François Lelord : Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück

Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück
Originalausgabe: Le voyage d'Hector ou la recherche du bonheur Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück Übersetzung: Ralf Pannowitsch Piper Verlag, München 2004 ISBN 3-492-04528-6, 185 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der erfolgreiche Psychiater Hector grübelt darüber nach, warum ständig Patienten zu ihm kommen, die aufgrund ihrer Lebensumstände eigentlich glücklich sein müssten, zumal es andererseits Menschen gibt, denen es – ganz objektiv betrachtet – schlechter geht und die sich aber nicht beklagen. Wovon hängt das Gefühl ab, glücklich zu sein? Und wie könnte er den Unglücklichen besser helfen? Auf der Suche nach einer Antwort reist Hector nach China ...
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Kritik

"Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück" steht in der Tradition von "Der kleine Prinz" und "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran". François Lelord gerät zwar mindestens in die Nähe zum Kitsch, aber sein Roman ist auch poetisch, anrührend und erbaulich.
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Es war einmal ein junger Psychiater, der Hector hieß und mit sich nicht besonders zufrieden war.
Hector war unzufrieden, und doch sah er wie ein richtiger Psychiater aus: Er trug eine Brille mit kleinen runden Gläsern, die ihm einen intellektuellen Anstrich verlieh; er verstand es, den Leuten mit nachdenklicher Miene zuzuhören und dabei „Hmm …“, zu machen, ja er hatte sogar einen kleinen Schnurrbart, an dem er herumzwirbelte, wenn er sehr nachdachte.
Sein Sprechzimmer sah ebenfalls aus wie das eines richtigen Psychiaters: Es gab dort eine altertümliche Couch (ein Geschenk seiner Mutter, als er die Praxis eingerichtet hatte), Nachbildungen von ägyptischen oder hinduistischen Figuren und eine große Bibliothek voller Bücher, die schwer zu lesen waren, manche von ihnen so schwer, daß er sie gar nicht erst gelesen hatte.
Viele Leute wollten bei Hector einen Termin haben, nicht bloß, weil er wie ein richtiger Psychiater aussah, sondern weil er ein Geheimnis kannte, von dem alle guten Ärzte wissen und das man an der Universität nicht lernt: Er interessierte sich wirklich für seine Patienten.
Wenn die Leute zum ersten Mal einen Psychiater aufsuchen, sind sie oftmals ein wenig verlegen. Sie haben Angst, er könnte sie für verrückt halten, obgleich sie doch wissen, dass er solche Leute gewohnt ist. Oder manchmal fürchten sie auch, ihr Fall wäre in seinen Augen nicht schlimm genug, und er würde ihnen sagen, sie sollten sich anderswo behandeln lassen. Aber weil sie nun einmal den Termin ausgemacht haben und gekommen sind, entschließen sie sich doch, von ihren wunderlichen kleinen Manien zu erzählen, von den seltsamen Gedanken, die ihnen durch den Kopf gehen und die sie noch niemandem anvertraut haben, obwohl sie ihnen große Schmerzen bereiten, von den großen Ängsten oder den mächtigen Traurigkeiten, die ihnen ein gutes Leben unmöglich machen. Sie fürchten auch, nicht richtig erzählen zu können und den Arzt zu langweilen […]
Aber bei Hector war das fast nie so: Er schaute die Leute an, wenn sie ihre Geschichte erzählten, er nickte ermutigend, machte seine kleinen „Hmm“s und zwirbelte dabei den Schnurrbart, und manchmal sagte er sogar: „Warten Sie, erklären Sie mir das. Ich habe es nicht genau verstanden.“ […]
Er war nicht nur erfolgreich, weil er es verstand, den Leuten zuzuhören. Er kannte auch die Tricks und Kniffe seines Metiers.
Zunächst einmal wusste er, wie man eine Frage mit einer Frage beantwortet […]
Dann wußte er auch gut über die Medikamente Bescheid. In der Psychiatrie ist das ziemlich einfach, weil es dort nur vier große Gruppen von Medikamenten gibt: Pillen, die man nimmt, wenn man zu traurig ist – die Antidepressiva –, Pillen, die man nimmt, wenn man zu viel Angst hat – die Anxiolytika –, Pillen, die man nimmt, wenn man wirklich zu bizarre Gedanken hat oder Stimmen hört – die Neuroleptika –, und dann Pillen, mit denen man die allzu hohen Höhen und die allzu tiefen Tiefen vermeidet – die Stimmungsstabilisierer. Nun ja, etwas komplizierter ist es schon […]
Wo Medikamente nicht ausreichten oder die Leute ganz einfach keine benötigten, hatte Hector ein anderes Hilfsmittel, die Psychotherapie. Das ist ein kompliziertes Wort, aber es besagt einfach nur, dass man den Leuten hilft, indem man ihnen zuhört und mit ihnen spricht. Aber aufgepasst: nicht so, wie man alle Tage miteinander redet, sondern nach einer speziellen Methode […]
Mit den Kniffen seines Berufes, den Medikamenten, den Psychotherapien und seinem Geheimnis, sich wirklich für die Leute zu interessieren, war Hector also ein ziemlich guter Psychiater […]
Und trotzdem war Hector mit sich nicht zufrieden. Er war nicht zufrieden, weil er ganz deutlich sah, dass er die Leute nicht glücklich machen konnte.

Der erfolgreiche Psychiater Hector grübelt darüber nach, warum ständig Patienten zu ihm kommen, die aufgrund ihrer Lebensumstände eigentlich glücklich sein müssten, zumal es andererseits Menschen gibt, denen es – ganz objektiv betrachtet – schlechter geht und die sich aber nicht beklagen. Wovon hängt das Gefühl ab, glücklich zu sein? Und wie könnte er den Unglücklichen besser helfen?

Auf der Suche nach einer Antwort reist Hector nach China. Im Flugzeug beobachtet er einen anderen Passagier, der in der Touristenklasse reisen muss und unzufrieden darüber ist, weil er den Komfort mit dem der First Class vergleicht. Flugs formuliert Hector ein erstes Gesetz: „Vergleiche anzustellen, ist ein gutes Mittel, sich sein Glück zu vermiesen.“

Alle Menschen, die er auf seiner langen Reise trifft, fragt er, ob sie glücklich sind. Die Antworten hält er in seinem Notizbuch fest.

Obwohl in Frankreich die geliebte Clara auf ihn wartet, verliebt Hector sich in Hongkong in die Edelprostituierte Ying Li und versucht, ihr zu einem sittsamen Leben zu verhelfen. Aber Hector weiß, dass er sich zwischen den beiden Frauen entscheiden muss – und die richtigen Entscheidungen zu treffen, das ist eine Voraussetzung des Glücks.

Von seiner Reise kehrt Hector schließlich mit dreiundzwanzig Lehrsätzen über das Glück zurück.

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In der Tradition von „Der kleine Prinz“ und „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ macht François Lelord seine Leserinnen und Leser durch seine pseudonaive Sprache zu Kindern und erzählt ihnen ein Märchen von seinem Alter Ego, einem herzensguten Psychiater, der nach Antworten auf die Frage sucht, was die Menschen tun müssten, um glücklich zu sein. Vielleicht übertreibt François Lelord die arglose Attitüde, und er gerät auch mindestens in die Nähe zum Kitsch, aber „Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ ist auch poetisch, anrührend und erbaulich.

Peter Chelsom verfilmte den Roman „Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ von François Lelord mit Simon Pegg und Rosamund Pike in den Hauptrollen.

Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück – Originaltitel: Hector and the Search for Happiness – Regie: Peter Chelsom – Drehbuch: Maria von Heland, Peter Chelsom, Tinker Lindsay nach dem Roman „Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ von François Lelord – Kamera: Kolja Brandt – Schnitt: Claus Wehlisch – Musik: Dan Mangan, Jesse Zubot – Darsteller: Rosamund Pike, Simon Pegg, Stellan Skarsgård, Toni Collette, Jean Reno, Christopher Plummer u.a. – 2014; 120 Minuten

François Lelord (*1953) studierte Medizin und Psychologie und sammelte nach seiner Promotion Erfahrungen als Psychologe.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005 / 2014
Textauszüge: © Piper

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