Frank McCourt : Die Asche meiner Mutter

Die Asche meiner Mutter
Originalausgabe:Angela's Ashes, 1996 Die Asche meiner Mutter Übersetzung: Harry Rowohlt Luchterhand, Frankfurt 1996 Wilhelm Goldmann Verlag, München 2000 ISBN 978-3-442-72596-0, 539 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

"Wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, frage ich mich, wie ich überhaupt überlebt habe. Natürlich hatte ich eine unglückliche Kindheit; eine glückliche Kindheit lohnt sich ja kaum. Schlimmer als die normale unglückliche Kindheit ist die unglückliche irische Kindheit, und noch schlimmer ist die unglückliche irische katholische Kindheit."
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Kritik

In seiner romanhaften Autobiografie beschreibt Frank McCourt (*1930), was er zwischen 1935 und 1948 erlebte. Er tut es in einfacher Umgangssprache und aus der Sicht des Kindes bzw. Jugendlichen, weder larmoyant noch bitter, sondern ironisch und humorvoll.
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Mein Vater und meine Mutter hätten in New York bleiben sollen, wo sie sich kennengelernt und geheiratet haben und wo ich geboren wurde. Stattdessen sind sie nach Irland zurückgekehrt, als ich vier war und mein Bruder Malachy drei, und die Zwillinge Oliver und Eugene waren eben gerade ein Jahr alt, und meine Schwester Margaret war tot und weg.
Wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, frage ich mich, wie ich überhaupt überlebt habe. Natürlich hatte ich eine unglückliche Kindheit; eine glückliche Kindheit lohnt sich ja kaum. Schlimmer als die normale unglückliche Kindheit ist die unglückliche irische Kindheit, und noch schlimmer ist die unglückliche irische katholische Kindheit. Überall prahlen oder winseln die Menschen ob des Jammers ihrer frühen Jahre, aber nichts lässt sich mit der irischen Version vergleichen: die Armut; der träge, redselige, trunksüchtige Vater; die fromme, vom Schicksal besiegte Mutter, die am Herdfeuer stöhnt; pompöse Priester; drangsalierende Schulmeister; die Engländer und die grässlichen Dinge, die sie uns achthundert lange Jahre lang angetan haben.
Hauptsächlich waren wir: nass.
Draußen im Atlantischen Ozean ballten sich die Regenmassen zusammen, um langsam den Shannon hinaufzutreiben und sich auf immer in Limerick niederzulassen. Von der Beschneidung des Herrn bis Silvester durchfeuchtete der Regen die Stadt. Er schuf eine Kakophonie aus trockenem Husten, bronchitischem Rasseln, asthmatischem Keuchfauchen, schwindsüchtigem Krächzen. Nasen verwandelte er in schleimige Quellen, Lungen in prall mit Bakterien vollgesogene Schwämme. […]
Der Regen trieb uns in die Kirche – unsere Zuflucht, unsere Kraft, unser einziges trockenes Haus. Zu Messe, Segen und Novene drängten wir uns in dicken, feuchten Klumpen zusammen, durchdösten das Geleier des Priesters, und wieder stieg Dampf auf von unseren Gewändern, um sich mit der Süße von Weihrauch, Blumen und Kerzen zu mischen.
Limerick war für seine Frömmigkeit berühmt, aber wir wussten, es war nur der Regen.

Als Sohn einer irischen Immigrantenfamilie kommt Francis („Frankie“) McCourt 1930 in New York auf die Welt. Nachdem seine kleine Schwester Margaret kurz nach der Geburt gestorben ist, kehren die Eltern Angela und Malachy mit ihm und seinen jüngeren Brüdern Malachy, Eugene und Oliver nach Irland zurück.

In Limerick, der Geburtsstadt Angelas, missachtet deren Mutter ihren aus Toome in der nordirischen Grafschaft Antrim stammenden arbeitslosen Schwiegersohn. Als er nach langer Zeit endlich Arbeit gefunden hat, vertrinkt er den Lohn, versäumt die nächste Schicht und wird gleich wieder entlassen.

Die löchrigen Schuhsohlen der Kinder bessert Malachy McCourt mit Stücken aus einem Fahrradreifen aus, und seine beiden älteren Söhne werden deshalb in der Schule verspottet. Wenn sie dann mit ihren Herausforderern raufen, bestraft sie der Lehrer gnadenlos mit Stockhieben. Die Familie haust im oberen Stockwerk („Italien“) eines abbruchreifen Hauses, in dessen Erdgeschoss („Irland“) bei dem Dauerregen zentimeterhoch das Wasser steht. Die Toilette steht im Freien und wird von allen Anwohnern der Straße benutzt. McCourt ist zu stolz, um die von Fuhrwerken auf die Straße gefallenen Kohlenstücke aufzusammeln, aber Angela tut es. Sie erbettelt auch Essensreste von der Kirche und Almosen von der Wohlfahrt. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich an Mrs. Finucane, die den Armen gebrauchte Kleidung gegen Ratenzahlung verkauft.

Die Zwillinge Oliver und Eugene sterben an Entkräftung. Angela kommt noch zweimal nieder. Die beiden jüngsten Söhne werden auf die Namen Michael und Alphie getauft.

Bei der Firmung kippt Frank um. Typhus! Er überlebt.

Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, viele englische Männer in den Krieg ziehen und dadurch Arbeitsplätze frei werden, fährt McCourt mit der Eisenbahn nach England, um dort Arbeit zu suchen, aber die Familie wartet vergeblich auf Geldüberweisungen von ihm. Da verdingt Frank sich bei einem Kohlenhändler und schleppt die schweren Säcke. Durch den Kohlenstaub entzünden sich seine Augen so, dass er nicht mehr weitermachen kann.

Als die Familie aus der Wohnung geworfen wird, weil sie die Miete nicht zahlen kann und eine Zwischenwand verheizt hat, bringt Angelas Mutter sie bei einem Verwandten unter. Vetter Laman Griffin demütigt Frank und verlangt von Angela, dass sie ihm gefügig ist.

Frank kann nicht dabei zusehen, wie seine Mutter sich prostituiert. Er reißt aus und kommt bei seiner kinderlosen Tante Aggie unter, die unvermittelt sentimental wird und ihn neu einkleidet.

Mit 14 beginnt Frank als Telegrammbote zu arbeiten. Als er einmal mit dem Fahrrad stürzt, holt ihn die drei Jahre ältere Theresa, der er ein Telegramm bringt, ins Haus, um ihm die Hautabschürfungen im Gesicht abzutupfen. Er folgt auch ihrer Aufforderung, seine nassen Sachen auszuziehen und am Kamin zu trocknen. Theresa leidet unter Schwindsucht und weiß, dass sie nicht mehr lang leben wird. Vor dem Tod möchte sie wenigstens einmal mit einem Mann zusammen sein, aber alle fürchten sich vor der Ansteckung. Frank dagegen lässt sich von ihr verführen und verliebt sich in sie. Theresa ist die einzige Freundin in seiner Jugend. Aber sie erliegt bald darauf ihrer Krankheit.

Die Verwandten drängen Frank, eine freie Stelle am Postschalter anzunehmen, aber er weigert sich, Beamter zu werden.

Mrs. Finucane wird auf Frank aufmerksam und beauftragt ihn, säumigen Schuldnern Drohbriefe zu schreiben. Für jeden Brief gibt sie ihm 3 Pence, und wenn die Adressaten ihre ausstehenden Raten bezahlen, noch einmal den gleichen Betrag. Sobald sie etwas einnimmt, gibt Frank ihr etwas zu trinken – und stiehlt dann einen Teil des Geldes.

Mit 19 reichen seine Ersparnisse endlich, um sich eine Schiffskarte nach Amerika zu kaufen!

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Frank McCourt beschreibt seine Entwicklung als Kind und Jugendlicher in einfacher Umgangssprache und verzichtet darauf, wörtliche Reden in Anführungszeichen zu setzen.

Jimmy sagte, na na, aber aber. Ist ja nicht seine Schuld, wenn er Presbyterianer in der Familie hat. Delia sagte, duhaltsmaul.

Die Ereignisse werden nicht aus der Sicht des Erwachsenen, sondern aus der Sicht des Jugendlichen geschildert, und McCourt verwendet das Präsens. Das wirkt authentisch.

„Die Asche meiner Mutter“, das ist die Geschichte einer entbehrungsreichen Kindheit und Jugend, in der Frank nur deshalb weder psychisch noch physisch zu Grunde geht, weil er ein Ziel vor Augen hat: In die USA auszuwandern.

Nicht larmoyant und bitter, sondern ironisch und humorvoll erinnert Frank McCourt sich an die schlimme Zeit.

Angela, noch nicht lange Mutter, aufgewühlt, vergaß, dass sie das Kind hielt, und ließ es ins Taufbecken gleiten – Taufe durch Untertauchen, wie bei den Protestanten. Der Messdiener fischte den Säugling heraus und reichte ihn an Angela zurück, welche ihn schluchzend tropfnass an ihren Busen drückte. Der Priester lachte und sagte, solche habe er ja noch nie gesehen, das Kind sei ja jetzt ein regelrechter kleiner Baptist und brauche kaum noch einen Priester. Dies erzürnte nun wieder Malachy, und er wollte sich auf den Priester stürzen, weil dieser das Kind als irgendeine Sorte von Protestant bezeichnet habe. Der Priester sagte, stille doch, guter Mann, du bist im Hause Gottes, und als Malachy sagte, Hause Gottes, am Arsch, wurde er rausgeschmissen, direkt auf die Court Street, weil man im Hause Gottes nicht Arsch sagt.

Armut ist hier die Ursache familiären Unglücks. Geistliche werden mit der Ausnahme eines Klosterbruders als teilnahmslos dargestellt. Lehrer sorgen mit dem Bambusrohr für Zucht und Ordnung. Nicht einmal die Repräsentanten einer Wohlfahrtsorganisation zeigen Mitgefühl. Hilfe ist also weder von Kirche noch von Staat oder Schule zu erwarten.

Nach seiner Emigration studierte Frank McCourt (1930 – 2009) in New York Literaturwissenschaft und arbeitete von 1959 bis 1995 an verschiedenen amerikanischen Schulen als Lehrer. Dann schrieb er seine romanhafte Autobiografie über die Jahre 1934 bis 1948. Das Buch erschien in den USA und in Brasilien, in Norwegen und Dänemark, England, Frankreich, Holland, Deutschland und wurde mit 6 Millionen verkauften Exemplaren zu einem Weltbestseller. In Deutschland hielt sich der Titel zwei Jahre lang auf den Bestsellerlisten. Frank McCourt erhielt 1997 den Pulitzerpreis.

Alan Parker verfilmte die Autobiografie 1999: „Die Asche meiner Mutter“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: © Luchterhand

Alan Parker: Die Asche meiner Mutter

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