Fliegende Liebende

Fliegende Liebende

Fliegende Liebende

Fliegende Liebende – Originaltitel: Los amantes pasajeros – Regie: Pedro Almodóvar – Drehbuch: Pedro Almodóvar – Kamera: José Luis Alcaine – Schnitt: José Salcedo – Musik: Alberto Iglesias – Darsteller: Javier Cámara, Carlos Areces, Raúl Arévalo, Cecilia Roth, Lola Dueñas, Antonio de la Torre, Hugo Silva, Miguel Ángel Silvestre, Laya Martí, Blanca Suárez, Antonio Banderas, Penélope Cruz, Paz Vega, Carmen Machi u.a. – 2013; 90 Minuten

Inhaltsangabe

Beim Start eines Flugzeugs stellen der Kapitän und der Kopilot fest, dass eines der Fahrwerke kaputtgegangen ist. Sie warten auf eine Möglichkeit zur Notlandung. Um keine Panik aufkommen zu lassen, werden die Passagiere der Economy Class betäubt. In der Business Class sitzen ein Wirtschafts­krimineller, ein Auftragskiller, eine Domina, ein Drogenkurier mit seiner Braut und eine Hellseherin, die von drei schwulen Flug­begleitern u. a. mit einem aphrodisischen Alkohol-Drogen-Cocktail bei Laune gehalten werden ...
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Kritik

Wollte sich Pedro Almodóvar selbst parodieren oder schwebte ihm eine Satire auf eine dekadente, kurz vor dem Absturz stehende Gesellschaft vor? Wie auch immer, "Fliegende Liebende" ist weder das eine noch das andere, sondern substanzloser Klamauk.
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Auf dem Rollfeld des Flughafens von Madrid kommt es zu einem kleinen Unfall mit einem Gepäckwagen, der von einer Frau namens Jessica (Penélope Cruz) gefahren wird. Ihr Freund León (Antonio Banderas) eilt hinzu und erfährt, dass sie im zweiten Monat schwanger ist. Er freut sich mit ihr auf das Kind. Wegen der Ablenkung vergisst León einen der Bremsklötze von einem gleich darauf zur Startbahn rollenden Flugzeug wegzuziehen.

Dadurch wird eines der vier Fahrwerke einer Maschine der Fluggesellschaft Peninsula beschädigt. Kapitän Álex Acero (Antonio de la Torre) und sein Kopilot Benito Morón (Hugo Silva) melden den Schaden gleich nach dem Start und fragen, wo sie notlanden sollen. Statt Kurs auf das Reiseziel Mexiko Stadt zu nehmen, kreisen sie über der Iberischen Halbinsel und warten auf eine freie Landebahn.

Damit keine Panik aufkommt, erhalten die Passagiere der Economy Class ebenso wie die dort tätigen Flugbegleiterinnen (Pepa Charro, Violeta Pérez, Bárbara Santa-Cruz, María Morales) heimlich ein Schlafmittel. In der Business Class trinkt der schwule Purser Joserra (Javier Cámara) einen Tequila nach dem anderen. Er und die beiden ebenfalls schwulen Flugbegleiter Fajas (Carlos Areces) und Ulloa (Raúl Arévalo) versuchen die Gäste bei Laune zu halten. An Bord des Flugzeugs funktioniert nur ein einziges Telefon. Weil dabei auch die Stimme der Gesprächs­partner über Lautsprecher in der Kabine zu hören ist, erfahren die Passagiere einiges über die Mitreisenden.

Als Erster greift der Schauspieler Ricardo Galán (Guillermo Toledo) zum Telefon. Er ruft seine psychisch labile Geliebte Alba (Paz Vega) an, der er vor der Fahrt zum Flughafen erklärte, dass die Affäre beendet sei. Sie ist gerade in selbstmörderischer Absicht über das Geländer einer Straßenbrücke in Madrid geklettert, als ihr Handy klingelt. Es fällt ihr aus der Hand und landet im Einkaufskorb einer Radfahrerin. Als diese sich meldet, wundert sich Ricardo, denn es handelt sich um seine wegen Alba verlassene Lebensgefährtin Ruth (Blanca Suárez). Als sie erzählt, das Handy sei gerade von einer Brücke gefallen, bittet Ricardo sie, zurückzufahren und sich zu vergewissern, dass Alba sich nichts angetan hat. Ruth sieht noch, wie Alba von einem Krankenwagen abgeholt und widerwillig von ihrer Mutter (Susi Sánchez) begleitet wird. Offenbar bringt man sie wegen einer Panikattacke in die Psychiatrie.

Norma (Cecilia Roth), die ebenfalls in der Business Class sitzt, wollte eigentlich Schauspielerin werden, aber als dieser Traum zerplatzte, machte sie als Domina Karriere, und inzwischen betreibt sie einen exklusiven Escort-Service. Von hunderten von führenden Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft besitze sie kompromittierende Videos, behauptet sie. Umworben wird sie während des Flugs von dem undurchsichtigen Mexikaner Infante (José Marías Yazpik), bei dem es sich um einen auf sie angesetzten Auftragskiller handelt. Er hat sich jedoch in sie verliebt und wird ihr nichts tun.

Der Unternehmer Más (José Luis Torrijo) will sich ins Ausland absetzen, weil er Gelder veruntreut hat. Seine Tochter verschwand vor zwei Jahren. Zufällig arbeitet die junge Frau als Domina für Norma, und die Betreiberin des Callgirl-Rings gibt ihrem Mitreisenden die Telefonnummer, damit er endlich wieder einmal mit seiner Tochter reden kann.

Joserra, Fajas und Ulloa versuchen die Passagiere der Business Class mit einer Karaoke- und Tanzeinlage zu „I’m so Excited“ von The Pointer Sisters aufzuheitern. Weil sie damit wenig Erfolg haben, mixen sie Agua de Valencia und reichern den Cocktail mit Meskalin-Pillen an, die noch etwas streng riechen, weil sie im Anus eines Drogenkuriers geschmuggelt wurden.

Der Drogenkurier (Miguel Àngel Silvestre) ist mit seiner Braut (Laya Martí) an Bord.

Aufgrund der aphrodisischen Wirkung des Meskalins beginnt das Brautpaar auf dem Sitz zu kopulieren. Infante fällt über Norma her. Der verheiratete Flugkapitän Álex Acero hat mit Joserra in der engen Toilette eine 69-Nummer. Bruna (Lola Dueñas), eine Hellseherin Anfang 40, will endlich ihre Jungfräulichkeit verlieren. Sie schleicht sich in die Economy Class, wählt einen der schlafenden Männer aus, öffnet ihm die Hose, verschafft ihm durch Fellatio eine Erektion und reitet dann auf ihm.

Endlich erhält die Maschine eine Landeerlaubnis, und zwar auf dem Flughafen Ciudad Real in der Region Kastilien-La Mancha. Nachdem Passagiere und Besatzung in der Economy Class geweckt wurden, setzen Kapitän Álex Acero und Benito Morón zur Landung an. Obwohl sie dabei durch einen heftigen Streit über ihre sexuellen Neigungen abgelenkt sind, bringen sie das Flugzeug unbeschadet auf einem Schaumteppich zum Stehen. Über Notrutschen verlassen alle die Maschine.

Ruth bringt Ricardo Albas Sachen. Señor Más, der erfahren hat, dass seine Tochter wieder bei der Mutter ist, eilt nach Hause, obwohl er weiß, dass ihn dort die Polizei verhaften wird. Er hofft, mit Normas Videos das Schlimmste verhindern zu können, aber sie besitzt gar keine kompromittierenden Aufnahmen. Álex Acero erfährt, dass seine Ehefrau mit der des Pursers ein lesbisches Verhältnis hat. Und das junge Paar treibt es im Schaumteppich.

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Wollte sich Pedro Almodóvar mit „Fliegende Liebende“ selbst parodieren, unter dem Motto „Schwule Flugbegleiter am Rande des Nervenzusammenbruchs“? Oder schwebte ihm eine Satire auf eine dekadente, kurz vor dem Absturz stehende Gesellschaft vor, die von fragwürdigen Männern geführt wird, die das einfache Volk betäuben und mit der von einem Wirtschaftskriminellen, einem Auftragskiller, einer geschäftstüchtigen Domina, einem Drogenkurier und einer Hellseherin geprägten Upper Class vor dem Untergang noch eine Party feiern? Soll der ziellose Flug der kaputten Maschine der Fluggesellschaft Peninsula den spanischen Staat symbolisieren?

Wie auch immer, „Fliegende Liebende“ ist weder eine Dekonstruktion des bisherigen Werks von Pedro Almodóvar noch eine Gesellschaftssatire, sondern substanzloser Klamauk mit ebenso bemühten wie derben Späßen. Das Beste daran sind die bunten Farben.

„Fliegende Liebende“ spielt fast ausschließlich im Inneren eines Flugzeugs. Die Notlandung erleben wir nur akustisch mit, während die Kamera das leere Abfertigungsgebäude des Flughafens durchstreift. Der im November 2008 eröffnete Flughafen Ciudad Real wurde übrigens aus Mangel an Passagieren im April 2012 geschlossen.

Auf die Idee, Alba ein Handy aus der Hand gleiten und es in Ruths Einkaufskorb fallen zu lassen, kam Pedro Almodóvar nach eigener Aussage durch den Film „Mein Leben in Luxus“ (1937) von Mitchell Leisen. Dort wirft der reiche Investment-Banker J. B. Ball einen von seiner Frau Jenny gekauften Mantel weg, und das Kleidungsstück landet im Schoß der jungen Arbeiterin Mary Smith.

Pedro Almodóvar beginnt „Fliegende Liebende“ mit einem kurzen Gastauftritt von Penélope Cruz und Antonio Banderas. In einem weiteren Cameo ist Pedro Almodóvars Bruder Agustín zu sehen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015

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