Die Witwe von Saint-Pierre

Die Witwe von Saint-Pierre

Die Witwe von Saint-Pierre

Die Witwe von Saint-Pierre – Originaltitel: La veuve de Saint-Pierre – Regie: Patrice Leconte – Drehbuch: Claude Faraldo, Patrice Leconte – Kamera: Eduardo Serra – Schnitt: Joëlle Hache – Musik: Pascal Estève – Darsteller: Juliette Binoche, Daniel Auteuil, Emir Kusturica, Michel Duchaussoy, Philippe Magnan, Christian Charmetant, Philippe du Janerand, Maurice Chevit, Catherine Lascault, Ghyslain Tremblay, Marc Béland, Reynald Bouchard, Yves Jacques, Arianne Mallet, Sylvie Moreau u.a. – 2000; 110 Minuten

Inhaltsangabe

Auf einer zu Frankreich gehörenden Insel erstechen zwei betrunkene Fischer 1849 einen Mann. Ariel Neel Auguste wird wegen Mordes zum Tod durch Enthauptung verurteilt. Es dauert Monate, bis die angeforderte Guillotine eintrifft. In der Zwischenzeit sorgt die Ehefrau des Kommandanten der Garnison dafür, dass Neel sich in der kleinen Gemeinde nützlich macht. Sie hofft, dass niemand das Urteil vollstrecken wird ...
Weiterlesen

Kritik

Der Kostümfilm "Die Witwe von Saint-Pierre" prangert die Absurdität eines Rechtssystems an, in dem ein Todesurteil vollstreckt werden soll, obwohl der Delinquent inzwischen zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft geworden ist.
Weiterlesen

Saint-Pierre und Miquelon, 1849. Die beiden betrunkenen Fischer Ariel Neel Auguste (Emir Kusturica) und Louis Ollivier (Reynald Bouchard) streichen nachts um das Haus eines korpulenten Mannes namens Coupard (Michel Daigle). Als dieser mit einem Messer ins Freie kommt und nach den Störenfrieden sucht, packt Louis Ollivier ihn von hinten. Neel Auguste schlägt ihm das Messer aus der Hand, hebt es auf und ersticht ihn.

Für den Mord werden Louis Ollivier und Neel Auguste zu lebenslanger Haft bzw. zum Tod durch Enthauptung verurteilt. Als der Kommandant (Daniel Auteuil) der französischen Garnison auf Saint-Pierre die Delinquenten auf einem Karren wegbringen lässt, bewirft die Bevölkerung sie mit Steinen. Die Zugpferde gehen durch. Der Karren kippt um. Louis Ollivier stürzt so unglücklich, dass er auf der Stelle tot ist. Neel Auguste wird auf dem Gutshof des Befehlshabers eingesperrt.

Der Gouverneur (Michel Duchaussoy) berät mit den Ratsmitgliedern über das weitere Vorgehen. Weil die für Saint-Pierre und Miquelon zuständige französische Regierung aus humanitären Gründen das Köpfen nur noch mit der Guillotine erlaubt, auf der Inselgruppe jedoch kein solches Gerät vorhanden ist, muss der Gouverneur erst ein Gesuch für eine Guillotine nach Paris schicken. Es wird Monate dauern, bis das Todesurteil vollstreckt werden kann.

Madame La (Juliette Binoche), die Ehefrau des Kommandanten – privat nennen sie sich bei ihren Vornamen Jean und Pauline – lässt sich von dem Häftling einen Wintergarten bauen. Überzeugt davon, dass Menschen sich bessern können, lehrt sie ihn lesen und sorgt dafür, dass er sich im Dorf nützlich macht. Beispielsweise repariert er das Dach der jungen Witwe Jeanne-Marie (Catherine Lascault), und im Winter schippt er Schnee. Gewissenhaft erledigt er alle ihm aufgetragenen Arbeiten. Der Gouverneur ermahnt den Kommandanten, es sei nicht gut, dass dessen Ehefrau sich ständig in Begleitung eines zum Tod verurteilten Mörders zeige. Jean, der Pauline liebt und ihr vertraut, lehnt es rundweg ab, ihr Vorschriften zu machen.

Als das Café du Nord versetzt werden soll, packt Neel mit an. Plötzlich reißt das Tau, und das auf Fahrgestelle gehobene Holzhaus rollt über einen Abhang hinunter. Neel rennt hinterher und rettet einer jungen Frau das Leben, indem er das außer Kontrolle geratene Gebäude mit seinen ungeheuren Kräften zum Stehen bringt.

Schließlich trifft die Nachricht ein, dass am 2. Mai 1850 auf Martinique eine Guillotine für Saint-Pierre und Miquelon verladen wurde. Das Segelschiff trägt den Namen „Marie Galante“.

Allerdings sorgen Pauline und andere Frauen dafür, dass sich keiner der Inselbewohner zum Scharfrichter machen lässt. Sie hoffen nach wie vor, dass Neel nicht hingerichtet wird.

Jeanne-Marie, die sich in Neel verliebt hat, wird schwanger, und die beiden heiraten.

Mit der „Marie Galante“ trifft auch ein Einwanderer namens Chevassus (Ghyslain Tremblay) mit seiner Ehefrau und seinem während der Reise geborenen Kind ein. Der Gouverneur und die Ratsherren nutzen seine Zwangslage aus und stellen ihn vor die Wahl, entweder zurückgewiesen zu werden oder sich als Scharfrichter zu verdingen. Für die Vollstreckung des Todesurteils bietet ihm der Rat sehr viel Geld. Notgedrungen erklärt Chevassus sich bereit, die Hinrichtung durchzuführen.

Weil die „Marie Galante“ zum Entladen der Guillotine von Ruderbooten näher ans Ufer gezogen werden muss, sucht der Kapitän (Neil Kroetsch) gegen gute Bezahlung Freiwillige. Als Erster meldet sich Neel Auguste, obwohl er damit seine Hinrichtung wahrscheinlicher macht. Das Geld ist für Jeanne-Marie und das Kind bestimmt.

Am Tag nach der Anlandung der Guillotine lässt Pauline sich von Neel unter einem Vorwand zu einer anderen kleinen Insel rudern. Dort verlässt sie den Kahn und drängt ihn, nach Neufundland zu rudern. Er sei dazu stark genug, und der Proviant auf dem Boot reiche für zwei Wochen. Neel kehrt jedoch zurück und geht freiwillig wieder in sein Gefängnis.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Jean warnt den Gouverneur vor einem Volksaufstand aus Protest gegen die Hinrichtung und lässt keinen Zweifel daran, dass er die Soldaten nicht gegen die Bevölkerung einsetzen werde. Daraufhin schickt der Gouverneur einen Bericht nach Paris und verlangt die Ablösung des widerspenstigen Befehlshabers.

Ein Kriegsschiff trifft mit Jeans Nachfolger Captain Dumontier (Luc Guérin) ein. Der Admiral (Yves Jacques) unterrichtet den abgesetzten Kommandanten darüber, dass er Befehl habe, ihn nach Saint-Malo zu bringen. Dort werde man den Offizier wegen Aufruhrs standrechtlich erschießen. Jean verschweigt seiner Frau, was er erfahren hat, sagt ihr nur, dass er nach Frankreich zurückbeordert wurde und geht mit ihr an Bord des Schiffes. Er hat dem Admiral sein Ehrenwort gegeben, keinen Fluchtversuch zu unternehmen.

Kurz darauf muss Neel Auguste aufs Schafott steigen und sich in die Guillotine legen. Aber das Fallbeil ist so stumpf, dass der Henker mit einer Axt nachhelfen muss.

In einem unmöblierten Saal steht Pauline in einem schwarzen Kleid am Fenster. Sie zuckt zusammen, als Jean füsiliert wird.

nach oben

Im Kostümfilm „Die Witwe von Saint-Pierre“ prangern Claude Faraldo (Drehbuch) und Patrice Leconte (Regie, Drehbuch) die Absurdität eines Rechtssystems an und veranschaulichen, dass Menschen sich ändern – auch bessern – können. „Die Witwe von Saint-Pierre“ ist ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit. Außerdem zeigt uns der Film ein Ehepaar in der Mitte des 19. Jahrhunderts, das seiner Zeit weit voraus ist: Pauline ist eine Frau, die eigenständig denkt und handelt. Jean akzeptiert sie als gleichberechtigte Partnerin, unterstützt sie, vertraut ihr in jeder Situation und lehnt es ab, ihr Vorschriften zu machen. Warum die beiden so sind, wird allerdings nicht erklärt. Immerhin gelingt es Juliette Binoche, ihre Figur zwischen Naivität und Eigensinn, Nächstenliebe und unterdrückter Begierde schillern zu lassen. Auch Daniel Auteuil überzeugt mit seiner schauspielerischen Leistung, obwohl die Rolle nicht besonders facettenreich angelegt ist.

Die auf der kleinen Inselgruppe Saint-Pierre und Miquelon südlich von Neufundland spielende Handlung basiert angeblich auf einer wahren Begebenheit.

Sie ist in einen Rahmen eingebettet: Zu Beginn steht Pauline in einem unmöblierten Saal am Fenster. Sie erinnert sich der Reihe nach an die Ereignisse der letzten Monate auf Saint-Pierre und Miquelon. Und am Ende dieser Chronologie sehen wir sie wieder am Fenster stehen.

Der Titel „Die Witwe von Saint-Pierre“ bezieht sich auf zwei Frauen und die Guillotine, die umgangssprachlich als „Veuve“ (Witwe) bezeichnet wurde.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011

Patrice Leconte (kurze Biografie / Filmografie)

Patrice Leconte: Der Mann der Friseuse
Patrice Leconte: Das Parfum von Yvonne
Patrice Leconte: Ridicule. Von der Lächerlichkeit des Scheins
Patrice Leconte: Die Frau auf der Brücke
Patrice Leconte: Straße der heimlichen Freuden
Patrice Leconte: Intime Fremde
Patrice Leconte: Mein bester Freund

Michael Ende - Momo
"Momo" ist eine märchenhafte Parabel auf unsere rastlose Zeit, eine Warnung vor "grauen Herren", die den Menschen einreden wollen, sie müssten ihre Zeit möglichst effizient einteilen.
Momo

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: