in seinem 1992 erschienenen Roman „Der englische Patient“. Dort heißt es: „Manche der Geschichten, die der Mann ruhig in das Zimmer hinein erzählt, gleiten wie Falken von Schicht zu Schicht.“ Das gilt auch für die fünf Jahre später mit Ralph Fiennes, Juliette Binoche und Kristin Scott Thomas in den Hauptrollen gedrehte Verfilmung unter der Regie von Anthony Minghella (1954 – 2008), ein elegant zwischen den verschiedenen Handlungsebenen hin- und hergleitendes Meisterwerk.

Saul Zaentz („Einer flog übers Kuckucksnest“, „Amadeus“, „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“) produzierte diese Literaturverfilmung, die 1996 mit „Oscars“ für Film, Regie, Kamera, Schnitt, Ausstattung, Kostüme, Musik und Juliette Binoche ausgezeichnet wurde. Nominiert hatte man auch Ralph Fiennes, Kristin Scott Thomas, Drehbuch und Ton.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002 / 2008

Michael Ondaatje: Der englische Patient

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