Brennendes Herz

Brennendes Herz

Brennendes Herz

Originaltitel: Brennendes Herz – Regie: Manfred Stelzer – Drehbuch: Manfred Stelzer – Kamera: Tomas Erhart – Schnitt: Bernd Schriever – Musik: Lutz Kerschowski und Danny Dziuk – Darsteller: Alexander Scheer, Christoph Franken, Ivan Subay, Ingeborg Westphal, Erhan Emre, Akif Aydin, Martin Kiefer, Marlon Kittel, Max Mauff, Tilo Prückner, Kida Ramadan u.a. – 2008; 90 Minuten

Inhaltsangabe

Als Bomber im Suff eine Synagoge anzündet, wird sein Begleiter Kurt verhaftet. Kurt verrät seinen unerkannt entkommenen Freund nicht. Nach der Verbüßung seiner Haftstrafe wird er von Bomber und dessen Mutter aufgenommen. Bomber schwärmt davon, dass sich die Clique zu einer neonazistischen Gruppe weiterentwickelt habe. Kurt mag jedoch von den unausgegorenen Parolen nichts mehr hören ...
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Kritik

Trotz gesellschaftskritischer Ansätze hat Manfred Stelzer mit "Brennendes Herz" kein Neonazi-Drama gedreht, sondern eine ergreifende Tragödie über eine unmögliche Liebesbeziehung.
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Vor zwei Jahren zündete der Lübecker Neonazi Ben „Bomber“ (Christoph Franken) bei einem Besuch in Berlin eine Synagoge an. Obwohl er betrunken war, entkam er unerkannt. Sein Freund Kurt (Alexander Scheer), der ihn begleitet hatte, wurde festgenommen und verurteilt, verriet ihn jedoch nicht.

Nach Verbüßung seiner Haftstrafe wird Kurt von Bomber abgeholt. Sie waren schon in der Schule befreundet, und als Kurts Mutter an Krebs starb, nahm Bombers Mutter Sophie Körner (Ingeborg Westphal) den besten Freund ihres Sohnes bei sich auf. Bomber ist noch immer arbeitslos und lebt auf Kosten seiner Mutter, die als Verkäuferin in einem Möbelhaus arbeitet. Fürs Erste kann Kurt wieder bei ihr und Bomber wohnen.

Bomber schwärmt davon, dass sich die Clique zu einer neonazistischen Gruppe mit politischen Zielen und Strategien weiterentwickelt habe. „Wir wollen in zehn Jahren ausländerfrei sein.“ Kurt mag jedoch von den unausgegorenen Parolen nichts mehr hören und nicht mehr so weitermachen wie vor der Verhaftung.

Dass Kurt seine Freiheit wiedergewonnen hat, wollen er und Bomber mit einer Kneipentour feiern. Auf der Straße begegnen sie Bombers früherer Freundin, die mit zwei Türken unterwegs ist. Bomber beschimpft sie als „Türkenschlampe“ und wird daraufhin von ihren Begleitern niedergeschlagen. Kurt hatte vergeblich versucht, Bomber von der Pöbelei abzuhalten, aber als er ihn nun am Boden liegen sieht, setzt er die beiden anderen Männer mit ein paar gezielten Fausthieben außer Gefecht.

Kurz darauf wird Kurt von der Clique in der Stammkneipe empfangen. Nach ein paar Runden Bier verabschiedet sich Bühner, der neue Anführer der Gruppe. Er müsse rechtzeitig zur Eröffnung der Börsen in Sydney und Tokio an seinem Computer sitzen, erklärt er.

Auf der Straße werden die Neonazis von den Türken, die Bomber provoziert hatte, in einen Hinterhalt gelockt und von ihnen und einem Dutzend Freunden verprügelt. Ihr Anführer Saladin (Erhan Emre) schaut nur zu und wundert sich über Kurt, der wie ein Unbeteiligter stehengeblieben ist.

Um sich zu rächen, beschließen die Neonazis, die Stammkneipe der Türken anzuzünden. Kurt gelingt es nicht, sie von dem Vorhaben abzubringen und geht widerwillig mit. Sie schlagen ein Fenster der bereits geschlossenen Gaststätte ein, verschütten Benzin und stellen dann eine kleine brennende Kerze auf den Tresen. Beim Verlassen des Lokals merken sie, dass einer von ihnen das benachbarte Haus angezündet hat, das einem Juden gehören soll und angeblich leer steht. Vom Auto aus schauen sie zu, wie die Fenster und Türen der Kneipe zerbersten. Aus dem brennenden Nachbarhaus sind Hilfeschreie zu hören. Bomber gibt Gas. Aber Kurt bringt ihn dazu, noch einmal kurz anzuhalten, springt aus dem Wagen und stürmt in das brennende Wohnhaus. Im ersten Stock findet er eine junge Türkin. Mit ihr in den Armen springt er aus einem Fenster. Da trifft die Feuerwehr ein. Kurt übergibt das gerettete Mädchen einem Sanitäter und macht sich aus dem Staub.

Kurt besucht Ayse (Ivan Subay) – so heißt die gerettete Türkin – im Krankenhaus, und sie bedankt sich bei ihrem Retter. Obwohl ihr Bruder Saladin von ihr verlangt, sich von dem Deutschen fernzuhalten und behauptet, Kurt sei einer der Brandstifter gewesen, trifft Ayse sich nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus mehrmals mit ihm. Ayses Mutter kehrte nach dem Tod ihres Mannes in die Türkei zurück, aber sie blieb mit ihrem älteren Bruder in Lübeck.

Einmal werden Kurt und Ayse zufällig von der Clique gesehen. Die Neonazis hatten schon nicht verstanden, wieso Kurt einer Türkin das Leben rettete. Dass er sich nun auch noch mit ihr angefreundet hat, lässt sie vollends an ihm zweifeln. Wurde er im Gefängnis zum V-Mann, also zum Verräter?

Als Kurt und Ayse sich erstmals voreinander auszuziehen beginnen, entdeckt die junge Frau das Hakenkreuz-Tattoo an seinem Oberarm. Ist ihr neuer Freund tatsächlich einer der Neonazis, die den Brand legten, bei dem sie beinahe umgekommen wäre? „Wolltest du nur mal sehen, wie es ist, eine Türkin zu ficken?“, schreit sie. Kurt begreift, dass die Liebe zwischen ihm und einer Türkin keine Zukunft hat. Frustriert verlässt er Ayses Wohnung.

Bomber bastelt zu Hause aus einem ausgehöhlten Buch eine Briefbombe. Aus Sorge, sein ungeschickter Freund könne den Sprengkörper vorzeitig zur Explosion bringen, übernimmt Kurt die Verkabelung. Wer die Post bekommen soll, verrät Bomber nicht.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Am nächsten Tag hört Kurt einen Schrei auf der Straße, und als er durchs Fenster schaut, sieht er, wie drei Mitglieder der Clique Ayse überwältigen und in ihren Wagen zerren. Er rennt hinunter, folgt den Entführern mit Ayses Auto, überholt sie und blockiert ihnen den Weg. Nachdem er die Männer verprügelt hat, bringt er Ayse zu ihrem Fahrzeug und schickt sie fort. Die früheren Kameraden greifen ihn von hinten an und schlagen ihn nieder. Dann schleppen sie Kurt in Sophie Körners Wohnung, fesseln ihn und verlangen von Bomber, dass er auf ihn aufpasst, während sie nach Hamburg fahren und dort das Kuvert mit dem Sprengkörper aufgeben.

Kurt überredet Bomber, ihn loszubinden. Als dessen Mutter nach Hause kommt und die neuen Verletzungen in Kurts Gesicht sieht, wirft sie ihn hinaus, weil sie der Meinung ist, dass er sich fortwährend prügelt und auf ihren Sohn einen schlechten Einfluss ausübt.

Bomber erhält von der Clique eine Pistole und den Befehl, den vermeintlichen Überläufer zum Schweigen zu bringen. Als er Kurt auf der Straße gegenübersteht, bringt er es jedoch nicht fertig, ihn zu erschießen. Stattdessen bestätigt er Kurts Verdacht, dass die Briefbombe an Saladin geschickt wurde.

Um Saladin zu warnen und ihn gleichzeitig davon abzuhalten, zur Polizei zu gehen, sucht Kurt nach ihm. In letzter Sekunde findet er ihn beim Friseur. Saladin hat das Kuvert, das er soeben vom Briefträger bekam, bereits geöffnet. Kurt stürmt in den Salon, ruft ihm zu, sich nicht weiter zu bewegen und entschärft den Sprengkörper mit ein paar Handgriffen.

Die Clique hat alles von einer Kneipe auf der gegenüberliegenden Straßenseite aus beobachtet.

Als Kurt aus dem Friseursalon kommt und Ayse zu ihm läuft, erschießt Bomber ihn weinend. Kurt stirbt in Ayses Armen auf der Straße.

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In „Brennendes Herz“ – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Film von Peter Patzak aus dem Jahr 1995 – geht es auf einer Ebene um Fremdenhass und Rechtsextremismus, auf einer anderen um Freundschaft, Verrat und Perspektivlosigkeit, Liebe und Hass. Trotz gesellschaftskritischer Ansätze hat Manfred Stelzer mit „Brennendes Herz“ kein Neonazi-Drama gedreht, sondern eine Tragödie über eine unmögliche Liebesbeziehung. „American History X“ meets „Romeo und Julia“, und die Schlussszene erinnert an „West Side Story“. Während die türkischen Männer und die meisten Neonazis schemenhaft bleiben, sind Ayse, Bomber und Kurt sorgfältig ausgearbeitete Charaktere.

Bomber ist mehr ein gefährlicher Suffkopf als ein gefährlicher Neonazi. Er ist zu feige, sein Leben in die Hand zu nehmen und Verantwortung zu tragen. Da wohnt er lieber bei seiner Mutter und frisst ihr den Kühlschrank leer. Denn der Mutterliebe ist er sich sicher, dafür muss er nicht viel tun. Er ist ein verwöhnter Bengel, kein Kämpfer. Bomber sollte man noch nicht als Neonazi abstempeln, er weiß ja selber nicht richtig, was er sagt und tut. Er plappert Sprüche nach und läuft mit. Er wird immer gefährlicher, weil er keine eigene Meinung hat und seine Angst immer größer wird. (Manfred Stelzer in einem Interview)

Alexander Scheer gelingt es überzeugend, mit sparsamer Mimik und Gestik die innere Zerrissenheit des jungen Mannes darzustellen, der sich innerlich von der Neonazi-Szene entfernt hat, aber weder von seinem Freund Bomber noch von seiner Vergangenheit loskommt und durch die Liebe zu einer Türkin zwischen die Fronten gerät.

„Brenndes Herz“ ist ein packender Film. Daran ändern auch ein paar Schwächen des Drehbuchs nichts. So ist zum Beispiel die Episode über die „Propaganda-Filme“ der Clique missglückt und überflüssig. Wenn Kurt die gerettete Türkin nachts im Krankenhaus besucht, wissen wir nicht, wie er herausfand, wo sie liegt, wie sie heißt und wie er unbemerkt bis an ihr Bett kam? Ebenso unglaubwürdig ist die Szene, in der die Türkin Ayse unbehelligt mit Kurt am Tisch einer Neonazi-Kneipe sitzt, während aus den Lautsprechern markige Musik dröhnt.

Die Dreharbeiten für „Brennendes Herz“ fanden vom 8. Februar bis 10. März 2006 in Lübeck, Hamburg und Umgebung statt. Die Erstausstrahlung des Fernsehfilms von Manfred Stelzer erfolgte am 2. April 2008 im Ersten Programm.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010

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