High-Rise

High-Rise

High-Rise

High-Rise – Originaltitel: High-Rise – Regie: Ben Wheatley – Drehbuch: Amy Jump, nach dem Roman "High Rise" von James Graham Ballard – Kamera: Laurie Rose – Schnitt: Amy Jump, Ben Wheatley – Musik: Clint Mansell – Darsteller: Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans, Elisabeth Moss, James Purefoy, Keeley Hawes, Dan Renton Skinner, Sienna Guillory, Augustus Prew, Leila Mimmack, Tony Way u.a. – 2015; 110 Minuten

Inhaltsangabe

In einem Hochhaus wohnen die Mieter ent­sprechend ihres sozialen Standes oben, in der Mitte oder unten. Ein Streit über die Schwimm­bad-Nutzung eskaliert zum Klas­sen­kampf. Es kommt zu Vandalismus; Hem­mungen gehen verloren, und Gewalttaten nehmen zu. Obwohl Nahrungsmittel aus­gehen, Müllberge sich auftürmen und Räume verwüstet werden, holt niemand Hilfe von außerhalb. Die Überlebenden richten sich in der Anarchie ein ...
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Kritik

"High-Rise", die Verfilmung einer dys­topischen Gesellschaftssatire von J. G. Ballard, zeigt am Mikrokosmos in einem Hochhaus, was geschieht, wenn Spannungen zwischen privi­le­gier­ten und anderen Schichten eskalieren und zivili­sa­to­rische Hemmungen wegfallen.
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1975 zieht der frisch geschiedene Physiologie-Dozent Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) in ein erst kürzlich fertiggestelltes Hochhaus in London. In dem modernistischen Gebäude gibt es außer den Apartments einen Supermarkt, ein Fitness-Studio und ein Schwimmbad, einen Kindergarten und eine Schule. Bei der Ankunft mit seinem Cabrio auf dem Parkplatz vor dem Wolkenkratzer ärgert sich der Facharzt über eine Möwe, die ihm aufs Hemd macht.

Während er sich nackt auf dem Balkon sonnt und dabei eingeschlafen ist, fällt vom Balkon darüber ein Cocktail-Glas herab und zerbricht neben ihm am Boden. Er schreckt hoch. Charlotte Melville (Sienna Miller), die Mieterin des Apartments über ihm, beugt sich über die Balkonbrüstung und entschuldigt sich: Ihrem Besucher Richard Wilder (Luke Evans) fiel das Glas aus der Hand. Sie fordert den neuen Mieter auf, zu ihr hochzukommen, sobald er angezogen ist. Beim Sex werden sie dann von Toby, dem Sohn der alleinerziehenden Mutter, und dem Kindermädchen Laura (Leila Mimmack) überrascht.

Die beiden beginnen eine Affäre. Erst später erfährt Robert Laing, dass Anthony Royal der Vater ihres Sohnes Toby sein soll.

Kurz darauf lädt Anthony Royal (Jeremy Irons), der im Penthouse wohnende Architekt und Besitzer des Hochhauses, den neuen Mieter zum Antrittsbesuch ein. Sein Assistent Simmons (Dan Renton Skinner) bringt Robert Laing mit einem privaten Schnellaufzug in die 40. Etage. Der Besucher staunt über die riesige Dach­garten­anlage, in der er nicht nur ein schwarzes Schaf, sondern auch einen Schimmel entdeckt. Der Architekt erklärt, er sei Modernist, aber seine auf einem Landsitz aufgewachsene Frau Ann (Keeley Hawes) benötige die nostalgische Umgebung und die Möglichkeit zum Ausreiten.

Anthony Royal lädt Robert Laing zu einem Ball ein, den seine Frau in zwei Tagen geben wird. Als der Arzt hingeht, stellt er überrascht fest, dass er als Einziger einen Anzug trägt. Alle anderen Gäste sind ebenso wie die Musiker in Barock-Kostümen erschienen. Simmons nimmt ihm die Flasche Wein ab, die er mitgebracht hat – ein viel zu billiges Gastgeschenk – und schubst ihn in den Lift. Darin bleibt Laing wegen eines Stromausfalls einige Zeit eingeschlossen.

Die Etagen entsprechen dem Status der Bewohner. Ganz oben wohnt das Architekten-Ehepaar und die mit Ann Royal befreundete lesbische Schauspielerin Jane Sheridan (Sienna Guillory). Die unteren Stockwerke sind Angehörigen der Mittelschicht und Familien mit Kindern vorbehalten, zum Beispiel dem Dokumentarfilmer Richard Wilder, seiner hochschwangeren Ehefrau Helen (Elisabeth Moss) und ihren beiden Kindern.

Robert Laings Apartment befindet sich in der 25. Etage. Der übellaunige, streitsüchtige Gynäkologe Pangbourne (James Purefoy) ist einer seiner Nachbarn.

Unter den Gästen des Barock-Kostümfestes, die Laing wegen seiner unpassenden Kleidung verlachten, war auch einer seiner Studenten: Munrow (Augustus Prew). Der kippte unlängst um, als Laing demonstrierte, wie man einen Schädel öffnet und die Gesichtshaut ablöst. Vorsichtshalber lässt Munrow eine CT von seinem Gehirn machen. Um sich für die Demütigung beim Ball zu rächen, erweckt Laing bei der Besprechung des Ergebnisses absichtlich den falschen Eindruck, Munrow sei krank. Daraufhin stürzt sich der betrunkene Student während einer Party im 39. Stockwerk des Hochhauses in die Tiefe. Trotz des Suizids ruft niemand die Polizei, und es kommt auch kein Streifenwagen.

Der Hauswart Robert (Tony Way) kämpft vergebens gegen verstopfte Müll­schächte. Immer wieder kommt es zu Strom- und Wasserausfällen. Im Supermarkt verfaulen die Pfirsiche. Die Unzufriedenheit der Bewohner wächst, und schließlich stürmen Mieter aus den unteren Stockwerken das den Menschen in den Topetagen vorbehaltene Schwimmbad. Ann Royals Hund wird ertränkt. Als die Nahrungsmittel knapp werden, plündern Hungernde den Supermarkt. Überall türmen sich Müllsäcke. Die Gewalttätigkeiten nehmen zu. Parallel dazu fallen Hemmschwellen, und es werden Orgien gefeiert, auch im Penthouse, wo Ann Royal angeritten kommt und vom Pferd springt, während nackte Paare kopulieren. „Wer fickt mich in den Arsch?“, schreit die hochnäsige Architektengattin.

Zur gleichen Zeit, aber einige Etagen tiefer, treibt Robert Laing es mit seiner Besucherin Helen Wilder im Stehen. Als die Hochschwangere sein Apartment verlässt, um in ihre Wohnung zurückzukehren, wird sie von ein paar geilen Kerlen im Treppenhaus überfallen.

Ihr Kokain schnupfender Ehemann Richard, der die Auseinandersetzungen im Hochhaus mit seiner Kamera dokumentieren will, dringt bei Charlotte Melville ein und vergewaltigt sie. Er heizt den Aufruhr an. Vom über die ausbleibende Bezahlung frustrierten Dienstmädchen der Royals erhält Richard Wilder zwar keinen Schlüssel für das Penthouse, aber einen alten Revolver.

Der Rechtsanwalt Mercer (Bill Paterson) und einige andere Bewohner oberster Etagen wollen Dr. Robert Laing zwingen, bei dem Rädelsführer Richard Wilder eine Lobotomie durchzuführen. Er weigert sich und meint, Wilder sei wahrscheinlich der gesündeste Mensch im ganzen Hochhaus. Aufgebracht zerren ihn Topetagen-Bewohner zur Balkonbrüstung des Penthouses, aber Anthony Royal hält sie davon ab, den Arzt zu töten.

Der Architekt selbst entgeht der Ermordung nicht. Toby beobachtet durch ein selbst gebasteltes Kaleidoskop, wie Richard Wilder ihn erschießt und kurz darauf von Ann Royal und anderen Frauen umgebracht wird. Zur gleichen Zeit bringt Helen ihr drittes Kind zur Welt.

Toby hört im Radio Margaret Thatcher. Die Premierministerin erklärt, dass es in einem staatskapitalistischen System keine politische Freiheit geben könne.

Robert Laing sitzt auf seinem Balkon und grillt an einem selbstgebastelten Drehspieß einen Husky, um seinen Hunger zu stillen.

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James Graham Ballard (1930 – 2009) veröffentlichte 1975 den dystopischen Roman „High-Rise“. Die deutsche Übersetzung von Walter Brumm erschien 1982 unter dem Titel „Der Block“. Die Neuübersetzung von Michael Koseler trug zunächst den Titel „Hochhaus“ (Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1992). Der wurde 2016 in „High-Rise“ geändert (Diaphanes, Zürich 2016, 252 Seiten, ISBN 978-3-03734-932-8).

Der mit James Graham Ballard befreundete Produzent Jeremy Thomas erwarb noch im Erscheinungsjahr des Buches die Verfilmungsrechte, aber das Projekt „High-Rise“ wurde erst Jahrzehnte später realisiert, unter der Regie von Ben Wheatley und nach einem Drehbuch seiner Ehefrau Amy Jump.

Der Mikrokosmos in einem Hochhaus für 2000 Mieter spiegelt die Gesellschaft. Die Etage korreliert mit dem sozialen Stand. Ein Streit über die Nutzung des Schwimm­bads eskaliert und verschärft die Spannungen zwischen den Bewohnern der unteren Stockwerke, des mittleren Bereichs und der Topetagen. Die einen protestieren gegen Fehlfunktionen im Haus und fordern einen gerechteren Anteil an den Annehmlichkeiten. Die Party feiernden Privilegierten verteidigen jedoch ihren Besitzstand. Richard Wilder, einer der Aufrührer, strebt keine gesellschaftlichen Ideale an, sondern ruft aus Frustration über eine fehlende Zukunftsperspektive zum Klassenkampf auf. Bemerkenswert ist, dass es unter den Mietern in dem Wolkenkratzer keine Arbeiterklasse gibt. Ganz unten wohnen Angehörige des gesellschaftlichen Mittelstands und Familien mit Kindern. Es kommt zu Vandalismus; Hemmungen gehen verloren, und Gewalttaten nehmen zu. Obwohl Nahrungsmittel ausgehen, Müllberge sich auftürmen und Räum­lich­keiten verwüstet werden, holt niemand Hilfe von außerhalb. Die Überlebenden richten sich in der Anarchie ein.

„High-Rise“ veranschaulicht die These, dass Bewohner vom baulichen Umfeld beeinflusst werden. Aus diesem Grund scheiterte die in den Fünfzigerjahren im Rahmen einer Flächensanierung für 2870 ärmere Familien nach Plänen des Architekten Minoru Yamasaki errichtete, nach dem afroamerikanischen Kampfpiloten Wendell O. Pruitt und dem Kongressabgeordneten William L. Igoe benannte Wohnanlage in St. Louis/Missouri. Gerade einmal zwanzig Jahre lang standen die 33 elfstöckigen Gebäude von Pruitt-Igoe, dann wurden sie abgerissen. Ähnlich negative Erfahrungen machten die Franzosen mit Trabantenstädten von Paris (Banlieue). James Graham Ballard mag aber auch an andere Mietskasernen gedacht haben, beispielsweise den 1972 fertiggestellten Trellick-Tower in London.

Auf dem Titel der Originalausgabe des Romans „High-Rise“ von J. G. Ballard ist übrigens ein Hochhaus des Architekten Hans Schwippert im Berliner Hansaviertel abgebildet.

Chris Hall vergleicht die drei Bereiche des Hochhauses in „High-Rise“ mit Sigmund Freuds Strukturmodell: Richard Wilder personifiziert das Es, Robert Laing das Ich, Anthony Royal das Über-Ich. Daran mag auch James Graham Ballard gedacht haben, denn vielleicht ist es kein Zufall, dass der Name des im 25. von 40. Stockwerken eingezogenen Physiologen dem des schottischen Psychiaters Ronald David Laing (1927 – 1989) entspricht, der zu den Gründern der antipsychiatrischen Bewegung zählt.

Hauptfigur der surrealistischen Gesellschaftssatire „High-Rise“ ist der von Tom Hiddleston eindrucksvoll verkörperte Physiologe Robert Laing. Mit der Szene, in der er einen Husky grillt, um seinen Hunger zu stillen, beginnt der Film. Dann heißt es „Drei Monate früher“. Nach diesem Zeitsprung entwickelt Ben Wheatley die ins Chaos abdriftende Handlung chronologisch. In der Mitte wohnend, muss sich Robert Laing (wie das Ich zwischen Über-Ich und Es) zwischen oben und unten entscheiden.

So findet die in Ballards Buch prognostizierte ökonomische und soziale Verödung des „Grey Britain“ der Siebziger ihre weltweite Fortsetzung in jenen entvölkerten Spekulationskathedralen aus Glas und Sichtbeton, die heute den urbanen Raum dominieren. Ballards Prosa skizziert auch, wie der industrielle Niedergang und das Verschwinden der Produktivkräfte mit ihrem inhärenten revolutionären Potential neue Formen des Protests gebiert. […]
Zwischen gut gelauntem Nihilismus und satirischer Kulturkritik beschreibt „High-Rise“ somit einen Ort, an dem sich die Gesellschaft häutet. Ob sie sich dabei ihrer selbst entledigt oder aber zu einer neuen Form findet, bleibt abzuwarten. Der Vorgang aber, so unappetitlich er auch sei, ist faszinierend anzusehen. (David Kleingers: Sex, Gewalt und eine Dose Hundefutter, „Spiegel online“, 29. Juni 2016)

„High-Rise“ spielt mit wenigen Ausnahmen im Hochhaus. Es wurde zwar an verschiedenen Locations gedreht, aber ein immer wieder gezeigter, von dem Designer Mark Tildesle entworfener Betonpfeiler täuscht vor, dass wir uns stets im selben Bauwerk befinden. Das stylische Szenenbild war für eine „Oscar“-Nominierung im Gespräch.

Die Dreharbeiten begannen im Juli 2014 in Belfast. Ein Großteil der Aufnahmen entstand im nordirischen Seaside Resort Bangor, und der Bangor Castle Walled Garden diente als Kulisse für den Dachgarten der Royals in „High-Rise“.

Außer zwölf von Clint Mansell für „High-Rise“ komponierten Songs ist der 1975 von der Gruppe „ABBA“ eingespielte Hit „SOS“ in einer Instrumental­version zu hören.

In Deutschland sollte „High-Rise“ zunächst am 1. September 2016 in die Kinos kommen, aber am Ende wurde der Termin auf den 30. Juni 2016 vorgezogen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016

Nicolai Lilin - Sibirische Erziehung
Lesenswert ist "Sibirische Erziehung" nicht wegen literarischer Qualitäten, sondern weil es sich um den Erlebnisbericht eines Insiders handelt, der in einer Gesellschaft aufwuchs, von der wir zumindest in Deutschland noch kaum etwas gehört haben.
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