Julia Zange : Die Anstalt der besseren Mädchen

Die Anstalt der besseren Mädchen

Julia Zange

Die Anstalt der besseren Mädchen

Originalausgabe: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2008 ISBN: 978-3-518-42025-6, 158 Seiten Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt/M 2009 ISBN: 978-3-518-46146-4, 158 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Loretta, eine Kindfrau Mitte 20, die ihr Studium abgebrochen hat, lebt mit dem Assistenzarzt Malte zusammen. Wenn er sie nicht daran hindert, bleibt sie bis Mittag im Bett. Jeden Tag schreibt er ihr auf, was sie erledigen könnte. Vergisst er es, lässt Loretta sich ziellos treiben. Als sie schwanger wird, drängt Malte auf eine Abtreibung, aber Loretta bringt das Kind zur Welt. Sie ist dann allerdings nicht in der Lage, Marla zu stillen und zu unreif, um ihrer Mutterrolle gerecht zu werden ...
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Kritik

Julia Zange wechselt in "Die Anstalt der besseren Mädchen" zwischen nüchternem Realismus, Ironie und skurrilem Surrealismus. Was den Leser fesselt, ist denn auch weniger der Inhalt, als die Atmosphäre.
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Malte ist als Assistenzarzt an einem der Städtischen Krankenhäuser in Berlin beschäftigt. Seit längerem lebt er mit Loretta („Lo“, „Lore“) zusammen, einer Frau Mitte zwanzig, zu der ein Obsthändler sagt:

„Wissen Sie, dass Sie ein Puppengesicht haben?“ (Seite 27)

Das Studium der Kunstgeschichte, das Loretta angefangen hatte, brach sie ab. Wenn Malte nicht zu Hause ist und sie auch nicht per Telefon weckt, bleibt sie bis Mittag im Bett. Bevor er in die Klinik fährt, schreibt er ihr auf, was sie an diesem Tag erledigen könnte. Vergisst er es, lässt Loretta sich ziellos treiben. Dann kommt es vor, dass sie in einem Supermarkt die „Inhaltsdeklarationen auf Lebensmitteln und Kosmetikprodukten studiert[e], Sachen in den Einkaufswagen packt[e] und wieder zurückstellt[e] (Seite 47), um die Zeit totzuschlagen.

Diese unreife Schöne wird von Malte geliebt:

„Du bist mein Glück, Loretta. Klein, blond und problematisch. Und so vergesslich. Wir werden heiraten ohne unsere Eltern, damit von unserer Liebe nichts verlorengeht. In einer kleinen Kapelle am Meer oder in den Alpen, wie du magst. Du sollst genauso aussehen wie jetzt.“ (Lore ist ungekämmt, mit verschmierten Augen und einem zu großen weißen Arzt-T-Shirt.) (Seite 45)

Loretta, die sich jahrelang vorgestellt hatte, „Jungen auf Eisbärfellen vor dem Kamin zu ficken“ (Seite 45), war von Malte gleich an den richtigen Stellen angefasst worden, denn er hatte sich schon vor dem Medizinstudium in Anatomiebüchern über die „Topografie der weiblichen Sexualorgane“ (Seite 45) informiert. Sie kopulieren in ihrer Wohnung in Kreuzberg, im Haus seiner Eltern, auf der Rücksitzbank im Auto, und im Kino bringt Loretta ihren Freund mit der Hand zum Orgasmus.

Malte stöhnt bei jeder Berührung hoch und artikuliert, seine Bewegungen drücken überlegte Erotik aus. Er widmet sich ihrer Muschi hingebungsvoll, als würde er Risotto rühren.
Lore verweigerte irgendwann die artifiziellen Turnübungen und lag nur bewegungslos im Bett, während Malte sie mit schönster Mühe bespielte, sie kam jedes Mal artig und ließ ihn dann in ihr kommen oder bearbeitete seinen kleinen wohlproportionierten, sauberen Schwanz mechanisch, immer mit Maltes schrillen Schreien im Hintergrund. Manchmal ließ sie wie zufällig eine Pornozeitschrift neben dem Bett liegen. Wenn sie mit einem Seitenblick auf die geöffneten Schenkel des Cowgirls blickte, konnte sie schneller kommen.
„Leg das weg“, sagte Malte dann, wenn er sie entdeckte. (Seite 46)

Während Loretta vor dem Behandlungsraum im Krankenhaus auf Malte wartet, stiehlt sie Tabletten und Verbandsmaterial, oder sie schneidet sich mit einer Klinge ein Herz in den Unterarm. Einmal sperrt sie sich im Schwesternzimmer ein.

Sie dreht Runden um den Tisch und bleibt vor der Mikrowelle stehen. Ein störender grober Elektroklotz, eines der ersten Modelle. Durch die gerasterte Scheibe sieht sie zwei Eier auf dem Drehteller liegen. Braune ganze Hühnereier. Lore dreht den Schalter herum, auf 5 Minuten, 700 Kilowatt. Der Kasten springt unter Anstrengung an, schnarrt und taucht das Zimmer in ein rotgoldenes Licht. Lore starrt ins Innere. Erst passiert nichts, die Eier taumeln nur durch die Drehung. Doch plötzlich reißen sie auf, eine wollige, poröse Masse quillt heraus, und sie wachsen zusammen zu einem Ganzen, indem sie ihre offenen Flächen ineinanderschieben. Das geschmolzene Ei wächst, Lore reißt die Tür auf und klappt es auseinander an einer Sollbruchstelle. Es wächst nun zweigeteilt über die Mikrowelle, über das Krankenhaus hinaus, breitet sich auf einer grasgrünen Wiese aus Richtung Himmel. Lore zieht sich an der Schalenwand nach oben, es sind mehrere Meter. Oben angekommen, entfaltet sich vor ihr unaufhaltsam eine weite Landschaft aus überdimensionalen Elementen eines weiblichen Körpers. (Seite 36f)

Als Loretta wieder zu sich kommt, sitzt eine Krankenschwester neben ihr und klärt sie darüber auf, dass Malte ihr eine Beruhigungsspritze gegeben habe. In den Zimmern der psychosomatischen Station gibt es Internetanschluss. Am zweiten Tag ihres Aufenthalts gründet Loretta eine Community, die nach 28 Stunden bereits achtzig Mitglieder hat und den Namen „Fundstelle für waidwunde Seelen“ erhält.

Nach ihrer Entlassung fährt Loretta fort, sich hin und wieder mit Künstlern zu treffen und Partys zu besuchen.

Der Mann, der aussieht wie ein Apache, bläst aus einem Röhrchen grün-transparente Kleberblasen. Man kann sie am Austritt des Röhrchens abdrehen und wie eine stabile Seifenblase behandeln. Der Lösungsmittelgeruch verfliegt sogleich. Und zurück bleibt ein leichter Penatengeruch. Es riecht nach Baby. Die Blase schwebt durch die Partymenschen, und alle streicheln sie und riechen wohlig an ihr. Der Geruch scheint bei allen das Gleiche auszulösen. Zoe, die ihr Inneres nach außen zu stülpen pflegt, denn sie ist eine von den Schauspielstudentinnen, denen man die Beschäftigung mit jedem einzelnen ihrer Moleküle auferlegt, schreit gen Himmel: „Es ist mein Uterus. Er fliegt.“
Man glaubt es ihr. (Seite 51)

Bei einer gynäkologischen Untersuchung stellt sich heraus, dass Loretta im zweiten Monat schwanger ist.

Sie freut sich auf Maltes entsetztes Gesicht und einen Tränenausbruch. (Seite 59)

Malte will in der kleinen Wohnung in Kreuzberg kein Kind aufziehen. Außerdem, gibt er zu bedenken, sei Loretta zu schwach; die Geburt werde sie umbringen. Die Abtreibung könne einer seiner Kollegen vornehmen, ganz ohne Formulare, er brauche Matthias nur anzurufen. Loretta will jedoch nichts von Abtreibung hören, sondern das Kind haben, wobei sie davon ausgeht, dass es ein Junge wird.

„Ich möchte keinesfalls ein Mädchen.“ (Seite 58)

Die kleine Marla wird in einem Dessousgeschäft geboren, in dem Loretta gerade Baumwollhöschen für Schwangere anprobierte. Malte nimmt ein paar Wochen Urlaub und erspart Loretta beispielsweise das Wickeln, das ihr zuwider ist. Weil die Milch nicht fließt und sie das Kind deshalb nicht stillen kann, konsultiert sie Dr. O.

Der Doktor riecht nach Kernseife und hebt ihre Brüste abwechselnd mit seinen kühlen großen Händen. (Seite 85)

Aber der Arzt, der nur Privatpatienten behandelt, kann ihr auch nicht helfen. Er rät ihr nur, die Milch regelmäßig abzupumpen.

Lo streichelt den Babybauch, den eigenen hat ihr Marla ruiniert. (Seite 73)

Wenn Malte Nachtschicht hat, gibt Loretta dem Kind zu essen, damit es schläft und streift dann des Öfteren allein durch Kreuzberg und Neukölln. Danach findet sie Marla mitunter schreiend vor. Zwischen Hass und Zuneigung schwanken Lorettas Gefühle dem Säugling gegenüber.

Am liebsten würde sie das Baby ertränken, damit Malte wütend auf sie wäre. (Seite 92)

Eines Nachts kann sie nicht widerstehen und isst das letzte Gläschen Babynahrung aus. Marla schreit vor Hunger. Es ist 0.30 Uhr. Loretta packt Marla in einen Kinderwagen, spült den Geschmack des Breis mit einem Bier hinunter, wirft die leere Flasche gegen eine Litfaßsäule und fährt mit der U-Bahn zur Apotheke am Hauptbahnhof. Unterwegs bringt sie einen Fahrgast dazu, sie zu küssen. Nachdem sie zu weit gefahren ist, steigt sie aus und nimmt eine U-Bahn in die Gegenrichtung, aber an der Haltestelle Hauptbahnhof hat sie vergessen, wozu sie unterwegs ist. Also kommen sie ohne Babynahrung heim.

Einige Zeit später nimmt Loretta ihre kleine Tochter und fährt mit dem Auto aufs Land. Dort begegnet sie einer „Calvin-Klein-Model-Schönheit, vielleicht sogar eine[r] Kate-Moss-Schönheit“ (Seite 96), die mit einigen anderen Mädchen zusammen in einer alten Porzellanwerkstatt und Weberei lebt. Angeblich handelt es sich um ein Projekt für „arbeitslose junge Frauen und andere weibliche Problemfälle“ (Seite 97), ein Vorzeigeprojekt der Agentur für Arbeit. Einmal in der Woche bringen die Mädchen die von ihnen angefertigten Sachen nach Berlin und verkaufen sie dort. Des Öfteren, so erzählt das Calvin-Klein-Mädchen, seien Übertragungswagen privater Fernsehsender da, um über die „Anstalt der besseren Mädchen“ zu berichten. Allerdings müssten sie sich verpflichten, den Ort geheimzuhalten.

Als Loretta zu erkennen gibt, dass sie gern ein paar Tage bleiben würde, führt das Calvin-Klein-Mädchen sie in ein Gästezimmer und fordert sie auf, sich nützlich zu machen, beispielsweise im Gewächshaus. Kathi, die selbst einen Säugling hat, stillt nun auch Marle.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Unerwartet taucht Malte mit einem neuen Auto auf. Loretta setzt Marle in den Kindersitz im Fond und steigt ein. Unterwegs reißt sie das Navigationsgerät ab und wirft es aus dem Fenster. Prompt verfahren sie sich. Nachdem sie angehalten haben, öffnet Loretta Maltes Hose und nimmt seinen Penis in den Mund, aber dann lässt sie ihn allein weitermachen. – Schließlich stoßen sie auf Zirkuswagen und folgen ihnen in der Hoffnung, wieder auf eine Durchgangsstraße zu kommen, aber die Zirkusleute wollen ihr Zelt ausgerechnet vor der „Anstalt der besseren Mädchen“ aufbauen, und so kehren Malte und Loretta mit Marla an den Ausgangspunkt zurück.

Malte will endlich nach Hause fahren, aber Loretta weigert sich, noch einmal ins Auto einzusteigen, und das Baby hat sie vorsichtshalber in einem leeren Hasenstall auf dem Anwesen versteckt.

Erst einige Zeit später – Marla hat inzwischen laufen gelernt – verabschiedet sich Loretta von den „besseren Mädchen“. Da der Wagen, mit dem sie kam, im Schlamm steckt und die Polster nass geworden sind, lässt sie ihn stehen, geht zu Fuß zur Autobahn und trampt nach Berlin, wo Malte sich über das Wiedersehen freut.

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„Die Anstalt der besseren Mädchen“, der Debütroman der Studentin Julia Zange, handelt von Loretta, einer Frau Mitte zwanzig, die mit ihrem Partner in Berlin-Kreuzberg wohnt, sich eigentlich nur für Mode interessiert und ansonsten die Zeit totschlägt. Als sie schwanger ist, lehnt sie zwar eine Abtreibung ab, aber ihrer Verantwortung als Mutter wird sie nicht gerecht; dazu ist sie noch zu wenig erwachsen. Dementsprechend sind ihre Gefühle gegenüber dem Kind ambivalent.

Julia Zange wechselt in „Die Anstalt der besseren Mädchen“ zwischen nüchternem Realismus, Ironie und skurrilem Surrealismus. Beim Lesen stolpert man immer wieder über Absätze, die sich nicht ohne weiteres einordnen lassen:

Die Kindermütter bringen meistens Mädchen zur Welt, Knaben sind unwahrscheinlich. Doktor O. sagt, es hänge mit dem stärkeren Maiglöckchengeruch der Eizellen zusammen. Diese Mädchen sind die potenziellen Verführerinnen, werden oft nicht älter als 25 Jahre, weil sie an Selbstverführung zugrunde gehen. (Seite 7)

Nicht nur Lore hat eine Affinität zu Tieren. Malte trifft kleine Mädchen. 16 Jahre alt. Sie mögen beide kleine Mädchen, ja eigentlich verbindet sie sehr viel. Sie wühlt in seinen Unterlagen, sie liest seine SMS. (Seite 15)

Draußen dämmert es hellviolett. Um diese Zeit fallen die Berliner Hunde den Pferden an die Gurgel vor den Großstadtmosaiken. Sie kämpfen in einem Gemenge aus Blut und Ölfarben.
Malte ist nicht da, er muss ja arbeiten. Lore steht alleine auf wackelnden Toskana-Kacheln im Bad. (Seite 73)

Was den Leser fesselt, ist denn auch weniger der Inhalt, als die Atmosphäre. „Blue-eyed Soul“ nannte der Musiker und Schriftsteller Thomas Meinecke (* 1955) den Stil des Romans „Die Anstalt der besseren Mädchen“. Julia Zange formuliert treffsicher und scheut sich nicht, für sexuelle Praktiken und das Defäkieren Ausdrücke aus der Gossensprache zu verwenden. Obwohl ihre Sätze abgehackt wirken, mitunter auch grammatikalisch aus der Reihe tanzen und der Text viele Gedankensprünge aufweist, wirkt „Die Anstalt der besseren Mädchen“ als Ganzes poetisch.

Eine Bühnenfassung von „Die Anstalt der besseren Mädchen“ wurde am 19. März 2011 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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Der Essay "Anmerkungen zu Hitler" von Sebastian Haffner ist ein sprachliches Meisterwerk und besticht vor allem durch die ebenso kluge wie originelle Gedankenführung des Autors.


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