Frau ohne Gewissen

Frau ohne Gewissen

Frau ohne Gewissen

Frau ohne Gewissen – Originaltitel: Double Indemnity – Regie: Billy Wilder – Drehbuch: Billy Wilder und Raymond Chandler, nach einem Roman "Double Indemnity" von James M. Cain – Kamera: John F. Seitz – Schnitt: Doane Harrison – Musik: Miklos Rozsa – Darsteller: Fred MacMurray, Barbara Stanwyck, Edward G. Robinson, Porter Hall, Jean Heather, Tom Powers, Byron Barr, Richard Gaines u.a. – 1944; 105 Minuten

Inhaltsangabe

Der unbescholtene Versicherungsvertreter Walter Neff verfällt einer Femme fatale. Phyllis Dietrichson beabsichtigt, für ihren reichen Ehemann eine Lebensversicherung abzuschließen und ihn dann aus dem Weg zu schaffen. Walter ist bereit, den Mord mit ihrer Hilfe durchzuführen, und damit Phyllis die doppelte Versicherungssumme kassieren kann, täuscht er einen Unfall während einer Zugfahrt vor ...
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Kritik

"Frau ohne Gewissen", die Verfilmung des Romans "Double Indemnity" von James M. Cain, gilt als Klassiker des amerikanischen film noir. Exzellent ist u. a. das Drehbuch von Billy Wilder und Raymond Chandler.
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Walter Neff (Fred MacMurray) arbeitet seit elf Jahren als Versicherungsvertreter. Als er bei dem Unternehmer Mr Dietrichson (Tom Powers) klingelt, dessen drei Jahre alte Kfz-Versicherungspolice erneuert werden müsste, ist dieser nicht zu Hause und das Dienstmädchen Nettie (Betty Farrington) versucht, den Vertreter loszuwerden. Aber Phyllis Dietrichson (Barbara Stanwyck), die Ehefrau des Unternehmers, bittet Walter herein. Er ist hingerissen von der Blondine, die gerade ein Sonnenbad nahm und erst noch in ein Kleid schlüpfen muss. Phyllis unterhält sich eine Weile mit Walter und verabredet dann einen weiteren Besuchstermin mit ihm.

Als Walter zur vereinbarten Zeit kommt, ist Mr Dietrichson allerdings wieder nicht zu Hause. Phyllis erkundigt sich, ob sie ohne Wissen ihres Mannes eine Lebensversicherung für ihn abschließen könne. Walter durchschaut sofort, dass sie einen Mord plant und verabschiedet sich empört.

Aber als sie am Abend zu ihm in die Wohnung kommt, verfällt er ihr. Er denkt nun selbst über eine Möglichkeit nach, Mr Dietrichson aus dem Weg zu räumen und sicherzustellen, dass Phyllis die Versicherungssumme ausbezahlt bekommt.

Bei seinem dritten Besuch in der Villa der Dietrichson trifft Walter den Hausherrn erstmals an. Er bringt ihn dazu, nicht nur unbesehen die Unterlagen für die Verlängerung der Kfz-Versicherung zu unterschreiben, sondern auch noch eine angebliche Zweitausfertigung, bei der es sich jedoch um den Vertrag über eine Lebensversicherung handelt.

Anschließend bittet ihn Lola (Jean Heather), die halb erwachsene Tochter Dietrichsons aus seiner ersten Ehe, sie in die Stadt zu fahren und gesteht ihm, dass sie sich gegen den Willen ihres Vaters mit dem mittellosen Medizinstudenten Nino Zachetti (Byron Barr) verabredet hat.

Walter hat vor, Dietrichson zu ermorden und einen Unfall während einer Zugfahrt vorzutäuschen, denn in diesem Fall zahlt die Versicherung das Doppelte der Versicherungssumme (double indemnity), 100 000 statt 50 000 Dollar. Um die Einzelheiten des Mordplans zu besprechen, trifft er sich jeden Tag um die gleiche Zeit mit Phyllis in einem Supermarkt.

Unerwartet bricht Dietrichson sich ein Bein. Trotz des Gipses und der Krücken lässt er sich von Phyllis überreden, eine Dienstreise nach Palo Alto anzutreten, und statt mit dem Auto zu fahren, will er den Nachtzug nehmen.

Walter versteckt sich im Fond des Wagens. Ein paar Minuten später setzt Phyllis sich ans Steuer, angeblich, um ihren Mann zum Bahnhof zu bringen. Tatsächlich biegt sie in eine Seitenstraße ein, wo Walter dem Unternehmer das Genick bricht. Dann erst fahren sie zum Bahnhof. Dort tut Walter so, als sei er Dietrichson, geht an Krücken und lässt sich von Phyllis bis zum Schlafwagen begleiten.

Sobald der Zug den Bahnhof verlassen hat, fährt Phyllis mit der Leiche ihres Mannes im Auto zu einer vorher mit Walter verabredeten Stelle an der Bahnstrecke und wartet dort.

Auf der hinteren Plattform des Zuges wird Walter alias Mr Dietrichson von einem anderen Fahrgast in ein Gespräch verwickelt. Walter achtet darauf, dass sein Gesicht im Schatten bleibt, und während der andere unterwegs ist, um ihm seine Zigarren aus dem Abteil zu holen, springt Walter an der vorgesehenen Stelle aus dem langsam fahrenden Zug. Dann legt er mit Phyllis‘ Hilfe den Toten und die Krücken neben die Schienen.

Zurück in der Stadt, gelangt Walter wieder in seine Wohnung, ohne dass ihn jemand sieht. Die Papierschnitzel, die er in die Türglocke und ins Läutwerk des Telefons geschoben hat, sind noch da: Es hat also weder jemand angerufen noch geklingelt. Unmittelbar vor seinem Aufbruch bat Walter den im Parkhaus angestellten Afroamerikaner Charlie (Sam McDaniel), seinen Wagen zu waschen. Nun erkundigt er sich bei Charlie nach seinem Wagen, behauptet, den ganzen Abend in seiner Wohnung gearbeitet zu haben und kündigt an, zum Essen in ein Restaurant zu gehen. Auf diese Weise verschafft Walter sich für die Tatzeit ein Alibi.

Am nächsten Tag werden er und sein mit ihm befreundeter Kollege Barton Keyes (Edward G. Robinson) zum Direktor der Versicherung gerufen. Edward S. Norton (Richard Gaines) hat auch die Witwe Phyllis Dietrichson gebeten, vorbeizukommen. Nachdem er ihr sein Beileid ausgedrückt hat, eröffnet er ihr, dass ihr zweiundfünfzig Jahre alter Mann seiner Überzeugung nach nicht durch einen Unfall, sondern durch Selbstmord starb, und das sei durch die Lebensversicherung nicht abgedeckt. Allerdings bietet er ihr aus Kulanz die Auszahlung einer kleinen Geldsumme an. Auf diese Regelung, mit der Norton Schaden von der Versicherung abwenden will, lässt Phyllis sich jedoch nicht ein. Aufgebracht verlässt sie den Raum.

Barton Keyes, der mit der Untersuchung des Falls beauftragt wird, kann sich nicht vorstellen, dass jemand in selbstmörderischer Absicht aus einem langsam fahrenden Zug springt. Er glaubt also nicht an einen Suizid, hat aber das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, denn er wundert sich darüber, dass Mr Dietrichson die Beinverletzung nicht meldete, obwohl ein Unfall durch die Lebensversicherung gedeckt gewesen wäre. Der „kleine Mann“ in seinem Bauch sagt Keyes, dass ein Betrugsversuch vorliegt.

Am nächsten Tag kommt Lola Dietrichson zu Walter ins Büro. Sie verdächtigt ihre Stiefmutter, nicht nur vor sechs Jahren ihre Mutter, sondern jetzt auch noch ihren Vater ermordet zu haben. Phyllis war von Mr Dietrichson als Krankenschwester angestellt worden. Sie hatte seine kranke Frau pflegen sollen, aber diese war nach kurzer Zeit gestorben. Ein halbes Jahr später hatte Phyllis den Witwer geheiratet. Weil Nino mit Lola Schluss machte und sie ihn des Öfteren mit ihrer Stiefmutter sah, vermutet sie, dass Nino Phyllis bei der Ermordung des Vaters geholfen habe.

Eines Morgens, als Walter ins Versicherungsgebäude kommt, sieht er den Herrn vor Keyes‘ Büro sitzen, der ihm die Zigarren aus dem Zugabteil holen wollte. In Walters Beisein befragt Keyes Mr Jackson (Porter Hall). Der ist sich aufgrund von Fotos sicher, dass der Mann im Zug nicht Mr Dietrichson war. Walter kommt ihm bekannt vor, aber er kann sich nicht erinnern, wo er ihn schon einmal gesehen hat.

Mr Jacksons Aussage überzeugt Keyes davon, dass Dietrichson ermordet wurde. Er weiß nur noch nicht, wer Phyllis bei der Durchführung des Verbrechens half.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Weil Walter befürchtet, dass sein Freund ihn bereits durchschaut hat, hört er sich heimlich an, was Keyes auf sein Diktiergerät gesprochen hat. Keyes verbürgt sich gegenüber Norton für Walter und verdächtigt den 28-jährigen Studenten Nino Zachetti als Mörder. Zeugenaussagen lassen den Schluss zu, dass er seit einiger Zeit eine Affäre mit Phyllis Dietrichson hat.

Walter, der Lola nicht glauben wollte, begreift, dass Phyllis ihn mit Nino Zachetti betrügt und seine Liebe nur ausgenutzt hat, um ihren Mann ebenso zu beseitigen, wie sie es mit dessen Ehefrau getan hatte. Um sie zur Rechenschaft zu ziehen, verabredet er sich spätabends mit ihr in der Villa. Phyllis hat vorsichtshalber eine Pistole unter dem Polster der Couch versteckt und schießt auf Walter, als dieser sie zur Rede stellt. Sie trifft ihn unterhalb der linken Schulter. Statt noch einmal abzudrücken, wirft sie sich in seine Arme, aber seine Gefühle für sie sind in Hass umgeschlagen. Er nimmt ihr die Waffe aus der Hand und erschießt sie aus nächster Nähe.

Vor dem Haus trifft er auf Nino. Walter rät dem jungen Mann, nicht hineinzugehen, sondern sich mit Lola zu versöhnen, die inzwischen allein in einem kleinen Apartment wohnt. Aber Phyllis habe ihm gesagt, Lola wolle nichts mehr von ihm wissen, wendet Nino ein. Das sei eine Lüge gewesen, erklärt Walter.

Dann schleppt er sich in Barton Keyes‘ Büro und spricht ein volles Geständnis ins Diktiergerät, während ihn der Blutverlust zusehens schwächt. „Ich ermordete ihn für Geld und wegen einer Frau“, beginnt er. „Ich bekam weder das Geld noch die Frau.“ Als sein Freund am frühen Morgen kommt, beendet Walter gerade seine Aussage, aber Keyes hat noch so viel gehört, dass er jetzt weiß, wer Phyllis Dietrichsons Komplize war. Walter hält ihn davon ab, den Notarzt zu rufen, denn er will nicht gesund gepflegt werden, nur um danach auf dem elektrischen Stuhl zu enden. Er bittet Keyes, mit dem Anruf bei der Polizei noch ein paar Minuten zu warten. Aber er schafft es nur bis zur Tür. Dann bricht er zusammen.

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Das spannende Kriminaldrama „Frau ohne Gewissen“ („Double Indemnity“) basiert auf dem 1936 von James M. Cain veröffentlichten Thriller „Double Indemnity“ („Doppelte Abfindung“, Übersetzung: Sabine Hübner, Goldmann Verlag, München 1989). Das Drehbuch schrieben Billy Wilder und Raymond Chandler. Dabei fügten sie als Rahmenhandlung Walter Neffs Geständnis ein, sodas die Geschichte von ihm und aus seiner Perspektive erzählt wird.

Die Figuren in „Frau ohne Gewissen“ und ihre Motive werden gut beschrieben. Die Handlung entwickelt sich stringent, elegant und lückenlos. Hervorzuheben ist auch die Kameraführung von John F. Seitz, der in dem Schwarz-Weiß-Film auf kontrastreiche Licht-und-Schatten-Verhältnisse achtet.

Zwei Hauptfiguren, eine Femme fatale und ein von ihr betörter Versicherungsvertreter, die zusammen einen Mord durchführen und mit denen sich die Zuschauer dennoch identifizieren können, das war 1944 in Hollywood etwas Neues. Heute wird „Frau ohne Gewissen“ als einer der wichtigsten Filme des amerikanischen film noir geschätzt.

Ursprünglich endete der Film mit Walter Neffs Hinrichtung in der Gaskammer. Aber Billy Wilder änderte die letzten Sequenzen dann so ab, wie wir den Film heute kennen.

Barbara Stanwyck trägt in „Frau ohne Gewissen“ eine Perücke mit einer albernen Tolle. Als Billy Wilder sich daran störte, waren bereits so viele Szenen gedreht, dass er die Frisur nicht mehr ändern konnte.

Über den deutschen Titel soll Billy Wilder sich lustig gemacht haben: „Frau ohne Gewissen? Das trifft doch auf nahezu jede Frau zu.“ (Hellmuth Karasek: Billy Wilder. Eine Nahaufnahme)

In sieben Kategorien wurde „Frau ohne Gewissen“ für einen „Oscar“ nominiert, aber der Film ging am Ende leer aus.

1992 wurde „Frau ohne Gewissen“ ins National Film Registry der Library of Congress aufgenommen, das Verzeichnis US-amerikanischer Filme, die für besonders erhaltenswert gelten.

In einer ganzen Reihe von Kinofilmen gibt es Anspielungen auf „Frau ohne Gewissen“, oder es sind Ausschnitte daraus als Film im Film zu sehen, wie in „Manhattan Murder Mystery“ von Woody Allen und „Femme Fatale“ von Brian De Palma.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012

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