Erwin Koch : Sara tanzt

Sara tanzt

Erwin Koch

Sara tanzt

Sara tanzt Originalausgabe: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag München 2003 ISBN: 3-312-00325-3, 174 Seiten, 17.90 € (D) Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M 2005 ISBN: 3-596-16379-X, 174 Seiten, 7.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Sara, eine vierfache Mutter, lebt in einer Militärdiktatur und gehört – wie ihr vor drei Jahren ermordeter Ehemann – einer Widerstandsbewegung an. Bei einem konspirativen Treffen wird sie festgenommen und in ein Geheimgefängnis gebracht. Sie sieht nichts, weil man ihr die Augen verbunden hat, und zwischen den Vernehmungen und Folterungen liegt sie gefesselt auf einem Bett, aber sie kämpft darum, nicht zu zerbrechen ...
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Kritik

"Sara tanzt" ist ein beklemmender, vom Schicksal der unter der argentinischen Militärdiktatur gefolterten Sozialistin Silvia Tolchinsky inspirierter, formal außerordentlich interessanter Roman von Erwin Koch.
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Das Land wird seit gut neun Jahren von einer Militärjunta diktatorisch regiert. Ebenso lang gehört Sara Broffe einer Widerstandsgruppe an. Ihr Deckname lautet Sumatra. Saras Ehemann Richard („Rico“) Arrambescu, Deckname Duty Free, war einer der führenden Funktionäre der Untergrund-Organisation. Vor drei Jahren fand man seine Leiche in einem Wald neben der Autobahn, an einem Treffpunkt von Schwulen. Dementsprechend hieß es, bei dem Mord habe es sich um eine Beziehungstat gehandelt. Sara war damals gerade schwanger mit Nina, ihrem vierten Kind. Alfo, ihr Ältester, ist jetzt elf Jahre alt. Die beiden mittleren Kinder heißen Naomi und Gabriel.

Ricos älterer Bruder Samuel ist seit sechs Jahren verschollen.

Saras Vater David handelt für die Firma Emsacol mit Leim, ihre Mutter Lea arbeitet als Hilfskraft in der Wäschefabrik Rebbe, und ihre zwei Jahre ältere Schwester Irma heiratete einen Architekten namens Gary. Er kam ums Leben, als er an einer Haltestelle zu nah am Straßenrand stand und vom Außenspiegel des Busses am Kopf getroffen wurde. Irma stürzte einige Zeit später aus der Straßenbahn und schlug so unglücklich mit dem Kopf auf, dass sie starb. Sie hinterließ eine Tochter, Alexandra.

Beim Versuch, während einer Zugfahrt einen Mikrofilm zu übergeben, wird Sara von drei Männern festgenommen. Am nächsten Bahnhof steht ein Auto bereit. Bevor sie losfahren, verbinden die Geheimpolizisten Sara die Augen. Sie bringen die Gefangene in ein als Privathaus getarntes Quartier. Nicht einmal dort nehmen sie ihr die Augenbinde ab. Nur akustisch kann Sara die Männer unterscheiden, die sich bei ihrer Bewachung ablösen: Jumbo, Miki, den rosa Hai, Doppelstecker, den Blonden, Jakob, Monsun, Glatze, Ekzem.

„Auf den Tisch“, sagte der Blonde tonlos.
Vier Männer waren im Raum. Sie rissen der Frau die Kleider vom Leib, die Ohrringe aus dem Fleisch, bis heute trägt Sara keine Ohrringe mehr. Sara schrie, jemand drückte eine Pistole an ihren Kopf, gib dir keine Mühe, Hühnchen, vier Männer –
sie gaben ihr die Kleider zurück, setzten sich auf Stühle, ein Feuerzeug klickte, jemand klopfte an die Tür, die Alte mit dem breiten Gesicht und den großen roten Händen, die Sara, elf vor neun, vor dem Kaufhaus Matasch, Ecke M und Purreydon, getröstet hatte, trat in den Keller, reichte dem Blonden einen zerknüllten Zettel.
Café Petit Paris, acht Uhr zweiunddreißig. [Dort hatte Sara einen Einkaufszettel zur Tarnung geschrieben.]
Der Blonde las laut und langsam: „Milch, Haushaltsschwamm, Pinzette, Katzenfutter, Haarspange. Keine Angst“, sagte er zu Sara, die an der Wand stand, die Arme in den Schoß gedrückt, Blut im Gesicht und an den Beinen, „wir finden es raus. So schnell wirst du uns nicht wieder verlassen.“ (Seite 16f)

Um die Schreie der Gefolterten zu übertönen, spielt ein Beamter des Innenministerium so laut wie möglich auf dem Cello.

Wie lange sie brauchten, hing davon ab, ob sie zu zweit oder zu viert in ein Zimmer gingen. Ob mit oder ohne Kabel. Allein durfte keiner rein, mindestens zwei mussten es sein. Das war Vorschrift. (Seite 105f)

Er heißt Frithjof („Frits“) wie sein Vater, ein Obrist der Artillerie im Generalstab. Im Alter von zwölf Jahren hatte Frits mit dem Cello-Unterricht begonnen. Schließlich besuchte er fünf Jahre lang das beste Konservatorium der Stadt. Weil sich sein Traum, Orchestermusiker zu werden, nicht erfüllte, fing er mit fünfundzwanzig als privater Musiklehrer an. Während seine beiden jüngeren Schwestern Fabia und Laura heirateten und auszogen, wohnte er weiterhin bei den Eltern. Sein Vater kannte den Fregattenkapitän a. D. Miroslav Renndher, den stellvertretenden Leiter der Abteilung Witwen und Waisen im Innenministerium. Der sorgte dafür, dass der Minister den neunundzwanzigjährigen Cellisten einstellte. Frits spielte bei Festen, Empfängen und anderen Anlässen – bis er in das geheime Foltergefängnis des Innenministeriums am Stadtrand versetzt wurde.

Frits untersteht Hauptmann Joao Theiler. Seine Hauptaufgabe besteht darin, Cello zu spielen. Nebenher führt er die Kartei über die Gefangenen, die hier hergebracht bzw. von einem verschwiegenen Bestatter mit einem unauffälligen Lieferwagen („Instrumentenbau Saredi & Söhne“) abtransportiert werden. Und im Bedarfsfall leistet Frits auch Kurierdienste. Was mit den Gefangenen geschieht, will er gar nicht wissen. Er tut seine Pflicht, nicht mehr und nicht weniger.

Wie Rico es ihr beigebracht hatte, versucht Sara immer nur an die nächsten fünf Minuten zu denken. Die sind fürs Überleben entscheidend. Weil sie weiß, dass die Folterknechte sie nicht töten, solange sie glauben, aus ihr noch nützliche Informationen herausprügeln zu können, erfindet Sara Widerstandskämpfer und konspirative Treffen.

Einmal lässt Hauptmann Theiler die Gefangene schminken und in die Stadt fahren. Dort soll sie eine Straße entlanglaufen. Sara rechnet damit, dass sie überfahren wird, damit man ihren Tod als Verkehrsunfall darstellen kann, aber Theiler verfolgt einen anderen Plan: Er erwartet, dass sie bei Mitverschworenen Zuflucht sucht. Das tut sie jedoch nicht.

Einer der Folterknechte spricht verbotenerweise mit Sara.

„Sumatra, was glaubst du, wer wird am Ende siegen?“
Was will er, dass ich antworte?
Sie sagte: „Ich verstehe die Frage nicht.“
„Wer wird diesen Bürgerkrieg gewinnen, wir oder ihr?“
Sara sagte: „Ihr werdet siegen, die Generäle, die Soldaten.“
„Nein“, sagte Jakob, „ihr. Ihr Rebellen, ihr Huren und Ungläubigen, Aufwiegler, Träumer und Parasiten, ihr! Weil ihr uns zwingt, Dinge zu tun, die wir nie mehr vergessen.“
Jakob rauchte und sagte: „Die Gefangenen hier drin sind wir. Das ist die Wahrheit.“ (Seite 36f)

Um sich nicht zu verlieren, summt Sara blind und gefesselt Kinderlieder. Hauptmann Theiler ist überzeugt, dass in den Texten geheime Botschaften verschlüsselt sind. Sara muss sie aufschreiben, aber die Dechiffrier-Experten können nichts damit anfangen. Daraufhin lässt Theiler das Gesumme aufnehmen und befiehlt Frits, die Tonbänder in Notenschrift abzuschreiben. Auch dieser Versuch, hinter Saras vermeintliche Geheimnisse zu kommen, schlägt fehl.

Obwohl Saras Haare schmierig sind, verliebt Frits sich in die schöne Frau. Und als sie zum Weihnachtsmarkt gebracht wird, zischt er ihr zu: „Pass auf, du bist ihr Köder!“ – Vergeblich hoffen die in ihrer Nähe lauernden Geheimpolizisten darauf, dass Sara von einem anderen Mitglied der Untergrundorganisation gesehen und angesprochen wird.

Seit Alicia Peltola fortgebracht wurde, ist Sara die einzige Gefangene in dem Haus. Die Folter wird zum sinnlosen Ritual und schließlich ganz eingestellt. Stattdessen muss Sara nun kochen, waschen und putzen. Damit den Nachbarn nichts auffällt, erhält Frits die Order, weiter auf seinem Cello zu spielen. Heimlich nimmt er Kontakt mit Sara auf.

Sie ging in die Knie und wischte den Boden mit einem nassen Tuch, sie wischte in langsamen gleichen Kreisen, ihr Rücken, als sie jetzt den Boden wischte, schwingt hin und her, ihr Gesäß, die Schultern, der Hals, ihr ganzer schmaler Leib – ein Pendel, eine Glocke, das Haar, das ihr in die Stirn fällt, fliegt hin und her und hin und her, Sara wischt in gleichen schönen Amplituden. Sara tanzt, Frau Broffe tanzt in Zimmer vier, Sara tanzt, langsam, in Andacht, ich begann mit dem Ton c, wechselte zu einem a, zu einem f, ich spielte, spielte zum Tanz auf, nie zuvor hatte ich zum Tanz aufgespielt, ich spielte, ich spielte ex tempore, eine Minute oder zehn, Sara tanzte in langsamen gleichen Kreisen. (Seite 153)

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Fünfzehn Monate hat Sara in Gefangenschaft verbracht, da kündigt Staatspräsident General Nikolai O. Compostella Wahlen und die Bildung einer zivilen Regierung an.

Sara wird zum Kaffeehaus Pichitell gefahren. Der Blonde geht hinein, Miki soll in fünf Minuten Sara nachschicken und dann selbst folgen, Monsun vor dem Gebäude warten und der Chauffeur im Auto bleiben. Frits hat mit Hilfe seiner Schwestern minutiös arrangiert, was im Café geschieht: Ein älterer, halb blinder Gast steht auf, und Sara fragt: „Onkel Raul?“ In diesem Augenblick fotografiert Fabia die Szene unbemerkt. Sie und Laura sitzen als Rucksack-Touristinnen getarnt an einem der Tische. Sara erzählt dem Mann, bei dem es sich in Wirklichkeit um ihren Vater handelt, sie habe die Organisation vor zwei Jahren verlassen und verstecke sich seither aus Angst vor Vergeltung. – Frits bringt das Foto Walter Taprotta, einem Hauptabteilungsleiter im Innenministerium, und behauptet, es sei heimlich von Agenten der Kompanie 56 gemacht worden. Daraufhin ordnet das Innenministerium Saras Abschiebung ins Ausland an.

Sie muss eine Erklärung unterschreiben, derzufolge sie sich siebzehn Monate lang vor ihren früheren Gesinnungsgenossen versteckte. Dann fahren Jumbo und Doppelstecker sie zum Flughafen, wo sie ihr einen Pass und 100 Dollar aushändigen.

Einige Tage später erhält Frits die mit „Umstrukturierungen“ begründete Kündigung. Das erleichtert ihm sein Vorhaben: Er verlässt das Land mit Saras Kindern und bringt sie zu ihr.

Bei den von General Compostella angeordneten Wahlen gewinnen die Sozialdemokraten. Vier Monate nach der Regierungsübernahme durch Andrej Khadri kehren Frits und Sara mit den Kindern zurück. Er gibt wieder Cello-Unterricht wie früher, und sie arbeitet in einem Altersheim. Die beiden heiraten.

Drei Jahre später muss Sara vor Gericht über ihre Gefangenschaft aussagen. Sie nennt die Decknamen der Männer, die sie sich eingeprägt hat.

„Einer“, sagte meine Frau, „aber der gehörte nicht wirklich dazu, der führte nur die Kartei und spielte Cello, damit man meine Schreie nicht hörte, der heißt Frithjof und ist mein Mann.“
Sara stand am Fenster, als sie mich holten.
„Zufällig“, sagt sie. (Seite 174)

Zur Bestattung seines Vaters, der mit dem Rollstuhl im Garten umkippte und mit dem Kopf auf einen Stein im Gartenteich aufschlug, erhält Frits einen kurzen Hafturlaub.

Nach eineinhalb Jahren Untersuchungshaft erzählt Frits einem Mitgefangenen, Sara habe das Cello verkauft, um den Rechtsanwalt für ihn bezahlen zu können. Er ist überzeugt, dass sie ihn aus dem Gefängnis holen wird, so wie er für ihre Freilassung sorgte.

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Das Schicksal der im September 1980 in der argentinischen Militärdiktatur festgenommenen und gefolterten Sozialistin Silvia Tolchinsky, die nach zwei Jahren von dem Generalssohn Claudio Gustavo Scagliuzzi gerettet worden war, inspirierte den Schweizer Journalisten Erwin Koch (* 1956) offenbar zu seinem Debütroman „Sara tanzt“. Hans Rudolf Schär hatte über den authentischen Fall am 19. Januar 2002 in der TAZ unter der Schlagzeile „Tango Argentino“ berichtet.

Erwin Koch änderte die Namen und verlegte das Geschehen in eine fiktive Militärdiktatur. Seine Protagonistin Sara, die auf ein Bett gefesselt und mit verbundenen Augen immer wieder mit der nächsten Folter rechnen muss, kämpft darum, in dieser Ausnahmesituation nicht zu zerbrechen. Frits, ein opportunistischer Schreibtischtäter, der möglichst wenig über die Folterungen erfahren möchte, rettet sie schließlich. Am Ende kippen die Verhältnisse um: Während Sara frei ist, wird Frits nach dem Sturz der Militärjunta in Untersuchungshaft genommen und hofft darauf, dass Sara ihm hilft.

Der Anfang von „Sara tanzt“ wird aus der Perspektive der Protagonistin in der dritten Person Singular erzählt. Auf Seite 23 heißt es plötzlich:

Sara schlief in Zimmer drei.
Dort war ich nie. Dort hinein durfte ich nicht. Ich war nur der Cellist […] (Seite 23)

Nach zehn Zeilen springt die Darstellung wieder um, doch von jetzt an erleben wir das Geschehen immer häufiger und länger auch aus Frits‘ Blickwinkel. Auf Seite 63 werden wir erneut überrascht. Da heißt es unvermittelt:

Wo es [das Cello] heute ist, weiß ich nicht. Verkauft. Sara verkaufte es, um den Anwalt zu bezahlen. Damit er mich hier rausholt.
Hier sitze ich nun schon anderthalb Jahre. Man fing mich von der Straße weg. Drei Polizisten warteten vor dem Haus, ein Mittwoch. Sara stand am Fenster, als sie mich in den Wagen schoben. Anderthalb Jahre. Ich bin froh, dass du hier bist, Jean. Hab ich von Sara gelernt. Dass man, um nicht verrückt zu werden, reden muss. Sara besucht mich einmal im Monat, mittwochs. Du wirst sie kennenlernen. Sie wird mich hier rausholen. (Seite 63f)

Im weiteren Verlauf wechselt Erwin Koch immer wieder zwischen den Perspektiven und den beiden Zeitebenen. Dieser außergewöhnliche Aufbau macht „Sara tanzt“ besonders lesenswert.

Die Sprache des formal gelungenen Romans ist knapp und sachlich. Obwohl oder gerade weil Erwin Koch in „Sara tanzt“ auf spektakuläre Szenen verzichtet und zum Beispiel die Folterungen nicht explizit schildert, sondern nur im Vorgriff und im Nachhinein andeutet („Sara, die an der Wand stand, die Arme in den Schoß gedrückt, Blut im Gesicht und an den Beinen“), entwickelt er eine dichte, beklemmende, bedrohliche Atmosphäre.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag

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