Mark Aldanow : Der Anfang vom Ende

Der Anfang vom Ende
The Fifth Seal Charles Scribner's Sons, New York 1943 Načalo konca Verlag Novosti, Moskau 1995 Der Anfang vom Ende Übersetzung: Andreas Weihe Rowohlt Verlag, Hamburg 2023 ISBN 978-3-498-00335-7, 683 Seiten ISBN 978-3-644-01555-5 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Zur Zeit der Moskauer Schauprozesse (1936 – 1938) und des Spanischen Bürgerkriegs (1936 – 1939) treffen in Paris drei Männer Ende 50 aufeinander: der russische Botschafter Kangarow, der Militärberater Tamarin und der Berufsrevolutonär Wislicenus. Während sie zugrunde gehen, passt sich die junge Russin Nadja an und ergreift ihre Chancen. Ihr gehört die Zukunft.
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Kritik

In seinem historischen Gesellschaftsroman "Der Anfang vom Ende" prangert Mark Aldanow die stalinistische Diktatur ebenso wie die der Nationalsozialisten an. Mark Aldanow versteht Stalins Herrschaft als moralische Katastrophe – und da drängt sich heutigen Leserinnen und Lesern ein Vergleich mit dem Putinismus auf: Ein moralischer Bankrott! "Der Anfang vom Ende"?
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Die Reise von Moskau nach Paris

Der sowjetische Botschafter Kangarow-Moskowski fährt in der zweiten Hälfte der Dreißigerjahre mit dem Zug von Moskau nach Paris. Mit ihm im Diplomaten-Waggon reisen seine Ehefrau Jelena Wassiljewna Sapolskaja, sein Sekretär Eduard Stepanowitsch, seine junge Stenografin Nadeschda Iwanowna und zwei weitere Herren Ende 50: ein Berufsrevolutionär der Komintern, in dessen Diplomatenpass der Deckname „Wislicenus“ steht, und der Witwer Konstantin Alexandrowitsch Tamarin, ein ehemaliger zaristischer Generalmajor, der jetzt als sowjetischer Militärberater nach Spanien unterwegs ist.

Die Herren sind beunruhigt, weil Stalin in Moskau hohe Funktionäre der Kommunistischen Partei der Sowjetunion – darunter sogar Weggefährten Lenins – wegen angeblicher terroristischer und staatsfeindlicher Aktivitäten in Schauprozessen zum Tod verurteilen lässt.

Im Deutschen Reich, das die Reisenden durchqueren, ist Hitler mit den Nationalsozialisten an der Macht, in Italien regiert der Duce, und in Spanien herrscht ein Bürgerkrieg zwischen den Republikanern und den von General Francisco Franco angeführten rechtsgerichteten Putschisten. Beide Parteien werden aus dem Ausland unterstützt: die Nationalisten von den italienischen Faschisten und dem NS-Regime, die Republikaner von der UdSSR.

Der Schriftsteller und der Mörder

Der französische Schriftsteller Louis Etienne Vermandois sympathisiert mit dem Kommunismus. Zur Zeit arbeitet der 69-Jährige an einem historischen, im antiken Griechenland spielenden Roman, kommt aber nicht gut voran.

Klar war nur die Grundidee. Seit dreitausend Jahren befand sich die Welt in einem Zustand der Barbarei, und all die dreitausend Jahre war sie sich dessen vage bewusst. […] Aber zu allen Zeiten hatten die besten oder anspruchsvollsten Menschen versucht, einen Standpunkt einzunehmen, von dem aus betrachtet die Barbarei nicht als Barbarei erschien […]. Seit vielen Jahrhunderten ertrug die Menschheit geduldig die allmächtige Herrschaft des Bösen, weil sie das irdische Leben nur als einen transitorischen, fatalen Zustand vor dem Eintritt in die ewige Glückseligkeit betrachtete. […] In den dreitausend Jahren scheint es jedoch eine Ausnahme gegeben zu haben: Ein kleines Volk im östlichen Teil des Mittelmeers, das früh und spurlos verschwundene Volk der alten Griechen […].

Aufgrund seiner früheren Erfolge wird Vermandois noch immer von Angehörigen der gesellschaftlichen Elite eingeladen. Der dadurch aufgezwungene Lebensstil kostet Geld, aber Vermandois hält die Ausgaben für erforderlich, weil er nur so vom Verlag respektiert wird. Tatsächlich reichen seine Einnahmen kaum dafür, zumal er zu Zahlungen an zwei von ihm geschiedene Ehefrauen verpflichtet ist.

Dass sein stundenweise für ihn tätiger junger Sekretär Ramon Gregorio Gonzalo Alvera einen Mord plant und sich das Entsetzen des Schriftstellers über die Zeitungsmeldung ausmalt, ahnt Vermandois nicht.

Alvera, der drei Jahre alt war, als sein Vater mit ihm aus Südamerika nach Frankreich floh, arbeitet auch als Kopist für den alleinstehenden Geschäftsmann Chartier in Louveciennes – und ärgert sich darüber, dass sein Auftraggeber die Leerzeichen in den abgeschriebenen Texten zählt, um nicht dafür bezahlen zu müssen.

Nachdem er einen Revolver gekauft hat, plant Alvera umständlich den Raubmord. Schließlich fährt er, wie gewohnt, mit dem Zug von Paris nach Louveciennes. Aus einem offenen Fenster der Villa des Geschäftsmanns hört er Musik. Chartier hat sich offenbar ein Radio angeschafft. Damit hat Alvera nicht gerechnet.

Chartiers Villa ist abgelegen, aber als Alvera schießt, hört eine Fahrradpatrouille der Polizei den Knall. Die beiden Gendarme nähern sich der Villa. Die Musik fängt plötzlich zu kreischen an, weil Alvera an einem Knopf des Radiogeräts dreht, statt es abzuschalten oder den Stromstecker zu ziehen. Alvera erschießt auch den Polizisten, dessen Kopf am Fenster auftaucht. Er flüchtet. Ein Bäcker steht mit einer Flasche vor seinem Laden – und als Alvera an ihm vorbeirennen will, schlägt der Mann ihn nieder.

Vermandois bittet den berühmten Rechtsanwalt Cerisier, die Verteidigung des Doppelmörders zu übernehmen, obwohl es sich um einen hoffnungslosen Fall handelt und ein Todesurteil kaum zu verhindern ist.

Der Hypochonder und der Todkranke

Einige Zeit später reist der sowjetische Botschafter Kangarow-Moskowski erneut nach Paris, diesmal ohne seine Ehefrau, aber wieder mit Nadeschda (Nadja) Iwanowna, die er von der Stenografin zur Dolmetscherin befördert hat.

Zu einer Abendgesellschaft lädt er Wislicenus ein, der aus Spanien nach Paris zurückgekehrt ist, den Schriftsteller Vermandois und den Rechtsanwalt Cerisier, das Grafen-Ehepaar de Bellancombre und den deutschen Exilanten Dr. Siegfried Meyer, der bei dieser Gelegenheit Wislicenus die Regierung in Berlin kompromittierende Dokumente zum Kauf anbietet.

Weil Wislicenus krank aussieht, drängt Nadja ihn, einen Arzt zu konsultieren und arrangiert für ihn einen Termin bei dem weltberühmten Pariser Herzspezialisten Prof. Albert Fouquot, der auch den sowjetischen Botschafter behandelt. Während der Mediziner Kangarow für einen Hypochonder hält, erkennt er sofort, dass Wislicenus an Angina pectoris leidet und wohl nur noch wenige Monate zu leben hat.

Wislicenus hat auch noch andere Sorgen: Er wird observiert, weiß aber nicht, ob die Männer im Auftrag der Gestapo oder der Tscheka unterwegs sind.

Kangarow behauptet wahrheitswidrig, Prof. Fouquot habe ihm einen Erholungs-Aufenthalt verordnet und zieht sich mit Nadja in ein Sanatorium außerhalb von Paris zurück.

Die Frau, die noch keine 20 Jahre alt ist, bereut inzwischen sehr, dass sie nicht von Anfang an für klare Verhältnisse gesorgt und die Übergriffe des 59-Jährigen nicht zurückgewiesen hat. Inzwischen hält man sie für die Geliebte ihres Chefs – und nun will sich Kangarow auch noch scheiden lassen.

Ende und Anfang

Wislicenus folgt einer Einladung Nadjas und fährt los, um sie im Sanatorium zu besuchen. Auch auf dem Weg dorthin wird er beschattet. Er bricht zusammen und stirbt. Nadja wartet vergeblich auf ihn.

Tamarin wird erneut nach Spanien abkommandiert. Er soll mehr über die Kräfteverhältnisse der Parteien herausfinden. Als er nachts allein durch die Straßen von Madrid geht, beobachtet er einen Trupp, der ein Gebäude stürmt, aber ins MG-Feuer der dort Verschanzten gerät. Mit gezogenem Säbel rennt Tamarin hin – und wird von einer Explosion getötet.

Alvera wird zum Tod verurteilt und in Versailles öffentlich hingerichtet. Es ist üblich, dass der Verteidiger dabei zugegen ist, aber Cerisier verspätet sich und trifft erst ein, als die Guillotine bereits halb abgebaut ist. Er bricht zusammen und verliert das Bewusstsein.

Nadja, die von einer literarischen Karriere träumt, hat inzwischen eine „Novelle“ geschrieben und sie nach Moskau geschickt. Der junge Schriftsteller Jewgeni Golubowski teilt ihr bald darauf mit, dass eine Zeitschrift ihren Text veröffentlichten will. Nun rechnet sie fest mit einem Neuanfang in Moskau. Brüsk weist sie den Heiratsantrag des mehr als doppelt so alten Botschafters Kangarow zurück und kündigt ihre Anstellung.

Kangarow schlug seiner Ehefrau bereits die Scheidung vor, aber Jelena Wassiljewna Sapolskaja, die ihre Ehe mit ihm von Anfang an als Mesalliance betrachtet hat, ist nicht bereit, seinem Wunsch nach einer einvernehmlichen Trennung nachzukommen.

In seiner Verzweiflung probiert der einsame alte Mann, ob er sich an der Befestigung einer Wandlampe aufhängen kann – aber unter seinem Gewicht reißt der Haken aus der Mauer.

Auftragsgemäß reist er erneut nach Paris, um die Kritik an Stalin abzubauen. Er weiß, dass Vermandois kürzlich bei einer Autorenlesung einen Misserfolg hatte und deshalb seine Hoffnung auf eine monatelange Lesereise begraben muss. Kangarow stellt dem französischen Schriftsteller eine Veröffentlichung in Moskau in Aussicht. Aber sobald Vermandois durchschaut, dass der Botschafter ihn damit nur zu ködern und für eine Ergebenheitsadresse an Stalin zu gewinnen versucht, weist der das Ansinnen zurück:

„Ja, wenn alles zugrunde geht, dann ist das Einzige, was einem bleibt, die eigene Würde und Unabhängigkeit. Dem muss alles andere geopfert werden. Um jeden Preis, selbst um den Preis von Armut und Entbehrung!“

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In seinem historischen Gesellschaftsroman „Der Anfang vom Ende“ prangert Mark Aldanow die stalinistische Diktatur ebenso wie die der Nationalsozialisten an. Seine eigene Haltung spiegelt sich vermutlich in der des französischen Schriftstellers Vermandois, der zwar mit der Idee des Kommunismus sympathisiert, aber jegliche Art von Zwangsherrschaft bzw. Totalitarismus ablehnt.

Die Handlung spielt zur Zeit der Moskauer Schauprozesse (1936 – 1938) und des Spanischen Bürgerkriegs (1936 – 1939). Während in Moskau die Revolution ihre Kinder frisst und General Franco in Spanien putscht, erweisen sich die demokratischen Regierungen in Paris und London als schwach.

Mark Aldanow versteht Stalins Herrschaft als moralische Katastrophe – und da drängt sich heutigen Leserinnen und Lesern ein Vergleich mit dem Putinismus auf: Die Sowjetunion inszenierte sich als antifaschistisches Bollwerk, aber unter Putin entwickelte sich Russland zur faschistischen Diktatur. Ein moralischer Bankrott! „Der Anfang vom Ende“?

Während der russische Botschafter Kangarow, der Militärberater Tamarin und der Berufsrevolutonär Wislicenus – drei Männer Ende 50 –  in „Der Anfang vom Ende“ zugrunde gehen, passt sich die junge Russin Nadja an und ergreift ihre Chancen, zunächst an der Seite des Botschafters, dann in der Literaturszene. Ihr gehört die Zukunft – im Gegensatz auch zu dem französischen Schriftsteller Louis Etienne Vermandois.

Der Doppelmord wirkt wie eine Geschichte in der Geschichte. Vielleicht wollte Mark Aldanow damit den Verlust von Moral und Humanität verdeutlichen.

Seltsam sind vor allem die grotesken Szenen, die in einem surrealen Palast mit König und Königin spielen.

Mark Aldanow hat die Handlungsstränge in „Der Anfang vom Ende“ geschickt verknüpft. Häufig wechselt er die Perspektive. Und er legt den Figuren philosophische Gedanken in den Mund, teils als Dialoge, teils als innere Monologe.

Im Westen richtet die Demokratie den Sozialismus zugrunde, weil sie zu seinem Surrogat geworden ist: Sie gibt den Menschen einen Happen von dem, was der Sozialismus ihnen verspricht, aber nicht geben kann.

Durch die natürliche Auslese kommen in der Regel sowohl in Demokratien als auch in Diktaturen die Gerissenen und Skrupellosen an die Macht. Doch in den freien Ländern begünstigt die Auslese hauptsächlich begabte Intriganten, während sich in den unfreien Ländern begabte Banditen durchsetzen.

[…] hängt das Verhalten der Menschen von den Bedingungen ab, in die sie von der Geschichte gestellt werden. Bei einer abnormen Temperatur in der Gesellschaft, bei einem abnormen sozialen Druck kann aus einem Arbeiter ein Hitleranhänger werden.

Eine Diktatur in einem mächtigen Land ist immer dann eine Gefahr für andere Länder, wenn in dem mächtigen Land ein dummes Volk lebt. Deshalb ist die deutsche Diktatur viel gefährlicher als die russische. Eine deutsche Hegemonie in der Welt wäre eine Herausforderung an die Reste von Vernunft, eine Herausforderung, die selbst für meine Geschichtsphilosophie ungeheuer wäre.

Es gibt heute in Europa nur einen einzigen Mann, der genau weiß, was er will […], und dieser Mann ist ein stumpfsinniger Schurke, und was er vorhat, ist unvorstellbar dumm, schrecklich und abscheulich.

Mark Aldanow wurde im November 1886 in Kiew mit dem Namen Mordhai-Markus Israeliwitsch Landau geboren, und zwar als Sohn einer österreichisch-stämmigen jüdischen Industriellenfamilie. Er studierte Jura und Naturwissenschaften, forschte und arbeitete als Chemiker, verfasste aber parallel dazu literaturhistorische Texte. Als Gegner der Oktoberrevolution emigrierte er 1919 nach Frankreich, und bevor 1940 die deutsche Wehrmacht Paris besetzte, floh er über Nizza nach New York. 1948 kehrte er nach Europa zurück und lebte bis zu seinem Tod am 25. Februar 1957 in Nizza.

Vladimir Nabokov und Iwan Bunin gehörten zu seinem Freundeskreis. Dreizehnmal wurde Mark Aldanow für den Literaturnobelpreis nominiert, aber er ging leer aus.

In der UdSSR wurden seine Werke nicht gedruckt. Erst nach dem Umbruch durften die Russen wieder Bücher von Mark Aldanow lesen.

Den Roman „Der Anfang vom Ende“ schrieb Mark Aldanow 1938 in den USA. Einzelne Kapitel wurden 1939 in einer russischen Emigrantenzeitschrift des Verlags Русские записки / russkie zapiski in Paris unter dem Titel „Начало конца“ / „Načalo konca“ veröffentlicht. Der vollständige Roman erschien 1943 im Verlag Charles Scribner’s Sons in New York unter dem Titel „The Fifth Seal“. Die erste Ausgabe in Russland gab es 1995 im Moskauer Verlag Novosti im Rahmen einer sechsbändigen Werksausgabe. 2023 brachte der Rowohlt Verlag die erste deutschsprachige Übertragung des Romans „Der Anfang vom Ende“ heraus, mit einem Vorwort von Sergej Lebedew und einem Nachwort des Übersetzers Andreas Weihe.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2024
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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