Juan Goytisolo : Landschaften nach der Schlacht

Landschaften nach der Schlacht

Juan Goytisolo

Landschaften nach der Schlacht

Originalausgabe: 1982 Landschaften nach der Schlacht Übersetzung: Gisbert Haefs Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1990 Süddeutsche Zeitung / Bibliothek,Band 80, München 2007, 155 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der namenlose Protagonist ist ein Einzelgänger um die 50. Seine Ehefrau wohnt im Apartment gegenüber, aber er kommuniziert mit ihr nur per Zettel, die er unter ihre Fußmatte legt. Meistens flaniert er durch den Pariser Stadtteil Sentier. Er exhibitioniert, masturbiert Hunde auf der Straße und gehorcht einer Domina. Seine Fantasien sind nicht nur sodomitisch, päderastisch, homosexuell und masochistisch, sondern auch böse und aggressiv ...
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Kritik

"Landschaften nach der Schlacht" nennt sich zwar Roman, aber Juan Goytisolo entwickelt keine Handlung, sondern reiht 79 episodische Kapitel aneinander, die gewissermaßen die Kakophonie des Pariser Stadtviertels Sentier widerhallen lassen.
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Der namenlose Protagonist ist ein einzelgängerischer Misanthrop um die fünfzig, der das Telefon nicht abhebt, die Wohnungstür nicht öffnet, keine Briefe beantwortet und sein Adressbuch Seite für Seite zerrissen hat. Aber er liest die obszönen Briefe, die er auf seine Annoncen bekommt und kompiliert sie ebenso wie Zeitungsausschnitte. Seine Ehefrau wohnt im Apartment gegenüber, aber er kommuniziert mit ihr nur per Zettel, die er unter ihre Fußmatte legt.

Seit der Arzt ihm wegen eines Nierenleidens riet, die Farbe seines Urins zu prüfen, uriniert er ins Waschbecken. Die Erkrankung ist längst vorbei, aber die Angewohnheit hat er beibehalten. Statt sich anschließend die Hände zu waschen, trocknet er sie nur am Handtuch ab.

Die meiste Zeit flaniert er durch den Pariser Stadtteil Sentier. Das Urbane zieht ihn an, auch wenn er Museen, Bibliotheken und Theater meidet. Landschaften außerhalb der Stadt langweilen ihn; Schnee löst Entsetzen bei ihm aus, im Frühling leidet er wegen des Pollenflugs verstärkt unter Asthma, und im Sommer machen ihm Mückenstiche zu schaffen. Im Park lockt er kleine Mädchen zu sich, deren Mütter auf den umliegenden Bänken sitzen und zeigt ihnen im Schutz seines Regenmantels seinen Penis. Er mag Hunde aller Rassen und Größen. Während er höflich mit den Herrchen und Frauchen redet, masturbiert er die Hunde. Das gefällt den Tieren, aber die Besitzer reagieren unterschiedlich: Manche schauen neugierig zu, andere sind empört.

Ihre Gesichter, Grimassen, Blicke verraten Ablehnung und Widerwille, wenn nicht gar Verachtung und Ekel, und das zeigt ganz klar, dass auch in einer angeblich permissiven Gemeinschaft wie der unseren das Recht auf Authentizität und Abweichung nicht existiert […] (Seite 32)

Er geht ins Pornokino und gehorcht der Domina Agnes, die ihm befiehlt, nackt und mit einer Möhre im Anus auf allen Vieren herumzukriechen. Seine Fantasien sind nicht nur sodomitisch, päderastisch, homosexuell und masochistisch, sondern auch böse und aggressiv:

Schließen Sie die Augen, warten Sie, bis das anschwellende Rattern des Zugs, links von Ihnen, seine sofortige Einfahrt in die Metrostation ankündigt, und öffnen Sie sie in dem Moment, da Sie mit aller Kraft den vor Ihnen Stehenden, der Ihnen den Rücken zuwendet, auf die Gleise stoßen.
Hören Sie seinen entsetzten Aufschrei, den Anprall des vom ersten Wagen zerstörten Körpers, das hektische und sinnlose Quietschen der Bremsen, die verwirrten Rufe der dichtgedrängten Leute auf den Bahnsteigen […] (Seite 25)

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Der Protagonist des Romans „Landschaften nach der Schlacht“ ist namenlos.

[…] das Subjekt dieser Geschichte – muss man ihn unbedingt, wie gewöhnlich, Dings, Sohn von Bums und Enkel von Dungs und Bims nennen? […] (Seite 34)

Sein Verhältnis zum Autor bleibt unklar. Auf jeden Fall liest der Protagonist das Geschriebene, und eine Formulierung legt sogar nahe, dass er selbst den Text schreibt („Text, den er eben abgefasst hat“, Seite 142). Dann wieder heißt es:

[…] weiß er nicht mehr, ob er dieses abseitige Individuum ist, das seinen Namen usurpiert, oder ob dieser Goytisolo ihn eben erst erschafft. (Seite 142)

„Landschaften nach der Schlacht“ nennt sich zwar Roman, aber Juan Goytisolo entwickelt keine Handlung, sondern reiht neunundsiebzig episodische Kapitel aneinander, die gewissermaßen die Kakophonie des Pariser Stadtviertels Sentier widerhallen lassen.

Juan Goytisolo wurde am 5. Januar 1931 in Barcelona geboren. Nach dem Besuch einer Jesuitenschule studierte er Jura, brach das Studium jedoch 1953 ab. Im Jahr darauf veröffentlichte er seinen ersten Roman („Juegos de manos“). 1957 zog der spanische Schriftsteller nach Paris und arbeitete einige Zeit als Lektor beim Verlag Gallimard. Bis zum Tod Francos blieben seine Bücher in Spanien verboten.

Seit Jahren wohnt Juan Goytisolo am Djemaa el Fna in Marrakesch. 2006 erschien sein bisher letzter Roman: „Der blinde Reiter“.

Juan Goytisolo gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller Spaniens. Sein Hauptwerk ist die Romantrilogie „Identitätszeichen“, „Rückforderung des Conde don Julián“, „Johann ohne Land“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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