Jodi Picoult : In den Augen der anderen

In den Augen der anderen

Jodi Picoult

In den Augen der anderen

Originalausgabe: House Rules Simon & Schuster, New York 2010 In den Augen der anderen Übersetzung: Rainer Schumacher Bastei Lübbe, Köln 2011 ISBN: 978-3-431-03841-5, 685 Seiten, 19.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der 18-jährige Schüler Jacob Hunt leidet am Asperger-Syndrom. Weil er durch jede Störung seines gewohnten Tagesablaufs aus der Bahn geworfen werden kann, dreht sich zu Hause alles um ihn. Das ist weder für seine Mutter noch für seinen drei Jahre jüngeren Bruder Theo leicht. Der Vater ertrug es nicht und verließ die Familie vor 15 Jahren. Als eine junge Psychologin, die Jacob bei der Verbesserung seiner sozialen Kompetenz helfen sollte, tot aufgefunden wird, gerät er unter Mordverdacht ...
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Kritik

In ihrem Roman "In den Augen der anderen" geht Jodi Picoult der Frage nach, was es für einen hochfunktionalen Autisten bedeutet, aus seinem gewohnten Umfeld herausgerissen zu werden.
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Jacob Thomas Hunt ist 18 Jahre alt. Nachdem er als zweijähriges Kind gegen Diphterie, Pertussis, HIB und Heptitis B geimpft worden war, fiel seiner Mutter Emma Hunt auf, dass er sich anders verhielt. Man diagnostizierte bei ihm das Asperger-Syndrom. Zu diesem Zeitpunkt war Emma gerade wieder schwanger. Ihr Ehemann Henry, der Vater beider Söhne, hatte sie kurz zuvor verlassen. Emma, die früher als Lektorin bei einem Schulbuchverlag in Boston gearbeitet hatte, zog mit Jacob und dessen Bruder Theo nach Townsend/Vermont und fing an, den Kummerkasten für eine Zeitung in Burlington zu betreuen, denn das konnte sie überwiegend von zu Hause aus tun.

Jacob benötigt viel Betreuung, denn jede Störung in seinem gewohnten Tagesablauf bringt ihn völlig durcheinander. Die Farbe Orange, das Zerknittern von Papier oder eine Berührung können bei ihm einen Anfall auslösen. Jeder Wochentag ist für ihn mit einer bestimmten Farbe assoziiert, und die Gerichte, die Emma ihm vorsetzt, müssen ihr entsprechen. Weil Jacob vor langen offenen Haaren zurückschreckt, trägt Emma einen Pferdeschwanz. Theo ist zwar drei Jahre jünger als Jacob, muss aber wie ein größerer Bruder auf ihn achten, und wenn Jacob in einen kritischen Zustand gerät, kümmert die Mutter sich um nichts anderes mehr.

Als ich fünf Jahre alt war, wurde mir bewusst, dass Jacob und ich unterschiedlich waren.
Ich musste meinen Teller immer leer essen, aber Jacob durfte Sachen wie Erbsen und Tomaten liegen lassen, weil ihm nicht gefiel, wie sie sich in seinem Mund anfühlten.

Seit 15 Jahren wird Jacob von der Psychiaterin Dr. Moon Morano behandelt. Emma setzt alles daran, damit Jacob trotz seiner Krankheit normale Schulen besuchen kann. Sie hat erreicht, dass er während des Unterrichts aufstehen und den Raum verlassen darf, wenn aus irgendeinem Grund eine Reizüberflutung droht. Da er alles extrem laut und grell wahrnimmt, kann ihn schon das Sirren und Flackern einer Neonröhre aus der Bahn werfen.

Jacob kennt keine Empathie. Er ist nicht in der Lage, Gesichtsausdrücke zu deuten oder verbale Äußerungen im übertragenen Sinn zu verstehen. Er wundert sich, wenn er hört, jemandem sei ein Bär aufgebunden worden, man habe eine Person ins Bild gesetzt bzw. auf den Arm genommen. Dementsprechend antwortet er auf Fragen nur direkt. Fragt ihn zum Beispiel jemand: „Kannst du mir sagen, wie spät es ist?“, antwortet er „ja“, ohne auf die Idee zu kommen, die Uhrzeit zu nennen. Dabei ist Jacob überdurchschnittlich intelligent. Er denkt nur anders als andere Menschen.

Obsessiv beschäftigt er sich mit der Lösung von Kriminalfällen. Jeden Tag um 16.30 Uhr schaut er sich die Fernsehsendung „CrimeBusters“ an und schreibt Zusammenfassungen der Folgen. Inzwischen hat er bereits 116 Notizbücher damit gefüllt.

Emma hat keine Möglichkeit, Jacob davor zu bewahren, von anderen als Außenseiter wahrgenommen und ausgegrenzt zu werden. Sie hat selbst aufgrund ihres kranken Sohnes nicht nur ihren Ehemann, sondern auch alle Freundinnen und Freunde verloren. Selbst Theo wird von anderen gemieden, sobald sie herausfinden, dass mit seinem Bruder etwas nicht stimmt.

Theo leidet darunter, keine Freunde zu haben, und es macht ihm zu schaffen, dass sich zu Hause alles um seinen Bruder dreht. Seit einiger Zeit hat sich bei ihm die Sucht entwickelt, in fremde Häuser einzudringen, sich dort umzusehen und Videospiele zu stehlen. Am Dienstag, den 12. Januar 2010, schwänzt der 15-Jährige die letzte Schulstunde und schleicht sich durch die unverschlossene Hintertür in das Haus eines Professors. Er geht davon aus, dass er allein ist, kocht sich Tee und nimmt einen iPod an sich. Dann hört er im Obergeschoss eine Dusche rauschen. Er geht hinauf. Durch die einen Spalt breit offene Badezimmertür erblickt er eine junge Frau. Sein Wunsch, die Nackte von vorn zu sehen, erfüllt sich, als sie aus der Duschkabine tritt und sich umdreht. Da erkennt er in ihr die Tutorin, die seinem Bruder hilft, seine sozialen Fähigkeiten zu verbessern. Er erschrickt ebenso wie die Nackte und rennt davon.

Abends fällt Emma auf, dass mit Theo etwas nicht in Ordnung ist, gibt sich dann aber mit der Erklärung zufrieden, er sei leicht erkältet. Mehr Sorgen bereitet ihr Jacobs Zustand. Er sitzt in seinem Zimmer und kämpft offenbar dagegen an, die Kontrolle über sich zu verlieren. Schließlich glaubt sie, die Ursache herausgefunden zu haben. An jedem Dienstag und Donnerstag hat er um 17.30 Uhr einen Termin bei seiner Tutorin Jessica („Jess“) Ogilvy. Diesmal scheint ihn die 23-jährige Kinderpsychologin, die an der University of Vermont ihren Master macht, versetzt zu haben. Eine solche unerwartete Änderung im Tagesablauf stellt für Jacob eine schwere Belastung dar.

Am nächsten Tag meldet Mark Maguire, ein 25-jähriger Student an der University of Vermont, seine Freundin Jess Ogilvy als vermisst. Seit einer Woche wohnt sie im Haus eines Professors, der für ein Gastsemester nach Italien eingeladen wurde, und passt darauf auf. Ohne Wissen des Hausbesitzers verbrachte auch Mark einige Nächte dort mit Jess. Detective Rich Matson fährt mit Mark zu dem Haus. Ein Fenster ist aufgebrochen.

Weil die Psychologin in ihrem Kalender als letzten Termin für Dienstag Jacob Hunt eingetragen hatte, fährt Matson zu Emma Hunt und ihren Söhnen. Jacob bestätigt, dass er pünktlich um 17.30 Uhr bei Jess war. Weil sie nicht öffnete, nahm er die Hintertür. Jemand hatte den Ständer mit den CDs umgestoßen. Jacob sagt, er habe aufgeräumt, die CDs alphabetisch eingeordnet und sei dann gegangen.

Am 18. Januar erhält die Polizei einen Notruf vom Handy der Vermissten. Es meldet sich zwar niemand, aber ein Streifenwagen fährt zu der Stelle, an der das Gerät geortet wurde. Auf diese Weise findet man Jess. Sie ist tot. Offenbar hat jemand die Nummer gewählt und das Handy liegen lassen. Jess lehnt vollständig angezogen und in einen Quilt eingehüllt an der Betonwand eines Kanals. Den Slip trägt sie allerdings mit der Innenseite nach außen. Sie starb wohl am Dienstag an einer durch eine Schädelfraktur ausgelösten Gehirnblutung. Ihre Nase ist gebrochen. Ein fehlender Zahn befindet sich, in Toilettenpapier eingewickelt, in der Tasche ihrer Jogginghose. Wie alt die Hämatome am Hals und an den Oberarmen sind, kann der Gerichtsmediziner nicht genau bestimmen. Möglicherweise wurde sie schon etliche Stunden vor ihrem Tod gewürgt und geschlagen. Die Kratzer am Rücken entstanden auf jeden Fall erst, als die Leiche über den Boden gezogen wurde.

Mark Maguire wird festgenommen. Er steht unter Mordverdacht.

Das Fernsehen berichtet darüber. Emma sieht in den Nachrichten, dass die Tote in einen Quilt in Regenbogenfarben gehüllt war. Mit einer düsteren Vorahnung schaut sie nach, ob die genauso aussehende Decke ihres Sohnes Jacob noch da ist. Sie fehlt! Daraufhin ruft Emma Detective Rich Matson an und teilt ihm mit, was sie entdeckt hat. Sie vertraut darauf, dass der verständnisvolle Polizist rasch aufklären wird, wie Jacobs Quilt an den Fundort der Leiche kam. Keine Sekunde lang denkt sie, dass einer ihrer Söhne etwas damit zu tun haben könnte.

Wie von Matson erbeten, bringt Emma Jacob nach der Schule aufs Polizeirevier. Dort fragt der Detective den 18-jährigen Hobby-Kriminologen, ob er ihm bei der Analyse von Tatorten helfen wolle und nimmt ihn mit in sein Büro. Obwohl er weiß, dass Jacob am Asperger-Syndrom leidet, verweigert er Emma den Zutritt. Entsetzt merkt sie, dass er sie hereingelegt hat und nun auch Jacob etwas vormacht, um Aussagen von ihm zu erschleichen.

In ihrer Verzweiflung wendet Emma sich an den nächstbesten Anwalt. Es handelt sich um den 28-jährigen Oliver O. Bond. Vor sieben Jahren schloss er sein Sprachenstudium an der University of Vermont ab, arbeitete anschließend vier Jahre lang als Hufschmied und studierte dann Jura. Erfahrungen als Rechtsanwalt hat er noch so gut wie keine.

Mein Büro dient mir im Augenblick nämlich gleichzeitig als Wohnung. Natürlich soll das nicht ewig so bleiben, aber wissen Sie, wie teuer ein Büro und eine Wohnung sind? Außerdem bin ich ja ohnehin jeden Tag in der Stadt, und der Hausmeister der Highschool hat nichts dagegen, wenn ich die Dusche dort benutze.

Inzwischen fragt Matson, ob Jacob seine Tutorin gewürgt oder fest gepackt habe. „Nein“, lautet die Antwort. Als Matson wissen möchte, ob er Jess Ogilvy einen Zahn ausgebrochen habe, sagt Jacob: „Das war ein Unfall. Aber ich habe ihn verwahrt und ihn ihr in die Tasche gesteckt.“ In diesem Augenblick reißt Oliver Bond die Tür auf. Matson bricht die Vernehmung ab und verhaftet Jacob wegen Mordverdachts. Als Jacob angefasst wird, gerät er außer sich, aber die Beamten zwingen ihn nieder, legen ihm Handschellen an und führen ihn ab.

Bevor Jacob im Gefängnis von Springfield Anstaltskleidung bekommt, muss er alles abgeben, was er bei sich hat.

„Was hast du in den Taschen?“
Ich schaue an mir herunter. „Meine Hände.“
„Du bist also ein kleiner Komiker, was?“, erwidert der Beamte. „Mach sie leer. Komm schon.“
Verwirrt hebe ich die offenen Hände. Da ist nichts.
„Deine Taschen!“

In der Zelle schlägt Jacob sich den Kopf blutig.

Am nächsten Morgen fährt Emma nach Springfield, um Jacob die Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel zu bringen, die er täglich einnimmt. Weil sie aber noch keine Besuchserlaubnis vorweisen kann, verweigert man ihr den Zutritt. Falls der Häftling Arzneimittel benötige, werde er sie von den hier tätigen Ärzten bekommen, sagt man ihr. Dass Jacob weder Gluten noch Kasein verträgt, interessiert den Beamten nicht. Und Emma versucht gar nicht erst, ihm zu erklären, dass die Speisen für Jacob an jedem Wochentag eine bestimmte Farbe haben müssen. Ohne etwas für ihren Sohn tun zu können, kehrt sie nach Townsend zurück und drängt Oliver, ihr eine Besuchserlaubnis zu beschaffen. Mit einer Sondergenehmigung darf sie ihren Sohn noch am selben Tag sehen – allerdings hinter einer Glasscheibe. Als er mit der Stirn wiederholt gegen den Metalltresen schlägt, alarmiert Emma die Aufsicht, und man bringt ihn zurück in die Zelle.

15 Jahre lang tat Emma alles, damit Jacob in die Lage versetzt wurde, mit möglichst geringen Einschränkungen in der Alltagswelt zurechtzukommen. Das droht jetzt alles schlagartig zerstört zu werden.

Beim Haftprüfungstermin versucht Emma dem Richter zu erklären, woran Jacob erkrankt ist.

„Wenn er sich entschließt, etwas zu tun, dann muss er es sofort tun“, sagt Emma. „Kann er das nicht, regt er sich furchtbar auf. Er zeigt nur selten irgendeine Art von Emotion – egal ob positiv oder negativ –, und er hat keine Beziehung zu den Gesprächen, die andere Kinder seines Alters führen. Er fasst immer alles wörtlich auf. Wenn Sie ihn zum Beispiel bitten, mit geschlossenem Mund zu essen, wird er ihnen sagen, das sei unmöglich. Außerdem ist er hypersensitiv: Helles Licht, laute Geräusche und leichte Berührungen erschrecken ihn. Er mag es nicht, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Er muss immer ganz genau wissen, wann etwas geschieht, und wenn sein normaler Tagesablauf gestört wird, regt er sich schrecklich auf und zeigt ein sehr auffälliges Verhalten. Er schlägt mit den Händen auf seine Beine, redet mit sich selbst oder wiederholt immer wieder Filmzitate. Wird das alles dann zu viel für ihn, versteckt er sich irgendwo – in seinem Schrank oder unter dem Bett – und hört auf zu sprechen.“
„Okay“, sagt Richter Cuttings. „Ihr Sohn ist also launisch, nimmt alles wörtlich und will, dass alles so läuft, wie er es will. Das klingt nach einem ganz normalen Teenager.“

Am Ende ordnet Richter Cuttings an, dass Jacob aus dem Gefängnis entlassen, aber bis zur Verhandlung unter Hausarrest gestellt wird. Zu den Auflagen gehört, dass stets eine über 25 Jahre alte Aufsichtsperson bei ihm ist.

Aus Sorge um ihren guten Ruf stellt die Burlington Free Press Emmas Kummerkastenspalte ein. Durch den Ausfall der Honorare vergrößern sich deren finanziellen Schwierigkeiten. Wovon soll sie den Anwalt bezahlen? Bei der Bank erklärt man ihr, das Haus sei bereits zu 80 Prozent mit einer Hypothek belastet und verweigert ihr ein weiteres Darlehen.

Kurz darauf ist Theo verschwunden. Jacob hackt sich in den Computer seines Bruders und findet heraus, dass dieser sich mit einer Kreditkarte der Mutter ein Flugticket nach San Francisco kaufte. Offenbar ist er unterwegs zum Vater. Da die Maschine in Chicago zwischenlanden wird, könnte Emma mit einem Direktflug noch vor ihm in San Francisco eintreffen. Aber das Ticket kostet 1080 Dollar. Oliver, der inzwischen bereits weiß, dass ihn seine Mandantin nicht bezahlen kann, streckt ihr den Betrag vor. Henry Hunt holt seine Ex-Frau und seinen Sohn Theo im Flughafen ab. Er nimmt sie mit nach Hause, zu seiner zweiten Ehefrau Meg und den beiden sieben bzw. vier Jahre alten Töchtern Isabella und Grace.

Dass Emma hier ist, um ihren Sohn zurückzuholen, ist klar, aber was wollte Theo von seinem Vater? Erst jetzt erfährt Henry, dass Jacob unter Mordverdacht steht und Emma deshalb einen Rechtsanwalt genommen hat. Theo wollte seinen als IT-Experte im Silicon Valley gut verdienenden Vater um finanzielle Unterstützung über die monatlichen Unterhaltszahlungen hinaus bitten. Beim Abschied am nächsten Morgen drückt Henry seiner Ex-Frau einen Scheck für die Anwaltskosten in die Hand.

Vor Gericht sagt Calista Spatakopoulos als Zeugin aus, Jacob sei am 10. Januar mit Jess Ogilvy und Mark Maguire in ihrer Pizzeria gewesen. Dabei hätten die drei sich gestritten. Zuerst sei Mark wegen einer Auseinandersetzung mit Jacob aufgesprungen und aus dem Restaurant gerannt. Deshalb sei Jess auf Jacob wütend geworden und habe ihn allein sitzen lassen.

Mark Maguire bestätigt den Streit am Sonntag. Am Montagabend habe er sich wieder mit Jess versöhnt und dann im Haus des Professors übernachtet, sagt er. Allerdings seien sie am Dienstag nach dem Aufstehen erneut in Streit geraten. Dabei habe er sie gegen die Wand gepresst und am Hals gepackt. Das erklärt die Hämatome. Aber Mark beteuert, Jess sei nicht ernsthaft verletzt gewesen, als er sie verließ.

Oliver fragt den Pathologen Wayne Nussbaum, der als Gutachter gehört wird, ob die Gehirnblutung auch durch einen Unfall erfolgt sein könnte.

„Es ist durchaus möglich, dass Jess Ogilvy gestolpert und gestürzt ist und sich so das subdurale Hämatom zugezogen hat“, antwortet Dr. Nussbaum. „Allerdings halte ich es für höchst zweifelhaft, dass sie versucht hat, sich selbst zu erwürgen, dass sie sich den eigenen Zahn ausgeschlagen oder sich die Unterwäsche falsch herum angezogen hat, um sich dann anschließend selbst dreihundert Yards weit in einen Kanal zu schleppen und in einen Quilt zu wickeln.“

In seiner Verteidigungsstrategie zielt Oliver darauf ab, dass sein Mandant für unzurechnungsfähig erklärt wird. Aus Rücksicht auf Jacob, vor allem aber, um den Geschworenen die Krankheit des Angeklagten vor Augen zu führen, hat der Anwalt Sonderregelungen durchgesetzt. Beispielsweise darf Jacob ähnlich wie in der Schule Verhandlungspausen beantragen, und es wurde eigens ein reizarmer Nebenraum für ihn hergerichtet.

Zwischen zwei Verhandlungstagen vertraut Theo seinem Bruder an, dass er Jess Ogilvy am 12. Januar im Bad überrascht habe. Jacob sagt, das wisse er längst.

Ich reiße die Augen auf. „Du weißt das?“
„Natürlich weiß ich das. Ich habe deine Fußabdrücke gesehen.“ Er starrt über meine Schulter hinweg. „Deshalb musste ich es ja tun.“
Oh, mein Gott! Jess hat Jacob erzählt, dass ich ein Spanner bin und dass sie zu den Cops gehen wollte, und er hat sie zum Schweigen gebracht.

An diesem Abend schläft Emma mit ihrem gut zehn Jahre jüngeren Anwalt.

Als sie im Morgengrauen zurückkommt, ist Henry da. Er will ihr und den Söhnen beistehen.

Emmas Befragung im Zeugenstand ist bereits zu Ende, da wendet sie sich unerwartet an die Geschworenen und sagt, Jacob habe den Tod seiner Tutorin nicht gewollt, es sei ein Unfall gewesen. Das habe er ihr in der letzten Verhandlungspause versichert. Entsetzt ruft Oliver: „Einspruch!“, aber die Staatsanwältin Helen Sharp weist ihn darauf hin, dass er keinen Einspruch gegen die eigene Zeugin erheben könne.

Es kommt noch schlimmer für den Verteidiger: Jacob besteht gegen Olivers Rat darauf, selbst auszusagen. Er berichtet, wie Jess nackt im Bad lag. Alles war voll Blut. Er wusch ihr das Gesicht mit Toilettenpapier und zog sie an. Dann trug er sie hinunter. Auf der Treppe schlug ihr Kopf gegen die Wand, und sie verlor einen Zahn, den er dann aufhob, in Toilettenpapier einwickelte und ihr in die Tasche der Jogginghose steckte. Er benötigte eine ganze Rolle Toilettenpapier, um das Blut im Bad aufzuwischen. Anschließend nahm er Bleiche aus dem Putzschrank und wischte damit die Kacheln nochmals ab. Nachdem er auch noch im Wohnzimmer aufgeräumt und die zu Boden gefallenen CDs alphabetisch ins Regal einsortiert hatte, trug er die Tote aus dem Haus, und als sie ihm zu schwer wurde, schleifte er sie über den Boden zum Kanal. Dort lehnte er sie gegen eine Betonwand, und bei einem seiner Besuche brachte er ihr den Quilt. Als die Polizei die Leiche nach sechs Tagen noch immer nicht gefunden hatte, wählte er mit Jess‘ Handy die Notrufnummer.

Auf die Frage seines Verteidigers, wie Jess zu Tode gekommen sei, meint Jacob: „Da gibt es nicht viel zu erzählen.“ Und er zeigt keinerlei Bedauern.

Danach rechnet Oliver nicht mehr mit Mitleid der Geschworenen für seinen Mandanten.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Die Jury berät schon seit Tagen ergebnislos, als Theos 16. Geburtstag am 15. April anbricht. Auf dem Frühstückstisch steht ein Kuchen mit brennender Kerze, und Theo erhält Geschenke von Emma und Henry. Jacob läuft noch einmal in sein Zimmer und kommt mit einer Plüschente zurück. Darin ist ein iPod nano versteckt. Das ist sein Geschenk für den Bruder. Bevor Theo es in der Hand hält, weiß er, dass der Name Jessica Ogilvy eingraviert ist.

„Den hast du doch gewollt, oder?“, sagt Jacob noch immer aufgeregt. „Du hast ihn an jenem Tag fallen lassen, als du aus ihrem Haus gelaufen bist.“
Ich kann meine Lippen kaum bewegen. „Wovon redest du da?“
„Das habe ich dir doch schon gesagt. Ich weiß, dass du da gewesen bist. Ich habe die Spuren deiner Sneakers gesehen […] Und ich wusste, dass du dir auch Sachen aus anderen Häusern geholt hast …“
Was?„, schreit meine Mutter.
„Ich habe die Videospiele in deinem Zimmer gesehen.“ Jacob strahlt mich an. „Bei Jess habe ich für dich aufgeräumt, damit niemand erfährt, was du getan hast. Und es hat funktioniert, Theo. Niemand hat herausgefunden, dass du sie getötet hast.“
Meine Mutter schnappt nach Luft.
„Was zum Teufel ist hier los?“, verlangt Oliver zu wissen.
„Ich habe sie nicht getötet“, sage ich. „Ich wusste noch nicht einmal, dass sie dort wohnt. Ich dachte, es wäre niemand zu Hause. Ich wollte mich nur umschauen, vielleicht ein, zwei CDs mitnehmen, doch dann habe ich oben die Dusche gehört und einen Blick ins Bad geworfen. Sie war nackt. Sie war nackt, und sie hat mich gesehen. Ich bin total panisch geworden, und sie ist aus der Dusche gekommen und ausgerutscht. Sie ist mit dem Gesicht aufs Waschbecken geknallt, und da bin ich losgelaufen.“

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„In den Augen der anderen“ ist kein besonders spannender Thriller, weil es auf den ersten 150 Seiten erst einmal gar keinen Kriminalfall gibt und dann die Auflösung mehr oder weniger sofort zu erahnen ist.

Lesenswert ist „In den Augen der anderen“, weil Jodi Picoult gewissermaßen ein Gedankenexperiment durchführt und uns zeigt, was es für einen hochfunktionalen Autisten bedeutet, aus seinem gewohnten Umfeld herausgerissen zu werden. Emma Hunt hat alles getan, damit ihr am Asperger-Syndrom erkrankter Sohn Jacob in die Lage versetzt wurde, mit möglichst geringen Einschränkungen in der Alltagswelt zurechtzukommen. Das droht alles schlagartig zerstört zu werden, als der 18-Jährige unter Mordverdacht gerät und man ihn verhaftet.

Jodi Picoult entwickelt die Handlung aus verschiedenen Perspektiven und lässt fünf Ich-Erzähler zu Wort kommen, die sich mitunter auch direkt an den Leser wenden: Emma, Theo und Jacob Hunt, Detective Rich Matson und Rechtsanwalt Oliver O. Bond. Jeder Stimme ist eine andere Schrifttype zugeordnet.

Warum Jodi Picoult zwischen die Kapitel auch noch zehn kurze Berichte über andere Mordfälle eingeschoben hat, die mit der Handlung nichts zu tun haben, bleibt unklar. Überhaupt hätte eine Kürzung um vielleicht 200 Seiten dem Buch gutgetan. Die Ausführungen über das Asperger Syndrom sind für einen Roman zu umfangreich, und einige der Handlungsschleifen retardieren nur.

Dazu kommt, dass der Knackpunkt des Plots recht konstruiert wirkt. Obwohl es in dem Buch „In den Augen der anderen“ Gegenbeispiele gibt, verstehen wir, dass der autistische Protagonist Fragen zumeist nur direkt beantwortet und sich daraus Missverständnisse ergeben, aber wieso stellt in all den Tagen niemand die richtigen Fragen? Immerhin steht Jacob unter Verdacht, eine junge Frau ermordet zu haben.

Den Roman „In den Augen der anderen“ von Jodi Picoult gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Irina Scholz, Nicolás und Maximilian Artajo (Regie: Verena Roelvink, Köln 2011, 400 Minuten, ISBN 978-3-7857-4510-6).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012
Textauszüge: © Bastei Lübbe

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