Wolfsburg

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Wolfsburg

Originaltitel: Wolfsburg - Regie: Christian Petzold - Drehbuch: Christian Petzold - Kamera: Hans Fromm - Schnitt: Bettina Böhler - Musik: Stephan Will - Darsteller: Benno Fürmann, Nina Hoss, Antje Westermann, Astrid Meyerfeldt, Matthias Matschke, Soraya Gomaa, Stephan Kampwirth, Martin Müseler, Anna Priese u.a. - 2002; 95 Minuten

Inhaltsangabe

Der Verkaufsleiter eines Autohauses achtet einen Moment nicht auf die Straße und fährt dabei ein Kind an. Obwohl er es im Rückspiegel hilflos neben seinem Fahrrad liegen sieht, fährt er weiter. Als der kleine Junge stirbt, beginnt die Mutter nach dem Schuldigen zu suchen. Nach ihrem zweiten Suizidversuch rettet ausgerechnet er sie aus dem Wasser ...

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Kritik

Gerade weil Christian Petzold in dem Schuld-und-Sühne-Drama "Wolfsburg" auf Gefühlsüberschwang verzichtet und wenig Worte macht, sondern sich ganz auf das Mienenspiel der beiden hervorragenden Hauptdarsteller konzentriert, geht es dem Zuschauer nah.
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Phillip Gerber (Benno Fürmann) ist Verkaufsleiter eines Autohauses in Wolfsburg, das seinem zukünftigen Schwager Klaus (Stephan Kampwirth) gehört. Während der Fahrt zu einem Kunden telefoniert er mit seiner Verlobten Katja (Antje Westermann), die ihm vorwirft, am Vorabend ins Bett gegangen zu sein, ohne gemerkt zu haben, dass sie noch im Wohnzimmer saß und auf ihn wartete. „Du nimmst mich nicht wahr!“ Es kommt zum Streit, und schließlich legt sie einfach auf. Phillip wendet und fährt zurück nach Wolfsburg. Als er den Kunden auf dem in einer Halterung am Amaturenbrett steckenden Handy anwählt, um den Termin abzusagen, fällt es zu Boden. Er hebt es auf. Einen Moment lang sieht er nicht auf die Fahrbahn. Da rumpelt es kurz. Im Rückspiegel sieht er einen Jungen (Martin Müseler), der hilflos neben seinem Fahrrad liegt. Phillip hält, will aussteigen, lässt es dann aber. Zögert. Der Junge sieht den roten Audi NSU Ro 80, kann sich aber nicht bewegen. Dann setzt sich das Fahrzeug wieder in Bewegung.

Die allein erziehende Mutter des Kindes, Laura Reiser (Nina Hoss), arbeitet in einem Supermarkt. Während ihre Freundin und Kollegin Vera (Astrid Meyerfeldt) aufpasst, dass niemand hersieht, versteckt sie abgepackten Hummer aus der Tiefkühltruhe unter den leeren Kartonagen, die sie auf den Hof wirft. Als sie die beiden gestohlenen Packungen nach Dienstschluss an sich nehmen will, tauchen plötzlich zwei Polizisten auf. Hat man sie ertappt? Nein, viel schlimmer: Die Beamten überbringen ihr die Nachricht, dass ihr Sohn von einem Auto angefahren wurde und im Krankenhaus liegt.

In seiner Wohnung greift Phillip zum Telefon und wählt. Gerade als die Polizei sich meldet, spricht Katja ihn an. Wieder einmal hat er ihre Gegenwart gar nicht wahrgenommen. Er legt auf. Katja hat ihre Sachen bereits gepackt und will ihn verlassen, aber sie bringt es nicht fertig und kehrt an der Wohnungstüre um.

Am nächsten Tag fährt Phillip zum Krankenhaus. Bei einem Getränkeautomaten auf dem Korridor begegnet er Laura, und sie bittet ihn um eine Zigarette. In diesem Augenblick ruft eine Krankenschwester (Simone von Zglinicki): „Frau Reiser, kommen Sie. Paul ist aus dem Koma erwacht!“ Phillip hört dann noch, wie ein Polizist am Telefon berichtet, der Junge – der nach Meinung der Krankenschwester durchkommen werde – habe etwas von einem roten Auto und einem Ford gemurmelt.

Katja wundert sich nicht nur darüber, dass Phillip seinen Ro 80 selbst repariert, sondern auch, wieso er einen Kotflügel auswechselt, obwohl er gesagt hatte, die Drehkolben-Dichtleiste des Wankelmotors sei defekt. Heimlich fährt er den ausgebauten Kotflügel abends zu einem bereits geschlossenen Schrottplatz und klettert über den Zaun, um das Blechteil dort zu deponieren. Schließlich schlägt er Katja eine Ferienreise und die anschließende Heirat vor. „Ist ‚was passiert?“, fragt sie verwundert. Aber die beiden fliegen tatsächlich zusammen mit Klaus und dessen Freundin Françoise (Soraya Gomaa) für zwei Wochen nach Kuba.

Tag und Nacht wacht Laura am Krankenbett ihres Sohnes. Einmal sagt sie der Krankenschwester, sie hole rasch ein paar Sachen für ihn, ruft ein Taxi, packt zu Hause eine Reisetasche mit Kleidungsstücken Pauls und kehrt ins Krankenhaus zurück. In dem Zimmer, in dem ihr Sohn lag, steht kein Bett mehr. „Ich habe versucht, Sie anzurufen“, sagt die Krankenschwester, „aber da ging nur die Mailbox an.“ Laura schaut geistesabwesend auf das Display ihres Handys und murmelt: „Der Akku ist leer.“ – Der kleine Paul ist tot.

Nachdem Laura viermal mit einem Messer auf sich eingestochen hatte, aber gerettet worden war, wohnt sie einige Zeit bei Vera und deren kleiner Tochter Antonia (Anna Priese). „Ich werde das Schwein finden!“, versichert Laura. Vera hilft ihr, auf den Schrottplätzen rund um Wolfsburg nach einem beschädigten roten Kotflügel von einem Ford zu suchen. Tatsächlich stoßen sie auf das von Phillip weggeworfene Teil, aber als der Schrotthändler (Sven Pippig) ihnen erklärt, es sei nicht von einem Ford, sondern vermutlich von einem NSU, lassen sie es liegen und versuchen es weiter. Auch bei Gebrauchtwagenhändlern sehen sie sich nach vorn beschädigten roten Fords um. Dabei lernt Laura, woran man erkennt, dass ein Kotflügel ausgewechselt wurde: In der Regel fehlt dann der Unterbodenschutz.

Auf dem Heimweg vom Flughafen kommen Phillip, Katja, Klaus und Françoise an der Unfallstelle vorbei. Am Straßenrand steht ein Holzkreuz! Während Katja zu Hause ein Bad einlässt, fährt Phillip wortlos wieder los. Fassungslos steht er vor dem Mahnkreuz. Als er zurückkehrt, liegt Katja in der Wanne. „Es ist etwas passiert, schon bevor wir nach Kuba flogen“, setzt er an. Katja, die sofort annimmt, er habe eine andere Frau kennen gelernt und wolle sich von ihr trennen, fällt ihm ins Wort, will nichts weiter hören, kein Geständnis, nicht sein Müllplatz sein.

Der in Laura verliebte Filialleiter (Matthias Matschke) hat ihr trotz der mehrwöchigen Abwesenheit die Stelle als Regalpflegerin freigehalten, und sie nimmt ihre Arbeit in dem Supermarkt wieder auf.

Phillip, der seinen roten Ro 80 seit dem Unfall in der Garage stehen lässt und stattdessen einen silberfarbigen Vorführwagen benützt, überholt Laura auf ihrem Fahrrad. Er kehrt um. Da sieht er nur noch ihr Fahrrad auf einer Brücke. Sofort springt er ins Wasser und holt sie heraus. Obwohl sie tropfnass ist, hustet und nach Atem ringt, will sie sich nicht von ihm nach Hause fahren lassen, sondern steigt wieder auf ihr Fahrrad. Nach ein paar Metern bricht sie jedoch zusammen. Phillip setzt die Bewusstlose auf den Beifahrersitz, sucht in ihrer Brieftasche nach ihrer Adresse und fährt sie dorthin. Vorsichtig bettet er sie auf eine Couch. Auf einer Wandkarte von Wolfsburg, die in dem Zimmer hängt, sieht er, dass alle Schrottplätze markiert sind.

Als Katja misstrauisch fragt, wieso Phillip erst so spät nach Hause kommt, lügt er, er habe eine Reifenpanne gehabt.

Am nächsten Morgen bringt er Laura das Fahrrad vorbei – und verabredet sich mit ihr für den Abend. Im Restaurant erzählt sie ihm, sie sei gelernte Setzerin, habe aber seit acht Jahren nicht mehr in ihrem Beruf gearbeitet und sehe aufgrund der Entwicklung des elektronischen Satzes auch keine Chance, es jemals wieder zu tun. Da bietet er an, ihr zu helfen. Sie fahren die ganze Nacht herum. Am Morgen erwacht sie auf dem Beifahrersitz des auf einem Rastplatz bei Braunschweig geparkten Autos. Phillip kommt mit zwei Bechern Kaffee und einer Tüte Sandwiches. Aber sie hat keine Zeit für ein Frühstück, sonst kommt sie nicht mehr rechtzeitig zur Arbeit. Er bringt sie nach Hause, wo sie rasch Alltagskleider zusammenrafft und sich dann auf der Fahrt zum Supermarkt im Fond des Wagens umzieht. Der Filialleiter, der sie mit Phillip gesehen hat, entlässt sie wegen der zwanzigminütigen Verspätung und zieht ihr auch das in den letzten Wochen irrtümlich ausbezahlte Kindergeld vom Lohn ab.

Inzwischen überredet Phillip einen Bekannten (Peter Kurth), der eine Druckerei betreibt, Laura als Setzerin einzustellen und bezahlt ihm 30 000 Euro fürs erste Jahr. Natürlich darf Laura nichts von dieser Abmachung erfahren.

Ein Schuh, den Laura beim Umziehen in Phillips Auto vergessen hat, wird ausgerechnet von Katja gefunden. Sie trennt sich daraufhin von ihrem Verlobten, und ihr Bruder kündigt ihm. Selbstverständlich muss er auch den Vorführwagen stehen lassen. Phillip ist also wieder auf seinen eigenen roten NSU Ro 80 angewiesen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Er bringt Laura, die inzwischen als Setzerin bei seinem Bekannten Oliver angefangen hat, den Schuh und berichtet ihr von der Trennung und dem Verlust seiner Stelle. Er hat vor, nach Forchheim zu ziehen, wo seine Eltern wohnen und will sich dort eine neue Stelle als Autoverkäufer suchen. Weil Feiertag ist, fahren sie an die See und setzen sich an einen einsamen Strand. Zögernd lässt Laura sich auf Zärtlichkeiten ein. Sie verbringen die Nacht im Freien. Am nächsten Morgen hat Laura Durst. Phillip schläft noch. Vorsichtig steht sie auf, zieht sich an und geht zum Wagen, um eine Flasche Wasser aus dem Kofferraum zu holen. Da fällt ihr Blick auf das Kennzeichen: FO-RD 817. Ford! Und sprach nicht der Schrotthändler von einem NSU? Einem roten NSU wie diesem? Sie greift unter den linken Kotflügel und stellt fest, dass die Unterseite glatt ist. Er wurde also ausgewechselt!

Ohne etwas von ihrer Entdeckung zu verraten, bricht Laura mit Phillip auf. Erst kurz vor Salzwedel sagt sie unvermittelt: „Du warst es!“ Phillip blickt sie wortlos an. Sie rammt ihm ein Messer in den Bauch. Er verliert die Kontrolle über den Wagen. Sie überschlagen sich und landen im Straßengraben. Phillip ist unter dem Wrack eingeklemmt, schwer verletzt und kann sich nicht bewegen, aber er sieht, wie Laura aufsteht, nach seinem Handy sucht, die Polizei alarmiert, ihm das Handy wieder hinlegt und fortgeht.

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Christian Petzold lässt seinen Film nicht zufällig in Wolfsburg spielen. Er sagt, er kenne keine andere Stadt, „in der die Geschichte der Bundesrepublik so verdichtet an der Peripherie zu finden ist“. Nachdem bis Ende 1938 dreitausend Kilometer Autobahn im Deutschen Reich gebaut worden waren, wollte Adolf Hitler den Verkehr darauf beleben und forderte deshalb den Reichsverband der Automobilindustrie auf, einen „Volkswagen“ zu konstruieren. Wenigstens jeder Facharbeiter müsse sich ein Auto leisten können. Die ersten von Ferdinand Porsche entwickelten Prototypen wurden 1936 getestet. Am 26. Mai 1938 legte Hitler auf einem zu dem Renaissanceschloss Wolfsburg nordöstlich von Braunschweig gehörenden Gelände den Grundstein für das Volkswagenwerk, und am 1. Juli 1938 schlossen sich mehrere Nachbargemeinden zur Stadt Wolfsburg zusammen. Wegen des Krieges wurden dort jedoch statt des Volkswagens erst einmal Militärfahrzeuge gebaut. Die große Zeit des legendären VW-Käfers fiel schließlich mit der des Wirtschaftswunders in der Bundesrepublik Deutschland zusammen. Auch heute noch assoziiert man Wolfsburg mit der Automobilindustrie, einer der bedeutendsten Wirtschaftsbranchen in Deutschland.

„Wolfsburg“ ist ein Filmdrama über Schuld und Sühne. Gerade weil Christian Petzold auf Gefühlsüberschwang verzichtet und wenig Worte zu Hans Fromms klaren Bildern macht, sondern sich ganz auf das Mienenspiel der beiden hervorragenden Hauptdarsteller Benno Fürmann und Nina Hoss konzentriert, geht sein Film dem Zuschauer nah. Ein paar Continuity-Fehler und unplausible Szenen stören dabei allerdings ein wenig.

Der von Audi NSU gebaute Ro 80 war übrigens mit einem Wankelmotor ausgestattet, einem von dem Ingenieur Felix Wankel (1902 – 1988) 1954 erfundenen ventillosen Drehkolbenmotor.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004

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