Wilhelm Furtwängler


Wilhelm Furtwängler wurde am 25. Januar 1886 in Berlin als Sohn des Archäologen Adolf Furtwängler (1854 – 1907) und dessen Ehefrau Adelheid, einer Malerin, geboren. Zur Schule ging er in München, bis er mit dreizehn Privatunterricht erhielt, unter anderem in Klavier und Kompositionslehre. 1902 komponierte er die erste von drei Sinfonien, die er einige Jahre später in Breslau – wo er inzwischen als Korepititor tätig war – selbst uraufführte.

Nach Engagements am Stadttheater in Straßburg (1910), beim Verein der Musikfreunde in Lübeck (1911 – 1915) und am Mannheimer Hoftheater (1915 – 1920) übernahm er 1920 die Leitung der Museumskonzerte in Frankfurt am Main und folgte im selben Jahr Richard Strauss (1864 – 1949) als Dirigent des Orchesters der Berliner Staatsoper. Zwei Jahre später löste er Arthur Nikisch (1855 – 1922) als Leiter der Berliner Philharmoniker und des Gewandhausorchesters Leipzig ab. 1925 bis 1927 trat Wilhelm Furtwängler als Gastdirigent mit dem New York Philharmonic Orchestra auf. Um 1928 zusätzlich zu den Berliner Philharmonikern die Wiener Philharmoniker übernehmen zu können, gab er die Leitung des Gewandhausorchesters ab. Drei Jahre später oblag ihm zusammen mit Arturo Toscanini die Gesamtleitung der Bayreuther Festspiele.

1933 ließ Wilhelm Furtwängler sich zum preußischen Staatsrat, Direktor der Berliner Staatsoper und Vizepräsidenten der Reichsmusikkammer ernennen.

Wilhelm Furtwängler kritisierte am 11. April 1933 in einem offenen Brief an Joseph Goebbels die Diskriminierung jüdischer Musiker: „Nur einen Trennungsstrich erkenne ich letzten Endes an: den zwischen guter und schlechter Kunst.“ Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda antwortete sofort: „Lediglich eine Kunst, die aus dem vollen Volkstum selbst schöpft, kann am Ende gut sein und dem Volke, für das sie geschaffen wird, etwas bedeuten […] Gut muss die Kunst sein; darüber hinaus aber auch verantwortungsbewusst, gekonnt, volksnahe und kämpferisch.“

Die „Mathis“-Sinfonie des von Goebbels als „atonaler Geräuschmacher“ verunglimpften Komponisten Paul Hindemith (1895 – 1963) wurde im März 1934 von Wilhelm Furtwängler uraufgeführt, aber die Nationalsozialisten verhinderten, dass auch Hindemiths Oper „Mathis der Maler“ auf die Bühne kam. Nach einem vergeblichen Versuch, in dieser Angelegenheit von Adolf Hitler empfangen zu werden, setzte Wilhelm Furtwängler sich am 25. November 1934 in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ für Paul Hindemith ein. Dafür applaudierte ihm das Publikum sowohl vor einer Generalprobe am Vormittag in der Philharmonie als auch vor einer „Tristan“-Aufführung am Abend in der Staatsoper.

Göring und Goebbels erstarrten in ihren Logen. Noch in der Nacht warnte Hermann Göring den „Führer“, der Künstler gefährde die Autorität des Regimes. Am 4. Dezember meldete das Deutsche Nachrichtenbüro, Wilhelm Furtwängler habe beim preußischen Ministerpräsidenten Göring seinen Rücktritt als Direktor der Berliner Staatsoper eingereicht und Goebbels ersucht, ihn von seinen Aufgaben als Vizepräsident der Reichsmusikkammer und Leiter der Berliner Philharmoniker zu entbinden. Der weltberühmte Dirigent beabsichtigte, in die USA auszuwandern und rechnete sich gute Chancen aus, die Leitung des New York Philharmonic Orchestra zu übernehmen – aber sein erbitterter Konkurrent Arturo Toscanini (1867 – 1957) durchkreuzte diese Pläne durch kritische Äußerungen in der Öffentlichkeit. Deshalb blieb Wilhelm Furtwängler in Deutschland. Nach einem Treffen mit Goebbels am 28. Februar 1935 bedauerte er „die Folgen und Folgerungen politischer Art, die an seinen Artikel geknüpft worden seien, um so mehr, als es ihm völlig ferngelegen habe, durch diesen Artikel in die Leitung der Reichskunstpolitik einzugreifen“. Erneut übernahm er die Berliner Philharmoniker und 1939 auch die Wiener Philharmoniker.

Als der Alliierte Kontrollrat Wilhelm Furtwängler 1945 wegen seiner Zusammenarbeit mit dem NS-Regime seiner Ämter enthob, übersiedelte er mit seiner zweiten Ehefrau Elisabeth nach Clarens am Genfer See. Im Jahr darauf wurde er von den gegen ihn erhobenen Beschuldigungen freigesprochen und wieder mit der Leitung der Berliner Philharmoniker beauftragt. 1951 eröffnete er mit der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven die ersten Bayreuther Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wilhelm Furtwängler starb am 30. November 1954 in Baden-Baden.

Wie gern, wie frei, wie bewundernd und verehrend lässt sich vom Musiker Wilhelm Furtwängler reden, ja schwärmen. Aber hat nicht auch er seinen Charakterzoll an die Politik zahlen müssen? War nicht auch er Hitlers „Lakai“? Hat er nicht – ein schlechter Konjunktur-Demokrat – noch nach 1945 von biologisch gesunder Musik und Zwölfton-Intellektualität salbadert, obwohl er als junger Dirigent bemerkenswert viel Modernes aufführte? Ist ihm nicht der Hass einer enttäuschten Welt […] während der Nazi-Zeit und erst recht danach entgegengeschlagen? Die großen jüdischen Musiker in Amerika (Rubinstein, Horowitz, Bruno Walter) verhinderten sogar, dass er nach 1945 in die USA reisen durfte … (Joachim Kaiser, 25. Januar 1986).

© Dieter Wunderlich 2004

István Szabó: Taking Sides. Der Fall Furtwängler

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