Faust

Faust

Faust

Faust – Originaltitel: Faust – Regie: Aleksandr Sokurov – Drehbuch: Yuri Arabov, Aleksandr Sokurov, Marina Koreneva, nach dem Bühnenstück "Faust" von Johann Wolfgang von Goethe – Kamera: Bruno Delbonnel – Schnitt: Jörg Hauschild – Musik: Andrey Sigle – Darsteller: Johannes Zeiler, Anton Adasinsky, Isolda Dychauk, Georg Friedrich, Hanna Schygulla, Antje Lewald, Florian Brückner u.a. – 2011; 140 Minuten

Inhaltsangabe

Das unzulängliche Wissen über die Welt frustriert den Gelehrten Heinrich Faust. Seine Forschungen bringen ihm weder Ruhm noch Geld ein, und er trägt sich deshalb mit Selbstmordgedanken. Da begegnet er einem Wucherer, der ihn an einen Ort bringt, an dem Wäsche gewaschen und gebadet wird. Dort fällt Faust ein hübsches Mädchen namens Margarete auf. Kurz darauf tötet er versehentlich ihren Bruder. Aber er ist besessen von dem Wunsch, wenigstens eine Nacht mit ihr zu verbringen ...
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Kritik

Aleksandr Sokurov folgt der literarischen Vorlage nur in einigen Grundzügen. Er zeigt das groteske Geschehen wie in einem zeitlosen Traum. Sein Film wirkt so alt und düster, als wäre es ein Stummfilm. Bilder, Dialoge, Geräusche und Musik fügen sich zu einer Einheit.
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Der Gelehrte Heinrich Faust (Johannes Zeiler) schneidet mit seinem Famulus Wagner (Georg Friedrich) die Leiche eines Mannes auf, um mehr über das Wesen des Menschen zu erfahren, aber er findet nur Eingeweide. Das unzulängliche Wissen über die Welt frustriert ihn. Außerdem bringen ihm seine Forschungen nichts ein, weder Ruhm noch Geld, und er kann nicht einmal die Totengräber bezahlen, denen er den Leichnam verdankt. Deshalb trägt er sich mit Selbstmord-Gedanken und besorgt sich ein Fläschchen Schierlingssaft.

Sein Vater (Sigurður Skulason / deutscher Sprecher: Jürgen Kluckert) hat zwar auch kein Geld, übt aber im Gegensatz zu ihm den Beruf des Arztes mit Genugtuung aus und ist mit seinem Los zufrieden.

Als Faust einen Ring versetzen will, kommt er mit dem Pfandleiher Maurizius (Anton Adasinsky / deutscher Sprecher: Santiago Ziesmer) in Kontakt. Der steht eines Tages unvermittelt bei ihm in der Studierstube, sieht sich um und trinkt vor Fausts Augen das Fläschchen Schierlingssaft aus. Zur Verwunderung des verhinderten Selbstmörders stirbt der Besucher jedoch nicht daran, sondern fordert Faust zu einem Spaziergang auf. Auf der Straße wird der Wucherer von einer unergründlichen Frau (Hanna Schygulla) umschlichen, die vorgibt, mit ihm verheiratet zu sein. Der Schierling zeigt nun insofern Wirkung, als Maurizius Durchfall bekommt und rasch in der Kirche verschwindet, um sich zu entleeren.

Danach führt er Faust in eine Halle, in der Frauen und Mädchen Wäsche waschen und baden. Auch der Wucherer steigt ins Wasser, und alle sehen, dass er kein Gemächt hat, aber einen kleinen Penis ohne Hoden am Steiß. Faust fällt ein hübsches Mädchen auf, das mit seiner Mutter, Frau Emmerich (Antje Lewald), und der Magd (Katrin Filzen) beim Wäschewaschen ist. Sie heißt Margarete bzw. Gretchen (Isolda Dychauk).

Auf der Straße wird Maurizius von Fausts Vater angegriffen. Der Arzt beschuldigt ihn, die Lepra eingeschleppt zu haben und verprügelt ihn, um ihn zu verjagen. Heinrich Faust folgt Maurizius, der ihn nun in ein Wirtshaus lotst, in dem eine Burschenschaft versammelt ist. Der Wirt (Lars Rudolph) verlangt schließlich von Faust, dass er die Zeche bezahlt, aber der Gelehrte besitzt kein Geld. Der Wucherer schimpft über die schlechte Qualität des ausgeschenkten Weins („Eselspisse“), nimmt eine große Fleischgabel und rammt sie in die Wand. Köstlicher Rotwein sprudelt aus der Mauer, und der Wirt beeilt sich, ihn aufzufangen. In dem Getümmel drückt der Wucherer Faust die Fleischgabel in die Hand und schubst ihn, sodass sich die Zinken in den Körper des Studenten Valentin (Florian Brückner) bohren. Bevor jemand merkt, dass Valentin schwer verletzt ist, zerrt Maurizius seinen Begleiter aus dem Wirtshaus.

Gretchen ist Valentins Schwester. Maurizius und Faust beobachten aus einem Versteck, wie die Leiche des Studenten ins Haus seiner Mutter, Frau Emmerich, gebracht wird.

Von Schuld- und Liebesgefühlen gleichermaßen aufgewühlt, besteht Faust darauf, dass der Wucherer Frau Emmerich während der Totenwache eine Handvoll Goldmünzen übergibt, aber den Namen des Auftraggebers nicht verrät.

Bei der Beerdigung stellt Faust sich neben Gretchen und hält ihre Hand.

Frau Emmerich möchte den Begleiter des Wucherers kennenlernen, denn sie vermutet, dass es sich bei ihm um den Spender handelt. Sie und Maurizius, Faust und Gretchen gehen im Wald spazieren. Als Gretchen an einem Abhang die Röcke rafft, wird sie von ihrer Mutter als Hure beschimpft. Nachdem die beiden Frauen sich entfernt haben, hält Maurizius eine Kutsche an, die auf dem Weg nach Paris ist und steigt mit Faust ein, um ein kurzes Stück mitzufahren.

Faust will Gretchen unbedingt wiedersehen. Als Maurizius ihm verrät, dass sie jeden Tag zur Kirche geht, beabsichtigt Faust, sie dort abzupassen. Der Wucherer stellt Pater Philippe (Joel Kirby) eine Spende in Aussicht, um ihn wegführen zu können, während Faust im Kirchenschiff wartet.

Gretchen wird auf dem Weg zur Kirche von Wagner aufgehalten, der ihr klarzumachen versucht, dass er ein viel größerer Gelehrter als Faust sei. Zum Beweis zeigt er ihr den von ihm geschaffenen Homunkulus. Aber das Glasgefäß, in dem sich das künstlich kreierte Wesen befindet, entgleitet ihm dabei und zerschellt. Der Homunkulus verendet auf dem Boden.

Als Gretchen die Kirche betritt, setzt Faust sich in den Beichtstuhl und hört sich an, was sie zu beichten hat: Sie sagt, dass sie ihre Mutter nicht lieben könne. Als Faust sich zu erkennen gibt, schenkt Gretchen ihm ein Medaillon mit Valentins Porträt.

Kurz darauf erfährt sie, dass Faust ihren Bruder erstochen haben soll. Sie stellt ihn zur Rede, und er gesteht die Tat.

Gretchen läuft verstört davon. Aber Faust will unbedingt eine Nacht mit ihr verbringen und ist bereit, dem Wucherer alles dafür zu geben. Nachdem er mit seinem Blut einen Vertrag unterschrieben hat, in dem er Maurizius seine Seele vermacht, führt dieser ihn zu einem See, an dessen Ufer Gretchen steht. Offenbar hat sie vor, sich zu ertränken. Faust umarmt sie von hinten und lässt sich mit ihr zusammen ins Wasser fallen.

Weil Gretchen mit ihrer Mutter zusammen in einem Zimmer schläft, tötet der Wucherer Frau Emmerich mit einem vergifteten Kräutertee, um dem Paar eine ungestörte Liebesnacht zu ermöglichen. Gretchen schläft ein. Faust betrachtet ihren nackten Körper und verlässt dann das Haus, ohne darauf zu achten, dass inzwischen mehrere Männer durchs Fenster eingedrungen sind und sich um Gretchens Bett scharen.

Maurizius wartet draußen auf Faust und bringt ihn dazu, einen Harnisch anzulegen, wie er selbst bereits einen trägt. Dann führt er ihn zu zwei gesattelten Rappen und reitet mit ihm ins Gebirge. Als der Weg zu schmal wird, gehen sie zu Fuß weiter. An einem Flußufer stoßen sie auf Wagner und zwei andere sterbende Männer. Wagner klammert sich an Faust, bis Maurizius seinen Begleiter befreit.

In einer Steinwüste erinnert der Wucherer den Gelehrten an den Vertrag. Aber der zerreißt das Papier. Im Gegensatz zu dem Pfandleiher glaubt Faust nicht an die Seele, und deshalb geht er davon aus, dass er ihm nichts schuldet. Er steinigt ihn. Das ist für Maurizius die Erlösung: „Nochmal, nochmal, nochmal!“, ruft er, nachdem er von den ersten Felsbrocken getroffen wurde.

Faust schreitet allein weiter auf einen Gletscher zu, und als Gretchens Stimme aus dem Nichts fragt, wohin er gehe, antwortet er: „Dahin! Weiter! Immer weiter.“

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Aleksandr Sokurov (* 1951) zeigt Heinrich Faust als ausgebrannten und dennoch rastlosen Forscher, den die Beschränktheit der menschlichen Erkenntnisfähigkeit frustriert, der in seiner Hybris keine Grenzen anerkennt und bereit ist, für das Erreichen seiner Ziele die Seele zu verkaufen. Das ist durchaus aktuell.

Anders als in „Faust. Der Tragödie erster Teil“ von Johann Wolfgang von Goethe handelt es sich bei Fausts Begleiter im Film nicht um einen raffinierten Verführer, sondern um einen missgebildeten, hinkenden Wucherer, der wohl nicht zufällig dem antisemitischen Klischee eines Juden ähnelt.

Aleksandr Sokurov lässt die Schauspieler nur hin und wieder ein paar Zeilen aus der klassischen Tragödie sprechen. Ansonsten ist der Text neu (oder auch, wie „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen“ ein angebliches Luther-Zitat), denn es handelt sich nicht um ein verfilmtes Bühnenstück, sondern um Kino. Von Gretchens Geschichte wird nur der Anfang erzählt; Hexenküche, Pudel und Osterspaziergang fehlen ganz. Der Homunculus stammt aus „Faust. Der Tragödie zweiter Teil“. Mephisto wird, wie bereits erwähnt, zum Wucherer Maurizius; Marthe ist gar nicht unter den Filmfiguren, andererseits führt Aleksandr Sokurov eine Frau ein, die vorgibt, Maurizius‘ Ehefrau zu sein.

Aleksandr Sokurov hat sich bewusst dagegen entschieden, die Handlung in die Gegenwart zu verlegen. Er zeigt das groteske Geschehen wie in einem zeitlosen Traum. Realistisch wirkt das in keiner Weise, und das soll es auch nicht.

Zu Beginn rast die Kamera vom Himmel her auf das Dorf zu, in dem Heinrich Faust seine Studierstube hat. Mit Ausnahme dieser modernen Einstellung wirkt der Film alt und düster wie ein Stummfilm. Die Farben sind so reduziert, dass man immer wieder glaubt, einen Schwarz-Weiß-Film zu sehen. Gleißend hell wird es nur, wenn Faust und Gretchen füreinander entflammen. Die Bildkompositionen sind von alten flämischen Meistern inspiriert, allerdings mit teilweise gekipptem Horizont, und mehre Sequenzen sind bewusst verzerrt. Das Format entspricht dem der Stummfilme; auch die Bildecken sind abgerundet. Dementsprechend agieren auch die Schauspieler beinahe so, als wären sie in einem Stummfilm. Und der von Anton Adasinsky dargestellte Wucherer bewegt sich wie Nosferatu bei Friedrich Wilhelm Murnau. Wie immer erzählt Aleksandr Sokurov betont langsam. Bilder, Dialoge, Geräusche und Musik fügen sich zu einer Einheit.

Sokurows Faust ist, so seltsam es klingt, vor allem ein Film für Hörer. Man hört das Schnaufen von Menschen, die an Faust vorbeihasten, man hört Hundegebell, das Klirren von Zaumzeug, das Scharren von Vogelklauen, man hört den rauschenden Weltlärm, den ein überscharfes Gehör empfängt – und man hört auch, was die Menschen des Dorfes flüstern, vielleicht sogar, was sie denken. (Peter Kümmel, „Die Zeit“, 18. Januar 2012)

Erwähnenwert sind auch die grandiosen Aufnahmen von Geysiren.

Die Tragödie „Faust“ wurde mehrmals verfilmt, so zum Beispiel von Friedrich Wilhelm Murnau und Gustav Gründgens.

Originaltitel: Faust. Eine deutsche Volkssage – Regie: Friedrich Wilhelm Murnau – Kamera: Carl Hoffmann – Schnitt: Elfi Böttrich (restaurierte Fassung) – Darsteller: Gösta Ekman, Emil Jannings, Camilla Horn, Frida Richard, William Dieterle, Yvette Guilbert, Eric Barclay, Hanna Ralph, Werner Fuetterer u.a. – 1926; 85 / 115 Minuten

Originaltitel: Faust – Regie: Peter Gorski, Gustaf Gründgens – Kamera: Günther Anders – Schnitt: Walter Boos – Musik: Mark Lothar – Darsteller: Will Quadflieg, Gustaf Gründgens, Ella Büchi, Elisabeth Flickenschildt, Hermann Schomberg, Eduard Marks, Max Eckard, Uwe Friedrichsen, Heinz Reincke, Hans Irle, Friedrich G. Beckhaus, Karl Heinz Wüpper, Heidi Leupolt, Gustl Busch, Konrad Krauß u.a. – 1960; 125 Minuten

Obwohl „Faust“ als Inbegriff des Deutschen gilt, war keine deutsche Förderanstalt bereit, den russischen Regisseur Aleksandr Sokurov bei seinem Vorhaben zu unterstützen, der mit diesem Film über einen Wissenschaftler, der kein „Nein“ akzeptiert, seine Tetralogie über maßlos nach Macht strebende Menschen wie Hitler („Moloch“, 1999), Lenin („Taurus“, 2001) und den Tenno Hirohito („Die Sonne“, 2005) abschloss. Aleksandr Sokurov spricht zwar weder Deutsch noch Japanisch, drehte jedoch „Die Sonne“ und „Faust“ in den jeweiligen Landessprachen und ließ die Dialoge nachsynchronisieren.

Bei den Filmfestspielen von Venedig im Juni 2012 wurde Aleksandr Sokurov für „Faust“ mit einem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnet.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012

Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil

Alexander Sokurov: Russian Ark

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Ein 320 Jahre überspannendes Familienepos bedeutet auch, dass sich die Stamm­bäume immer weiter ver­zweigen und es schwierig ist, den Überblick zu bewahren. Mehr noch als Annie Proulx' Fabulier­laune be­ein­druckt ihr enormes Wissen, das es ihr ermöglicht, konkret und en detail – also lebendig – zu erzählen.
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