Chris Cleave : Little Bee

Little Bee
Originalausgabe: The Other Hand Sceptre, London 2008 Little Bee Übersetzung: Susanne Goga-Klinkenberg dtv, München 2011 ISBN: 978-3-423-24819-8, 319 Seiten,
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Urlaub des britischen Journalistenpaars Sarah und Andrew O'Rourke im Sommer 2005 am Strand in Nigeria endet mit einem schrecklichen Erlebnis. Davon erholt Andrew sich nicht mehr: 2007 erhängt er sich. Wenige Stunden vor der Beerdigung taucht eine 16-jährige Afrikanerin auf, eines der beiden Mädchen, denen die O'Rourkes am Ibeno Beach begegnet waren und die sie seither für tot hielten ...
Weiterlesen

Kritik

Chris Cleave beschäftigt sich in dem Roman "Little Bee" mit ernsten Themen, benutzt die angeprangerten Gräueltaten und Missstände aber lediglich als Versatzstücke für einen spannenden, ergreifenden Trivialroman.
Weiterlesen

Sarah Summers hatte Andrew O’Rourke überstürzt geheiratet. Sie wohnen mit ihrem 2003 geborenen Sohn Charlie in Kingston-upon-Thames, einem Stadtteil im Südwesten von London. Andrew schreibt für die „Times“; Sarah leitet die von ihr gegründete Zeitschrift „Nixie“.

Als Sarah Gesprächstermine im Innenministerium wahrnehmen möchte, wird sie von Lawrence Osborn empfangen. Er hat Interviews mit drei Abteilungsleitern und einem Unterstaatssekretär für sie arrangiert. Doch der Rücktritt des blinden Innenministers kommt dazwischen. Weil die Medien herausfanden, dass er persönlich eingegriffen hatte, um dem Kindermädchen seiner Geliebten ein Visum zu verschaffen, ist er nicht länger tragbar. Statt Sarah zu den vorgesehenen Gesprächspartnern zu führen, nimmt Lawrence Osborn die Journalistin mit in sein Büro, und dort haben sie Sex. Es ist der Beginn einer Affäre, obwohl sie beide verheiratet sind und Kinder haben.

Ein halbes Jahr später, im Sommer 2005, treffen Andrew, Sarah und Lawrence unerwartet bei einem Empfang aufeinander. Andrew spürt, dass seine Frau mit ihrem Begleiter ein Verhältnis hat. Sarah leugnet es nicht und überredet ihn kurz darauf, einen Neuanfang mit einem Urlaub zu beginnen. Von der Tourismusbehörde hat sie zwei Reisen zum Ibeno Beach in Nigeria als Werbegeschenk bekommen. Vom Ölkrieg in Nigeria wissen die beiden Journalisten nichts.

Der Urlaub wird aufgrund eines schrecklichen Erlebnisses zum Albtraum. Das Trauma lässt Andrew nicht mehr los. Er wird depressiv, und nach zwei Jahren erhängt er sich. Ein paar Stunden vor seiner Beerdigung steht plötzlich eine sechzehnjährige Afrikanerin bei Sarah in der Tür: Little Bee, eines der beiden Mädchen, denen Andrew und Sarah am Ibeno Beach begegnet waren. Sarah hielt beide für tot, denn sie hatte gesehen, wie sie von einer Mörderbande fortgeschleift worden waren. Nach der Rückkehr aus Nigeria hatten sie und Andrew Daueraufträge für zwei in Afrika tätige Hilfsorganisationen eingerichtet.

Little Bee war damals heimlich an Bord eines Schiffes gegangen und hatte sich im Frachtraum zwischen Säcken mit Tee versteckt. Hunger und Durst trieben sie nach zwei Tagen heraus. Der Kapitän sperrte die blinde Passagierin in eine Kajüte und gab ihr das Buch „Große Erwartungen“ zum Lesen, aber sie weiß nicht, ob die Handlung gut ausgeht, denn bevor sie das Buch ganz gelesen hatte, war die dreiwöchige Schiffsreise nach England zu Ende, und der Kapitän übergab sie der Einwanderungsbehörde.

Little Bee wurde ins „Ausreisezentrum“ Black Hill in High Easter fünfzehn Kilometer nordwestlich von Chelmsford in Essex gesperrt. Dort sitzen Männer und Frauen in Abschiebehaft. Aus Furcht vor einer Vergewaltigung suchte sich die junge Afrikanerin aus Kleiderspenden Stiefel, weite Jeans und Männerhemden aus. Statt einen Büstenhalter zu tragen, umwickelte sie ihren Oberkörper mit einem Stoffstreifen, der die Brüste platt presste. Und sie wusch sich kaum noch. Die Zeit in der Abschiebehaft nutzte sie, um ihr Englisch durch Lektüre zu perfektionieren.

In der Abschiebehaft erzählten sie uns, wir müssten diszipliniert sein, um unsere Ängste zu bewältigen. Dies ist die Disziplin, die ich gelernt habe: Wann immer ich an einen neuen Ort komme, finde ich als Erstes heraus, wie ich mich dort töten kann. Falls die Männer plötzlich kommen, muss ich bereit sein.

Nach zwei Jahren wurde Little Bee unerwartet mit drei anderen Mädchen zusammen freigelassen. Eine von ihnen, die hübsche Jamaikanerin Yevette, hatte mehrmals mit einem Beamten der Einwanderungsbehörde Sex gehabt und sich als Gegenleistung im Computer auf die Liste der Freizulassenden setzen lassen. Um es wie einen Flüchtigkeitsfehler aussehen zu lassen, machte der Beamte bei drei zufällig ausgewählten anderen Mädchen das gleiche. Die Wachleute, die sie gehen ließen, führten die Anweisungen aus, ohne darüber nachzudenken.

Little Bee rief als Erstes in Kingston-upon-Thames an. Sie kannte im Vereinigten Königreich niemand außer dem Ehepaar O’Rourke. Andrew hob ab und war entsetzt, als sie ihr Kommen ankündigte. Sarah erzählte er nichts von dem Anruf der jungen Afrikanerin, die er für tot gehalten hatte.

Fünf Tage später erhängte er sich.

Die vier Mädchen wurden für eine Woche von einem Farmer in der gerade nicht benutzten Scheune für Erntehelfer untergebracht. Noch in der ersten Nacht stahl Little Bee sich davon und ging zu Fuß ins sechzig Kilometer entfernte Kingston-upon-Thames.

Nach der Beerdigung reden Sarah und Little Bee darüber, was vor zwei Jahren am Ibeno Beach geschah.

Das Ehepaar O’Rourke hatte das Hotel verlassen und ging am Strand spazieren. Ein sechzehn oder siebzehn Jahre alter Wachmann lief ihnen nach und riet ihnen, sofort wieder zurückzukehren. Außerhalb der bewachten Anlage sei es gefährlich, warnte er. Andrew und Sarah sträubten sich jedoch.

Da kamen zwei junge Afrikanerinnen mit blutigen Füßen gelaufen und flehten sie an, sie mit ins Hotel zu nehmen. Es handelte sich um Little Bee und Kindness. Mit richtigen Namen hießen sie Udoh und Nkiruka.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Udoh hatte eine Woche zuvor miterlebt, wie die Bewohner ihres Dorfes massakriert worden waren. Dort sollte ein Ölfeld entstehen. Sechs Nächte lang war Udoh gelaufen, bis sie den Rand des Dschungels beim Ibeno Beach erreicht hatte und sich dort versteckte. Ihre zwei Jahre ältere Schwester Nkiruka, die den Mördern ebenfalls entkommen war, fand sie. Die beiden vierzehn bzw. sechzehn Jahre alten Mädchen nannten sich fortan Little Bee und Kindness. Sie wussten, dass die Mörder sie suchten, denn die Männer wollten keine Zeugen des Massakers am Leben lassen.

Es war bereits Hundegebell zu hören, als Little Bee und Kindness das weiße Paar am Strand erblickten.

Sarah konnte es kaum glauben, dass das Leben der jungen Afrikanerinnen in Gefahr war.

„Du lieber Himmel“, sagte ich. „Du bist doch noch ein Kind. Warum sollte dich jemand töten wollen?“
Little Bee schaute wieder zu mir und sagte: „Weil wir gesehen haben, wie sie alle anderen töteten.“

Andrew hielt die Geschichte für einen Trick zum Ausnehmen von Touristen. Deshalb wollte er die Mädchen stehen lassen und mit Sarah ins Hotel zurückkehren.

Sechs Männer kamen mit einer Hundemeute aus dem Dschungel. Der Anführer, dessen schwer infizierte Halswunde stank, riss Sarah das Strandtuch vom Leib. Darunter trug sie nur einen winzigen Bikini. Im Schritt seiner Jogginghose zeichnete sich seine Erektion ab. Andrew zog seine Brieftasche. Der Afrikaner nahm das Geld, gab es seinen Kumpanen weiter und schleuderte die Brieftasche in den Sand. Sarah bot ihm an, mit ins Hotel zu kommen. Dort könne sie ihm nicht nur mehr Geld, sondern auch Medikamente gegen seine Verletzung besorgen. Geld und Arznei interessierten den Mann jedoch nicht. Er hatte in London Maschinenbau studiert und war nicht dumm: Er wusste, dass er an der infizierten Wunde innerhalb von zwei Tagen sterben würde.

Mit einem plötzlichen Machetenhieb schnitt er dem Wachmann aus dem Hotel die Kehle durch.

Als er auf Kindness zuging, bat Sarah um das Leben des Mädchens. Andrew meinte dagegen, sie sollten sich heraushalten und ins Hotel zurückkehren. Die Mädchen würden sie nichts angehen. Der Afrikaner fragte ihn daraufhin maliziös, ob er etwas gegen schwarze Mädchen habe und ein Rassist sei. Dann drückte er ihm die blutige Machete in die Hand. Um den beiden Afrikanerinnen das Leben zu retten, brauche er nur seiner Frau den Mittelfinger der linken Hand abzuschlagen, sagt er. Das wäre auch ein Ausgleich dafür, dass ihm so viele Weiße den Stinkefinger gezeigt hatten.

Andrew kämpfte mich sich. Am Ende warf er die Machete in den Sand und weigerte sich. Sarah fiel auf die Knie, nahm die Machete und trennte sich selbst den Mittelfinger ab. Das imponierte dem Afrikaner. Er versprach, das jüngere Mädchen am Leben zu lassen. Dann verschleppten er und seine Männer Little Bee und Kindness.

Andrew und Sarah glaubten dem Anführer nicht, dass er wenigstens eines der Mädchen verschonen würde. Sie meldeten den Vorfall im Hotel und ließen Sarahs Verletzung von einem Arzt behandeln. Dann flogen sie unverzüglich nach London zurück.

Nun erfährt Sarah von Little Bee, dass die Männer etwa eine Stunde weit mit den Mädchen am Stand entlang marschierten. Dann musste die Jüngere unter einen kaputten, mit dem Kiel nach oben im Sand liegenden Kahn klettern. Little Bee hörte, wie ihre Schwester vergewaltigt wurde, bis sie die Männer anflehte, sie endlich zu töten. Die Hunde zerfetzten ihre Leiche, und die Reste wurden ins Wasser geworfen. Dann legten sich die Männer bis auf den Anführer hin und schliefen. Der Mann mit der Halswunde stieg ins Meer und schwamm hinaus, bis Little Bee ihn nicht mehr sehen konnte.

Sie rannte zurück. Im Sand fand sie Andrews Brieftasche. Sie nahm seinen Führerschein und eine Visitenkarte heraus. Dann schlug sie sich zum nächsten Hafen durch.

Sarah will alles versuchen, damit Little Bee nicht abgeschoben wird. Aber es gibt kaum Hoffnung, denn die Nigerianerin kam illegal ins Land und Nigeria gilt als sicheres Land.

Nachdem Lawrence Osborn durch einen Telefonanruf Sarahs von Little Bees Auftauchen gehört hat, verabschiedet er sich unter dem Vorwand einer mehrtägigen Dienstreise von seiner Frau Linda und den Kindern und fährt zu seiner Geliebten. Er will sie dazu bewegen, das Mädchen fortzuschicken. Wenn jemand herausfände, dass er von einer versteckten Illegalen weiß, würde es ihn seinen Job im Innenministerium kosten.

Little Bee droht Lawrence, sie werde im Fall eines Verrats Wege finden, Sarah davon zu berichten und außerdem seine Ehefrau über die Affäre zu informieren. Dann vertraut sie ihm an, dass sie nicht erst am Beerdigungstag in Kingston-upon-Thames eintraf, sondern bereits drei Tage zuvor. Sie hatte sich erst einmal im Garten versteckt, weil sie nicht wusste, was sie eigentlich von dem britischen Ehepaar wollte. Sich bei Sarah bedanken und Andrew unterlassene Hilfeleistung vorwerfen? Manchmal beobachtete sie, wie Andrew während der Abwesenheit seiner Frau stundenlang weinte. Einmal sah er sie. Zunächst hielt er sie für einen Geist und schloss entsetzt die Augen. Bis er sie wieder öffnete, verschwand Little Bee hinter den Büschen. Daraufhin glaubte er, einer Halluzination erlegen zu sein. Am dritten Tag, fünf Tage nach Little Bees Anruf, stand er mit einem am Deckenbalken befestigten Elektrokabel um den Hals auf einem Stuhl.

Ich fragte: Warum tun Sie das? Er antwortete mit sehr leiser Stimme: Weil ich gesehen habe, was für ein Mensch ich bin.

Vor ihren Augen ließ er sich fallen. Little Bee versuchte, ihn hochzuheben, aber er war zu schwer für sie. Während ihm die Augen herausquollen und er blau anlief, überlegte sie, ob sie den Notruf wählen sollte. Damit hätte sie Andrew vielleicht retten können, aber sie wäre mit Sicherheit abgeschoben worden. Little Bee dachte so lange nach, bis es zu spät war. Danach versteckte sie sich wieder und klopfte erst am Morgen vor der Beerdigung an die Tür.

In der Redaktion schlägt Sarah vor, statt der geplanten Beiträge über Sexspielzeug („Good Vibrations“) und eine Mutter mit zwei hässlichen Töchtern, deren Geld nur für eine einzige Schönheitsoperation reicht, einen Bericht über Flüchtlinge in Großbritannien zu bringen. Aber ihre Feature-Redakteurin Clarissa weist sie darauf hin, dass ernste Themen schlecht für die Auflage seien.

Sarah ist unzufrieden mit ihrer Arbeit: Sie war als Idealistin angetreten und hatte gegen Missstände kämpfen wollen. Stattdessen ist „Nixie“ zum seichten Life-Style-Magazin verkommen. Lawrence hält ihre Selbstzweifel für Symptome einer Midlife Crisis, aber sie entgegnet ihm:

„Little Bee hat mich verändert, Lawrence. Wann immer ich sie ansehe, merke ich, wie oberflächlich mein Leben ist.“

Am nächsten Tag gehen Sarah und Lawrence mit Little Bee und Charlie zur Isabella Plantation im Richmond Park.

Dort erzählt Sarah, sie habe in der vergangenen Nacht Andrews Arbeitszimmer aufgeräumt und sei dabei auf zwei Dutzend Ordner mit Material über Ölkriege und Gräueltaten in Afrika sowie die Themen Asyl und Abschiebung gestoßen. Offenbar hatte Andrew ein Buch darüber schreiben wollen. Nun will sie dieses Vorhaben verwirklichen. Lawrence reagiert darauf mit Unverständnis. Es kommt zum Streit.

Nach einer Weile geht Sarah ein Stück weit weg, bis ihr Handy Empfang anzeigt. Sie ruft ihren Verleger an und kündigt ihre Stelle als Chefredakteurin von „Nixie“. Zu ihrer Verwunderung nimmt er ihre Kündigung emotionslos entgegen, fragt nicht nach den Gründen und versucht auch nicht, sie von dem Schritt abzuhalten.

Als sie zu den anderen zurückkommt, ist Charlie verschwunden. Sie geraten in Panik. Lawrence will den Frauen zeigen, dass er auch in dieser Stresssituation einen kühlen Kopf behält. Er drückt Little Bee sein Handy in die Hand. Sie soll damit zu einer Stelle laufen, wo sie Empfang hat, die Polizei alarmieren und am Eingang des Parks auf sie warten. Sarah wundert sich, dass Little Bee nicht sofort losrennt.

„Okay“, sagte ich. „Los.“
Little Bee stand immer noch da, Lawrences Telefon in der Hand, und starrte ihn und mich aus großen, angstvollen Augen an. Ich verstand nicht, weshalb sie nicht längst unterwegs war.
„Geh!“, sagte ich.
Sie starrte mich an. „Die Polizei …“, sagte sie.
Allmählich dämmerte es mir. Die Nummer. Natürlich! Sie kennt die Nummer de Notrufs nicht.
„Die Nummer ist 999“, sagte ich.
Sie stand einfach da. Ich begriff nicht, worin das Problem bestand.
„Die Polizei, Sarah.“
Ich starrte sie an. Ihre Augen blickten flehentlich. Sie wirkte verängstigt. Und dann, ganz langsam, veränderte sich ihre Miene. Sie wurde fest und entschlossen. Little Bee holte tief Luft und nickte mir zu. Dann drehte sie sich um, zuerst langsam, dann sehr schnell, und rannte in Richtung Tor. Als sie auf halbem Weg über den Rasen war, schlug Lawrence die Hand vor den Mund.
„Oh, Scheiße, die Polizei!“, sagte er.
„Was?“
Er schüttelte den Kopf.“Egal.“

Vom Eingang des Parks kann Little Bee nicht sehen, wie Charlie aus den Rhododendren kommt, wo er sich versteckte.

Drei Polizisten treffen ein. Während zwei in den Park gehen, will der dritte Beamte Little Bees Personalien aufnehmen. Rasch stellt sich heraus, dass sie sich illegal im Vereinigten Königreich aufhält. Sie wird festgenommen.

Ein paar Tage später muss sie sich in Heathrow in die letzte Reihe eines Flugzeugs nach Abuja setzen. Ein Wachmann nimmt neben ihr Platz.

Da tauchen überraschend Sarah und Charlie auf. Lawrence fand heraus, in welcher Maschine Little Bee abgeschoben werden soll. Nun fliegen Sarah und Charlie mit, um sie zu beschützen.

Nach der Ankunft in der nigerianischen Hauptstadt weicht Sarah nicht von ihrer Seite. Mit der Drohung, kritische Berichte zu veröffentlichen, hält sie die Beamten davon ab, Little Bee zu verhaften. Aber ein Jeep der Militärpolizei folgt dem Taxi, und im Hotel werden sie bewacht.

Sarah ist entschlossen, die Materialsammlung ihres Mannes durch Interviews mit Afrikanerinnen zu vervollständigen, die Zeugen von Gräueltaten wurden. Solange Little Bee mit ihrer Geschichte allein ist, wird ihr niemand glauben. Aber wenn Sarah einem Rechtsanwalt Berichte über ähnliche Schreckenstaten vorlegt, kann niemand mehr leugnen, dass Little Bees Darstellung glaubwürdig ist.

Um mit Little Bee in die umliegenden Dörfer fahren zu können, besticht Sarah die Wachposten mit Geld.

Nach einigen Tagen äußert die sechzehnjährige Nigerianerin den Wunsch, sich am Ibeno Beach von ihrer ermordeten Schwester zu verabschieden. Sarah hat dafür Verständnis. Aber die Strecke lässt sich hin und zurück nicht in einem Tag zurücklegen. Sie werden übernachten müssen. Nachdem Sarah den Wächtern noch mehr Geld als sonst zugesteckt hat, fahren sie los.

Als sie zu dritt am Strand sitzen, sehen sie in der Ferne sechs Soldaten, die sich vermutlich nach einer schwarzen Jugendlichen in Begleitung einer Weißen und eines Kindes umsehen. Sarah drängt Little Bee, ein Stück weit wegzulaufen und sich unter andere Afrikanerinnen zu mischen.

Little Bee beobachtet, wie die Soldaten auf Sarah und Charlie aufmerksam werden. Sie hört Gebrüll. Der Anführer bedroht Sarah mit dem Gewehr. Charlie rennt plötzlich los, auf Little Bee zu. Der Soldat reißt sein Gewehr herum und zielt auf ihn. Neben Charlie spritzt der Sand auf. Da springt Little Bee hoch, rennt Charlie entgegen und schreit: „Nicht schießen!“

Sie wird abgeführt.

nach oben

Der 1973 in London geborene, in Kamerun und Buckinghamshire aufgewachsene Journalist und Schriftsteller Chris Cleave beschäftigt sich in seinem Bestseller „Little Bee“ mit Massakern in Afrika, die durch die Gier nach Öl und Geld ausgelöst werden, mit Korruption, dem Umgang mit Flüchtlingen und skrupellosen Abschiebepraktiken. Dabei analysiert er allerdings weder die Ursachen, noch setzt er sich mit Lösungsmöglichkeiten auseinander. Chris Cleave benutzt die Gräuel nur als Versatzstücke für einen Trivialroman.

Die Handlung ist nicht in allen Punkten plausibel. Beispielsweise ist es nicht nachvollziehbar, wie sich ein bei der Ankunft in England vierzehnjähriges Mädchen aus einem nigerianischen Dorf innerhalb von zwei Jahren in der Abschiebehaft so viel Bildung anliest, dass es danach zwar über gefrierendes Wasser staunt, aber zu Fuß ins sechzig Kilometer entfernte London findet und sich dort zu einer Adresse im Stadtteil Kingston-upon-Thames durchfragt.

Gelungen ist der Perspektivenwechsel von Kapitel zu Kapitel. Mal erzählt Chris Cleave die ergreifende Geschichte aus der Sicht der sechzehnjährigen Afrikanern Little Bee, dann wieder aus dem Blickwinkel der doppelt so alten britischen Journalistin Sarah O’Rourke. Da treffen nicht nur zwei starke Frauen aufeinander, sondern es prallen auch zwei grundverschiedene Kulturen zusammen. Verstärkt wird dieser culture clash dadurch, dass Little Bee immer wieder überlegt, wie sie ihren Freundinnen in Nigeria von ihren Erlebnissen in England erzählen müsste, damit diese sie auch verstehen könnten. Und sie setzt sich mit den kulturellen bzw. zivilisatorischen Unterschieden auseinander.

Für ein Mädchen wie mich bedeutet Freiheit, einen Tag nach dem anderen lebend zu überstehen.

Wenn ihr an meinen Kontinent denkt, denkt ihr vielleicht an das Leben in der Wildnis – an Löwen und Hyänen und Affen. Wenn ich daran denke, denke ich an all die kaputten Maschinen, an die verschlissenen, zerstörten, zerschmetterten und geborstenen Dinge […] Die Affen spielen draußen am Rand des Dorfes auf einem Berg alter Computer, die ihr geschickt habt, um unsere Schule zu unterstützen – die Schule, die keine Elektrizität hat.
Aus meinem Land habt ihr die Zukunft mitgenommen, und in mein Land habt ihr Gegenstände aus eurer Vergangenheit geschickt.

Ihr seid keine schlechten Menschen. Ihr seid blind für die Gegenwart, und wir sind blind für die Zukunft.

Die Spannung baut Chris Cleave zunächst durch wiederholte Andeutungen eines grauenhaften Ereignisses auf, das er erst auf den Seiten 124 bis 142 schildert, dann allerdings schonungslos und in allen Einzelheiten. In der zweiten Hälfte des Romans „Little Bee“ sorgen unerwartete Wendungen dafür, dass der Spannungsbogen nicht abbricht.

Den Roman „Little Bee“ von Chris Cleave gibt es in einer gekürzten Fassung auch als Hörbuch, gelesen von Britta Steffenhagen und Sarah Alles (Bearbeitung: Katharina Wind, Regie: Vera Teichmann, Berlin 2011, 5 CDs, ISBN 978-3-86231-068-5).

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Deutscher Taschenbuch Verlag

Jeanette Winterson - Der weite Raum der Zeit
Jeannette Winterson hat den Plot der Shakespeare-Komödie "Das Wintermärchen" in unsere Zeit verlegt. Ihren flotten Roman "Der weite Raum der Zeit" kann man als einfallsreiches Spiel mit Figuren und Klischees auffassen.
Der weite Raum der Zeit

Jeanette Winterson

Der weite Raum der Zeit

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.