Tattoo

Tattoo

Tattoo

Originaltitel: Tattoo - Regie: Robert Schwentke - Drehbuch: Robert Schwentke - Kamera: Jan Fehse - Schnitt: Peter Przygodda - Musik: Martin Todsharow - Darsteller: August Diehl, Christian Redl, Nadeshda Brennicke, Johan Leysen, Monica Bleibtreu, Gustav-Peter Wöhler, Ilknur Bahadir, Ingo Naujoks, Joe Bausch, Jasmin Schwiers, Florian Panzner, Christiane Scheda u.a. - 2002; 110 Minuten

Inhaltsangabe

Ein verbitterter Kriminalkommissar und sein jugendlicher Assistent, der eigentlich lieber einen lauen Bürojob gehabt hätte, bearbeiten in Berlin eine grauenvolle Mordserie. Allen Opfern fehlt ein größeres Stück Haut mit einem Tattoo. Von einem Rechtsanwalt, der selbst eine Privatgalerie mit Tattoos besitzt, erfahren sie, dass es obsessive Sammler dieser Kunstwerke gibt ...
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Kritik

In dieser finsteren Großstadtwelt gibt es keine Figuren, die das Gute verkörpern. Die Menschen sind verloren und finden nichts, woran sie sich orientieren oder aufrichten könnten. – Sehenswert ist "Tattoo" v. a. wegen seiner anspruchsvollen Ästhetik und der ausgezeichneten Darsteller.
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Marc Schrader (August Diehl), der gerade die Berliner Polizeischule absolviert hat, treibt sich lieber in Nachtklubs herum, als auf eine berufliche Karriere hinzuarbeiten, und er hofft auf einen lauen Job im Innendienst. Bei einer Razzia in einem Techno-Klub schlägt er Hauptkommissar Minks (Christian Redl) im Dunkeln die Nase blutig und entkommt, büßt dabei jedoch seine Jacke mit dem Dienstausweis und zwei Ecstasy-Pillen ein. Als Minks ihn im Polizeipräsidium zur Rede stellt, behauptet er, die Jacke sei ihm kürzlich gestohlen worden. Daraufhin stellt Minks ihn vor die Wahl: Entweder Schrader fängt als sein Assistent bei der Mordkommission an, oder der Kommissar weist Schraders Drogenkonsum mit einer Haarprobe nach. Schrader fügt sich.

Warum will der verbitterte, übellaunige Kommissar, dass der mittelmäßige Absolvent der Polizeischule für ihn arbeitet? Von Kollegen erfährt Schrader, dass Minks‘ Ehefrau vor zwei Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Der Verursacher beging Fahrerflucht. Danach lief Minks dann auch noch seine Tochter Marie (Jasmin Schwiers) davon. Jetzt hofft er offenbar, dass sein neuer Mitarbeiter, der sich in der Berliner Szene auskennt, helfen kann, Marie wiederzufinden.

Im ersten Fall, den Schrader mit Minks zu bearbeiten hat, geht es um eine junge Frau (Christiane Scheda), die wohl unter Drogeneinfluss nackt durch Berlin taumelte und auf einer Kreuzung von einem Bus erfasst wurde, der beim Ausweichmanöver in parkende Autos knallte und in Flammen aufging. Sie verbrannte bis zur Unkenntlichkeit. Im Magen der Frau, die ihre Zunge aus modischen Gründen hatte spalten lassen („Body Modification“) und als Lynn Wilson identifiziert wird, findet der Gerichtsmediziner Scheck (Gustav-Peter Wöhler) einen abgebissenen Finger, den sie vermutlich dem Mann abgebissen hatte, von dem ihr ein großes Stück Haut aus dem Rücken herausgeschnitten worden war, bevor sie ihm entkam. Anhand des Fingerabdrucks ermittelt die Polizei, dass ein gewisser Norbert Günzel (Joe Bausch) den Finger eingebüßt hat.

Während Minks und Schrader sich in der Wohnung der Toten umsehen, steht plötzlich eine frühere Freundin Lynns in der Tür: die Galeriebesitzerin Maya Kroner (Nadeshda Brennicke).

Bei der Durchsuchung von Günzels Anwesen findet Minks die im Garten vergrabene Leiche einer Frau, der ebenso wie Lynn Wilson ein großes Stück Haut fehlt.

Geht es bei der Mordserie um Tattoos? Minks und Schrader sehen sich Pornovideos an, um tätowierte Darstellerinnen ausfindig zu machen. In der Wohnung einer tätowierten Pornodarstellerin stoßen sie auf deren grauenhaft zugerichtete Leiche. Auch in diesem Fall fehlt das Tattoo. Schrader wird beim Anblick des vielen Blutes und der riesigen Fleischwunde übel: Er läuft ins Freie – und bemerkt einen Mann, dem ein Finger fehlt und der bei seinem Anblick flüchtet. Schrader holt ihn ein und fordert ihn mit vorgehaltener Pistole auf, die Arme zu heben. Stattdessen geht der Verdächtige wortlos auf ihn zu, bis er unmittelbar vor ihm steht. Der junge Polizeibeamte bringt es nicht fertig, ihn zu erschießen, aber der Mann schiebt sich den Lauf der nach wie vor von Schrader gehaltenen Pistole in den Mund und drückt ab. – Der Tote wird als Norbert Günzel identifiziert.

Minks Vorgesetzte, Oberkommissarin Roth (Monica Bleibtreu), lässt Schraders Verhalten intern untersuchen und beurlaubt ihn während dieser Zeit. Schrader will nach den schrecklichen Erfahrungen ohnehin nicht länger für die Mordkommission arbeiten.

In der U-Bahn fällt ihm ein Junkie auf, der einen Verband auf den Bauch presst und offensichtlich unter starken Schmerzen leidet. Schrader steigt mit ihm aus, folgt ihm und stellt ihn in einer Toilettenkabine. Dem Drogensüchtigen – er heißt Stefan Kreiner (Ingo Naujoks) – fehlt ein großes Stück Haut, auf dem er ein Tattoo hatte. Das Geld, das er dafür bekam, benötigte er für seinen nächsten Heroinkauf. Kreiner verrät Schrader, dass der Rechtsanwalt Frank Schoubya (Johan Leysen) bei Tattoo-Käufen als Vermittler auftritt und die Verträge ausarbeitet.

Schrader fährt zu der Galerie von Maya Kroner und fragt sie, wo das Tattoo ihrer Freundin gemacht wurde. In den USA, antwortet sie, und zwar von dem japanischen Meister Hiromitsu, der bis zu seinem Tod insgesamt nur zwölf verschiedene Tattoos entwarf und jedes von ihnen nur ein einziges Mal realisierte. Sie zeigt Schrader einen Bildband über die zwölf Unikate.

Daraufhin kehrt Schrader zu Minks zurück. Bei ihren Ermittlungen finden sie heraus, dass auch die elf anderen Träger von Hiromitsu-Tattoos tot sind oder vermisst werden. Sie suchen Schoubya auf, der ohne weiteres zugibt, Tattoo-Besitzer und Kaufinteressenten bei Vertragsabschlüssen beraten zu haben. Bei den Anbietern handele es sich zumeist um Hinterbliebene eines Toten mit einem Tattoo auf dem Körper, erläutert der Anwalt, aber es komme auch vor, dass jemand sich ein Stück Haut mit einem Tattoo abziehen lasse, um an Geld zu kommen. Er könne auch nicht ausschließen, dass dabei in einigen Fällen Gewalt angewendet werde. Abgesehen davon sei dieser Handel völlig legal. Schoubya führt seine Besucher in einen angrenzenden Raum, an dessen Wänden eine Kollektion tätowierter Menschenhaut-Stücke hängt: Er ist selbst ein begeisterter Sammler dieser Kunstwerke.

Minks und Schrader erfahren, dass die Kontakte zwischen Anbietern und Kaufinteressenten beispielsweise in Internet-Chatrooms geknüpft werden. Bei einem der bedeutendsten Interessenten scheint es sich um einen Japaner zu handeln, denn er verwendet den Decknamen „Irezumi“.

Durch die Hilfe seiner Freundin findet Schrader Minks Tochter Marie. Während sie ihm erzählt, dass sie nach dem Tod ihrer Mutter vor der erdrückenden Liebe ihres Vaters geflohen sei und er ihr versichert, er werde ihren Aufenthaltsort nicht gegen ihren Willen verraten, fällt ihm ein Tattoo auf ihrer linken Brust auf, dessen Ansatz in ihrem Ausschnitt zu sehen ist.

Eines Abends, als Schrader im strömenden Regen nach Hause kommt, wartet Maya Kroner vor dem Haus auf ihn, und als er davon spricht, dass Lynn wegen des Hiromitsu-Tattoos auf ihrem Körper ums Leben kam, zieht sie ihren Mantel aus und bleibt ihm Regen stehen, bis ihr weißes Kleid durch die Nässe durchsichtig wird und Schrader sehen kann, dass sie am ganzen Körper kunstvoll tätowiert ist. Niemand wisse, dass ein dreizehntes Tattoo von Hiromitsu existiere, erklärt sie ihm. Nach der Vollendung dieses Meisterwerks habe der japanische Künstler allerdings das Interesse an ihr und am Leben verloren.

Schrader weiht Minks in Mayas Geheimnis ein – und reagiert empört, als der abgebrühte Kommissar die Galeristin als Köder benutzen will, um an Irezumi heranzukommen. Er junge Polizeibeamte weist seinen Chef darauf hin, dass Maya offenbar nur überlebt hat, weil niemand von der Hiromitsu-Tätowierung auf ihrem Körper weiß.

Da trifft ein Päckchen für Minks ein. Absender: Irezumi. Es enthält ein Stück tätowierter Haut, einen Autoschlüssel und einen Parkschein. Entsetzt erkennt Schrader das Tattoo: Zuletzt sah er es auf Maries Brust! Verstört gesteht er seinem Chef, was er weiß. Der rast zu dem Parkhaus und findet, wie befürchtet, im Kofferraum eines Autos die Leiche seiner Tochter. Obwohl Schrader eine Großfahndung nach Minks einleitet, kann nicht verhindert werden, dass dieser sich mit seiner Dienstwaffe erschießt.

Weil er sich Vorwürfe macht und Maries Mörder finden will, ändert Schrader seine Meinung und überredet Maya, sich mit ihren Tattoos nackt fotografieren zu lassen. Die Fotos stellt er ins Internet. Irezumi zeigt sogleich Interesse und schlägt ein Treffen vor.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Obwohl Maya zu ihrem Schutz rund um die Uhr von der Polizei bewacht wird, entfernt sie sich aus ihrer Wohnung und taucht unter.

Die polizeilichen Ermittlungen ergeben, dass Hiromitsu sich nicht – wie Maya behauptet – in den USA das Leben genommen hatte, sondern ermordet worden war.

Um seinen Verdacht bestätigt zu bekommen, dass Maya Hiromitsus Mörderin ist und sich hinter dem Decknamen Irezumi verbirgt, dringt Schrader bei Schoubya ein und zündet vor dessen Augen in der Privatgalerie ein Tattoo nach dem anderen an. Doch obwohl Schoubya beim Anblick der brennenden Tattoos vor Entsetzen zusammenbricht, verrät er nichts.

Im letzten Bild sehen wir Maya in einem Restaurant. Sie wird von einem gut aussehenden Kellner bedient, der am Oberarm ein kunstvolles japanisches Tattoo trägt. Maya zeigt ihm, dass sie sich für ihn interessiert …

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Samuel Goldwyn soll seinen Drehbuchautoren einmal geraten haben: „Mit einem Erdbeben anfangen und dann ganz langsam steigern!“ Robert Schwentke hat den Rat beherzigt. „Tattoo“ beginnt mit einer unglaublichen Szene: Eine splitternackte junge Frau taumelt wohl unter Drogeneinfluss im Licht der Berliner Straßenbeleuchtung über den regennassen Asphalt. An ihrem Rücken fehlt ein größeres Stück Haut. Blut strömt an ihren Beinen hinab. An einer Kreuzung wird sie von einem Bus erfasst, der gleich darauf in parkende Autos knallt und explodiert.

Bei seinem Debütfilm orientierte Robert Schwentke sich unverkennbar am Inhalt von „Das Schweigen der Lämmer“ und an der Optik von „Se7en“. Auch in „Tattoo“ geht es um eine Mordserie, bei der den Opfern Hautstücke abgezogen werden. Zusammen mit dem Kameramann Jan Fehse inszenierte er die Geschichte mit einer Vorliebe für Schwarz und düstere Innenräume als monochromen Albtraum. Nur hin und wieder leuchet ein Farbfleck auf, etwa die zinnoberrote Strickjacke von Kommissarin Roth (!), und zwischendurch sind Szenen in ein scheußliches gelbgrünes Licht getaucht. Nur Maya Kroner trägt in der ersten Hälfte des Films weiße Kleider und hebt sich damit zunächst von den dunkelgrauen Anzügen der Männer ab. In dieser Finsternis gibt es keine Figuren, die das Gute verkörpern. Die Menschen sind in einer düsteren, trostlosen Großstadtwelt verloren und finden nichts, woran sie sich orientieren oder aufrichten könnten.

Sehenswert ist der spannende Schocker vor allem wegen seiner anspruchsvollen Ästhetik und der ausgezeichneten Darsteller, allen voran Christian Redl, August Diehl und Nadeshda Brennicke.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004

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