Autismus

Der Psychiater Eugen Bleuler prägte 1911 den Begriff Autismus und meinte damit eine bei Schizophrenen beobachtete abnorme Selbstbezogenheit. Der Kinderpsychiater Leo Kanner („Autistic disturbances of affective contact“, 1943) und der Kinderarzt Hans Asperger („Die ‚Autistischen Psychopathen‘ im Kindesalter“, 1944) beschrieben unabhängig voneinander zwei verschiedene, später nach ihnen benannte Syndrome, die sie als autistisch bezeichneten (Kanner-Syndrom, Asperger-Syndrom).

Heute verstehen wir unter dem Begriff Autismus ein von „Schüchternheit“ bis zu Schwerbehinderungen reichendes Spektrum von Kontaktstörungen, die mit der unadäquaten Wahrnehmung verbaler und nonverbaler Signale sowie einer Abkapselung von der Umwelt zusammenhängen und sich schon in der Kindheit manifestieren. Weil Autisten Mimik und Gestik anderer Menschen nicht „richtig“ einordnen können, ist ihre Fähigkeit zur Kommunikation und zur sozialen Interaktion beeinträchtigt. Einige sind gefühlsblind (Alexithymie), andere können sich nicht in Mitmenschen einfühlen (kognitive Empathie) oder mit ihnen mitfühlen (affektive Empathie).

Bei vielen autistischen Kindern verzögert sich die Sprachentwicklung; sie neigen zu eigenen Neologismen und verwechseln mitunter „ich“ und „du“. Selbst Autisten, die Texte verstehen, haben Schwierigkeiten, „zwischen den Zeilen“ zu lesen. In schweren Fällen verwenden sie Sprache nicht, um sich mitzuteilen, sondern eher mechanisch, etwa durch Echolalie.

Wie Zwangsneurotiker können viele Autisten durch Veränderungen in ihrer Umgebung in Panik geraten. Sie beharren im Alltagsleben auf eigenen Regeln und starren Ritualen. Es fällt ihnen schwer, Handlungen vorausschauend zu planen oder gar bei der Umsetzung flexibel auf veränderte Gegebenheiten bzw. unerwartete Reaktionen zu reagieren.

Hin und wieder weisen Autisten in bestimmten Teilbereichen außergewöhnliche geistige Fähigkeiten auf, beispielsweise im Kopfrechnen (Savant, Inselbegabung). Außerdem gibt es Autisten mit besonders feiner Sensorik, beispielsweise mit einer enormen Sehschärfe oder aber auch einer Hörfähigkeit, die schon mäßigen Lärm schmerzhaft werden lässt.

Die Auslöser autistischer Störungen sind weitgehend ungeklärt. So gut wie sicher ist nur, dass es komplexe genetische Ursachen für Autismus gibt. Zwar werden mitunter neurologische Auffälligkeiten diagnostiziert, aber es bleibt unklar, was Ursache und Wirkung ist. Und warum Jungen deutlich häufiger als Mädchen von Autismus betroffen sind, wissen wir auch nicht.

Der Grad und der Verlauf der psychischen Abnormitäten sind von Patient zu Patient verschieden. Man schätzt, dass 10 bis 15 Prozent der autistischen Kinder als Erwachsene in der Lage sind, ein eigenständiges Leben zu führen.

Heilbar ist Autismus nicht. Allerdings ist es möglich, einzelne Symptome zum Beispiel durch Verhaltenstherapie, Applied Behavior Analysis oder TEACCH (Treatment and Education of Autistic and related Communication-handicapped Children) zu mildern.

Literatur zum Thema Autismus

  • Frank Baumgartner, Matthias Dalferth, Heike Vogel: Berufliche Teilhabe für Menschen aus dem autistischen Spektrum (Winter, Heidelberg 2009, ISBN: 978-3-8253-8339-8)
  • Kristina Gellert: Persönliches Budget und Autismus. Ansprüche, Erfahrungen, Hoffnungen und Ängste (Weidler, Berlin 2009, ISBN: 978-3-89693-549-6)
  • Mark Haddon: Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone (Blessing, München 2003, ISBN: 3-89667-228-2)
  • Stefan Müller-Teusler (Hg.): Autistische Menschen. Leben in stationärer Betreuung (Lambertus, Freiburg i. B. 2008, ISBN: 978-3-7841-1845-1)
  • Natascha Nikolic: Gefühle ohne Worte. Wie sich Menschen mit Autismus ihrer Emotionen bewusst werden können (Haupt, Bern u.a. 2009, ISBN: 978-3-258-07501-3)
  • Jodi Picoult: In den Augen der anderen (Bastei Lübbe, Köln 2011, ISBN: 978-3-431-03841-5)
  • Fritz Poustka: Ratgeber autistische Störungen. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher (Hogrefe, Göttingen u.a. 20092, ISBN: 978-3-8017-2258-6)
  • Fritz Poustka: Autistische Störungen (Hogrefe, Göttingen u.a. 20082, ISBN: 978-3-8017-2176-3)
  • Christine Preißmann: Psychotherapie und Beratung bei Menschen mit Asperger-Syndrom. Konzepte für eine erfolgreiche Behandlung aus Betroffenen- und Therapeutensicht (Kühlhammer, Stuttgart 20092, ISBN: 978-3-17-020757-8)
  • Helmut Remschmidt: Autismus. Erscheinungsformen, Ursachen, Hilfen (Beck, München 20084, ISBN: 978-3-406-57680-5)
  • Karla Schneider, Vanessa Köneke: Warum Bretter manchmal vor Köpfen kleben … und man im Sitzen miteinander gehen kann. Ein Alltagsleitfaden für Kinder und Jugendliche mit Autismus (Kleine Wege, Nordhausen 2009, ISBN: 978-3-937340-17-3)
  • Petra Scho: Herausforderung Autismus. Authentische Einblicke in die „andere Welt“ (Becker, Kirchhain 2008, ISBN: 978-3-929480-36-8)

Erfahrungsberichte zum Thema Autismus

  • Lara Andriessen: Das selbst gewählte Exil. Erfahrungen mit einem autistischen Kind (Hartmut Becker, Kirchhain 2002, ISBN 3-929480-60-3)
  • Inci Auth: Sind die Knöpfe spitz? Geschichte und Therapie meines herzkranken autistischen Kindes (Selbstverlag)
  • Elzbieta Bogalski: Danny. Begegnungen mit autistischen Kindern (Mauer Verlag Wilfried Kriese, Rottenburg a/N 2009, ISBN: 978-3-86812-165-0)
  • Axel Brauns: Buntschatten und Fledermäuse. Leben in einer anderen Welt (Hoffmann und Campe, Hamburg 2002, ISBN 3-455-09353-1)
  • Nuala Gardner: Ein Freund namens Henry. Die ungewöhnliche Freundschaft zwischen meinem autistischen Sohn und seinem Hund (Lübbe, Bergisch Gladbach 2008, ISBN 978-3-7857-2333-3)
  • Gunilla Gerland: Ein richtiger Mensch sein. Autismus, das Leben von der anderen Seite (Freies Geistesleben, Stuttgart 1998, ISBN 3-7725-1667-X)
  • Temple Grandin und Catherine Johnson: Ich sehe die Welt wie ein frohes Tier. Wie ich als Autistin Menschen und Tiere einander näher bringen kann (Ullstein, Berlin 2005, ISBN 3-550-07622-3)
  • Temple Grandin: Ich bin die Anthropologin auf dem Mars. Mein Leben als Autistin (Droemer Knaur, München 1997, ISBN 3-426-77288-4)
  • Temple Grandin: Durch die gläserne Tür. Lebensbericht einer Autistin (dtv, München 1994, ISBN 3-423-30393-X)
  • Petra Habermehl: Asperger-Autisten. Kinder einer fremden Welt (agenda Verlag, Münster 2013, ISBN: ISBN 978-3-89688-501-2)
  • Monika Herbrand und Can Gercekoglu: Wenn ich tanzen will. Autismus zum Anfassen (epubli, Berlin 2012, ISBN: 978-3-8442-2872-4)
  • Rupert Isaacson: Der Pferdejunge. Die Heilung meines Sohnes (Krüger, Frankfurt/M 2009, ISBN 978-3-8105-1068-6)
  • Konstantin Keulen, Kornelius Keulen, Simone Kosog: Zu niemanden ein Wort. In der Welt der autistischen Zwillinge Konstantin und Kornelius (Piper, München 2003, ISBN 3-492-04502-2)
  • Ute und Jan Jörg-Labonde: „Ich weiß, dass ich ein himmlischer Mensch bin“ Botschaften aus der stillen Welt meines autistischen Sohnes (Kösel, München 2008, ISBN: 978-3-466-36802-0)
  • Catherine Maurice: Ich würde euch so gerne verstehen (List, München / Leipzig 1993, ISBN 3-471-78198-6)
  • Tito R. Mukhopadhyay: Der Tag, an dem ich meine Stimme fand. Ein autistischer Junge erzählt (Rowohlt, Reinbek 2005, ISBN 3-499-61933-4)
  • Jasmine Lee O’Neill: Autismus von innen. Nachrichten aus einer verborgenen Welt (Huber, Bern u.a. 2001, ISBN 3-456-83536-1)
  • Rolf Piotrowski: Geschichten aus einer Anderswelt. Ein Asperger-Autist erzählt (Felicitas Hübner Verlag, Lehrte 2013, ISBN 978-3-927359-26-0)
  • Christine Preißmann: „… und dass jeden Tag Weihnachten wär“. Wünsche und Gedanken einer jungen Frau mit Asperger-Syndrom (Weidler, Berlin 2005, ISBN 3-89693-446-5)
  • John Elder Robison: Schau mich an! Mein Leben mit Asperger (Fackelträger, Köln 2008, ISBN 978-3-7716-4377-5)
  • Katja Rohde: Ich Igelkind. Botschaften aus einer autistischen Welt (Nymphenburger, München 1999, ISBN 3-485-00826-5)
  • Susanne Schäfer: Sterne, Äpfel und rundes Glas. Mein Leben mit Autismus (Freies Geistesleben, Stuttgart 1997, ISBN 3-7725-1679-3)
  • Regina Schulz: Er ist doch nur ein kleiner Junge. Wie unser Schulsystem einen autistischen Jungen seelisch zerstört (Mauer Verlag Wilfried Kriese, Rottenburg a/N 2008, ISBN: 978-3-86812-148-3)
  • Birger Sellin: Ich Deserteur einer artigen Autistenrasse. Neue Botschaften an das Volk der Oberwelt (Kiepenheuer & Witsch, Köln 1995, ISBN 3-462-02457-4)
  • Birger Sellin: Ich will kein Inmich mehr sein. Botschaften aus einem autistischen Kerker (Kiepenheuer & Witsch, Köln 1995, ISBN 3-462-02463-9)
  • Patricia Stacey: Der Junge, der die Fenster liebte. Die Rettung eines autistischen Kindes (Beltz, Weinheim / Basel 2004, ISBN 3-407-85795-0)
  • Daniel Tammet: Elf ist freundlich und Fünf ist laut. Ein genialer Autist erklärt seine Welt (Patmos, Düsseldorf 2007, ISBN: 978-3-491-42108-0)
  • Daniel Tammet: Wolkenspringer. Von einem genialen Autisten lernen (Patmos, Düsseldorf 2009, ISBN: 978-3-491-42116-5)
  • Donna Williams: Wenn du mich liebst, bleibst du mir fern. Eine Autistin überwindet ihre Angst vor anderen Menschen (Hoffmann und Campe, Hamburg 1994, ISBN 3-455-08601-2)
  • Donna Williams: Ich könnte verschwinden, wenn du mich berührst. Erinnerungen an eine autistische Kindheit (Hoffmann und Campe, Hamburg 1992, ISBN 3-455-08440-0)
  • Dietmar Zöller: Ich wollte, dass wir uns verstehen. Briefe, Tagebücher, Berichte über Reisen 1993 – 2008 (Weidler, Berlin 2009, ISBN: 978-3-89693-544-1)

Spielfilme zum Thema Autismus

  • Nic Balthazar: Ben X (2007, Drehbuch: Nic Balthazar). Mit Greg Timmermans als Ben
  • Sandrine Bonnaire: Ihr Name ist Sabine (2007, Drehbuch: Sabine Bonnaire, Catherine Cabrol). Mit Sandrine Bonnaire als Sabine Bonnaire
  • Marc Evans: Snow Cake (2005, Drehbuch: Angela Pell). Mit Sigourney Weaver als Linda Freeman
  • Mick Jackson: Du gehst nicht allein (2010, Drehbuch: Christopher Monger und Merritt Johnson). Mit Claire Danes als Temple Grandin
  • Michael Lessac: Das Kartenhaus (1993, Drehbuch: Michael Lessac, Robert Jay Litz). Mit Asha Menina als Sally Matthews
  • Barry Levinson: Rain Man (1988, Drehbuch: Barry Morrow, Ronald Bass). Mit Dustin Hoffman als Raymond Babbit
  • Max Mayer: Adam (2009, Drehbuch: Max Mayer). Mit Hugh Dancy als Adam Raki
  • Andreas Öhman: Im Weltraum gibt es keine Gefühle (2010; Drehbuch: Andreas Öhman und Jonathan Sjöberg). Mit Bill Skarsgård
  • Christophe Ruggia: Les Diables. Kleine Teufel (2002, Drehbuch: Olivier Lorelle, Christophe Ruggia). Mit Adele Haenel als Cloé
  • Pete Riski: Dark Floors (2008, Drehbuch: Pekka Lehtosaari). Mit Skye Bennett als Sarah
  • Michael Switzer: Niemand hört den Schrei (1994, Drehbuch: Robert Inman). Mit Bradley Pierce als Michael
Andreas Maier - Wäldchestag
Ein Haufen zum Teil betrunkener Kleinstädter reden übereinander und darüber, was sie von anderen über wieder andere gehört haben wollen. Gerade die Banalität, die Gewöhnlichkeit der Gespräche ist erschreckend, weil sich dahinter der Wahnsinn des Alltäglichen zeigt. "Wäldchestag" ist Milieustudie und Provinzposse zugleich.
Wäldchestag

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