Karen Duve : Fräulein Nettes kurzer Sommer

Fräulein Nettes kurzer Sommer
Fräulein Nettes kurzer Sommer Verlag Galiani, Berlin 2018 © Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018 ISBN 978-3-86971-138-6, 584 Seiten Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018 ISBN 978-3-462-31741-1 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Karen Duve porträtiert die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff als hochbegabte junge Frau, der es schwerfällt, sich an die den Aristokratinnen im Biedermeier-Zeitalter auferlegten Einschränkungen zu halten. Als die katholische Adelsfamilie befürchtet, das Enfant terrible könne sich auf eine Liebesbeziehung mit einem Bürgerlichen einlassen – noch dazu einem Protestanten –, wird im Sommer 1820 ein Komplott geschmiedet …
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Kritik

"Fräulein Nettes kurzer Sommer" ist eine auf die Jahre 1817 bis 1820 konzentrierte Biografie der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848), zugleich aber auch ein Familienroman und ein Gesellschaftsporträt. Karen Duve hat sich eingehend mit der damaligen Zeit vertraut gemacht und verknüpft Fakten und Fiktion.
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1817

Wie in jedem Jahr brechen die Schwestern Maria Anna („Jenny“) und Anna Elisabeth („Annette“) von Droste-Hülshoff 1817 auf, um Verwandte zu besuchen. Jenny ist 22 Jahre alt, Annette zwei Jahre jünger. Mehrere Tage dauert die Kutschfahrt von der Burg Hülshoff bei Münster in Westfalen zu den Großeltern auf dem Bökerhof in Bökendorf nordwestlich von Höxter. Der Großvater Werner Adolf von Haxthausen hatte noch einmal geheiratet, nachdem seine erste Ehefrau – Marianne von Westfalen zu Heidelbeck – 1772 im Alter von 18 Jahren nach der Geburt ihrer Tochter Therese gestorben war. Durch ihre Stiefmutter Maria Anna von Wendt zu Papenhausen bekam Therese 14 Halbgeschwister. Mit den beiden jüngsten – der 22-jährigen Ludowine und der sechs Jahre jüngeren Anna von Haxthausen – fahren Jenny und Annette vom Bökerhof weiter nach Abbenburg, um den 40 Jahre alten Onkel bzw. Bruder Friedrich („Fritz“) Maximilian von Haxthausen zu besuchen. Dessen 20 Jahre alte, mit Hermann Werner von Bocholtz-Asseburg verheiratete Schwester Franziska („Fränzchen“) von Haxthausen besuchen die vier reisenden Damen auf der Hinnenburg, und die letzte Station ist Wehrden südlich von Höxter, wo Dorothea („Dorly“) Wilhelmine von Haxthausen mit ihrem Mann, dem Landrat Philipp von Wolff-Metternich, und den Kindern lebt. Dorly ist ein Jahr jünger als ihr Bruder Fritz und die älteste der Haxthausen-Schwestern.

1818

August, der jüngste Haxthausen-Sohn, muss sein in Clausthal-Zellerfeld begonnenes und in Göttingen fortgesetztes Studium im Sommer 1818 abbrechen, weil der Vater Hilfe bei der Verwaltung des Guts benötigt. Keiner seiner sechs Brüder kann die Aufgabe übernehmen. Moritz Elmerhaus von Haxthausen, der Älteste, ist wegen der Eheschließung mit einer Protestantin in Ungnade gefallen. Die Domherren-Präbenden Fritz und Carl stehen ebenso wenig zur Verfügung wie Werner, der als preußischer Regierungsrat in Köln unabkömmlich ist und Damian Wilhelm, der in Österreich dient. Friedrich Wilhelm von Haxthausen fiel 1809 in Spanien.

Jenny und Annette dürfen ihren Onkel August vom Bökerhof nach Kassel begleiten, wo sie die Brüder Grimm besuchen. Den 28 Jahre alten Künstler Ludwig, den jüngsten Grimm, kennen sie bereits. Aber in Kassel lernen sie nun auch dessen Geschwister kennen: Jakob und Wilhelm ebenso wie Charlotte („Lotte“), deren Verlobten Ludwig Hassenpflug und dessen Schwester Amalie.

Zurück auf dem Bökerhof, stellt August von Haxthausen den Nichten, deren Vater und seiner Schwester Caroline seinen besten Freund vor, mit dem er sich in Göttingen eine Studentenbude teilte: Heinrich Straube.

In Göttingen gehörten August von Haxthausen und Heinrich Straube ebenso wie zum Beispiel Georg Theodor Meyer („Dr. Bibber“) 1817 zu den Gründungsmitgliedern des Dichterkreises „Poetische Schusterinnung an der Leine“. Ihre Gildenamen lauteten Tannhäuser, Johannes Wassersprung und Treuwerth an der Ilmenau. Von Januar bis Juni 1818 erschienen 52 Ausgaben ihrer Zeitschrift „Wünschelruthe“. Heinrich Straube und Johann Peter von Hornthal firmierten als Herausgeber des „Zeitblatts“, das Beiträge unter anderem von Achim von Arnim, Ernst Moritz Arndt, Clemens Brentano und den Brüdern Grimm publizierte. Aber im Sommer 1818 löste sich der Dichterkreis auf.

„Das ist er“, strahlte August und hielt den Freund auf Armeslänge von sich, um ihn den Nichten und Clemens von Droste-Hülshoff zu präsentieren, „der Straube! Nicht nur mein liebster Freund, sondern auch ein Phänomen an scharfem Verstande, von dem schon jetzt das Licht zukünftigen Ruhmes ausstrahlt …“
„… und ein Geruch wie von einem nassen Hund“, ergänzte Annette, ohne sich zu besinnen. Im selben Moment tat es ihr leid.“
„Nette!“, rief ihr Vater.

Annette, die in der Familie ohnehin als Enfant terrible verschrien ist, schämt sich sogleich wegen der unbedachten Äußerung, aber der drei Jahre ältere Besucher nimmt sie ihr nicht übel; im Gegenteil, er vernachlässigt sogar seinen Freund, um mit Annette sprechen zu können. August ärgert sich darüber und tadelt später seine Nichte wegen der beleidigenden Bemerkung. Annette entgegnet, Heinrich Straube habe ihr verziehen und darüber hinaus versprochen, einige ihrer Gedichte zu begutachten.

„Deine Gedichte? Deine Gedichte!? Du willst dem größten zeitgenössischen Talent die Zeit stehlen, damit er sich dein Geschreibsel anschaut und sich ein paar Komplimente darüber abquält? Ich verbiete es dir! Haben wir uns verstanden? Straube lacht sowieso nur über dich.“

Annette gibt Straube die Gedichte dennoch zu lesen und erhält viel Lob dafür.

Alle, alle liebten und bewunderten sie ihn, selbst Fräulein Nettes strenge Mutter, die Freifrau von Droste-Hülshoff, hatte an ihm einen Narren gefressen. Das war vielleicht das größte seiner vielen Talente, dass er so schnell die Zuneigung seiner Mitmenschen zu gewinnen verstand. Allerdings sah die Freifrau in ihm wohl eher einen Beitrag zur Abendunterhaltung als den potenziellen Ehemann für eine ihrer Töchter. Denn zum Mangel seiner Bürgerlichkeit gesellten sich noch der Makel der falschen Religion und das Gebrechen der Armut.

1819

Bei einem Besuch auf dem Bökerhof wird Heinrich Straube gefragt, ob es Neuigkeiten aus Göttingen gebe.

„Oh ja, tatsächlich. Das gibt es. Im Sommer soll eine eigene Bade- und Schwimmanstalt eröffnet werden.“
„Das lassen Sie bloß nicht meinen Haxthausen-Großvater hören“, sagte Annette, „das würde ihm das letzte bisschen Glauben an die Menschheit rauben.“
„Sie haben doch wohl nicht vor, diese Schwimmanstalt aufzusuchen?“, fragte Therese von Droste-Hülshoff.
„Gott bewahre. Natürlich nicht.“

In Würzburg beginnt 1819 eine Welle gewalttätiger Ausschreitungen gegen Juden.

Freies Wohnrecht für Juden, freies Handelsrecht für Juden, die Erlaubnis, Grundbesitz zu erwerben – wie weit soll das noch gehen?

Annette verbringt den Sommer auf dem Bökerhof. Am 4. Juli nimmt ihre Großmutter sie mit zur Kur nach Bad Driburg, wo der Arzt Dr. Figger die kränkliche 22-Jährige untersucht und dann meint:

„Hören Sie auf Ihre Großmutter, sie hat vollkommen recht. Eine Überanstrengung des Gehirns ermattet die generativen Organe und zerrüttet ihr harmonisches Zusammenspiel. Ihr Körper ist nicht eingerichtet, um zu denken, sondern um die große Absicht zu erfüllen, welche die Natur ihm auferlegt hat.“

„Für einen so kühnen Unternehmungsgeist wie den Ihren bräuchte es die Anatomie eines Mannes“, stellte Dr. Ficker am nächsten Morgen fest. „Die strafferen Nerven, die größeren Knochen und die stärkeren Muskeln mit den festeren Fasern.“

Zurück auf dem Bökerhof hört Annette, wie ihr Großvater die Meinung äußert, der Handel mit dem Ausland habe einen schlechten Einfluss auf Westfalen.

„Unlängst habe ich von einem Tagelöhner gehört, der im Besitz einer zweiten Kleidergarnitur sein soll“, assistierte August.
[…]
„Zustände wie in England sind in Westfalen zum Glück nicht denkbar“, verkündete der alte Haxthausen, „und im Ruhrgebiet schon gleich gar nicht. Harkort muss sich seine Arbeiter alle aus England holen. Warum sollte das deutsche Volk, das die Natur zum Ackervolk bestimmt hat, sich auch von seinem Berufe entfernen und ein Handelsvolk ohne Seemacht werden? Das Leben an der frischen Luft gegen das Leben in einer Halle tauschen, in der Tag und Nacht die Maschinen heulen.“

Heinrich Straube kommt erneut zu Besuch und weist seinen Freund August von Haxthausen auf die ungewöhnliche Begabung Annettes hin:

„Hier siehst du das größte literarische Talent, dem ich je begegnet bin […]. Deine Nichte ist talentierter als die ganze Poetische Schusterinnung zusammen.“
August schnappte nach Luft.

Der Student erbittet sich eine Haarlocke von Anette, und am letzten Morgen vor seiner Abreise sucht er mit ihr Mineralien in einem Steinbruch. Auf dem Rückweg tut er so, als wolle er unbedingt noch einen Blick ins Treibhaus werfen, aber es geht ihm darum, sie endlich einmal zu küssen.

Er legte ihr den freien Arm um die schmächtige Schulter. Das Fräulein wollte zurückweichen, aber er hielt sie einfach fest. Straube fühlte, wie Nette sich verkrampfte. Sie drehte den Kopf zur Seite und sah auf den Boden. Sie zitterte. Er zögerte kurz, ob er es nicht doch lieber lassen wollte, aber dann beugte er sich vor und küsste sie auf den geschlossenen Mund. Sie küsste nicht zurück, hielt aber still. […] Er hielt den Kopf schräg, setzte etwas weiter seitlich an, küsste noch einmal, wobei ihm die Brille verrutschte. […] Das Freifräulein von Droste-Hülshoff wand sich nicht in den Armen eines dreisten Studenten. Aber sie hatte sich auch nicht gewehrt. Sie hatte es zugelassen. Sein Glück war gemacht.

Er küsste sie, versuchte es jedenfalls. Sein unrasiertes, vorstehendes Kinn schabte über ihre Wange. Seine Nase wischte über ihr Gesicht. […] Straube räusperte sich und nahm einen zweiten Anlauf. Was für ein Tollpatsch! Die Brille war ihm im Weg, fast hätte er sie verloren. […] Seine Lippen pressten sich auf die ihren, überraschend weich und trocken tasteten sie über ihren Mund. Ein kleiner Schauer durchfuhr sie. […] Gott sei Dank zog er seine Zunge gleich wieder zurück, und dann blickte er sie mit einer so hündischen Dankbarkeit an […].

1820/21

Als Annette im Januar 1820 wie üblich vom Bökerhof über Abbenburg zu Tante Dorly und Onkel Philipp nach Wehrden reist, wird sie von der Mitteilung überrascht, dass sie ein paar Tage später in Höxter erstmals öffentlich singen soll. Vorgesehen ist ein Duett mit der Tochter des Weinhändlers Vennewitz von Tannenberg im Rathaus der Stadt. Sie übt nach Kräften, bevor Dorly und Philipp mit ihrer Nichte, deren Mutter Therese, der Tochter Maria Anna sowie den Zwillingen Sophie und Adolphine in der Familienkutsche nach Höxter fahren. Dort stellt sich heraus, dass die Vennewitz eine Partie nicht so wie vorgesehen singen kann und der Klavierbegleiter Becker überfordert ist. Annette von Droste-Hülshoff bleibt nichts anderes übrig, als sich auf die von der Vennewitz gewünschten Änderungen einzustellen und den Klavierpart mit zu übernehmen. Am Ende beklatschen sogar August und Werner von Haxthausen, die ebenfalls nach Höxter gekommen sind, die Darbietung ihrer Nichte.

Zurück auf dem Bökerhof, lernt Annette den Besucher Friedrich Beneke kennen, einen Hamburger Kaufmannssohn, der zu ihr sagt:

„[…] Sie können nicht leugnen, dass in Ihrem Wesen etwas sehr Herrisches die Oberhand hat. Ihr Geist ist unweiblich.“

Trotz seiner Kritik wirbt Friedrich Beneke um die Gunst des Freifräuleins. Kaum ist er abgereist, taucht Heinrich Straube auf. Außerdem trifft ein weiterer Besucher ein: Johann Wolff, ein Architekt aus Kassel, der sich ebenfalls von Annette angezogen fühlt.

Anna von Haxthausen stellt ihre Nichte zur Rede. Annette dürfe den Männern keine Hoffnungen machen, meint sie.

Als Heinrich Straube wieder in Göttingen ist, wird auf dem Bökerhof der mit ihm befreundete Jura-Student August von Arnswaldt begrüßt. Er stammt aus Hannover und ist ein Jahr jünger als Annette, zu der er sagt:

„Eine Frau, die schreibt, setzt ihre Weiblichkeit aufs Spiel. Sie verkauft ihre Seele für Eitelkeit und falsches Kritikerlob, vernachlässigt ihre Pflichten und gewinnt dabei doch nichts.“

Ungeachtet dieses harschen Urteils steigt er Annette von Droste-Hülshoff nach. Als ihn deren 19-jährige Tante Anna – die Jüngste der Haxthausen-Geschwister – eifersüchtig darauf anspricht, behauptet er, sein Freund Heinrich Straube habe ihn beauftragt, Annettes Treue auf die Probe zu stellen.

„Es hat beinah so ausgesehen, als machten Sie Nette den Hof.“
„Um Gottes willen, nein! Das haben Sie wirklich geglaubt? Haha, Sie sind ja lustig! Was soll ich mit einer Frau, die ihren Platz nicht kennt? Ich tue das nur für Straube. Und gegen meine eigenen Empfindungen.“ 

Ähnliches behauptet er auch gegenüber August von Haxthausen und gewinnt ihn für die Idee, Annette zu verführen und dann Heinrich Straube davon zu berichten, um ihn von seiner Verehrung Annettes zu „heilen“. Bald wissen alle auf dem Bökerhof bis auf Annette und die Großeltern von dem Komplott.

Beim Erntefest feiert auch Annette ausgelassen mit und lässt sich schließlich von Arnswaldt ins Treibhaus ziehen. Dort küsst und bedrängt er sie, bis sie ihm abwehrend erklärt, sie liebe Straube. Der erfolgsgewohnte Verführer kann es nicht fassen, dass sie ihm den hässlichen Straube vorzieht. Auch in den folgenden Tagen setzt er alles daran, um ihren Widerstand zu brechen, und als ihm das nicht gelingt, versucht er ihr einzureden, Straube kenne seinen Platz in der Gesellschaft und werde sich nie auf eine Liebesbeziehung mit ihr einlassen.

In Göttingen wendet er sich an Heinrich Straube und behauptet, Annette von Droste-Hülshoff habe ihm nachgestellt; „wie eine Hure“ treibe sie es mit jedem. Noch in derselben Nacht drängt er dem erschütterten Kommilitonen einen gemeinsamen Brief auf, mit dem sie ihr die Freundschaft aufkündigen. Das Schreiben erhält Annette auf dem Familiensitz Hülshoff von ihrer Tante Caroline.

Therese redet ihrer jüngeren, diskreditierten Tochter ins Gewissen: Eine Frau habe sich nicht nur sittsam zu verhalten, sondern sei auch dafür verantwortlich, dass keinerlei rufschädigenden Gerüchte und Spekulationen über sie aufkommen. In Bezug auf die für ihn undenkbare Verbindung seiner Schwester mit einem Bürgerlichen, zumal einem Protestanten wie Heinrich Straube, meint Werner Constantin von Droste-Hülshoff:

„Mir wäre der Gedanke völlig fremd, eine Bürgerliche als Ehefrau auch nur in Betracht zu ziehen. Was für eine Idee!“
„Reines Blut gibt reinen Sinn, das sagt Dorly immer“, warf Anna ein.
„Natürlich“, erwiderte der Stammhalter der Hülshoffs, „eine Bürgerliche kann durch mehrere Generationen negativ auf die Gesinnung einer adeligen Familie wirken.“
„Sehr richtig“, sagte die Großmutter. „Ich schätze eure bürgerlichen Bekanntschaften ja alle sehr – besonders dieser Ludwig Grimm ist ein angenehmer Umgang, aber der unvermischte Adel einer Familie ist nun einmal der Garant für ausgezeichnete Charakterqualitäten.“

Annette fühlt sich schuldig und glaubt, die Strafe auf sich nehmen zu müssen, weil sie Arnswaldt nicht sofort, sondern erst nach einigen Augenblicken abwehrte.

August von Haxthausen macht seinem Freund Heinrich Straube während einer gemeinsamen Reise zu August von Arnswaldt nach Hannover klar, dass er endlich sein Studium abschließen müsse und nicht mehr lange mit seiner finanziellen Unterstützung rechnen könne. Daraufhin nimmt sich der Gescholtene vor, vom Wintersemester an ernsthaft Jura zu studieren.

Bevor sich Heinrich Straube dafür immatrikulieren kann, begegnet er bei Geismar Harry Heine aus Düsseldorf, der auf dem Weg nach Göttingen ist, um sich dort im Oktober ebenfalls an der juristischen Fakultät einzuschreiben. (1825 wird er sich auf den Namen Heinrich taufen lassen.)

Heinrich Heine wechselt allerdings nach ein paar Wochen zu Germanistik und Philosophie.

Am 4. Dezember 1820 muss er sich vor dem Universitätsgericht verantworten, weil er dem Kommilitonen Wilhelm Wiebel durch Heinrich Straube eine Forderung zum Pistolenduell überbringen ließ. Nur weil jemand die beiden Kontrahenten verriet, kam es nicht zu dem gefährlichen Zweikampf. Im Januar werden Wilhelm Wiebel und Harry Heine von der Georg-August-Universität relegiert bzw. für ein Jahr ausgeschlossen (Consilium abeundi).

Epilog

Heinrich Straube promoviert 1821, heiratet am 23. Mai 1823 als kurfürstlich-hessischer Obergerichts-Prokurator Johanna Marie Regenbogen, die Tochter eines kurfürstlichen Mundschenks, und avanciert 1832 zum Staatsanwalt für die Provinz Niederhessen, 1841 zum Regierungsrat und im Jahr darauf zum Oberappellationsgerichtsrat. Er stirbt am 31. Dezember 1847 in Kassel.

Annette von Droste-Hülshoff meidet sowohl den Bökerhof als auch Kassel und Hannover. Von Levin Schücking ermutigt, dem 17 Jahre jüngeren Bibliothekar ihres Schwagers Freiherr Joseph von Laßberg, dichtet sie, aber erst 1838 erlaubt ihr die Mutter, einen Gedichtband zu publizieren – und auch das nur anonym. (Von den 400 Exemplaren werden gerade einmal 74 verkauft.) Den Durchbruch erzielt Annette von Droste-Hülshoff mit der 1837 bis 1841 entstandenen, 1842 im „Cottaschen Morgenblatt für gebildete Stände“ veröffentlichten Novelle „Die Judenbuche“. 1843 erwirbt sie ein Haus bei Meersburg. Dort stirbt sie am 24. Mai 1848 im Alter von 51 Jahren an einer Lungenentzündung.

Nachdem Anna von Haxthausen 1822 einen Heiratsantrag August von Arnswaldts abgelehnt hat, umwirbt er ihre sechs Jahre ältere Schwester Ludowine, die sich Hoffnungen macht – bis er sie bittet, Anna umzustimmen. Sich selbst verleugnend, kommt Ludowine dem Wunsch nach – und Anna wird 1830 Arnswaldts Frau. Der Literat stirbt am 25. Juni 1855 in Hannover.

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„Fräulein Nettes kurzer Sommer“ ist eine auf die Jahre 1817 bis 1820 konzentrierte Biografie der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848), zugleich aber auch ein Familienroman und ein Gesellschaftsporträt. Durch die Industrialisierung gärt es im Bürgertum und es hofft, dass es nicht länger allein auf die Herkunft, sondern bald auch auf die Leistung ankomme. Gleichzeitig kommt es zwischen liberalen und reaktionären Gruppen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Karen Duve verknüpft in „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ Fiktion und historische Tatsachen. Dabei legt sie den Romanfiguren Meinungsäußerungen in den Mund, die diese – wenn auch zu anderen Zeiten – beispielsweise in Briefen oder Tagebüchern festgehalten haben.

Die Autorin stellt Annette von Droste-Hülshoff als hochbegabte junge Frau vor, der es schwer fällt, sich an die den Aristokratinnen im Biedermeier-Zeitalter auferlegten Einschränkungen zu halten. Annettes Onkel Werner von Haxthausen lässt Karen Duve sagen:

„In der Tat, die Schärfe des Verstandes bleibt auf ewig der Vorzug der Männer […], Frauen können sich dem nur von ferne annähern.“

August von Arnswaldt denkt ähnlich:

„Da sieht man wieder, dass es nicht genügt, wenn eine Frau schön ist. Sie muss auch gefallen, und dazu gehört nun einmal eine anmutige Einfachheit.“ 

Und aus einem Vortrag des Accouchierhaus-Direktors Friedrich Benjamin Osiander (1791 –  1822) in Göttingen zitiert Karen Duve den Ausspruch:

„Im schlimmsten Fall führt die übermäßige Venosität junger Frauen in den Entwicklungsjahren zu Brandstiftungen und kann enorme Schäden anrichten und entsetzliches Leid über die Nachbarn bringen.“

Umwerfend ist eine 1817 in Göttingen spielende Szene: Studenten auch anderer Fakultäten als der medizinischen werden zusammengerufen, um bei einer Geburt zuzuschauen. Der Professor verbietet allerdings das Rauchen und verlangt, dass die mitgebrachten Hunde draußen angebunden werden.

In die Romanhandlung hat Karen Duve Darstellungen historischer Ereignisse eingeschoben, die mit der Handlung nichts zu tun haben. Auf etwas mehr als einer Seite berichtet sie über den gewaltigen Vulkanausbruch des Tambora auf der Insel Sumbawa östlich von Java im April 1815. Sie schildert, wie im August 1819 das Haus des jüdischen Bankiers Jacob Hirsch in Würzburg von der Polizei gegen eine aufgebrachte Menge verteidigt wird.

Das Haus war einmal Wohnsitz der Äbte des Klosters Ebrach. Moses Hirsch hat es einfach gekauft und sich darin breitgemacht. Und sein Sohn, der Jacob Hirsch, hat auf einer Auktion Juwelen ersteigert, die aus Kirchengeräten stammten. Und die Polizei schützt solche Heuschrecken auch noch.

Vier Seiten lang ist die farbige Schilderung eines berühmten Attentats: Am 23. März 1819 ersticht der Jenaer Theologiestudent Carl Ludwig Sand den 58-jährigen Schriftsteller und russischen Generalkonsul August Friedrich Ferdinand von Kotzebue in dessen Wohnung in Mannheim vor den Augen des vierjährigen Sohnes. Oberhofrichter Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn, der 1817 das Laufrad erfand, verurteilt den Attentäter am 5. Mai 1820 zum Tod, und zwei Wochen später wird Carl Ludwig Sand enthauptet.

Ein aktueller Bezug ist gewiss beabsichtigt, wenn Karen Duve Heinrich Heine in „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ schimpfen lässt:

„[…] sie greinen von ihrer Liebe zu Deutschland, aber eigentlich geht es ihnen bloß darum, alles Fremde hassen zu dürfen. Und wenn sie dir mit christlich-abendländischer Kultur kommen, dann pochen sie damit bloß auf ihr Recht, jeden Quatsch glauben zu dürfen. Ihre Dummheiten sind des blödsinnigsten Mittelalters würdig. Das Schlimmste ist, dass sie ihre eigene Kultur überhaupt nicht kennen.“

Ein Literaturverzeichnis auf den Seiten 569 bis 581 zeugt davon, dass sich Karen Duve detailliert und ausführlich über die damalige Zeit informierte. Aber sie brüstet sich nicht damit.

Eine Landkarte und Annette von Droste-Hülshoffs Stammbaum helfen den Leserinnen und Lesern bei der Orientierung.

Der Titel „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ ist ein wenig irreführend, denn es geht nicht nur um den Sommer 1820, in dem Annette von Droste-Hülshoff und Heinrich Straube böse mitgespielt wird, sondern der chronologisch aufgebaute Roman beginnt 1817 und endete 1821.

Karen Duve beobachtet ihre Figuren genau, aber mit viel Gespür für Komik und nicht ohne Ironie. Auch wenn sie die eine oder andere Seite hätte weglassen können, handelt es sich um eine  großenteils unterhaltsame Lektüre. Bemerkenswert ist nicht zuletzt, wie Karen Duve in „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ einen unbeholfenen Kuss zunächst aus der Sicht des Mannes (Seite 17) und später aus der Sicht der Frau schildert (Seite 337).

Den Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve gibt es auch als Hörbuch, gelesen von der Autorin (ISBN 978-3-86484-507-9).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © Verlag Kiepenheuer & Witsch

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