Julien Green : Mitternacht

Mitternacht

Julien Green

Mitternacht

Originaltitel: Minuit, 1936 Mitternacht Übersetzung: Maria Giustiniani Bermann-Fischer Verlag, Wien 1936
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als Elisabeth elf Jahre alt ist, bringt sich ihre Mutter um, weil sie von ihrem Geliebten verlassen wurde. Kurze Zeit kümmern sich drei schrullige Tanten um sie, dann kommt sie bei einer fremden Familie unter. Fünf Jahre nach dem Tod ihrer Mutter lässt deren damaliger Liebhaber Elisabeth in sein burgartiges Haus holen ...
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Kritik

In dem Roman "Mitternacht" veranschaulicht Julien Green, wie ein junges Mädchen durch Rätselhaftes und Unheimliches bedroht wird.
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Nachdem Blanche von ihrem Liebhaber verlassen wurde, bringt sich die junge Mutter um. Ihre elfjährige Tochter Elisabeth bleibt als Waise zurück. Kurzfristig kümmern sich ihre drei Tanten abwechselnd um sie. Eine ist engstirniger als die andere: „Ihr Leben verlief tatsächlich wie im Innern eines Schächtelchens und ließ weder Störungen noch Abenteuer zu.“ Die beengte Umgebung macht Elisabeth beklommen: Bei einer Tante muss sie in einer Rumpelkammer schlafen, die andere wischt mitten in der Nacht den Küchenfußboden. Diese Absonderlichkeiten ängstigen sie; im Morgengrauen läuft sie davon.

Ein gutmütiger Herr, der sie schlafend auf der Straße findet, kümmert sich um sie. Monsieur Eduard Lerat und seine Frau Edmée nehmen sie in ihren Haushalt auf. Die beiden eher unscheinbaren Töchter sind davon nicht so begeistert, da sie die hübsche, schwarzhaarige Elisabeth als Rivalin sehen. Eine der Tanten fordert von der Familie Lerat, dass sie die Pflegetochter gehen lässt. Sie habe nämlich das Angebot eines wohlhabenden Herrn vorliegen, der ihre Nichte bei sich aufnehmen will. Monsieur und Madame Lerat zögern, aber während sie noch über eine Entscheidung nachdenken, stirbt der Hausherr. Die Situation ist nun also eine andere.

Elisabeth ist inzwischen 16 Jahre alt. Monsieur Agnel wurde beauftragt, sie zu dem abgelegenen Anwesen ihres Gönners zu begleiten. Auf dem Weg nach Fontfroide charakterisiert er schon mal skizzenhaft einige Bewohner, die sie dort teffen wird.

Ich bin kein Gegner der Deutlichkeit, in dem Maß, als sie das legitime Geheimnis bewahrt, auf das wir alle ein Anrecht haben. In seiner Eigenschaft als Ältester wird Sie mein Vetter Bernard willkommen heißen. Sie werden in seiner Person eine glückliche Mischung natürlicher Gaben und Tugenden finden, dank seiner Anstrengungen erworben, die ihm allgemeine Achtung eingebracht haben. Wenn ich von Anstrengungen spreche, will ich damit durchaus nicht andeuten, dass er eine widerspenstige und minderwertige Natur zu bezwingen gehabt hätte. Aber aus Liebe zum Guten, aus dem einfachen Wunsch heraus, seine Seele zu bereichern, hat er uns auf dem schwierigen Weg überholt.

So gewunden spricht Monsieur Agnel immer; das entspricht seinem Naturell. Er ist das Faktotum in dem düsteren burgartigen Gemäuer, das unaufhaltsam zu einer Ruine verkommt. Seine Bestrebungen, sich bei den Bewohnern einzuschmeicheln, gelingen jedoch in den wenigsten Fällen. Er sieht sich als unentbehrliche Hilfe in dem unübersichtlichen Haushalt; seine unverbrüchliche Verehrung gilt aber dem Hausherrn, Monsieur Edme.

Von einem freundlichen Empfang für Elisabeth kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Am ersten Abend findet sie sich in der Bibliothek eingesperrt. Auf diese Weise hat sie ausreichend Gelegenheit, den desaströsen Zustand des Zimmers zu erfassen. So wie hier, bröckeln und schimmeln die Wände auch in den anderen Räumen; Tapeten hängen in Fetzen herunter, alle Möbel sind wacklig und beschädigt. Außerdem ist es kalt. Das verängstigte Mädchen weiß noch nicht, dass wegen ausgebliebener Zahlungen die Gas- und Stromzufuhr abgeschaltet wurde. Es gibt kaum mehr Holz für die Kamine, die Kerzen werden rar und selbst an Zündhölzern muss gespart werden. Die Bodendielen knarzen und wenn der Wind die zerschlissenen Gardinen bläht, erschauert man als Leser, so bildhaft schildert Julien Green die gespenstische Atmosphäre.

Bei einem ihrer Erkundungsgänge durch das weitläufige Haus mit labyrinthartigen Korridoren trifft sie auf Serge, einen ungehobelten jungen Mann, der als einziger der Bewohner seinen Verstand bewahrt hat. Sie fühlt sich sofort zu ihm hingezogen. Er schlägt ihr vor, mit ihm zu fliehen, aber dazu kann sich das verschüchterte Mädchen nicht entschließen. (Serge nützt später die Naivität Elisabeths aus und verführt sie auf brutale Weise.)

Da Monsieur Edme die Nacht zum Tag erklärt hat – er kann nämlich nachts nicht schlafen –, verkehrt sich der gesamte Ablauf des Alltags im ganzen Haus.

Von einem Nebenzimmer aus kann Elisabeth die anderen Bewohner eines Nachts beim Essen beobachten und belauschen. Es sind Monsieur Edmes Verwandte der Seitenlinien: „Zu viele Seitenlinien, sogenannte Seitenlinien. Überhaupt unnütze Mäuler, die zu stopfen sind“, die er in seiner „Großmut“ bei sich aufgenommen hat. Alle sind sonderbar und auf gewisse Weise unheimlich. Monsieur Bernard, der Bruder von Monsieur Edme, hat sich eine schwarze Brille aufgesetzt und will als Blinder behandelt werden. Über seinen Bruder sagt er: „… dass er nur am Tage schlafen kann, geht noch hin, er ist krank. Dass aber sechs Personen die Extravaganzen eines Neurasthenikers nachäffen und aus Nachahmungssucht bei Fackelschein leben, finde ich gelegentlich übertrieben.“ Monsieur Edmes Mutter passt sich an, „weil sie sich nach fünf Jahrzehnten noch nicht davon erholt hat, ein derartiges Wunder in die Welt gesetzt zu haben.“ Mademoiselle Eva, die sie „die Freude“ nennen, weil sie die Landessprache wegen ihrer nicht näher genannten ausländischen Herkunft nur unvollkommen beherrscht, ist „in das eben genannte Wunder verliebt, obwohl es nichts mehr von ihr wissen will“. Madame Angeli erscheint zum Essen mit ihrer kleinen Tochter Emeline immer reisefertig angezogen: „Sie ist verrückt und bildet sich seit zehn Monaten jeden Abend ein, sie werde Fontfroide mit dem Nachtzug um ein Uhr verlassen, um zu ihrem Mann zu fahren.“ Monsieur Agnel nennt Bernard „einen geborenen Götzenanbeter“, der in Monsieur Edme „seinen Gott sieht“. Es spielt sich außerdem ein Monsieur Urbain in den Vordergrund („er sieht eher wie ein Menschenaffe im Gewand eines Pastors denn wie ein Mensch aus“). Fortwährend schikaniert er Monsieur Agnel herum und droht ihm dauernd mit Entlassung. Bei Tisch sitzt auch die ältliche Dame Cornelie, die ihre Katze wie ein Baby behandelt.

Als letzter der Tischgesellschaft erscheint Monsieur Edme: „Ein Mann von kleinem Wuchs, mit besonderer Sorgfalt gekleidet … von Ehrfurcht gebietender, fast orientalischer Schönheit.“ Die Versammelten verstummen bei seinem Eintreten, als ob sie „einer geheimen Weisung folgten, der sie sich nicht zu entziehen wagten“. Mit seiner sanften, einschmeichelnden Stimme mahnt er, dass man einer trügerischen Welt nicht zu viel Glauben schenken darf und dass die Dinge um einen herum nach und nach farblos werden und den Anschein von Wirklichkeit verlieren. „Dass ihr doch den Sinn für das Unsichtbare pfleget!“ „Als die Zukunft ihnen ihr finsteres Gesicht zeigte“, gelingt es diesem „eigentümlichen Manne, diesem Zauberer ohne Zauberstab, der vor ihnen stand, der von seinen Träumen und von einer Welt, die niemand jemals gesehen hatte, zu ihnen sprach, ihre Besorgnis einzuschläfern.“ Dann erzählt er von einem Traum, der von einer Zeit handelt, in der es Fontfroide noch nicht gab, er aber schon eine Vision hatte, in der er sein Haus aus dem Nichts nach und nach aufbaute und es im Laufe der Zeit in den schönsten Formen vor ihm entstand und er „in dieser Wunderbehausung“ der Herrscher wurde.

Zum Schluss eröffnet er ihnen, dass Elisabeth die Tochter der Frau ist, die er vor Jahren verlassen hat und die sich seinetwegen umbrachte.

Elisabeth soll zu ihm gebracht werden. Serge hatte das verängstigte Mädchen versteckt. Sie wollte nicht mit dem ungestümen Draufgänger fliehen, weil sie meinte, dass sie in Fontfroide mit Monsieur Edme glücklich sein könnte. Serge bringt die Verschüchterte widerstrebend zu Monsieur Edme: „… Hier ist sie. Aber sie ist nicht für Sie.“ Indem er das Zimmer verwüstet, lenkt er die Anwesenden ab, und in dem Tumult packt er Elisabeth und zerrt sie in die oberen Stockwerke. Sie werden verfolgt; dabei erschießt er Agnel.

Elisabeth lässt sich nun doch noch überreden, mit Serge zu gehen. Er zeigt ihr, auf welche Weise man sich aus dem Fenster ins Freie retten kann – und stürzt dabei ab. Elisabeth steigt aufs Fensterbrett und hält sich genau so fest – wie Serge es ihr vorgemacht hat …

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Fremdbestimmt, freud- und perspektivlos erlebt Elisabeth einen wahren Albtraum ohne menschliche Wärme in einer verfallenden kalten Burg (Fontfroide!). Da sie nicht gelernt hat, aus eigenem Entschluss zu handeln, gelingt es ihr nicht, den sie einengenden Kreis zu verlassen. Das Bedrohliche in dieser unheimlichen Szenerie mit den rätselhaften Bewohnern in der maroden Umgebung ahnt sie allenfalls. Dem Verfall kann sie sich nicht entziehen.

Mit dieser beunruhigenden, fast könnte man sagen: Geister-Geschichte hält Julien Green den Leser in seinem Roman „Mitternacht“ durchgängig in Spannung. Dafür sorgt er er mit der realistischen, also keineswegs esoterischen Beschreibung des Personenkreises und der Atmosphäre.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2002
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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