Christiane Vulpius


Bei Christiane Vulpius‘ Großvater Johann Friedrich Vulpius handelte es sich um einen Advokaten in Weimar, der mit einer Pfarrerstochter aus Tromsdorf bei Eckartsberga verheiratet war. Johann Philipp Riehl, der andere Großvater, kam Mitte der Dreißigerjahre des 18. Jahrhunderts aus Schwaben nach Weimar, eröffnete dort einen Strumpfwarenhandel und heiratete 1740 Elisabeth Magdalena Kühn aus Bad Salzungen.

Am 12. November 1725 wurde Johann Friedrich Vulpius jr. geboren. Nach dem Vorbild seines Vaters begann er im Spätherbst 1746 ein Jurastudium in Jena. Weil die Familie jedoch in finanzielle Schwierigkeiten geriet, brach er das Studium nach vier Semestern 1748 ab, kehrte nach Weimar zurück – und bemühte sich zehn Jahre lang vergeblich um eine Anstellung. Erst 1759 kam Johann Friedrich Vulpius als Kopist beim Fürstlichen Amt zu Weimar unter. Am 13. November des folgenden Jahres, einen Tag nach seinem 35. Geburtstag, heiratete er die achtzehnjährige Christiane Margarethe Riehl (1742 – 1771).

Johann Friedrich und Christiane Margarethe Vulpius bekamen am 23. Januar 1762 ihr erstes Kind: Christian August Vulpius (1762 – 1827). Der zweite Sohn, Friedrich Carl Christoph, lebte nur ein Jahr lang, vom 17. Mai 1763 bis 12. Mai 1764. Christiane Vulpius (eigentlich: Johanna Christiana Sophie Vulpius) wurde am 1. Juni 1765 in Weimar geboren.

Zum Haushalt gehörten auch zwei unverheiratete Schwestern ihres Vaters. Tante Johanna Sophia starb 1767. Im selben Jahr bekam Christiane eine Schwester – Johanna Henriette Dorothea –, die allerdings nur knapp fünf Monate alt wurde. Am 23. Januar 1769 kam ihr Bruder Johann Gottlieb Heinrich (1769 – 1776) auf die Welt. Zwei Monate nach der Geburt eines weiteren Sohnes – Johann Carl Emanuel (27. Februar 1771) – starb Christiane Margarethe Vulpius am 5. Mai 1771. Daraufhin übernahm die siebenunddreißigjährige Tante Juliana Augusta die Führung des Haushalts und kümmerte sich um die verwaisten Kinder.

Der Witwer heiratete an Weihnachten 1774 die neunundzwanzigjährige Kammerjungfer Johanna Christiana Dorothea Weiland (1745 – 1783), die jüngste Tochter des Amtsverwalters von Schloss Heldrungen, die bei der Eheschließung bereits hochschwanger war und am 28. Februar 1775 mit ihrer Tochter Ernestina Sophia Louisa niederkam.

Ob Christiane Vulpius eine Schule besuchte, wissen wir nicht. Zumindest lernte sie lesen und schreiben.

Obwohl ihr Vater schlecht bezahlt wurde, schickte er Christian August, seinen ältesten Sohn, Ende 1781 zum Jurastudium nach Weimar.

Im Frühjahr 1782 wurde Johann Friedrich Vulpius wegen Unregelmäßigkeiten im Dienst verhaftet. Seine Tochter Christiane setzte sich für ihn ein und erreichte seine Freilassung, aber er verlor seine Anstellung.

Daraufhin fing Christiane Vulpius als Putzmacherin in der von Caroline Bertuch und Auguste Slevogt aus sozialen Gründen in Weimar eingerichteten Manufaktur für die Herstellung von Stoffblumen zu arbeiten an.

Ihr Vater starb am 29. März 1786.


Dieter Wunderlich: Verführerische Frauen. © Piper Verlag 2012

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Am 12. Juli 1788 fiel Christiane Vulpius Johann Wolfgang von Goethe auf, möglicherweise als sie ihm im Weimarer Park eine Bittschrift für ihren älteren Bruder überreichte, der inzwischen angefangen hatte, Gedichte, Romane und Theaterstücke zu verfassen. Innerhalb von kurzer Zeit wurde die Dreiundzwanzigjährige zur Geliebten des berühmten Dichters, der Christian August Vulpius finanziell unterstützte, ihm jedoch keine Hoffnung auf eine Anstellung in Weimar machte.

Goethe ist vorerst nicht an der Rückkehr des Bruders seiner Liebsten nach Weimar interessiert. Er will keinen Zeugen. Er hält seine Liebschaft geheim. (Sigrid Damm: Christiane und Goethe, Seite 119)

Im Frühjahr 1789 ließ sich die Liebschaft nicht länger verheimlichen. Nicht nur Charlotte von Stein war empört. Ein kurzes Liebesabenteuer hätten die Weimarer dem Dichter stillschweigend zugestanden, aber eine dauerhafte außereheliche Verbindung mit einer Manufakturarbeiterin missbilligten sie als skandalöse Messalliance.

Goethe ist kein stiller Sünder, hält sich nicht an die Spielregeln. Widersetzt sich der zynischen Doppelmoral. Schickt sich an, seine freie Liebe in aller Öffentlichkeit vor den Augen aller zu praktizieren. (Sigrid Damm, a.a.O., Seite 137)

Der Leipziger Buchhändler Georg Joachim Göschen stellte Christian August Vulpius im Herbst 1789 als Sekretär ein. 1797 wurde Vulpius Bibliotheksregistrator in Weimar; drei Jahre später beförderte man ihn zum Bibliothekssekretär. Vermutlich verdankte er all das Goethes Beziehungen, aber:

Christian August Vulpius wird von Goethe als Autor und Kollege nie akeptiert, als Bibliothekar als ein Untergebener betrachtet und in Bezug auf sein Haus und seine Familie als ein Dienender angesehen. (Sigrid Damm, a.a.O., Seite 219)

Als Christiane Vulpius Schwangerschaft nicht mehr zu übersehen war, nahm Johann Wolfgang von Goethe sie zusammen mit ihrer Tante Juliana Augusta und ihrer Stiefschwester Ernestina Sophia Louisa in dem Haus am Frauenplan auf, das Herzog Carl August von Sachsen-Weimar ihm zur Verfügung gestellt hatte.

Am 25. Dezember 1789 gebar Christiane Vulpius ihren Sohn August (1789 – 1830). Am 14. Oktober 1791 erlitt sie eine Totgeburt. Die Tochter Carolina lebte nur zwei Wochen (21. November – 3. Dezember 1793). Auch die beiden weiteren Kinder, die Christiane Vulpius noch zur Welt brachte, starben nach kurzer Zeit (30. Oktober – 16. November 1795; 16. Dezember – 19. Dezember 1802). Als Ursache vermutet Sigrid Damm eine Rhesus-Faktor-Unverträglichkeit.

Am 3. Dezember 1799 zog Friedrich Schiller nach Weimar. Er quartierte sich zunächst zwei Wochen lang bei Goethe ein. Obwohl Christiane Vulpius drei Zimmer für ihn herrichtete, die Betten machte und für ihn kochte, bekam er sie offenbar nicht zu Gesicht und verließ das Haus am Frauenplan ohne ein Wort des Dankes an sie. Während Schillers Frau Charlotte in die Freundschaft der beiden Dichter einbezogen wurde und an ihren Abendgesprächen teilnahm, musste Christiane Vulpius zurückstehen. In seinen Briefen an Schiller bat Goethe stets darum, Charlotte Grüße auszurichten, aber der Name Christiane Vulpius taucht in der Korrespondenz kein einziges Mal auf.

Nach der Niederlage der Preußen und Sachsen gegen Napoleon am 14. Oktober 1806 bei Jena und Auerstedt plünderten die Franzosen Weimar. Was in der folgenden Nacht genau geschah, ist nicht verbürgt. Angeblich rettete Christiane Vulpius ihrem Geliebten das Leben, indem sie sich beherzt den Soldaten in den Weg stellte, die das Haus am Frauenplan plündern wollten. Sie hielt die Männer so lange hin, bis Goethe am 16. Oktober eine sauvegarde bekam, einen im Namen des Kaisers ausgestellten Schutzbrief, der ihn und sein Haus vor Zugriffen französischer Soldaten bewahrte.

Drei Tage später, am 19. Oktober 1806, heirateten Johann Wolfgang von Goethe und Christiane Vulpius in der Jakobskirche. Ihr sechzehnjähriger Sohn August war dabei.

Um seine Ehefrau in die Weimarer Gesellschaft einzuführen, überredete Goethe die aus Danzig stammende und erst seit einigen Wochen in Weimar lebende Witwe Johanna Schopenhauer (1766 – 1838) – die Mutter des Philosophen Arthur Schopenhauer –, ihn zusammen mit Christiane am 20. Oktober zum Tee einzuladen. Die gegen Christiane von Goethe bestehende Feindseligkeit in der Bevölkerung hielt jedoch an.

Johann Wolfgang von Goethe unternahm nicht nur Reisen ohne Christiane, sondern er lebte auch monatelang allein in Jena. Und wenn er zu Hause war, zog er sich abends zum Schreiben zurück, während Christiane mit Freunden Karten spielte.

Goethes und Christianes Leben verläuft weitgehend getrennt voneinander. (Sigrid Damm, a.a.O., Seite 214)

Christiane von Goethe war alles andere als eine Intellektuelle, aber sie ging gern ins Theater; sie besaß einen gesunden Menschenverstand, war praktisch begabt und führte den großen Haushalt mit starker Hand. Als ihre Schwiegermutter Katharina Elisabeth 1808 starb, kümmerte sich Christiane um die Erbschaftsangelegenheiten ihres Mannes, damit er ungestört schreiben konnte.

Anfang 1815 erlitt Christiane von Goethe zwei Schlaganfälle. Ein dritter Schlaganfall erfolgte Ende Mai 1816. Vermutlich sahen sich Johann Wolfgang und Christiane von Goethe am 30. Mai zum letzten Mal, denn der Dichter hielt sich von seiner todkranken Frau fern und lag selbst im Bett, als sie nach einer qualvollen Woche am 6. Juni – vermutlich an Urämie – starb. Auch an der Beisetzung auf dem Jacobsfriedhof in Weimar nahm er nicht teil.

Literatur über Christiane Vulpius bzw. Christiane von Goethe:

  • Hans Gerhard Gräf (Hg.): Goethes Briefwechsel mit seiner Frau
    (2 Bände, Frankfurt/M 1916)
  • Wolfgang Vulpius: Christiane (Weimar 1953)
  • Wolfgang W. Parth: Goethes Christiane. Ein Lebensbild (München 1980)
  • Eckart Kleßmann: Christiane. Goethes Geliebte und Gefährtin (München / Zürich 1992)
  • Sigrid Damm: Christiane und Goethe. Eine Recherche (Frankfurt/M und Leipzig 1998)
  • Sigrid Damm (Hg.): Behalte mich ja lieb! Christianes und Goethes Ehebriefe
    (Frankfurt/M und Leipzig 1998)
  • Sigrid Damm (Hg.): Christiane von Goethe. Tagebuch 1816 und Briefe
    (Frankfurt/M und Leipzig 1999)
  • Chris Stadtlaender: „Die kleine Welt“ am Frauenplan. Der Alltag Goethes mit Christiane Vulpius (Zürich / München 2001)
  • Dieter Wunderlich: Verführerische Frauen. Elf Porträts (München 2012)

Egon Günther drehte den Film „Die Braut“, mit Veronica Ferres als Christiane Vulpius und Herbert Knaup als Johann Wolfgang von Goethe.

Originaltitel: Die Braut – Regie: Egon Günther – Drehbuch: Egon Günther – Kamera: Peter Brand – Schnitt: Monika Schindler – Darsteller: Veronica Ferres, Herbert Knaup, Sibylle Canonica, Franziska Herold, Christoph Waltz, Friedrich Wilhelm Junge, Rüdiger Vogler, Maria Happel, Fritzi Haberlandt, Jörg Schüttauf, Ulrich Anschütz, August Diehl, Julia Filimonow, Baki Davrak, Anatole Taubman, Christian Hockenbrink, Dominique Horwitz, Udo Samel u.a. – 1999; 110 Minuten

© Dieter Wunderlich 2009
Hauptquelle: Sigrid Damm, Christiane und Goethe

Johann Wolfgang von Goethe (Kurzbiografie)
Charlotte von Stein (Kurzbiografie)
Sigrid Damm: Christiane und Goethe. Eine Recherche

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„Verführerische Frauen. Elf Porträts“ von Dieter Wunderlich

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