Solaris

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Solaris

Solaris - Originaltitel: Soljaris - Regie: Andrej Tarkowskij (Andrej Tarkowski, Andrej Tarkowsky) - Drehbuch: Andrej Tarkowskij und Friedrich Gorenstein, nach dem Roman "Solaris" von Stanislaw Lem - Kamera: Wadim Jussow - Schnitt: Lyudmila Feiginova, Nina Marcus - Musik: Eduard Artemyev - Darsteller: Donatas Banionis, Natalia Bondartchuk, Juri Jarwet, Anatoli Solonizin, Vladislav Dvorzhetskij, Nikolai Grinko u.a. - 1972; 160 Minuten

Inhaltsangabe

Als der Psychologe Kris Kelvin auf der Raumstation eintrifft, die zu Forschungszwecken um den fernen Planeten Solaris kreist, findet er zwei überlebende Besatzungsmitglieder vor, die verstört wirken und offenbar Angst haben. Plötzlich glaubt Kris, seine Ehefrau Hari wahrzunehmen. Aber das kann nicht sein, denn sie nahm sich vor zehn Jahren das Leben! ...
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Kritik

"Solaris" – eine kongeniale Verfilmung des gleichnamigen Romans von Stanislaw Lem – ist ein künstlerisches Meisterwerk, das zu Recht als russisches Pendant zu "2001. Odyssee im Weltraum" gilt.
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Die den fernen Planeten Solaris umkreisende sowjetische Orbitalstation wurde für eine aus 85 Personen bestehende Besatzung konzipiert, aber zuletzt befinden sich dort nur noch Dr. Gibarian (Sos Sarkisyan), Dr. Snouth (Yuri Yarvet) und Dr. Sartorius (Anatoli Solonitsyn). Weil die Kontrollstation auf der Erde seit längerer Zeit keine Signale mehr von den Wissenschaftlern erhalten hat und zu befürchten ist, dass sie geisteskrank geworden sind, soll der Psychologe Kris Kelvin (Donatas Banionis), der sich intensiv mit Solaristik beschäftigt hat, nachsehen, was an Bord der Raumstation los ist und eine Empfehlung abgeben, ob das Solaris-Programm abgebrochen oder fortgesetzt werden soll.

Am Tag vor der geplanten Weltraumreise erhält Kris, der sich bei seinem Vater (Nikolai Grinko), den jüngeren Geschwistern und seiner Tante Anna (Tamara Ogorodnikova) in einem abgelegenen Haus an einem See aufhält, Besuch von einem Familienfreund: Berton (Vladislav Dvozhetsky) war vor Jahren selbst an der Solaris-Mission beteiligt. Als damals der Kosmonaut Fechner nach einem Außeneinsatz vermisst wurde, beteiligte sich Berton als Hubschrauber-Pilot an der – vergeblichen – Suchaktion. Anschließend berichtete er einer Kommission von unerklärlichen Erlebnissen während des Fluges: Zunächst hatte er nur Kräuselungen an der Oberfläche des gallertartigen Plasma-Ozeans wahrgenommen, der den Planeten Solaris einhüllt. Dann veränderte sich die Oberfläche, und plötzlich sah er ein nacktes Kind, vier Meter groß und widerlich glitschig. Zum Beweis seiner Aussage legte er während des Fluges gemachte Filmaufnahmen vor, aber darauf waren nur harmlose Wolken zu erkennen. Bis auf den Physiker Professor Messenger (Georgi Tejkh) nahmen alle Mitglieder der Kommission an, Berton habe Halluzinationen mit Wahrnehmungen verwechselt. – Berton zeigt Kris den Film, der von seiner Aussage vor der Kommission gemacht wurde, um ihn vor den mysteriösen Vorgängen im Umfeld des Planeten Solaris zu warnen.

Auf der Orbitalstation wird Kris von niemandem empfangen. Schließlich findet er Dr. Sartorius, der verstört wirkt und Angst zu haben scheint. Dr. Snouth hat sich in seinem Labor eingeschlossen. Erst als Kris droht, die Tür einzutreten, öffnet er sie einen Spalt und schlägt sie gleich wieder zu, als hinter ihm ein Kind auftaucht. Dr. Gibarian hat Kris eine Videobotschaft hinterlassen, bevor er sich das Leben nahm. Kris‘ Verwunderung nimmt noch zu, als er in den Korridoren der Raumstation mehrmals eine Frau vorbeihuschen sieht.

Erschöpft schläft er in seiner Kabine ein. Als er erwacht, sitzt seine Ehefrau Hari (Natalya Bondarchuk) bei ihm. Aber das ist unmöglich, denn sie ist seit zehn Jahren tot! Erschrocken überredet er die Kopie von Hari, in eine Rakete zu klettern und schießt sie ins All.

Snouth, der ebenfalls Erfahrungen mit „Gästen“ gemacht hat, erklärt Kris, dass es sich dabei um eine Materialisierung von Erinnerungen handelt, die offenbar durch den geheimnisvollen Ozean hervorgerufen wird, der den Planeten Solaris umgibt. Seit die Kosmonauten Röntgenstrahlen auf Solaris abgaben, geschieht das.

Kris hatte die echte Hari vor zehn Jahren nach einem Streit verlassen und dabei eine Ampulle mit Gift im Kühlschrank vergessen. Um sich keine Blöße zu geben, wartete er drei Tage, bis er noch einmal hinfuhr, um die Ampulle zu holen. Da fand er Hari tot vor. Sie hatte sich das Gift injiziert, vermutlich, weil er sie nicht mehr liebte. Kris fühlt sich deshalb schuldig.

In der nächsten Nacht taucht das Wesen, das wie Hari aussieht, erneut auf, zieht sich aus und schlüpft zu Kris ins Bett. Als er ihr am Morgen die Kleider wegnimmt und sie einsperrt, bricht sie durch die Metalltüre und verletzt sich dabei. Nachdenklich und zärtlich wischt er ihr das Blut ab – und beobachtet verblüfft, wie die Wunden sich schließen. Dann nimmt er sie zu einer Besprechung mit seinen beiden Kollegen mit. Sartorius schlägt vor, den „Gast“ für wissenschaftliche Experimente zu benutzen und am Ende zu sezieren, aber Kris protestiert und betont, es handele sich um seine Frau.

In seiner Kabine schaut Kris sich zusammen mit Hari Filme von früher an. Sie kann sich nur bruchstückhaft erinnern, beginnt jedoch, sich mit ihrer Situation auseinanderzusetzen und daran zu zweifeln, dass sie wirklich Kris‘ Frau ist. Zugleich wird sie immer menschlicher und entwickelt immer intensivere Gefühle. Eines Nachts taucht Snouth bei Kris auf und schlägt vor, noch einmal Röntgenstrahlen auf Solaris abzugeben, sie diesmal aber mit dem EEG von Kris – also gewissermaßen mit dessen Taggedanken – zu modulieren, und er verrät Kris, dass Sartorius einen Apparat zur Annihilierung von „Gästen“ entwickelt hat. Hari, die im Bett liegen geblieben ist und so tut, als schlafe sie, hört es und erschrickt.

In ihrer Verwirrung und Verzweiflung trinkt Hari flüssigen Sauerstoff. Sie liegt völlig erstarrt am Boden, als Kris sie findet. Nach einiger Zeit taut sie auf und erholt sich.

Inzwischen hat Kris sich in die neue Hari verliebt und beschlossen, nicht mehr zur Erde zurückzukehren, um bei ihr bleiben zu können.

Doch die Anspannung ist zu groß für ihn: Er bricht mit einem Fieberanfall zusammen und wird von Hari gepflegt.

Als er endlich wieder die Augen aufschlägt, übergibt Snouth ihm einen Abschiedsbrief von Hari: Aus Liebe zu Kris und um ihm die Freiheit wiederzugeben, ließ sie sich von Sartorius annihilieren.

Kris glaubt, wieder bei seinem Elternhaus am See zu sein. Er schaut durchs Fenster hinein und sieht seinen Vater, der nass wird, weil es durchs Dach regnet. Als der Vater ihn bemerkt und herauskommt, kniet Kris sich vor ihm nieder.

Am Ende ist es so, als sei das Stück Landschaft mit dem See und dem Haus eine Insel in dem wogenden Ozean, der den Planeten Solaris umgibt.

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Der russische Regisseur Andrej Tarkowskij (Andrei Tarkowski, Andrej Tarkowski, Andrej Tarkowsky) verfilmte den 1961 von dem polnischen Schriftsteller Stanislaw Lem (1921 – 2006) veröffentlichten Roman „Solaris“. Zwar ergänzte er einige Szenen, stellte andere um und verlagerte den inhaltlichen Akzent (dazu gleich mehr), aber der Film ist eine kongeniale Adaptation der literarischen Vorlage.

Im Roman „Solaris“ geht es vor allem um die erkenntnistheoretische Frage, ob Menschen fähig sein würden, mit einer andersartigen extraterrestrischen Intelligenz zu kommunizieren. Stanislaw Lem befürchtete offenbar, dass die Menschheit damit überfordert wäre. (Siehe dazu den Kommentar zum Buch.) Andrej Tarkowskij stellt dagegen die Beziehung von Kris und der materialisierten Erinnerung an seine Frau in den Mittelpunkt, an deren Suizid vor zehn Jahren er sich schuldig fühlt. Die Reise zum fernen Planeten Solaris wird für Kris eine Reise zu sich selbst.

„Solaris“ ist eine philosophische Fabel, aber kein verkopfter Film, sondern ein künstlerisches Meisterwerk, das zu Recht als russisches Pendant zu „2001. Odyssee im Weltraum“ gilt.

Andrej Tarkowskij lässt sich viel Zeit, die Geschichte zu entwickeln. Erst nach vierzig Minuten verlässt Kris sein Elternhaus und bricht zu seiner Weltraumreise auf. Kamerabewegungen, Zooms und Schnitte sind ebenso wohldurchdacht wie jede der zumeist langen Einstellungen. Die Farbsättigung nimmt mehrmals so weit ab, dass die Bilder wie Schwarz-Weiß-Aufnahmen wirken. In machen Sequenzen wird kein Wort gesprochen; eine Musikuntermalung gibt es erst nach vierzig Minuten, und auch dann nicht mehr als ein paar Takte Minimal Music. Erst viel später kommt ein wenig Musik von Johann Sebastian Bach dazu. Dafür sind die Geräusche um so stärker akzentuiert. Obwohl es sich bei „Solaris“ um Science-Fiction handelt, kommt der Film fast ohne Spezialeffekte aus.

Gut 30 Jahre nach Tarkowskij drehte der Amerikaner Steven Soderbergh eine Hollywood-Version: „Solaris“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006

Stanislaw Lem: Solaris
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