Wir Wunderkinder

Wir Wunderkinder

Wir Wunderkinder

Originaltitel: Wir Wunderkinder – Regie: Kurt Hoffmann – Drehbuch: Heinz Pauck und Günter Neumann, nach dem Roman "Wir Wunderkinder" von Hugo Hartung – Kamera: Richard Angst – Schnitt: Hilwa von Boro – Musik: Franz Grothe – Darsteller: Hansjörg Felmy, Robert Graf, Johanna von Koczian, Wera Frydtberg, Elisabeth Flickenschildt, Ingrid Pan, Ingrid van Bergen, Jürgen Goslar u.a. – 1958; 105 Minuten

Inhaltsangabe

Die Handlung beginnt 1913 und endet in den 50er-Jahren. Während Hans Boeckel durch seine Aufrichtigkeit und seine Abneigung gegen den Nationalsozialismus mehrmals im Schwierigkeiten kommt, setzt sein früherer Mitschüler Bruno Tiches früh auf Hitler und macht als Parteifunktionär Karriere. Nach dem Krieg bringt er es auf dem Schwarzmarkt erneut zu Geld, und in der Zeit des Wirtschaftswunders steigt er ungeachtet seiner braunen Vergangenheit zum einflussreichen Industriekapitän auf ...
mehr erfahren

Kritik

In seiner unterhaltsamen, hochkarätig besetzten und formal überzeugenden Verfilmung des Romans "Wir Wunderkinder" von Hugo Hartung stellt Kurt Hoffmann das Verhalten eines Opportunisten im "Dritten Reich" und in der Nachkriegszeit kritisch dar.
mehr erfahren

1913, bei der 100-Jahre-Feier der Völkerschlacht bei Leipzig, gelingt es den beiden Schuljungen Bruno Tiches und Hans Boeckel, durch die Absperrung auf die Festwiese zu kommen. Während jedoch Hans nach wenigen Minuten erwischt und bestraft wird, versteckt Bruno sich im Korb eines Gasballons, mit dem ein Luftschiffer kurze Zeit später aufsteigt. Die Ballonfahrt muss zwar vorzeitig abgebrochen werden, aber am nächsten Morgen darf Bruno vor der Schulklasse von seinem aufregenden Erlebnis berichten und dabei behauptet er, Kaiser Wilhelm II. habe ihn nach der Landung persönlich empfangen und ihm eine Tüte Bonbons geschenkt.

Nach dem Ersten Weltkrieg studiert Hans Boeckel (ab jetzt: Hansjörg Felmy) in München, wohnt in einem Zimmer zur Untermiete, verkauft Zeitungen auf der Straße und führt Besuchergruppen durch eine Kunstausstellung. Dabei lernt er Vera von Lieven (Wera Frydtberg) kennen. Die beiden verlieben sich. Als Hans gerade für sich und Vera zwei Würstchen warm gemacht und zwei harte Semmeln neben die Teller gelegt hat, kommt Bruno Tiches (Robert Graf) unerwartet zu Besuch, isst den beiden schamlos die Würstchen weg und schnorrt seinen früheren Mitschüler auch noch um Geld an, bevor er wieder geht.

Bei der Bank, bei der Bruno zu arbeiten anfängt, bringt er es durch Aktienspekulationen zu Geld, und er verhilft auch Mary Meisegeier (Elisabeth Flickenschildt) zu beträchtlichen Renditen. Mary Meisegeier hat vier Töchter und einen Sohn von fünf verschiedenen Männern. Bruno heiratet schließlich Evelyn Meisegeier (Ingrid van Bergen), was ihn aber nicht davon abhält, auch mit ihrer Schwester Doddy (Ingrid Pan) zu poussieren.

Während Hans Boeckel in München angewidert auf die Nachricht über den Hitler-Putsch vom 9. November 1923 reagiert, aber davon ausgeht, dass der Nationalsozialismus nur eine vorübergehende Erscheinung ist, baut Bruno Tiches auf Hitler und wird nach der Neugründung der NSDAP zusammen mit seinem dummen Schwager Schally Meisegeier (Jürgen Goslar) Mitglied der SA.

Nach einer Blinddarmoperation reist Vera von Lieven 1927 zur Erholung in die Schweiz und schreibt Hans nur noch nichtssagende Briefe.

Auf einem Faschingsball im Frühjahr 1932 lernt Hans, der inzwischen als Kulturredakteur bei einer Zeitung beschäftigt ist, die Dänin Kirsten Hansen (Johanna von Koczian) kennen. Einige Zeit später zieht sie als Untermieterin der Eheleute Roselieb (Michl Lang, Liesl Karlstadt) in das Zimmer neben ihm. An Silvester sind sie beide allein – und kommen sich näher.

Als Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wird, kommt Siegfried Stein (Pinkas Braun) besorgt zu seinem früheren Mitschüler Hans in die Redaktion. Wegen seiner jüdischen Herkunft macht er sich Sorgen. Hans sucht daraufhin Bruno auf, um sich bei dem in der Hierarchie der Nationalsozialisten steil aufgestiegenen Opportunisten für den gemeinsamen Schulkameraden einzusetzen, aber er merkt rasch, dass er nichts erreichen kann. Siegfried Stein emigriert ins Ausland.

Unvermittelt bekommt Hans ein Telegramm von Vera: Sie möchte ihn in Verona wiedersehen. Als er dort eintrifft, erhält sie gerade die Nachricht, dass ihr Vater (Helmuth Rudolph) wegen seiner kritischen Einstellung gegenüber den Nationalsozialisten verhaftet werden sollte und im letzten Augenblick nach Paris floh. Seinen gesamten Besitz musste der Baron in Deutschland zurücklassen. Vera erklärt Hans, sie müsse zu ihrem Vater nach Paris und könne nicht mehr nach Deutschland zurück.

Während Hans nach Verona gefahren ist, kehrt Kirsten zu ihren Eltern (Emil Hass Christensen, Karen Marie Løwert) nach Dänemark zurück.

Hans ist wieder allein in München. In der Zeitung macht er sich missliebig, weil seine Artikel nicht linientreu sind und er den Hitlergruß verweigert. Nachdem man ihn hinausgeworfen hat, wendet er sich an Bruno, der inzwischen mit seiner Frau, deren Schwester Doddy und seiner Schwiegermutter in der requirierten Villa des jüdischen Bankiers Dr. Salomon wohnt. Jovial verspricht Bruno ihm, für seine Aufnahme in die NSDAP zu sorgen, aber davon will Hans nichts wissen.

1939 kommt Kirsten nach München und findet Hans, der als Hilfskraft im Keller der Buchhandlung Hugendubel arbeitet. Sie nimmt ihn mit nach Dänemark und heiratet ihn gegen den Willen ihrer Familie, die jeden Deutschen für einen Nationalsozialisten halten. Während der Hochzeitsfeier warnt der deutsche Konsul sie vor dem unmittelbar bevorstehenden Krieg, weist die Braut darauf hin, dass sie nun deutsche Staatsbürgerin sei und rät dem Paar dringend, unverzüglich ins Deutsche Reich zurückzukehren.

Für fünf Jahre muss Hans Boeckel an die Front.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Nach dem Zweiten Weltkrieg leben Hans und Kirsten mit ihren beiden kleinen Kindern in einem Zimmer zur Untermiete. Während der Hauseigentümer Eier isst, hungert die Familie Boeckel. Beim Hamstern trifft Hans auf Bruno, der sich jetzt „Anders“ nennt, von Evelyn Meisegeier geschieden ist und sich aufgrund seiner Schwarzmarkt-Geschäfte bereits wieder ein Auto leisten kann.

In der Zeit des Wirtschaftswunders steigt der Kriegsgewinnler – der nun auch unbekümmert seinen richtigen Namen verwendet – zum Generaldirektor eines Industrieunternehmens auf. Schally Meisegeier beschäftigt er als Chauffeur.

Als Hans Boeckel, der inzwischen wieder für eine Zeitung schreibt, einen kritischen Artikel über die Karriere und die braune Vergangenheit von Bruno Tiches veröffentlicht, beschwert dieser sich beim Verlagsleiter. Der lässt sich allerdings nicht einschüchtern, und Hans Boeckel besteht darauf, nichts als die Wahrheit geschrieben zu haben. Da droht Tiches, durch seinen Einfluss dafür zu sorgen, dass in der Zeitung keine Firmenanzeigen mehr geschaltet werden. Wütend geht er zum Fahrstuhl. Bevor die in der Nähe herumstehenden Arbeiter ihn warnen können, reißt er die Tür auf – und stürzt in die Tiefe, denn der Aufzug wird gerade repariert.

nach oben

Die Filmsatire „Wir Wunderkinder“ von Kurt Hoffmann (Regie), Heinz Pauck und Günter Neumann (Drehbuch) basiert auf dem 1957 veröffentlichten Roman „Wir Wunderkinder. Der dennoch heitere Roman unseres Lebens“ von Hugo Hartung (1902 – 1972).

Es handelt sich um einen der wenigen Filme, die es damals wagten, die Haltung der Deutschen im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit kritisch darzustellen. Im Mittelpunkt steht der skrupellose Opportunist Bruno Tiches, der stets auf seinen Vorteil bedacht ist und es versteht, trotz aller Widrigkeiten immer wieder auf die Füße zu fallen. Den schöngeistigen Journalisten Hans Boeckel bringt dagegen seine Aufrichtigkeit mehrmals in Schwierigkeiten. Dass er während des „Dritten Reichs“ die innere Emigration wählte, statt Widerstand zu leisten, wird in „Wir Wunderkinder“ implizit mit der Behauptung begründet, Andersdenkende seien gegen die Nationalsozialisten machtlos gewesen. Auf den Widerstand geht „Wir Wunderkinder“ ebensowenig ein wie auf das Mitläufertum.

Was mir vorschwebte, war die ausgewogene Mischung von Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung. (Kurt Hoffmann)

Der Schwarzweiß-Film ist hochkarätig besetzt, gut fotografiert und geschnitten.

Eine Besonderheit ist der nostalgische Rahmen: „Wir Wunderkinder“ beginnt damit, dass der Kabarettist Wolfgang Neuss einen Film wie in der Kintoppzeit vorführt und kommentiert, während Wolfgang Müller eine mehr oder weniger zu den Szenen passende Musik auf dem Klavier klimpert. Es wird suggeriert, dass wir den Film über Hans Boeckel und Bruno Tiches auf der Leinwand hinter Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller sehen. Dementsprechend kommen die beiden Kabarettisten auch im weiteren Verlauf mehrmals ins Bild. Durch die Songs, die sie gemeinsam vortragen, wird das satirische Element des Films verstärkt.

Unterhaltsam ist „Wir Wunderkinder“ vor allem aufgrund des Sprachwitzes, der immer wieder aufblitzt. Beispielsweise erklärt Bruno Tiches kurz nach dem Krieg: „Ich heiße jetzt ANDERS.“ Und als er mit einer Bäuerin schäkert, mit der er Schwarzmarkt-Geschäfte betreibt, meint diese lachend: „Immer derselbe, der Herr Anders!“ Nach dem Tod des Kriegsgewinnlers singt Wolfgang Neuss: „Bruno Tiches ist verschieden. Aber Verschiedene seines Schlages leben weiter. So viele Fahrstühle können ja auch gar nicht repariert werden.“ Am Ende zoomt die Kamera auf den Schriftzug „WIR MAHNEN DIE LEBENDEN“, bis nur noch „ENDE“ zu sehen ist.

Darsteller: Hansjörg Felmy, Robert Graf, Johanna von Koczian, Wera Frydtberg, Elisabeth Flickenschildt, Ingrid Pan, Ingrid van Bergen, Jürgen Goslar, Tatjana Sais, Liesl Karlstadt, Michl Lang, Wolfgang Neuss, Wolfgang Müller, Peter Lühr, Hans Leibelt, Lina Carstens, Pinkas Braun, Ernst Schlott, Ralf Wolter, Horst Tappert, Franz Fröhlich, Karl Lieffen, Otto Brüggemann, Helmuth Rudolph, Helmut Brasch, Karen Marie Löwert, Emil Hass-Christensen u. a.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008

Filme über das „Dritte Reich“

John Grisham - Der Gerechte
John Grisham verknüpft in dem Justizroman eine Reihe verschiedener Gerichtsfälle durch eine unge­wöhn­liche Hauptfigur. Lesenswert ist "Der Gerechte" wegen der kenntnis­reichen, in anschaulich erzählten Geschichten verpackten Kritik an der Rechtsprechung.
Der Gerechte

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.