Anonymus

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Anonymus

Anonymus – Originaltitel: Anonymous – Regie: Roland Emmerich – Drehbuch: John Orloff – Kamera: Anna J. Foerster – Schnitt: Peter R. Adam – Musik: Harald Kloser, Thomas Wanker – Darsteller: Rhys Ifans, Vanessa Redgrave, Sebastian Armesto, Rafe Spall, Edward Hogg, David Thewlis, Joely Richardson, Jamie Campbell Bower, Mark Rylance, Sam Reid, Derek Jacobi, Paolo De Vita u.a. – 2011; 130 Minuten

Inhaltsangabe

Edward de Vere schreibt zwar heimlich Bühnenstücke, kann sie jedoch wegen seiner Zugehörigkeit zum Hochadel nicht veröffentlichen. Als er an einem Beispiel erkennt, wie sich der Pöbel im Theater manipulieren lässt, möchte er, dass seine Stücke von dem Dramatiker Ben Jonson unter dessen Namen aufgeführt werden. Jonson zögert. An seiner Stelle lässt sich der eitle Schmierenkomödiant William Shakespeare als Autor der Stücke des Aristokraten feiern, der damit politische Absichten verfolgt ...
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Kritik

Roland Emmerich inszeniert unter dem Titel "Anonymus" ein bombastisches Kostümdrama mit einer mehrfach verschachtelten Handlung. Dabei setzt er sich unbekümmert über historische Tatsachen hinweg.

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Als sein Vater 1562 unerwartet stirbt, wird der zwölfjährige Edward de Vere, 17. Earl of Oxford (Luke Thomas Taylor / Jamie Campbell Bower / Rhys Ifans), als königliches Mündel bei Hof aufgenommen. Sir William Cecil (David Thewlis), der einflussreichste Berater Königin Elisabeths I. (Joely Richardson / Vanessa Redgrave), engagiert ein halbes Dutzend Hauslehrer, die Edward eine umfassende Bildung vermitteln. Obwohl der Puritaner William Cecil Kunst und Literatur für sündig hält, schreibt Edward de Vere schon als Neunjähriger ein Stück mit dem Titel „Ein Sommernachtstraum“ und spielt bei der Aufführung am Hof selbst die Rolle des Puck. Königin Elisabeth ist begeistert.

Nachdem Edward einen hinter einem Vorhang versteckten Lauscher (Christian Sengewald) erstochen hat (wie Hamlet den Oberkämmerer Polonius), erpresst William Cecil den aus einer der ältesten englischen Adelsfamilien stammenden jungen Mann, seine 15-jährige Tochter Anne (Amy Kwolek / Helen Baxendale) 1571 zu heiraten, die auf diese Weise in die Hocharistokratie aufsteigt. Aber er hasst seinen Schwiegersohn, auch weil dieser das Herz der Königin eroberte und mit ihr ein uneheliches Kind zeugte. William Cecil sorgt dafür, dass Elisabeths Schwangerschaft verborgen bleibt und der Säugling unmittelbar nach der Geburt zu Pflegeeltern gebracht wird, die nichts von dessen Herkunft ahnen.

Statt sich um seine Ländereien zu kümmern, besucht Edward de Vere jede Theateraufführung und schreibt heimlich selbst Stücke, die er wegen seiner Zugehörigkeit zum Hochadel allerdings nicht veröffentlichen kann. Da er ein riesiges Vermögen geerbt hat, kann er sich das zunächst leisten, aber im Lauf der Zeit verarmt er. Anne protestiert vergeblich. Er höre immerzu die Stimmen seiner Figuren, versucht er ihr zu erklären, und müsse sie zu Papier bringen, andernfalls befürchte er, wahnsinnig zu werden.

Eines Tages erlebt Edward de Vere – er ist inzwischen Mitte 40 –, wie der Pöbel durch ein gesellschaftskritisches Theaterstück von Ben Jonson (Sebastian Armesto) mobilisiert wird. Da begreift er die politische Wirkung der Kunst. Das Theaterstück wird verboten und Ben Jonson von der Bühne herunter verhaftet. Edward de Vere lässt Ben Jonson jedoch aus dem Tower befreien und zu sich kommen. Er will, dass seine Theaterstücke von Ben Jonson unter dessen Namen auf die Bühne gebracht werden, denn er hofft, dadurch die Politik beeinflussen zu können. Mit einem Beutel voller Geld bezahlt der Aristokrat den Dramatiker dafür, dass dieser über die wahre Herkunft der Stücke schweigt.

Ben Jonson nimmt zwar das Geld und ein Manuskript entgegen, aber nach kurzer Zeit beginnt er zu zweifeln, ob es klug wäre, die Stücke Edwards als eigene auszugeben. Darüber spricht er mit dem Schmierenkomödianten William Shakespeare (Rafe Spall). Der hätte keine Skrupel, auf diese Weise zu Ruhm und Geld zu kommen. Es gelingt ihm, Ben Jonson zu überreden, ihm den Auftrag und die Bezahlung abzutreten.

Edward de Vere verfolgt die Aufführung seines Stückes von einer Loge aus. Das Publikum ist begeistert und verlangt lautstark, dass sich der Autor zeigt. William Shakespeare springt auf die Bühne und lässt sich feiern. Edward ist entsetzt. Um seinen Plan jedoch nicht zu gefährden, schickt er Shakespeare über Jonson noch einige weitere Theaterstücke.

Um herauszufinden, woher die Manuskripte kommen, beschattet William Shakespeare Ben Jonson und schleicht dem Boten nach, der dem Dramatiker eine Mappe übergeben hat. So gelangt er zu Edwards Villa. Statt sich durch die hohe gesellschaftliche Stellung des Autors abschrecken zu lassen, erpresst Shakespeare weiteres Geld von ihm, indem er ihm droht, seine Urheberschaft aufzudecken.

Zur Überraschung der Bühnenautoren Christopher Marlowe (Trystan Gravelle), Thomas Dekker (Robert Emms) und Thomas Nashe (Tony Way) avanciert der drittklassige Schauspieler William Shakespeare zum umjubelten Stückeschreiber. Er initiiert sogar den Bau eines neuen Theaters in Bankside am rechten Themseufer. Die Kollegen halten die Komödien und Tragödien für hervorragend, können sich aber nicht vorstellen, dass William Shakespeare, der kaum seinen eigenen Namen schreiben kann, der Autor ist. Als Shakespeare befürchtet, Christopher Marlowe könne das Geheimnis aufdecken, schneidet er ihm in einer finsteren Gasse des Londoner Stadtteils Southwark skrupellos die Kehle durch.

Der inzwischen greise William Cecil möchte, dass die Königin seinen buckligen Sohn Robert (Edward Hogg) in Her Majesty’s Most Honourable Privy Council aufnimmt. Elisabeth bevorzugt allerdings ihren unehelichen Sohn Robert Devereux, den 2. Earl of Essex (Sam Reid). Dessen Berufung versucht William Cecil zu verhindern, denn er befürchtet, dass der Earl of Essex nach dem bald zu erwartenden Tod seiner Mutter die Krone beanspruchen könnte. Der verschlagene Berater will jedoch Maria Stuarts Sohn, den schottischen König Jakob VI. (James Clyde), zur Thronfolge verhelfen.

Um die Berufung seines Sohnes anstelle des Earl of Essex durchzusetzen, überredet William Cecil die Königin, Robert Devereux nach Irland in den Krieg gegen Hugh O’Neill, den Earl of Tyrone, zu schicken. Von dort, so hofft William Cecil, werde er nicht lebend zurückkommen. Zur gleichen Zeit bezahlt er Edwards Fechtlehrer Monsieur Beaulieu (Jean-Loup Fourure) für einen Mordanschlag gegen den Schüler. Beaulieu verletzt zwar Edward beim Üben, aber der Angegriffene überlebt den Stich, und es gelingt ihm, seinen Fechtlehrer im Kampf zu töten.

Während der Earl of Essex in Irland ist, versuchen William und Robert Cecil, seinen Ruf in London zu untergraben. Der Königin reden sie ein, Robert Devereux beabsichtige, sie vom Thron zu stoßen und ihre Nachfolge anzutreten.

Als der Earl of Essex von den Intrigen der Cecils erfährt, kehrt er 1599 gegen den Willen der Königin aus Irland zurück. Aufgebracht passiert er die Wachen im Schloss und reißt die Türe zu den Privatgemächern der Königin auf, die gerade erst angekleidet wird. Daraufhin lässt ihn Elisabeth unter Hausarrest stellen.

Einige Monate später verbünden sich der Earl of Essex und sein Freund Henry Wriothesley, der 3. Earl of Southampton (Timo Huber / Xavier Samuel), mit Edward de Vere gegen Robert Cecil, der seit dem Tod seines Vaters Elisabeths wichtigster Berater ist und weiter daran arbeitet, den schottischen König Jakob als Thronfolger zu etablieren. Rasch schreibt Edward das Drama „Richard III.“ und lässt es von William Shakespeare am Globe Theatre für eine einzige eintrittsfreie Aufführung einstudieren, mit der er das Publikum gegen Robert Cecil aufhetzen will, denn sein Plan sieht vor, dass der Pöbel den Staatsstreich unterstützt.

In seiner Wut auf William Shakespeare verrät Ben Jonson bei Hof, dass die Aufführung eines politisch brisanten Stückes bevorstehe. Statt „Richard III.“ zu verbieten, bereitet Robert Cecil sich auf die Rebellion vor.

Am 8. Februar 1601 ist es so weit: Während im überfüllten Globe Theatre „Richard III.“ gespielt wird, warten der Earl of Essex und der Earl of Southampton mit ihrem kleinen Gefolge in der Nähe des Schlosses darauf, dass der Pöbel angerannt kommt. Aber schwer bewaffnete Soldaten stellen sich dem Volk auf einer Brücke entgegen und beschießen es mit Kanonen. Obwohl die Aufständischen ohne Unterstützung kaum eine Chance haben, reiten sie in den Schlosshof. Darauf hat Robert Cecil gewartet: Er lässt die Tore schließen. Zu spät erkennen die Rebellen, dass sie in eine Falle geraten sind. Auf den Dächern postierte Soldaten schießen den Aufstand nieder. Der Earl of Essex und der Earl of Southampton ergeben sich der Übermacht.

Währenddessen redet Robert Cecil der Königin ein, der Earl of Essex sei gekommen, um sie zu stürzen. Dann wendet er sich an Edward de Vere, der von einem Fenster aus das blutige Ende des Umsturzversuchs beobachtete, und klärt ihn maliziös über seine wahre Herkunft auf: Edward ist einer der Bastarde der Königin. Weil sie das Neugeborene hatte hergeben müssen, wusste sie auch selbst nicht, dass es sich bei dem von William Cecil erzogenen Jungen um ihren Sohn handelte. Ahnungslos ging sie mit ihm ins Bett [Inzest]. Dass sie einen von ihn gezeugten Sohn gebar, Henry, den Earl of Southampton, erfuhr Edward bereits von William Cecil.

Der Earl of Southampton muss am 25. Februar hilflos von seinem Kerkerfenster aus zusehen, wie sein Freund Robert Devereux, der 2. Earl of Essex, vom Scharfrichter enthauptet wird.

Einige Tage später soll er ebenfalls hingerichtet werden. Edward de Vere erinnert die Königin mit dem eilig geschriebenen Gedicht „Venus und Adonis“ an ihre Liebesbeziehung, und als sie ihm eine Audienz gewährt, fleht er sie an, den gemeinsamen Sohn zu verschonen. Nach langem Zögern geht sie darauf ein.

Am 24. März 1603 stirbt Königin Elisabeth I. im Alter von 69 Jahren. Jakob von Schottland folgt ihr als König Jakob I. auf den englischen Thron.

Robert Cecil hat sein Ziel erreicht. Allerdings teilt der neue Herrscher seine puritanischen Ansichten nicht, sondern begeistert sich für die angeblich von William Shakespeare verfassten Theaterstücke.

Der Hochstapler lebt inzwischen als Geschäftsmann in seiner Heimatstadt Stratford-upon-Avon.

Edward de Vere ernennt kurz vor seinem Tod Ben Jonson zu seinem Nachlassverwalter. Jonson bekennt sich dazu, durch seinen Verrat ungewollt zum Scheitern des Staatsstreichs beigetragen zu haben und hält sich für ungeeignet, aber der Earl of Oxford vertraut ihm alle seine Manuskripte an, denn er weiß, dass Ben Jonson seine Stücke bewundert.

Anne, der nicht entgeht, dass der Dramatiker das Haus mit einem Stapel Manuskripten ihres Mannes verlässt, unterrichtet ihren Bruder Robert Cecil darüber.

Der lässt nach dem Tod seines Schwagers Jagd auf Ben Jonson machen. Der Bühnenautor flüchtet vor den Häschern ins Globe Theatre. Rasch öffnet er eine Falltür und versteckt sich. Cecils Männer zünden das Theater an. Die Hitze und der Qualm zwingen Ben Jonson, sich zu ergeben, aber er lässt die Manuskripte im Versteck zurück.

Um zu erfahren, wo sich die Manuskripte befinden, lässt Robert Cecil den Gefangenen foltern. Ben Jonson behauptet, die Papiere seien durch einen Brand vernichtet worden und bleibt trotz brutaler Schläge bei dieser Lüge. Schließlich glaubt Robert Cecil ihm und gibt ihn frei.

Ben Jonson kehrt zum Globe Theatre zurück. Es ist bis auf die Grundmauern abgebrannt. Im Schutt findet er die Falltür und birgt die zwar angesengten, aber unzerstörten Manuskripte.

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Immer wieder wird bezweifelt, dass William Shakespeare die ihm zugeordneten 37 Theaterstücke und 154 Sonette tatsächlich schrieb. Christopher Marlowe, Francis Bacon, Henry Neville („Falstaff“) und Edward de Vere, der 17. Earl of Oxford, wurden als mögliche Autoren genannt. John Orloff (Drehbuch) und Roland Emmerich (Regie) veranschaulichen in ihrem Kinofilm „Anonymus“ die These, derzufolge Edward de Vere der geniale Verfasser war. William Shakespeare stellen sie als verlogenen Hanswurst dar. Damit verknüpfen sie eine Reihe von Intrigen am Hof Königin Elisabeths I.

In „Anonymus“ ist William Shakespeare ein ebenso unbegabter wie geldgieriger und ruhmsüchtiger Schmierenkomödiant, ein skrupelloser Erpresser und Hochstapler, der sich wie ein Popstar als Bühnenautor feiern lässt, obwohl er nichts schreibt und gar nicht dazu fähig wäre. Der Betrüger schreckt auch nicht davor zurück, Christopher Marlowe die Kehle durchzuschneiden. Edward de Vere, der 17. Earl of Oxford, ist dagegen hochgebildet und weltgewandt, ein genialer Dramatiker, der seine Autorenschaft wegen seiner Zugehörigkeit zum Hochadel verheimlichen muss.

An historische Tatsachen halten sich John Orloff und Roland Emmerich in „Anonymus“ ebenso wenig wie Peter Shaffer (Drehbuch) und Miloš Forman (Regie) in „Amadeus“. In dem Kostümfilm geht es um Unterhaltung, nicht um Literaturgeschichte. Es gibt keine neue Erkenntnisse darüber, wer „Ein Sommernachtstraum“, „Hamlet“, „Maß für Maß“ und „Macbeth“ geschrieben hat. Allerdings skizziert Roland Emmerich in einem Interview seine Meinung zu dieser Frage:

Das passt jetzt weder zu der Geschichte, die wir im Film erzählen, noch zu der Vorlage von John Orloff, aber meine Meinung ist, dass Shakespeare ein Synonym für mehrere Schreiber und Oxford eine Art Redakteur war, der umgeschrieben und redigiert hat, sozusagen die letzte Instanz. Er muss viele von diesen Stücken aber auch selbst geschrieben haben. Da ist eine gewisse Linie drin, und die muss von ihm stammen. Er war die Hauptfigur – aber natürlich ist die ganze Geschichte viel komplexer als wir sie darstellen konnten. (Roland Emmerich im Interview mit Andreas Borcholte, „Der Spiegel“, 11. November 2011)

Edward de Vere, Earl of Oxford, kann schon deshalb nicht alle William Shakespeare zugeschriebenen Theaterstücke verfasst haben, weil er am 24. Juni 1604 starb. „König Lear“, „Antonius und Cleopartra“, „Macbeth“, „Coriolanus“, „Ein Wintermärchen“, „Der Sturm“ und andere Shakespeare-Stücke entstanden erst später.

Unbekümmert Fakten ignorierend, zeigen John Orloff und Roland Emmerich in „Anonymus“, wie der neunjährige Edward de Vere sein Stück „Ein Sommernachtstraum“ 1559 vor Königin Elisabeth I. aufführt. Tatsächlich stammt das Stück aus der Zeit um 1595/96. Andererseits entstand das Gedicht „Venus und Adonis“ bereits 1592 (Veröffentlichung: 1593) und nicht erst 1601, wie es der Film „Anonymus“ suggeriert.

Im Zusammenhang mit der Essex-Rebellion wurde am 7. Februar 1601 tatsächlich ein Shakespeare-Drama aufgeführt, aber nicht „Richard III.“, sondern „Richard II.“, und keines der beiden Stücke wurde eigens für diesen Zweck geschrieben. Während in „Anonymus“ gezeigt wird, wie der Volkszorn durch Parallelen zwischen der Bühnenfigur Richard III. und Robert Cecil aufgestachelt wird, handelt das Drama „Richard II.“ von einem König, der seinen Thron verliert, weil er auf die falschen Berater hört. Durch die – nicht von Edward de Vere, Earl of Oxford, sondern von Robert Devereux, Earl of Essex, initiierte – Aufführung von „Richard II.“ sollte denn auch nicht nur Robert Cecil entmachtet, sondern der Sturz der Königin herbeigeführt werden.

Die Szene, in der das Volk auf einer Brücke über die Themse mit Kanonen beschossen wird, ist frei erfunden.

Zu den Grundlinien des Plots in „Anonymus“ gehört, dass William und Robert Cecil alles daran setzen, den schottischen König Jakob VI. als Nachfolger Elisabeths I. auf den englischen Thron zu heben. In Wirklichkeit handelte es sich bei William Cecil um einen Gegner des Sohnes von Maria Stuart, denn als Berater Elisabeths I. war er an der Beseitigung der schottischen Königin maßgeblich beteiligt gewesen und musste die Rache des Erben fürchten.

Christopher Marlowe wurde bestimmt nicht 1598 im Londoner Stadtteil Southwark von William Shakespeare ermordet. Der Dichter starb bereits fünf Jahre vorher, am 30. Mai 1593 in Deptford. Als Mörder gilt Ingram Frizer.

Königin Elisabeth I. starb am 24. März 1603. In einer spektakulären, am Computer generierten Szene, zeigt Roland Emmerich den Trauerzug auf der zugefrorenen Themse. Der Fluss war jedoch im Frühjahr 1603 nicht zugefroren.

Anne, die Tochter William Cecils und erste Ehefrau Edward de Veres, starb 1588 im Alter von 32 Jahren. Drei Jahre später heiratete der Witwer Elizabeth Trentham. Aus dieser Ehe stammt der Sohn Henry, der 18. Earl of Oxford. In „Anonymus“ überlebt Anne dagegen ihren 1604 verstorbenen Mann.

Das Globe Theatre in London brannte tatsächlich nieder, aber nicht kurz nach der Jahrhundertwende, sondern erst 1613, also zu einem Zeitpunkt, als Robert Cecil bereits tot war. (Er war am 24. Mai 1612 gestorben). Das Gebäude wurde auch nicht bei der Verfolgung des Dramatikers Ben Jonson (1572 – 1637) absichtlich angezündet, sondern das Strohdach fing während eines auf der Bühne simulierten Kanonenschusses Feuer.

Genug zum Thema Geschichtsklitterung. Wenden wir uns der Inszenierung zu.

„Anonymus“ beginnt und endet nicht in London, sondern am Broadway in New York. Dort und in der Gegenwart spielen der Prolog und der Epilog: Während sich die Darsteller hinter der Bühne auf ihren Einsatz vorbereiten, hebt sich der Vorhang, und ein im letzten Augenblick mit einem Taxi eingetroffener Schauspieler (Derek Jacobi) erklärt dem Publikum, was es mit der Autorenschaft der William Shakespeare zugeschriebenen Stücke auf sich hat. Das wird nun auf der Broadway-Bühne dargestellt. Uns versetzt der Film dagegen ins London des späten 16. Jahrhunderts.

Dort sehen wir zunächst Ben Jonson auf der Flucht vor Robert Cecils Häschern. Die eigentliche Geschichte wird in mehrfach verschachtelten Rückblenden erzählt. Bei den ersten Zeitsprüngen helfen uns noch Einblendungen („vor fünf Jahren“, „vor 20 Jahren“), aber dann erfolgen sie so unvermittelt, dass man aufpassen muss, um nicht den Überblick zu verlieren, zumal die Figuren abwechselnd mit Namen und Titeln angesprochen und einige davon je nach Lebensalter von verschiedenen Schauspielern dargestellt werden. Vor dem Epilog kehren wir wieder zu dem auf einen Stuhl gefesselten Ben Jonson zurück, und die Rahmenhandlung schließt sich.

Obwohl Roland Emmerich („Spielbergle von Sindelfingen“, „Master of Disaster“) mit einem Bruchteil der von ihm gewohnten Budgets auskommen musste, ist „Anonymus“ ein bombastisches „Karussell aus Inzest, Intrige, Macht- und Lustspielen“ (Andreas Kilb, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. November 2011). Aufwändige Kulissen sehen wir in den eingestreuten Szenen aus Shakespeare-Stücken. Die Ausstattung ist bis in die Details sorgfältig und überzeugend. Grandios sind auch die Kostüme von Lisy Christl. (Zum Einsatz kamen 1300 Kostüme. Aus Kostengründen gab es nur jeweils ein Set, und nicht drei gleiche, wie in Hollywood üblich.) Die Bilder sind opulent und vor allem prächtig ausgeleuchtet. Von einer subtilen Inszenierung kann man bei „Anonymus“ allerdings nicht sprechen; dafür setzen John Orloff und Roland Emmerich zu viel auf Action. Außerdem lassen abrupte Schnitte keinen eleganten Fluss der Erzählung zu.

Die alte und die junge Königin Elisabeth I. werden übrigens von Vanessa Redgrave und Joely Richardson gespielt, bei denen es sich im „richtigen Leben“ um Mutter und Tochter handelt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012

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