Flavius Ardelean : Der Heilige mit der roten Schnur

Der Heilige mit der roten Schnur
Scârba sfântului cu sfoară roșie Editora Herg Benet, Bukarest 2015 Der Heilige mit der roten Schnur Übersetzung: Eva Ruth Wemme Homunculus Verlag, Erlangen 2020 ISBN 978-3-946120-90-2, 216 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Während ein skelettierter Kutscher einen einäugigen Pilger nach Alrauna mitnimmt, erzählt er ihm die Geschichte des Heiligen mit der roten Schnur, der in Gaisterştat aufwuchs, aber nach der ersten Begegnung mit dem Bösen aufbrach, um es zu verfolgen ...
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Kritik

Mit überbordender Fabulierlaune, großem Einfallsreichtum und weit abseits vom Mainstream entwickelt Flavius Ardelean in seinem Roman "Der Heilige mit der roten Schnur" eine schaurige Märchenwelt, die er mit seiner Erzählkunst lebendig werden lässt.
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Bartholomäus Knochenfaust und der Einäugige

Ein Einäugiger, der in Karkara eine deutlich jüngere Frau und vier Kinder zurückgelassen hat, ist zu Fuß unterwegs nach Alrauna. Der Kutscher eines von einer Schindmähre gezogenen Wagens hält neben ihm, fragt nach seinem Reiseziel und bietet ihm dann an, ihn mitzunehmen. Er fahre ohnehin nach Alrauna, sagt das in eine graue Robe gehüllte Skelett mit Namen Bartholomäus Knochenfaust. Über den Lohn solle sich der Pilger keine Gedanken machen; er nehme nie mehr als ein Mensch zu geben habe.

„Es sind fünf Tage, die Pausen mitgerechnet, wenn wir uns hinlegen und schlafen“, sagte das Skelett, „aber wisse denn, lieber Reisender ich bin ein Erzähler und ich lasse es mir gefallen, die langen Wege mit erfundenen und wahren Geschichten zu befrieden, und meine Erfindungen können die Wahrheit für einen anderen sein und umgekehrt, sodass du dich nicht ängstigen sollst, wenn du nicht mehr weißt, was was ist und wer wer, denn es ist nichts weiter als wahre Erfindung und erfundene Wahrheit.“

Die Kindheit des Heiligen mit der roten Schnur

Was Bartholomäus Knochenfaust erzählen will, ist die Geschichte des Heiligen von Mandragora – so hieß Alrauna damals –, und sie beginnt an seinem Geburtsort Gaisterştat.

Folgendes sollst du nun über den Rat von Gaisterştat wissen […], dass nämlich niemand ihn je gesehen hatte, denn er bestand nicht aus den Ältesten der Stadt, sondern aus den Allerältesten, älter ging es nicht mehr, sie waren so alt, dass sie tot waren. Ja, du hast dich nicht verhört – tot. Und nicht nur tot, sondern seit Langem tot, nicht seit gestern oder vorgestern – tot und verfault, die Asche verstreut und die Knochen zermalmt. Der Ältestenrat von Gaisterştat war insgesamt eine uralte Geisterversammlung.

Taush, das einzige Kind seiner Eltern, verschwindet vom dritten Lebensjahr an dreimal für längere Zeit und kehrt jeweils weiser und trauriger als zuvor zurück. Er spricht mit Fliegen und anderen Lebewesen, aber lange Zeit nicht mit Menschen. Nachdem er bereits todkranke Tiere geheilt hat, geht er im Alter von sieben Jahren zum sterbenden Bäcker, aber statt ihn durch ein Wunder gesund zu machen, zieht er sein Hemd aus, spinnt einen roten Faden aus seinem Nabel, reißt einen Meter davon ab und wickelt ihn um das rechte Handgelenk des auf dem Sterbebett liegenden Mannes. Zu ordnen, wie ein Mensch ins Jenseits geht, sei wichtiger als das Heilen, wird er später einem Weggefährten erklären.

Taushs Vater ist einer der 14 Männer, die beim Einsturz eines Gerüsts an der unfertigen Stadtmauer ums Leben kommen.

Sein Lehrmeister, der Alte Tace

Als Zehnjähriger wird Taush von einer Gesandtschaft des Alten Tace abgeholt, der mit seinen zwischen 10 und 18 Jahre alten Gesellen in einer hölzernen Festung im Wald lebt und nur durch einen von ihnen spricht, weil er nicht nur blind, sondern auch stumm ist.

Taush freundet sich dort mit dem Pferdeliebhaber Danko Ferus an.

Katherina

Nachdem Taush bereits fünf Jahre in der Gefolgschaft des Alten Tace verbracht hat, schickt der Heilige ihn und andere Gesellen an jedem zehnten Tag nach Gaisterştat. Dort sollen sie sich nützlich machen.

Heimlich verliebt Taush sich in ein Mädchen  aus Gaisterştat und genießt jede Möglichkeit, Katherina zu sehen. Ein Jahr vergeht. Dann spricht sie ihn an und bittet ihn, ihre Katze zu heilen. Taush durchschaut auf den ersten Blick, dass Katherina dem Tier einen Lauf ausgerenkt hat, um einen Vorwand dafür zu schaffen, ihn zu holen. Er richtet die Knochen und tadelt dann leise Katherina für ihr Verhalten.

Der „Jahrmarkt der üblen Dünste“

Ein Jahr nach dem Beginn des Liebesglücks von Taush und Katharina tauchen im Wald menschengroße Ratten auf. Taush sucht Katherinas Vater auf, und sie erwartet freudig, dass er bei ihm um ihre Hand anhält. Stattdessen fordert Taush ihn auf, Gaisterştat mit der Familie zu verlassen. Katharinas aufgebrachter Vater wirft ihn hinaus.

Zwischen Gaisterştat und der hölzernen Festung des Alten Tace bauen Fremde einen „Jahrmarkt der üblen Dünste“ auf. Taush, der sich Sorgen um Katharina macht, klettert in einen Baum, damit er in ihr Fenster schauen kann – und erblickt in ihrem Zimmer eine der großen Ratten. Aber als er an die Haustür hämmert, wird er von Bediensteten zusammengeschlagen.

Aus einem von einer Unmenge menschengroßer Ratten geformten Riesen fallen drei tote Mädchen aus Gaisterştat. Die Ratten zerfleischen die Gesellen des Alten Tace. Nur fünf von ihnen überleben. Im Stall sind alle Pferde tot, und im aufgerissenen Bauch eines der Tiere mit abgeschnittenem Kopf liegt Katharinas Leiche. Der Alte Tace ist spurlos verschwunden.

Vom Jahrmarkt sind nur noch Ruinen übrig.

Zwei der überlebenden Gesellen kehren nach dem Schrecken zu ihren Familien zurück. Taush und Bartholomäus besorgen sich ein Pferd und einen Wagen, um das Böse zu verfolgen. Auf die Ladefläche legen sie Danko Ferus, der den verwesenden Pferdekopf nicht mehr loslässt.

Lebensgefährliche Reiseabenteuer

Weit entfernt von Gaisterştat – vielleicht in Moos Cea Verde – werden sie zum Hof des Herrn Unghe Țzifăr gerufen. Danko muss mit seinem Pferdekopf zwar auf dem Wagen bleiben, aber Taush und Bartholomäus werden vom Diener Puroi in ihr Nachtquartier geführt und von Unghe Țzifăr bewirtet. Nach dem Essen bittet der Hausherr die Gäste, sich zwei angeblich kranke Tiere anzuschauen. Es handelt sich um Wesen, wie Taush sie noch nie gesehen hat. Er sagt:

„[…] diese Geschöpfe werden nicht genesen, denn sie können nicht krank werden, weil sie den Tod nicht kennen. Und den Tod kennen sie nicht weil sie das Leben nicht kennen. Sie haben kein Leben in sich, Unghe Țzifăr, sie sind nicht und du weißt es.“

Vorsichtshalber kehren Taush und Bartholomäus nicht in ihr Quartier zurück. Sie können nicht verhindern, dass Danko von Unghe Țzifăr in einen Brunnen geworfen wird. Nur den beiden gelingt die Flucht.

Eine Herberge, in der Taush und Bartholomäus übernachten möchten, erweist sich als Freudenhaus.

Nachdem Taush eine elegante Dame auf der Treppe aufgefallen ist und er sich mit einem Fliegenschwarm beraten hat, geht er zielsicher ins Obergeschoss hinauf und findet dort eine sterbende Greisin, die angeblich von Räubern überfallen wurde und augenscheinlich vor ihrem Tod noch gezwungen werden soll, ein Papier zu unterschreiben.

Taush und Bartholmäus kehren an ihren Tisch zurück. Einer nach dem anderen sacken alle Männer im Freudenhaus zusammen. Als Bartholomäus wieder zu sich kommt, liegen er und Taush ebenso wie die anderen Männer nackt auf dem Dachboden, und die Mädchen reiten auf ihnen.

Die Frauen stöhnten und heulten vor Lust, aber die Männer nicht, denn sie waren entschlummert, ohnmächtig, wie in den Klauen eines Zaubers […].

Bartholomäus wirft das Mädchen ab, reißt Taush hoch, flüchtet mit ihm durch die Küche und legt dabei mit einem Talglicht Feuer. Das Freudenhaus brennt nieder. Und die elegante Dame fliegt als großer schwarzer Vogel davon.

Verwirrung

Taush ist nach diesem Erlebnis wie tot. Bartholomäus findet mit ihm Zuflucht bei einer Familie und lässt sich auf eine Liebschaft mit der jüngsten Tochter ein, die vom Vater stillschweigend geduldet wird.

Ein Gerücht über einen Jahrmarkt im Valea Roasă weckt Taush aus seinem zwei Monate langen Schlaf.

In dem Tal finden Taush und Bartholmäus keinen Jahrmarkt. Die Gerüchte lockten sie in eine Falle. Sie finden auch nicht mehr zurück, denn die Landschaft hat sich verändert.

Am nächsten Morgen wacht Bartholomäus allein auf. Taush ist fort. Auf einer Brücke treffen sie sich wieder. Taush hält Bartholomäus offenbar für sich selbst und spricht ihn mit „Taush“ an. Sie gehen aufeinander zu. In der Mitte der Brücke beißt Taush seinem Weggefährten ein Stück aus dem Hals und zerfleischt ihn dann weiter.

Das Mädchen aus dem Dorf sucht mit den Brüdern und Schwestern nach ihrem Geliebten. Auf einer Brücke im Valea Roasă finden sie Taush und einen Haufen Knochen. Die Geschwister beerdigen Bartholomäus‘ Gebeine im Garten und pflegen Taush gesund.

Wie aus dem Dorf Rădăcini die Festung Mandragora und daraus die Stadt Alrauna wird

Auf seinem weiteren Weg stößt Taush auf „Die-die-von-der-Tollkirsche-stammen“ und das Dorf Rădăcini bevölkern. Sie erlauben ihm, am Rand der Gemeinde eine Einsiedelei zu errichten. Danach baut Taush in fast pausenloser Anstrengung das Dorf zur Festungsstadt Mandragora aus. Dabei arbeitet er in sieben Monate so viel wie ein normaler Mensch in 70 Jahren.

Trotzdem bezweifelt ein Teil der Bevölkerung, dass Taush Wunder vollbringen könne. Deshalb ruft er wilde Tiere herbei, spannt einen Wolf vor einen Karren und einen Bären vor einen Pflug. Erst als er die Bestien nach einer Woche in den Wald zurückgeschickt hat, wagen sich die Menschen wieder aus ihren Häusern.

Wie der Alte Tace versammelt der Heilige von Mandragora 10- bis 18-jährige Jungen als Gesellen um sich und lässt sie eine hölzerne Festung im Wald bauen.

Eines Tages hört er, dass ein Lehrer namens Hascheck aus einer niedergebrannten Stadt mit seiner traumatisierten Tochter Anelida nach Mandragora gekommen sei. Rasch findet Taush heraus, dass es sich bei dem Mann um den Schausteller handelt, den er auf dem „Jahrmarkt der üblen Dünste“ bei Gaisterştat sah. Das Böse ist aus der Un’Welt, wo das Wort troW heißt, nach Mandragora gekommen!

Mit einem Gefolge aus seinen Gesellen und Toten zieht Taush zum Schulhaus. Er nimmt den angeblichen Lehrer und das Mädchen gefangen. In drei Tagen soll über sie ein Urteil gesprochen werden. In einem rasch errichteten Versammlungssaal ohne Dach reißt Taush ein unförmiges Stück aus Anelidas Körper und wirft sowohl den stinkenden Fleischbatzen als auch das tote Mädchen auf den in der Mitte des Raumes errichteten Scheiterhaufen. Kurz darauf überbringt ein bestürzter Geselle die Nachricht, dass der Lehrer entkommen sei.

Die Jahre vergehen. Der Heilige von Mandragora holt Verirrte aus dem Jenseits zurück, darunter auch einen Mann, der dann seine Schwester vergewaltigt und deshalb vom Bruder mit einer Forke aufgespießt wird. Die Stadt begehrt auf, jagt die Zurückgekehrten davon und tötet Taush.

Bald glaubt in der Stadt, die sich jetzt Alrauna statt Mandragora nennt, niemand mehr an die Legenden über den Alten Tace oder den Heiligen mit der roten Schnur.

Bartholomäus Knochenfaust und der Einäugige

Als die Mauern von Alrauna in Sichtweite kommen, hat Bartholomäus Knochenfaust die Geschichte zu Ende erzählt. In den Nächten, die er mit dem Pilger zusammen verbrachte, hat sich das Skelett vom Mitreisenden genommen, was ihm als Lohn zusteht: zunächst das Fleisch von den Beinen, dann von den Armen und in der letzten Nacht das des Rumpfes. Der Pilger ist also bis auf den Kopf skelettiert, während Bartholomäus wieder Fleisch, Sehnen und Muskeln angesetzt hat. Bevor er Alrauna betritt, schält er nun auch noch das Fleisch vom Kopf des Pilgers, legt es an, setzt das Auge ein und vergräbt die Knochen.

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Der ausführliche Titel des Romans von Flavius Ardelean lautet:

Der Heilige mit der roten Schnur
Prolegomena zum Traktat über den Widerstand der Materialien, über Geburt, Leben und Tod des Heiligen Taush,
will heißen
über seine abenteuerlichen Reisen von Gaisterştat bis Mandragora: Was er getan, was er gesagt, was er gesehen und was er zwischen Welt und Un’Welt gefühlt hat,
vorgebracht von dem Skelett Bartholomäus Knochenfaust sowie herausgegeben von Flavius Ardelean

Der 1985 in Broşov geborene rumänische Musiker und Schriftsteller nimmt uns in „Der Heilige mit der roten Schnur“ mit in eine schaurige Welt, in der das Gute vom Bösen bedroht wird. Mit überbordender Fabulierlaune, großem Einfallsreichtum und weit abseits vom Mainstream entwickelt Flavius Ardelean eine dunkle Märchenwelt, die er mit seiner Erzählkunst lebendig werden lässt. Auch eine Spur Ironie trägt zum Lesevergnügen bei.

Der Homunculus Verlag hat aus „Der Heilige mit der roten Schnur“ ein schönes Buch gemacht, mit rotem Faden geheftet, mit rotem Lesebändchen und der Abbildung eines roten Fadens auf dem Vorsatz. Illustriert ist „Der Heilige mit der roten Schnur“ mit kongenialen Zeichnungen der Künstlerin Ecaterina Gabriela.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Homunculus Verlag

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