Iny Lorentz : Die Wanderhure

Die Wanderhure
Die Wanderhure Originalausgabe: Knaur Verlag, München 2004 ISBN: 3-426-66112-8, 607 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als der verwitwete Meister Matthis Schärer 1410 in Konstanz für seine sittsame Tochter Marie einen Ehevertrag mit dem illegitimen Grafensohn Ruppertus Spendidus schließt, ahnt er nichts von dessen wirklichen Absichten. Der heimtückische und besitzgierige Advokat lässt die 17-jährige Jungfrau brutal vergewaltigen und in einem Schandkittel aus der Stadt verbannen. Eine Wanderhure findet Marie halbtot im Straßengraben …
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Kritik

Geschickt hat Iny Lorentz in ihren farbigen und spannenden historischen Roman "Die Wanderhure" Passagen eingebaut, in denen sie das Leben im Mittelalter schildert, ohne die Geschichte aufzuhalten, die sich aus einer Vielzahl von immer enger verwobenen Handlungsfäden entwickelt.
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Weil die Frau des Konstanzer Händlers Matthis Schärer 1393 bei der Geburt ihres einzigen Kindes gestorben war, versuchte die treue Haushälterin Wina, dem Mädchen Marie die Mutter zu ersetzen. 1410 hält Magister Ruppertus Spendidus um die Hand der schönen Siebzehnjährigen an. Meister Matthis freut sich über die gute Partie, denn der vierundzwanzig Jahre alte Bräutigam ist nicht nur ein Advokat, der zu den Ratgebern des Konstanzer Bischofs Otto von Hachberg und des Abts Hugo von Waldkron zählt, sondern auch der Sohn des mächtigen Reichsgrafen Heinrich von Keilburg. Allerdings hat Ruppertus keine Erbschaft zu erwarten, denn sein Vater zeugte ihn mit einer Leibeigenen. Alleinerbe ist Heinrichs legitimer Sohn Konrad.

Da die Ehen von Bürgertöchtern von den Eltern gestiftet werden, kommt niemand auf die Idee, Marie nach ihrer Meinung zu fragen. Am Abend vor der geplanten Trauung unterschreiben Ruppertus und Meister Matthis im Beisein von Zeugen – dem Böttchermeister Jörg Wölfling, dem Leinwebermeister Gero Linner und Maries Onkel, dem Böttchermeister Mombert Flühi – den vom Bräutigam aufgesetzten Ehevertrag. Kurz darauf erscheint der Fuhrmann Utz Käffli und behauptet, mit Marie geschlafen zu haben, wie viele andere Männer auch. Marie habe es für Geschenke getan und beispielsweise einen Schmetterling aus Perlmutt von ihm erhalten. Auch Matthis‘ Schreiber Linhard Merk gesteht, mit Marie Unzucht getrieben zu haben. Der Vater kann es nicht glauben, denn er hat seine Tochter immer für ein sittsames Mädchen gehalten, aber bei der Durchsuchung von Maries Zimmer wird ein Schmetterling aus Perlmutt gefunden. Selbstverständlich heiratet Ruppertus Spendidus keine Metze, und er kündigt eine Klage gegen Meister Matthis an, weil dieser ihn offenbar bewusst zu täuschen versuchte, als er sich im Ehevertrag verpflichtete, ihm eine tugendhafte und unberührte Jungfrau zur Frau zu geben. Vergeblich beteuert Marie ihre Unschuld.

Eine Hure darf nicht in einem ehrbaren Bürgerhaus übernachten. Also wird Marie von dem Stadtbüttel Hunold abgeführt, und weil das Stadtgefängnis überfüllt ist, bringt er sie in den Ziegelturm. Marie ist noch immer zuversichtlich, denn am nächsten Morgen soll eine Matrone sie auf ihre Jungfräulichkeit hin untersuchen, und da wird sich ihre Unschuld herausstellen.

In der Nacht schließt Hunold die Tür ihres Kerkers auf. Er hat Utz Käffli und Linhard Merk mitgebracht. Die drei Männer fallen nacheinander über die angekettete Gefangene her. Am nächsten Morgen betritt Euphemia, die Witwe des Schusters Otfried, das Verlies, wischt Marie das Blut und das Erbrochene ab, lässt aber keinen Zweifel daran, dass sie vor Gericht gegen sie aussagen wird, um sich für die Missachtung durch Meister Matthis zu rächen.

Obwohl sich eine Bürgertochter eigentlich vor einem Geschworenengericht der Stadt Konstanz verantworten müsste, findet der Prozess bereits am Tag nach Maries Festnahme in der Halle des Dominikanerklosters auf der Bodensee-Insel unter dem Vorsitz des bischöflichen Richters Honorius von Rottlingen statt. Ruppertus Spendidus tritt als Geschädigter und Ankläger auf. Marie beschuldigt Hunold, Utz und Linhard, ihr in der Nacht gewaltsam die Jungfräulichkeit geraubt zu haben, aber niemand glaubt ihr, zumal Euphemia behauptet, keine Spuren einer Vergewaltigung bemerkt zu haben. Also verurteilt das Gericht die Angeklagte zu dreißig Rutenstreichen und ewiger Verbannung aus Konstanz.

Das Urteil wird auf dem Marktplatz vollstreckt. Hunold bindet Maries Hände hoch über dem Kopf an den Schandpfahl, reißt ihr das Kleid herunter und schneidet ihr die Zöpfe ab. Mit aller Kraft peitscht er sie mit Haselnussruten, die im Wasser lagen. Als er Marie losbindet, sackt sie ohnmächtig zusammen, aber er schüttet ihr einen Kübel kalten Wassers ins Gesicht, sodass sie die Augen wieder öffnet. Jemand zieht ihr einen sackartigen, die Oberschenkel kaum bedeckenden Schandkittel über, und zwei berittene Gerichtsdiener erhalten den Auftrag, sie fortzubringen. Einer von ihnen bindet sie mit einem Seil an seinem Steigbügel fest. Halb bewusstlos taumelt Marie bis Radolfzell hinterher.

Michel, der fünfte Sohn des Konstanzer Schankwirts Guntram Adler, ist drei Jahre älter als Marie. Als Kinder spielten sie oft zusammen, aber als Marie zwölf wurde, durfte sie sich nicht mehr mit Michel treffen, denn das hätte ihren Ruf gefährden können. Der Zwanzigjährige schleicht sich heimlich davon und eilt Marie nach, aber er wird unterwegs von den beiden zurückkommenden Gerichtsdienern in die Irre geleitet.

Matthis Schärer will Ruppertus Spendidus aus seinem Haus werfen, aber der Advokat klärt ihn darüber auf, dass ihm das Gericht den gesamten Besitz des augenscheinlich betrügerischen Brautvaters als Entschädigung zugesprochen hat. Zornig stürzt Meister Matthis sich auf Ruppertus, aber Utz schlägt ihn so zusammen, dass er nach drei Tagen stirbt und in einem Armengrab verscharrt wird.

Marie in ihrem Schandkittel wird überall fortgejagt, wo sie versucht, Hilfe zu bekommen. Einmal hetzt man sogar die Hunde auf sie.

Halbtot im Straßengraben liegend wird sie von der Wanderhure Hiltrud gefunden, die sich Jossis Gauklertruppe auf dem Weg zu einem Jahrmarkt in Merzlingen angeschlossen hat. Obwohl der Prinzipal Jossi nicht glaubt, dass das Mädchen seine Verletzungen überlebt, nimmt die fünfundzwanzigjährige Wanderhure das Mädchen auf ihrem von Ziegen gezogenen Leiterwagen mit. In Merzlingen hilft ihr der Apotheker Peter Krautwurz, ein zu ihren Stammkunden zählender Freier, Maries Wunden zu versorgen.

Hiltrud macht ihrem Schützling klar, dass es für sie nur zwei Möglichkeiten gibt: sich das Leben zu nehmen oder sich als Hure durchzuschlagen. Widerstrebend lässt Marie sich die vorgeschriebenen gelben Hurenbänder an das von Hiltrud geschenkte Kleid nähen.

Wanderhuren bilden Gruppen, um sich gegen Überfälle zu schützen. Wenn sie sich aus dem gleichen Grund einer Gauklertruppe anschließen, müssen sie sich dafür dem Prinzipal erkenntlich zeigen.

Zwei Jahre lang bleiben Hiltrud und Marie mit ihren drei Kolleginnen Gerlind, Berta und Fita zusammen. Dann trennen Berta und Fita sich im Streit von ihnen, und Gerlind, die schon etwas älter ist, will sich als Kräuterfrau versuchen.

Als Mechthild von Arnstein schwanger ist und sich einige Monate lang nicht ihrem Ehemann – Ritter Dietmar von Arnstein – hingeben kann, sucht sie mit dem Burgvogt Giso zusammen eine reinliche und attraktive Wanderhure. Ihre Wahl fällt auf Marie, und als diese sich nicht von Hiltrud trennen will, lädt Mechthild beide ein, den Winter auf Burg Arnstein bei Tettnang zu verbringen. Das ist für die beiden Wanderhuren vorteilhaft, denn so brauchen sie sich während der kalten Jahreszeit keine Sorgen um ein Quartier zu machen, und Marie soll für ihre Dienste außerdem großzügig entlohnt werden.

Während Hiltrud die Geliebte des ein Jahr älteren leibeigenen Ziegenhirts Thomas wird, obwohl sie sich keine Illusionen darüber macht, dass sie ihn im Frühjahr wieder verlassen muss, wehrt Marie sich gegen die Nachstellungen des geilen Mönchs Jodokus, der auf Burg Arnstein als Prediger und Schreiber beschäftigt ist.

Als Marie erfährt, dass Heinrich von Keilburg vor einem Jahr starb und dessen Erbe, Konrad von Keilburg, also der Halbbruder von Ruppertus Spendidus, mit Dietmar von Arnstein verfeindet ist, lauscht sie, wenn der Ritter sich mit Besuchern unterhält. Es heißt, dass Ritter Otmar von Mühringen sich in ein Kloster zurückgezogen und der Welt entsagt habe, aber es fehlt jede Spur von ihm. Obwohl Otmar mit Dietmar einen Erbvertrag geschlossen hatte, macht Konrad von Keilburg dem Arnsteiner das Erbe streitig, und zwar aufgrund eines neueren, von Otmar hinterlassenen und von Abt Hugo von Waldkron und Friedrich von Zollern, dem neuen Bischof von Konstanz, als Zeugen unterschriebenen Testaments. Eines Tages traut Marie ihren Augen nicht: Ruppertus Spendidus kommt mit Begleitschutz in den Burghof geritten, um mit Dietmar über den Besitzstreit zu verhandeln.

Als Marie von ihrer Herrin beim Lauschen ertappt wird, erzählt sie ihre Geschichte. Um sie zu überprüfen, schickt Mechthild den Burgvogt nach Konstanz. Giso bestätigt Maries Angaben nach seiner Rückkehr. Ruppertus wohnt inzwischen in Maries Elternhaus in Konstanz und gilt als angesehener Bürger. Linhard Merk bereut wohl seine Tat und hat sich als Bruder Josephus ins Schottenkloster zurückgezogen. Hunold ist noch immer Stadtbüttel, und Utz Käffli arbeitet nach wie vor als Fuhrmann. Die Witwe Euphemia wurde drei Monate nach Maries Aburteilung tot aufgefunden. Der Schafscherer Anselm verriet Giso, er habe damals mitgeholfen, einen Mann im Armengrab zu verscharren und dabei gemerkt, dass es sich um die Leiche von Meister Matthis handelte. (Kurz nach seiner Begegnung mit Giso ertrinkt Anselm im Rhein.)

Während Mechthild von ihrem Kind entbunden wird, schleicht Jodokus sich in eine Kammer, in der wichtige Urkunden aufbewahrt werden. Er zieht den von Otmar und Dietmar geschlossenen Erbvertrag aus einer Lederhülle, übergießt ihn mit Säure und legt alles wieder an seinen Platz. Dann verlässt er heimlich die Burg Arnstein.

Als Paten für seinen Sohn Grimald gewinnt Dietmar von Arnstein mit Graf Eberhard von Württemberg einen der mächtigsten Herren im ehemaligen Herzogtum Schwaben. Weil der Graf bereit ist, den Streit um Mühringen vor den König zu bringen, lässt der Ritter den Erbvertrag holen. Das Pergament ist von einer Säure völlig zerfressen. Eine Kopie des Vertrags deponierte Dietmar im Kloster St. Ottilien, aber Abt Adalwig, der bei der Besprechung zugegen ist, erinnert den Burgherrn erstaunt daran, dass dieser sie vor einigen Wochen durch Jodokus habe holen lassen. Jodokus ist also ein Betrüger im Dienst von Ruppertus Spendidus oder dessen Halbbruders Konrad!

Eberhard von Württemberg bleibt zwei Wochen lang auf Burg Arnstein – dem Getuschel zufolge nicht zuletzt wegen der hübschen Wanderhure Marie.

Im Frühjahr verlassen Hiltrud und Marie Burg Arnstein und ziehen nach St. Marien am Stein, wo sie aufgrund einer Wallfahrt mit zahlreichen Freiern rechnen können. Dort treffen sie auch Gerlind, Berta und Fita wieder, die eine sechzehnjährige Wanderhure namens Märthe bei sich haben. Weil Gerlinds Versuch, sich als Kräuterfrau niederzulassen, scheiterte, muss sie notgedrungen wieder als Wanderhure herumziehen. Hiltrud und Marie wollen sich den anderen Frauen anschließen. Gerlind besteht darauf, die Anführerin der Gruppe zu sein und verlangt, dass jede der Huren ein Viertel ihrer Einnahmen in eine gemeinsame Reisekasse einzahlt. Damit werden Hiltrud und Marie zwar übervorteilt, weil sie attraktiver sind als die anderen und deshalb weit mehr verdienen, aber es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Bedingungen anzunehmen.

Nach kurzer Zeit führt Gerlind ihre Gefährtinnen ungewollt zu einem Söldnerlager. Als sie es merken, ist es bereits zu spät: Die Männer packen sie, fallen einer nach dem anderen über sie her und schlachten Hiltruds Ziegen. Weil Marie die schönste ist, wird sie zum Anführer Siegwart von Riedburg ins Zelt gebracht und dort von Siegwart, seinem jüngeren Bruder Siegerich und deren Büchsenmeister Gilbert Löfflein mehrmals vergewaltigt. Als die drei Männer erschöpft und betrunken umsinken und allmählich auch der Lärm außerhalb des Zeltes verebbt, rächt Marie sich, indem sie ihren Vergewaltigern die Geldbeutel abschneidet, bevor sie mit den anderen Frauen flieht. Fita müssen sie allerdings stützen, denn sie wurde von den Soldaten so oft und brutal vergewaltigt, dass sie halb besinnungslos ist.

Weil Berta und Gerlind mit der Aufteilung des von Marie erbeuteten Geldes nicht einverstanden sind und es beispielsweise für unnötig ansehen, auch für Fita einen Anteil zur Seite zu legen, betäuben sie Marie und Hiltrud bei einer Rast mit einem Kräutertee, nehmen ihnen das Geld ab (soweit sie es finden) und lassen sie ohnmächtig im Wald liegen.

Fita ist gestorben, als die beiden Freundinnen wieder zu sich kommen. Trotz der Gefahr, von Siegwart und seinen Männern entdeckt zu werden, will Hiltrud den Diebinnen folgen und sie zur Rechenschaft ziehen. Aber sie finden nur noch deren schrecklich zugerichtete Leichen. Siegwart war schneller! Aus Angst, das gleiche Schicksal zu erleiden, verstecken Marie und Hiltrud sich wochenlang im Wald und ernähren sich von Beeren und in Schlingen gefangenen Tieren. Dann schleicht Marie sich in eine Kleinstadt, um Ersatz für ihre zerrissenen Kleider und Lebensmittel zu besorgen. Von einem Weinhändler erfährt sie, dass Lothar von Büchenbruch die Riedburg inzwischen eroberte und Siegwart mit seinem Haufen im Kampf fiel.

In Straßburg läuft Marie Jodokus über den Weg. Er ist zwar nicht mehr wie ein Mönch, sondern wie ein Edelmann gekleidet und nennt sich jetzt Ewald von Marburg, aber er stinkt noch wie früher auf der Burg von Arnstein. Obwohl Marie sich vor dem ungewaschenen Mann ekelt, folgt sie ihm in seine Kammer und lässt sich von ihm nehmen, denn sie hofft, den Betrüger über Ruppertus Spendidus aushorchen zu können. Jodokus prahlt, er sei schlauer als der Advokat und werde einige für Ruppertus und dessen Halbbruder wichtige Urkunden zu Geld machen. Weil er befürchtet, dass ihm die Dokumente gestohlen werden könnten, vertraut er sie Marie zur vorübergehenden Aufbewahrung an. Dann begibt er sich zu einem mit Ruppertus‘ Gefolgsleuten vereinbarten Treffen. Marie schleicht ihm nach. Sie beobachtet, wie Utz Käffli den früheren Mönch umbringt und die Leiche in die Ill wirft. Der verbrecherische Fuhrmann weiß offenbar, wo Jodokus die Urkunden aufbewahrte, denn er geht zu dessen Quartier. Dort wird er vergeblich suchen und von der Wirtin erfahren, dass zuletzt noch eine „Hübschlerin“ – so werden Huren auch genannt – bei Jodokus war. Marie und Hiltrud müssen also aus Straßburg fliehen.

In Frundeck am Neckar warten sie im Herbst 1414 vergeblich auf Freier, die sich etwas Besseres als eine Pfennighure leisten können. Viele Reiche halten sich wegen des von König Sigismund einberufenen Konzils in Konstanz auf. Um für die sexuellen Bedürfnisse der Herren zu sorgen, wirbt ein Beauftragter des Rats der Stadt Konstanz gut aussehende Wanderhuren an. Obwohl es für Verbannte gefährlich ist, nach Konstanz zurückzukehren, lassen Marie und Hiltrud sich schließlich überreden, dem Hurenwerber zu folgen, bestehen allerdings darauf, nicht einem Hurenwirt übergeben zu werden, sondern ein Haus mieten und dort ihrer Beschäftigung auf eigene Rechnung nachgehen zu dürfen.

Maries siebzehnjährige Cousine Hedwig Flühi wird auf dem Weg zum Grab ihres Onkels Matthis Schärer, an dem man auch eine Gedenktafel für dessen tot geglaubte Tochter angebracht hat, von einem Abt verfolgt, der ihr schon längere Zeit nachsteigt: Hugo von Waldkron. Auf der Flucht vor ihm gerät Hedwig in die Gewalt von vier Soldaten, die nicht weniger als der Geistliche danach gieren, über das hübsche unverdorbene Mädchen herzufallen. Ein Hauptmann mit dem Wappen des Pfalzgrafen bei Rhein geht vorbei, ohne sich um das bedrängte Mädchen zu kümmern. Erst als er einen Blick auf ihr Gesicht wirft, besinnt er sich und schlägt die vier Soldaten in die Flucht. Bei dem Offizier handelt es sich um den fünfundzwanzig Jahre alten Michel Adler. Hedwigs Gesicht erinnerte ihn an Marie, nach der er vor fünf Jahren vergeblich gesucht hatte. Er war dann an Bord eines Rheinschiffes gegangen. Als er bei einem Schiffsunglück einen Jungen rettete, machte dessen Onkel, Pfalzgraf Ludwig, den Gastwirtsohn zum reichen Mann, und ein Offizier des Pfalzgrafen bei Rhein überredete ihn, Soldat zu werden.

Hedwigs Eltern, der Böttchermeister Mombert Flühi und dessen Ehefrau Frieda, mussten für die Zeit des Konzils Philipp von Steinzell in ihrem Haus aufnehmen. Meister Momberts Geselle Wilmar, der Hedwig heimlich liebt, beobachtet argwöhnisch, wie Philipp von Steinzell immer wieder versucht, die Jungfrau in seine Kammer zu zerren und Abt Hugo von Waldkron nichts unversucht lässt, um Hedwig ins Bett zu bekommen.

Er ahnt allerdings nicht, dass Melcher, einer der drei Lehrbuben, als Informant des Fuhrmanns Utz Käffli tätig ist und sich von dem Verbrecher zu einem Mord anstiften lässt: Als Philipp von Steinzell nachts betrunken in sein Quartier zurückkehrt, ersticht Utz ihn vor dem Haus des Böttchermeisters, legt den Toten auf eine Decke, um keine Blutspuren am Boden zu hinterlassen und schleift ihn mit Melchers Hilfe ins Innere. Am Fuß der Treppe legen sie die Leiche ab und vertauschen die Mordwaffe mit einem Messer, das Melcher seinem Meister gestohlen hat. Dann sperrt der Lehrling die Haustür von innen ab und legt sich schlafen.

Am anderen Morgen stolpert Mombert Flühi über die Leiche und lässt den Vogt rufen. Dass sein Messer in der Brust des Toten steckt, bemerkt er erst, als Melcher dazukommt und die Umstehenden darauf hinweist. Der Böttchermeister wird unter Mordverdacht abgeführt. Bald darauf tauchen zwei Soldaten auf und holen auch Frieda und Hedwig ab, die man der Mittäterschaft verdächtigt.

Zufällig begegnen Marie und Michel sich in einer Gasse. Michel freut sich, dass die geliebte Frau lebt, aber Marie schämt sich vor ihm. Sie nimmt ihn zwar mit in ihre Kammer und spreizt die Beine, wie bei einem Freier, bleibt dabei aber demonstrativ unbeteiligt und gönnt ihm kein persönliches Wort.

Angestiftet hat den Mord niemand anderes als Ruppertus Spendidus. Er rächt sich auf diese Weise an Mombert, der den Anspruch des Advokaten auf das frühere Eigentum seines Schwagers Matthis mehrmals vergeblich vor Gericht angefochten hatte. Außerdem kommt Ruppertus durch den Mord seinem Ziel näher, die Burg Steinzell für Konrad von Keilburg in Besitz zu nehmen und kann seinem Komplizen Abt Hugo von Waldkron die begehrte Jungfrau Hedwig verschaffen, die nach der Verurteilung und Hinrichtung ihres Vaters Leibeigene wird. Um zu gegebener Zeit seinen Halbbruder beseitigen und beerben zu können, fälschte Ruppertus bereits eine Urkunde, derzufolge Heinrich von Keilburg ihn zuletzt doch noch als legitimen Sohn anerkannte.

Weil Hugo von Waldkron sich jedoch nicht gedulden mag, bis Meister Mombert verurteilt ist, schickt er seinen Diener Selmo mit einem gefälschten Dokument zum Ziegelturm. Wilmar ahnt, was der Abt vorhat, sucht Hauptmann Michel Adler, findet ihn in einer Gaststätte und bittet ihn um Hilfe. Die beiden Männer beobachten, wie Selmo der Wache am Ziegelturm erklärt, er habe vom Stadtrat den Auftrag bekommen, Hedwig Flühi abzuholen. Kurz nach der Übergabe schlägt Michel den Diener nieder und nimmt ihm das gefälschte Dokument ab. Zusammen mit Wilmar trägt er Hedwig, die das Bewusstsein verliert, weil Selmo ihr Mohnsaft zu trinken gab, in Maries Dachkammer. Im Quartier einer Wanderhure wird niemand sie vermuten.

Als Marie erfährt, dass Dietmar und Mechthild von Arnstein in Konstanz eingetroffen sind, sucht sie die beiden auf, doch obwohl sie ihnen die von Jodokus aus dem Kloster St. Ottilien gestohlene Kopie des Erbvertrags mit Otmar von Mühringen verspricht, will das Ehepaar nichts mehr mit der Wanderhure zu tun haben. Marie, die ihre Rachepläne ohne einflussreiche Verbündete nicht verwirklichen kann und deshalb Mechthild von Arnstein dafür gewinnen wollte, befürchtet schon, ihr Vorhaben aufgeben zu müssen, als Graf Eberhard von Württemberg sie entdeckt. Marie geht mehrmals mit ihm ins Bett und bringt ihm schließlich die Urkunden, die sie von Jodokus erhalten hatte. Damit ließen sich die verbrecherischen Machenschaften von Ruppertus Spendidus nachweisen – aber nur, wenn man die Angelegenheit statt vor einem städtischen oder bischöflichen vor einem unabhängigen Gericht verhandeln würde. Eberhard hält es jedoch nicht für opportun, König Sigismund damit zu behelligen, denn Ruppertus Spendidus steht in dessen Gunst und der Herrscher ist voll damit beschäftigt, im Fall der drei konkurrierenden Päpste Johannes XXIII., Gregor XII. und Benedikt XIII. eine Entscheidung herbeizuführen.

Johannes XXIII., der als Einziger nach Konstanz gekommen ist, wird gefangen genommen und am 29. Mai 1415 abgesetzt. Gregor XII. bleibt in Rom und zieht seinen Anspruch am 4. Juli zurück. Benedikt XIII. fügt sich zwar in Avignon seiner Absetzung durch das Konzil von Konstanz am 26. Juli 1415 nicht, hat aber kaum noch Anhänger. (Das Schisma wird mit der Wahl Martins V. am 11. November 1417 überwunden.)

Nachdem ihm König Sigismund freies Geleit zugesichert hatte, folgte der exkommunizierte Reformator Jan Hus (1369 – 1415) einer Vorladung und reiste von Prag nach Konstanz, wo er am 3. November 1414 eintraf. Weil er jedoch seine Anschauungen während des Konzils nicht widerruft, wird er ungeachtet der gemachten Zusicherungen von einem Gericht als Ketzer zum Tod verurteilt und am 6. Juli 1415 auf dem Scheiterhaufen in Konstanz verbrannt.

Unmittelbar vor der Abreise des Königs aus Konstanz hat Marie eine Idee, wie sie dessen Aufmerksamkeit auf sich lenken kann.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Während Sigismund die Messe besucht, rotten sich hunderte von Hübschlerinnen zusammen. Als ihre Sprecherin tritt Madeleine aus Angers vor den aus der Kirche kommenden König und dessen Gefolge hin und beklagt sich darüber, dass viele Mägde und sogar einige Bürgerinnen aus Konstanz sich den Konzilbesuchern für wenig Geld hingeben und damit die Hübschlerinnen ihrer Existenzgrundlage berauben. Dann erhebt Marie ihre Stimme und verlangt Auskunft über den Verbleib ihrer Cousine Hedwig. Alban Pfefferhart, der dem Rat der Stadt Konstanz angehört, muss zugeben, dass die Gefangene spurlos aus dem Ziegelturm verschwunden ist. Marie hält das Dokument hoch, demzufolge der Stadtrat Hedwig aus dem Kerker holen ließ. Alban Pfefferhart erklärt es sogleich für eine Fälschung. Man habe die gefälschte Urkunde einem Diener des Abtes Hugo von Waldkron abgenommen, erklärt Marie. Nun sieht auch Graf Eberhard von Württemberg den Zeitpunkt für gekommen, Ruppertus Spendidus – der Marie längst erkannt hat – des Meineides, der Urkundenfälschung und Anstiftung zum Mord zu beschuldigen. Unverzüglich wird das von Ruppertus bewohnte Haus durchsucht, in dem der Abt zu Gast war, und tatsächlich werden Amtssiegel und Unterlagen gefunden, die Eberhards Anschuldigungen beweisen.

König Sigismund verschiebt seine Abreise um einige Tage und wohnt der von Honorius von Rottlingen im Dominikanerkloster auf der Insel geführten Gerichtsverhandlung persönlich bei. Das Gericht verurteilt Ruppertus Spendidus und seine Komplizen zum Tod. Nur Linhard Merk alias Bruder Josephus kommt mit lebenslanger Klosterhaft davon. Die von den Mördern und Betrügern zusammengerafften Besitztümer werden nach Möglichkeit ihren rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben oder neu aufgeteilt. Nachdem der Richter Marie Schärer voll rehabilitiert hat, trennt ihr eine Nonne die Hurenbänder ab. Dann werden Marie und Michel zusammengeführt und von Abt Adalwig zu Mann und Frau erklärt, bevor Marie überhaupt versteht, was geschieht.

Michel Adler ist nicht ganz so überrascht: Stunden zuvor hatten Pfalzgraf Ludwig, Graf Eberhard von Württemberg, Bischof Friedrich von Zollern, Ritter Dietmar von Arnstein und dessen Ehefrau Mechthild sowie Stadtrat Alban Pfefferhart ihn überredet, Marie zu heiraten, denn sonst müsse sie auch nach ihrer Rehabilitierung damit rechnen, von den Männern bedrängt und von den Frauen gemieden zu werden.

Mechthild von Arnstein entschuldigt sich bei Marie für ihr abweisendes Verhalten und möchte ihr als Dank für die zurückgewonnenen Besitztümer eine Gunst erweisen. Marie erbittet einen Bauernhof, den Hiltrud und der Ziegenhirt Thomas zusammen bewirtschaften können.

Einige Tage später reist Michel mit seiner Frau Marie auf einem Schiff nach Rheinsobern, wo er von nun an Burghauptmann sein wird. Der inzwischen frei gelassene Meister Mombert ist mit seiner Frau Frieda, seiner Tochter Hedwig, seinem Schwiegersohn Wilmar und der vor fünf Jahren von seinem Schwager übernommenen Haushälterin Wina mit an Bord, denn er will sich in Rheinsobern als Böttchermeister niederlassen.

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Iny Lorentz ist eines der Pseudonyme des Schriftstellerehepaares Iny Klocke (* 1949) und Elmar Wohlrath (* 1952).

Eine sittsame Bürgertochter aus Konstanz wird vergewaltigt, mit Schimpf und Schande aus der Stadt gejagt und dadurch gezwungen, sich als Wanderhure durchzuschlagen, aber durch das Leid entwickelt sie sich zu einer starken Frau, die schließlich für Gerechtigkeit kämpft. Gier und Hass, Betrug, Verrat und Verleumdung sind die Themen, die Iny Lorentz in den Mittelpunkt ihres historischen Romans „Die Wanderhure“ gestellt hat. Geschickt hat sie Passagen eingebaut, in denen sie das Leben im Mittelalter schildert, ohne die Handlung aufzuhalten. Mit historischen Tatsachen nimmt Iny Lorentz es dabei nicht immer genau. So bezeichnet sie beispielsweise Sigismund (1368 – 1437) als Kaiser, aber zur Zeit des Konzils in Konstanz (1414 –- 1418) fungierte er als deutscher König; zum Kaiser wurde er erst 1433 in Rom gekrönt. Ein paar sprachliche Missgriffe stören nicht weiter. Das gilt auch für die Schwarz-Weiß-Zeichnung der Charaktere, also zum Beispiel die makellos anständige Protagonistin und ihren durch und durch bösen Gegenspieler. Ausgeglichen werden die Schwächen durch die Farbigkeit der spannenden Geschichte, die sich aus mehreren immer enger verwobenen Handlungsfäden entwickelt.

Aufgrund des Erfolgs schrieb Iny Lorentz Fortsetzungen: „Die Kastellanin“ (2005), „Das Vermächtnis der Wanderhure“ (2006), „Die Tochter der Wanderhure“ (2008), „Töchter der Sünde“ (2011), „Die Rache der Wanderhure“ (2012).

Hansjörg Thurn verfilmte die Romane „Die Wanderhure“ und „Die Kastellanin“ mit Alexandra Neldel in der Titelrolle fürs Fernsehen. Die Erstausstrahlungen am 5. Oktober 2010 bzw. 28. Februar 2012 brachten Sat.1 Rekord-Einschaltquoten von fast 10 Millionen („Die Wanderhure“) bzw. 8 Millionen („Die Rache der Wanderhure“) Zuschauern.

Originaltitel: Die Wanderhure – Regie: Hansjörg Thurn – Drehbuch: Gabriele Kister, nach dem Roman „Die Wanderhure“ von Iny Lorenz – Kamera: Gerhard Schirlo – Schnitt: Andreas Radtke – Musik: Stephan Massimo – Darsteller: Alexandra Neldel, Alexander Beyer, Thomas Morris, Gregor Seberg u.a. – 2010; 120 Minuten

Originaltitel: Die Rache der Wanderhure – Regie: Hansjörg Thurn – Drehbuch: Dirk Salomon, Thomas Wesskamp, nach dem Roman „Die Kastallnin“ von Iny Lorentz – Kamera: Markus Hausen – Schnitt: Alarich Lenz – Musik: Stephan Massimo – Darsteller: Alexandra Neldel, Bert Tischendorf, Julian Weigend, Johannes Krisch, Kristina Skokova, Daniel Roesner, Nadja Becker, Götz Otto, Esther Schweins u.a. – 2012; 120 Minuten

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005 / 2012
Textauszüge: © Knaur Verlag

Jon Fosse - Das ist Alise
"Das ist Alise" besteht aus einem flow of consciousness, in den innere Monologe anderer Figuren eingebettet sind. Nicht nur die Zeitebenen, sondern auch die Erzählperspektiven wechseln. Jon Fosses Sprache ist betont einfach, monoton und zugleich höchst artifiziell; virtuos lässt er sie wie Musik in ruhigen Wellen an- und abschwellen.
Das ist Alise

Jon Fosse

Das ist Alise

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Sommer durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.