Die Einsamkeit der Krokodile

Die Einsamkeit der Krokodile

Die Einsamkeit der Krokodile

Originaltitel: Die Einsamkeit der Krokodile - Regie: Jobst Christian Oetzmann - Drehbuch: Jobst Oetzmann, nach dem Roman "Die Einsamkeit der Krokodile" von Dirk Kurbjuweit - Kamera: Hanno Lentz - Schnitt: Christl Sukow - Musik: Dieter Schleip - Darsteller: Janek Rieke, Thomas Schmauser, Julia Jäger, Dynelle Rhodes, Rosemarie Fendel, Ernst Stötzner, Renate Krößner, Arndt Schwering-Sohnrey, Oliver Bröker, Josef Heynert, Marc Prätsch, Edgar Bölke, Hans-Michael Rehberg, Udo Kroschwald u.a. - 2000; 95 Minuten

Inhaltsangabe

Unter dem Anpassungsdruck in einem ostwestfälischen Dorf, in dem niemand ungestraft aus der Reihe tanzt, zerbricht ein hochbegabter Metzgersohn. Ein Journalist aus Hamburg kommt in das Dorf, um mehr über den Selbstmord seines Cousins zu erfahren – und findet dadurch zu sich selbst.
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Kritik

Bei der Verfilmung des Romans "Die Einsamkeit der Krokodile" von Dirk Kurbjuweit handelt es sich um eine Mischung aus Heimatfilm, Kriminalgeschichte und Außenseiter-Studie, eine melancholische, skurril-poetische Tragikomödie, in der sich Aberwitz und Ernsthaftigkeit die Waage halten.
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Helmut Redecker (Ernst Stötzner) und seine Frau Friede (Renate Krößner) führen die Metzgerei in einem properen Dorf in Ostwestfalen. Ihr Sohn Günther (Thomas Schmauser) wächst mehr im Schlachtraum als in der Wohnung auf. In seinem Kinderstuhl sitzend, schaut Günther zu, wie die Schweine abgestochen, abgebrüht und zerteilt werden. Als das Kind einmal blutbesudelt am Boden liegt, glaubt Friede, es sei tot und fällt ihn Ohnmacht. Mit anderen Jungen spielen kann Günther nicht, weil er allenfalls mal eine halbe Stunde aus dem Haus darf und als Muttersöhnchen verschrien ist. Seine Eltern achten darauf, dass er viel liest, kaufen ihm eine Geige und bringen ihn dazu, dass er in ihrem Beisein zwischen den aufgehängten Schweinehälften fleißig übt. Nach dem Abitur, das Günther als Jahrgangsbester besteht, will er in Tübingen Philosophie und Germanistik studieren, aber das ist seinen Eltern zu weit weg: Sie verlangen, dass er in Paderborn studiert und jeden Tag nach Hause kommt.

Unvermittelt weist Günther das Stück Fleisch zurück, das seine Mutter ihm auf den Teller legt: Er mag kein Fleisch mehr essen und wird Vegetarier. Das hält sein Vater zwar für völlig verrückt, aber sein Schreien nützt nichts: Günther steht vom Tisch auf und zieht sich in sein Zimmer zurück. Dort entdeckt Friede kurz darauf ein Manifest ihres Sohnes, in dem er die „unantastbare Würde des Schweins“ proklamiert und beklagt, dass der Humanismus bei der Tierhaltung versagt hat.

Wenn Günther mit Gleichaltrigen aus dem Dorf zusammentrifft – was selten geschieht – hänseln sie den Außenseiter und ziehen ihn auf, weil sie wissen, dass er noch nie mit einer Frau zusammen war. Bei einem Volksfest behängen sie ihn einmal mit Würsten, überschütten ihn mit Blut und werfen ihn ins Damenklo zu aufkreischenden Mädchen. Sein einziger Freund ist Roland (Arndt Schwering-Sohnrey), der debile Knecht des größten Schweinezüchters am Ort.

Weil ihnen ihr Sohn schließlich nicht mehr geheuer ist, bringen Helmut und Friede den Studenten zur Beobachtung in eine psychiatrische Anstalt. (Der Psychiater wird später sagen: „Die Eltern wollten ein Genie mit dem Gemüt eines Pudels.“) Nach einiger Zeit holen sie Günther wieder zu sich in die Metzgerei. Es ist für sie sehr enttäuschend, dass er nichts Besseres wird als ein Dolmetscher bei den in der Nähe des Dorfes stationierten Amerikanern.

In dem Büro sitzt Günther einer korpulenten Schwarzen gegenüber. Sie heißt Mary (Dynelle Rhodes) und stammt aus Louisiana. Er schlägt ihr den gemeinsamen Besuch einer Staufer-Ausstellung vor, und sie fahren in ihrem Volkswagen hin. Bald träumt Günther davon, mit seiner Freundin nach Louisiana zu fliegen. Als er Mary zwei Monate später in einer Cafeteria seinen Eltern vorstellt, bringen sie kein Wort heraus. Nach ein paar Minuten, die sie benötigen, um sich von ihrem Schock zu erholen, stehen sie auf und verlangen von Günther, dass er mitkommt und seine Stelle kündigt.

Von da an verlässt er sein Zimmer kaum noch, liest und musiziert nicht mehr, sondern stiert nur noch auf den Fernseher und schluckt folgsam die Psychopharmaka, die seine Mutter ihm in den Mund schiebt.

Dann nimmt er sich mit einer Überdosis Tabletten das Leben.

Sein Cousin Elias (Janek Rieke), der in Hamburg lebt und ihn nie kennen gelernt hat, will einen längeren Artikel für eine auflagenstarke Zeitschrift über das Schicksal Günthers schreiben. Seine Tante Gisela Sperl (Rosemarie Fendel) erzählt ihm von ihrem Neffen Günther und bespricht dreiundzwanzig Tonbandkassetten.

Mit den Aufnahmen, einem Kassettenrekorder und einer Schreibmaschine fährt Elias nach Ostwestfalen und quartiert sich für vier Wochen in der Gaststätte des Dorfes ein, in dem Günther lebte. Dessen Eltern wollen ihm nichts sagen: „Wir reden nicht mit Fremden über unseren toten Sohn!“ Der Einzige, der bereit ist, mit Elias über Günther zu sprechen, ist der debile Knecht Roland, aber als der Bauer die beiden im Schweinestall vorfindet, prügelt er Roland zur Arbeit und wirft den Fremden hinaus. Bei einem Feuerwehrball schüchtern drei junge Männer den „Schnüffler“ aus Hamburg ein, und als er einem von dem Schweinezüchter bedrohten Kurden beistehen will, drücken sie ihn zwischen sich auf die Sitzbank nieder – bis Elias‘ Wirtin Heike (Julia Jäger) ihn zum Tanz auffordert, damit sie ihn loslassen müssen. Aber die Rabauken lauern Elias im Freien auf und werfen ihn mit dem Wasserstrahl aus dem Feuerwehrschlauch um.

Heikes Ehemann ist Elektromonteur und verlegt Kabel in Kuweit. Ganz allein erzieht sie ihren Sohn und kümmert sich um das Gasthaus. Ihr gefällt der schüchterne Journalist aus Hamburg, der leicht ins Stottern kommt, wenn er aufgeregt ist, und der so anders als die jungen Männer ihm Ort ist, die ihr alle mit derben Sprüchen nachstellen („Du hast den schönsten Arsch im Dorf. Wie oft muss ich dir das noch sagen, bis du mich ranlässt?“). Elias erinnert sie an den Sonderling Günther. Nachdem sie einige Zeit vergeblich darauf gewartet hat, dass er sich an sie heranmacht, besucht sie ihn eines Nachts in seinem Zimmer und schläft mit ihm.

Trotz der Einschüchterungsversuche lässt Elias sich nicht von seinem Vorhaben abbringen, die Hintergründe von Günthers Selbstmord aufzudecken. Er sucht den Psychiater auf, bei dem Günther in Behandlung war, aber der beruft sich auf die ärztliche Schweigepflicht. Statt über seinen früheren Patienten zu reden, weist er Elias auf dessen leichte Echolalie hin. Durch Roland erfährt Elias von Mary. Er verabredet sich mit ihr und lässt sie über ihr zweimonatiges Verhältnis mit Günther berichten. Heimlich dringt er in Günthers Zimmer ein und findet dort zwischen den gesammelten Karl-May-Bänden Zettel, die Günther kurz vor seinem Tod schrieb. Auf dem letzten steht: „Trou de cul, Bonjour!“

Im Morgengrauen öffnet Elias die Schweinekoben des Bauern, für den Roland arbeitet und treibt die Tiere auf die Wiesen außerhalb des Dorfes. Daraufhin muss er sich wegen Einbruchs und Diebstahls vor Gericht verantworten, wird aber nur zu einer Geldstrafe verurteilt und aus der Untersuchungshaft freigelassen. Vor dem Gefängnistor wartet Heike mit ihrem Auto auf ihn.

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Jobst Oetzmann verfilmte den 1995 veröffentlichten Roman „Die Einsamkeit der Krokodile“ des Journalisten und Schriftstellers Dirk Kurbjuweit, verlegte aber die Handlung von der Pfalz nach Ostwestfalen.

Es geht um ein Dorf, in dem niemand ungestraft aus der Reihe tanzt, um einen musischen und intelligenten Metzgersohn, der unter dem Anpassungsdruck zerbricht, und einen Journalisten, der bei seinen Recherchen über den Selbstmörder zu sich selbst findet. Auf welche Weise kann jemand seine eigene Persönlichkeit trotz des Anpassungsdrucks entwickeln? Wie weit muss man sich anpassen, um psychisch und physisch zu überleben? Fragen wie diese werden gestellt, aber sie lassen sich nicht allgemein beantworten, und das wird auch nicht versucht.

Jobst Oetzmann zeigt das Geschehen auf zwei Handlungsebenen. Der Film spielt in der Gegenwart, das heißt in der Zeit, in der Elias sich in dem Dorf umhört. Das Schicksal Günthers wird in Rückblenden veranschaulicht.

„Die Einsamkeit der Krokodile“ ist eine Mischung aus Heimatfilm, Kriminalgeschichte und Außenseiter-Studie, eine melancholische, skurril-poetische Tragikomödie, in der sich Aberwitz und Ernsthaftigkeit die Waage halten.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004

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