Günther Bach : Restlicht und Widerschein

Restlicht und Widerschein
Restlicht und Widerschein Episoden eines fehlerhaften Lebens Originalausgabe Hirnkost Verlag, Berlin 2022 ISBN 978-3-949452-55-0, 234 Seiten ISBN 978-3-949452-56-7 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eckner hat in seinem "fehlerhaften Leben" einiges versäumt. Nun muss sich der frühere Architekt mit einer Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Berliner Plattenbau und wenig Geld begnügen. Als dem alten Mann bewusst wird, dass seine Jahre gezählt sind, will er den Aufwand für die Regelung der Bestattung und des Nachlasses minimieren. Aber statt sein Vorhaben umzusetzen, hängt er Erinnerungen nach.
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Kritik

Der Protagonist in dem Roman "Restlicht und Widerschein. Episoden eines fehlerhaften Lebens" heißt zwar Rolf Eckner, kann aber vermutlich als Alter Ego des Autors Günther M. Bach (*1935) verstanden werden. Der erzählt schlicht und schnörkellos, ruhig, nachdenklich und ohne Effekthascherei. Es gelingt Günther Bach, eine dichte melancholische Atmosphäre zu schaffen.
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Ordnung des Nachlasses

Rolf Eckner wohnt um 2010 herum mit seiner 17 Jahre alten Katze in einer mit Ikea-Möbeln eingerichteten Zwei-Zimmer-Wohnung im 5. Stockwerk eines Wohnkomplexes in Ostberlin.

Weil er aufgrund seines hohen Alters in nicht allzu ferner Zukunft mit dem Tod rechnen muss und weiß, dass sein jüngerer Bruder dann alles regeln wird, lädt er sich mit seinem „guten alten vierteiligen Dampfcomputer“ eine Checklist für den Todesfall herunter. Eckner will den Aufwand für seinen Bruder minimieren, nimmt sich vor, ein Testament zu hinterlegen und beispielsweise eine Einäscherung anzuordnen, die kostengünstiger als eine Erdbestattung ist.

Soll er einer Organspende zustimmen? Eckner informiert sich im Internet und erfährt, dass sich durch die Verwertung des Herzes und der Nieren, der Augenhornhäute, Gehörknöchelchen, Herzklappen, Gefäße, Sehnen und Knochen mit einer einzigen Leiche eine Viertelmillion Dollar Gewinn erzielen lassen. Da ist ein profitabler Wirtschaftszweig entstanden.

Es war das Letzte, was er sich an Abgründen menschlicher Habgier vorzustellen imstande war, und er war fest entschlossen, es für seine Person um jeden Preis zu verhindern.

Eckner beginnt mit einer Bestandsaufnahme seines Hausrats. Dass er sich überreden ließ, eine Hausratversicherung über 40.000 Euro abzuschließen, findet er grotesk und stellt sich das Gesicht des Vertreters vor, wenn er ihm sein gesamtes Hab und Gut für 5000 Euro anbieten würde. Auf jeden Fall geht es nun darum, den Nachlass zu verkleinern.

Blieb also die Sichtung dessen, was im Falle seines Ablebens den Nachlass darstellen würde, und auch das unter verschiedenen Aspekten: Dinge von wirklichem Wert, die sich eventuell verkaufen ließen, persönliche Dinge, die vielleicht sein Bruder aufbewahren möchte, und schließlich Dinge, die für jeden außer ihm selbst nur Trödel darstellen würden. Es wäre gut, sie vorher zu entsorgen. Das war ein brauchbares Handlungskonzept, und nun würde er nur noch die notwendige Entschlossenheit aufbringen müssen, es umzusetzen.

Für die CDs gibt es kein Geld, und für ein Fachbuch, das im Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher (ZVAB) für 200 Euro angeboten wird, soll er sich mit gerade einmal 1.65 Euro zufrieden geben. Da macht er nicht mit. Er hat also nichts zu verkaufen, kann nur überlegen, was wegzuwerfen ist.

Tagesroutine

Seine Tage verlaufen nach eingespielten Routinen.

Dazu gehört, dass er die eingegangenen Phishing-Mails liest und sich über die Amateurhaftigkeit der meisten wundert. Professioneller macht es ein Verlag in Frankfurt/M, der regelmäßig einen Lyrik-Wettbewerb ausschreibt und Eckner jedes Jahr eine Einladung schickt, weil er einmal Kontakt mit der Gesellschaft aufgenommen hatte. Damals hieß es, sein Gedicht sei unter Tausenden für eine Anthologie ausgewählt worden. Die Autorinnen und Autoren konnten das Buch mit 800 Seiten und 1000 Gedichten für 98 Euro erwerben. Eckner glaubt, das Geschäftsmodell durchschaut zu haben: Sobald genügend Autorinnen und Autoren aus Eitelkeit zugreifen, kommt es auf einen Absatz über den Buchhandel gar nicht mehr an.

Er hatte das Zusammenbrechen des DDR-Staates mit einem unbeschreiblichen Hochgefühl erlebt, nachdem er längst die Hoffnung verloren hatte, ihn jemals verlassen zu können.

Es gab neue und gänzlich andere Spielregeln, die er zwar schnell genug begriff, aber zunehmend weniger zu akzeptieren bereit war.

Um 1980 herum schrieb Eckner die Erzählung „Das Horn des Hasen“, die in der DDR nicht veröffentlicht werden konnte und aus der dann 20 Jahre später ein Verlag unabgesprochen einen „Roman“ machte.

„Das Horn des Hasen“ dreht sich um das Bogenschießen. Damit hat Eckner sich intensiv beschäftigt. Auch jetzt noch unterrichtet er eine kleine Gruppe im traditionellen Bogenschießen.

Ein Bogenschütze sieht mehr von der Welt, weil er gelernt hat, genau hinzusehen. Weil er in der Lage ist, seine Aufmerksamkeit auf einen Punkt zu richten und sich durch nichts ablenken zu lassen. Das hat nur wenig mit Konzentration zu tun.

Ebenso wichtig wie das Bogenschießen ist Eckner die klassische chinesische Tuschmalerei. Zwei Jahre lang ließ er sich von Yüan Shun in Berlin-Kreuzburg unterrichten, und bei einer Rundreise durch China legte er in der Region Guangxi einen einwöchigen Aufenthalt ein, um sein Können bei Prof. Xong in der Ausstellungshalle der staatlichen Universität zu verfeinern.

Zur Tagesroutine gehört nicht zuletzt, dass Eckner den Checkpot beim Zahlenlotto prüft. Sobald dieser die 10-Millionen-Marke überschreitet, gibt er Tipps ab.

Wie er das Ergebnis seiner bisherigen Versuche einschätzte, war das Zahlenlotto wahrscheinlich die reellste Chance, zu Geld zu kommen. Mit einer Chance von 1:95 Millionen.

Beruflicher Werdegang

Eckner studierte an der Technischen Universität in Berlin Architektur und Formgestaltung (Design). Im letzten Semester war er mit Irene aus Weimar verlobt, die bereits ihr erstes Engagement an einem Landestheater in Thüringen nach dem Studium an der Musikhochschule hatte, während er noch an seiner Abschlussarbeit schrieb.

Bei einer Exkursion begegnete Eckner einer mindestens zehn Jahre älteren Frau, die ihm signalisierte, dass sie zu einem sexuellen Abenteuer bereit sei. Es blieb bei einer Nacht. Aber einige Monate später forderte Claudia ihn auf, die Vaterschaft für das Kind zu übernehmen, mit dem sie schwanger war. Zweifellos hatte sie ihn hereingelegt. Weil Eckner nicht nachweisen konnte, dass Claudia auch mit anderen Männern intim war, hätte er mit der Beantragung eines Vaterschaftstests eine Beleidigungsklage riskiert. Also zahlte er jahrzehntelang Unterhalt.

Irene löste die Verlobung. Er konnte sich nicht mehr auf seine Abschlussarbeit konzentrieren und versäumte den Abgabetermin. Erst nach längerer Zeit raffte er sich auf und bewarb sich erfolgreich beim Planungsbüro der Deutschen Post (DDR). Die Tätigkeit war ziemlich genau das Gegenteil dessen, was er sich für seinen beruflichen Weg gewünscht hatte. Immerhin brachte er es bis zum Amtmann.

Nach dem Wechsel zum Berliner Baukombinat war Eckner Mitte der Siebzigerjahre am Bau des Palasts der Republik („Erichs Lampenladen“) beteiligt. Weil er der SED fernblieb, wurde sein Anteil an der Gestaltung nicht gewürdigt. Verärgert wechselte er zum Institut für Kulturbauten, dem ehemaligen Institut für Theaterbau. Der Leiter, Prof. Mähder, ließ sich von Eckner Vorlesungen schreiben, die er an der Hochschule für industrielle Formgestaltung in Halle gab – ohne den Urheber auch nur zu erwähnen.

Zwei Jahre vor Erreichung des Rentenalters verlor Eckner seine Anstellung und blieb arbeitslos.

In der Rückschau gewinnt er den Eindruck, dass bei ihm mit den Jahren zunächst aus dem Vorwärts ein Stillstand und dann aus dem Stillstand ein Rückwärts geworden sei.

Die Ehe

Statt der Musikerin Irene heiratete Eckner die Dolmetscherin Karin. Dass sie von Anfang an kein Interesse an seiner Verwandtschaft zeigte, hätte ihn misstrauisch machen sollen. Aber erst nach der Geburt des Sohnes Martin vor 46 Jahren begriff er, dass die Eheschließung ein Fehler gewesen war.

Von der Zeit an hatte ich das Gefühl, in ihren Augen mehr und mehr zu einem notwendigen Übel in ihrer Umgebung geworden zu sein, notwendig zur Beschaffung ihres Unterhalts und zur Erledigung der Arbeiten in Haus und Garten. Sie liebte es, sich in Gesellschaft ihrer Freunde über mich lustig zu machen. Ich selbst hatte da schon längst keine eigenen Freunde mehr.

Wenn er heute auf diese Zeit zurückblickte, kam es ihm vor, als ob er nach und nach alles aufgegeben hätte, was ihm Freude machte. Wieso nur hatte er all das mit sich geschehen lassen, was hatte er dafür eingetauscht? Es war falsch gewesen, diese Frau zu heiraten aber es war ein viel größerer Fehler gewesen, diese Ehe so lange dauern zu lassen.

Martin war noch ein Kind, als Karin unvermittelt zusammenbrach. Im Krankenhaus kam sie wieder zu sich. Ihr Ehemann saß bei ihr am Bett. Obwohl es mitten in der Nacht war, drängte sie ihn, ihren aus Argentinien stammenden Chef Pepe anzurufen, und der eilte sofort herbei. Karin und der 16 Jahre jüngere ebenfalls verheiratete Vater von zwei Kindern versuchten gar nicht, ihre Affäre zu verheimlichen.

Aber erst vor 19 Jahren ertrug Eckner die Frau nicht länger und verließ das kleine Haus aus den Dreißigerjahren, das dann im Zuge der Scheidung verkauft wurde. Damals richtete er sich mit Ikea-Möbeln in der Plattenbau-Wohnung ein, in der ihn nun Erinnerungen an die Vergangenheit heimsuchen, während er eigentlich alles für seinen Tod vorbereiten wollte.

Seine Selbstachtung als Mann gewann er durch eine 15 Jahre jüngere Geliebte zurück. Edith war Krankenschwester. Vor acht Jahren wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. Nach der Chemotherapie kehrte ihr sexuelles Begehren nicht mehr zurück, aber ihre enge Freundschaft blieb erhalten.

Mit Chemotherapien wurde viel Geld verdient. da mochte auch ärztliche Ethik zum Teufel gehen.

Verwandtschaft

Nach elf Jahren sieht Eckner erstmals wieder seinen Bruder. Als dieser ihn mit seiner Frau besucht, lädt Eckner auch Edith dazu ein und es wird ein angenehmer Abend. Der Bruder bringt ihm ein 40 Jahre altes Album mit Urlaubsfotos aus Hiddensee mit, das er im Nachlass der Mutter fand. Offenbar hatte Karin es ihrer Schwiegermutter geschickt, ohne ihrem Mann etwas zu sagen. Eckner amüsiert der Gedanke, dass er gerade dabei ist, seinem Hausrat ein weiteres Erinnerungsstück hinzuzufügen, obwohl er vorhat, den Nachlass zu verkleinern.

Bald darauf fragt ihn der Bruder, ob er mit nach Stabenow kommen wolle. In dem mecklenburgischen Dorf erwarb Eckners Neffe Michael schon zu DDR-Zeiten das alte, leerstehende Schulhaus. Seither baut er es schrittweise aus, und nun helfen ihm Vater und Onkel bei der Dachterrasse.

Der Familienname wird voraussichtlich mit Martin und Michael aussterben, denn sie haben jeder eine Tochter, aber keinen Sohn.

Irene

Aus einem Buch fällt ein Brief, den Irene vor sieben Jahren aus Weimar schrieb, um ihm mitzuteilen, dass sie ihm längst verziehen habe, aber inzwischen eine neue Bindung mit einem kranken, hilfsbedürftigen Mann eingegangen sei. Nach seiner und ihrer Scheidung habe sie vergeblich auf ein Zeichen von ihm gewartet.

Nach langem Zögern schreibt Eckner nun hoffnungsvoll zurück. Irenes Antwort ist zwiespältig: Sie träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit ihm, will aber ihren auf sie angewiesenen Lebensgefährten nicht im Stich lassen, obwohl sie dessen Pflege mitunter an die Grenzen ihrer Kraft bringt. Irene schlägt vor, gemeinsam eine Flusskreuzfahrt in Frankreich zu unternehmen. Um ihren Lebensgefährten zu schonen, will sie ihm jedoch vortäuschen, dass sie allein reist.

Eckner prüft die Möglichkeiten. Am Ende ist das Angebot doppelt so teuer, wie im Internet angekündigt, und man drängt ihn wegen der angeblich hohen Nachfrage zu einer raschen Entscheidung. Froh ist er, als Irene darauf besteht, ihren Anteil zu bezahlen, denn nun braucht er nur einen halb so hohen Kredit aufzunehmen.

Irene kommt mit dem Zug aus Weimar nach Berlin. Von dort fliegen sie gemeinsam nach Lyon und gehen an Bord des Schiffs.

Am vorletzten Abend erhält Irene eine SMS von ihrer Freundin Julia: Ihr Lebensgefährte wurde wegen eines Schlaganfalls ins Sophien- und Hufeland-Klinikum Weimar gebracht worden. Sein Zustand sei stabil, heißt es.

Um so rasch wie möglich ans Krankenbett zu kommen, fährt Irene nach der Ankunft in Berlin mit dem nächsten Zug nach Weimar, und Eckner bleibt allein zurück.

Er hatte keine Ahnung, wie es weitergehen würde. Aber er wusste, es würde weitergehen.
Es blieb ihnen nicht mehr viel Zeit.

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Der Protagonist in dem Roman „Restlicht und Widerschein. Episoden eines fehlerhaften Lebens“ heißt zwar Rolf Eckner, kann aber vermutlich als Alter Ego des Autors Günther M. Bach (*1935) verstanden werden.

Es geht um einen alten Mann, der dem DDR-Regime kritisch gegenüberstand, aber auch mit den bei der Wende übernommenen gesellschaftlichen Verhältnissen hadert. Karrieristen und Kapitalisten verabscheut der frühere Architekt gleichermaßen. In seinem „fehlerhaften Leben“ hat er einiges versäumt. Nun lebt er allein mit seiner Katze in einer mit Ikea-Möbeln eingerichteten Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Berliner Plattenbau und muss mit wenig Geld auskommen. Im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten legt er Wert auf kulinarische Genüsse. Er hört Bach, schreibt Gedichte, beschäftigt sich intensiv mit der Kunst des Bogenschießens und klassischer chinesischer Tuschmalerei.

Als ihm bewusst wird, dass seine Jahre gezählt sind, nimmt er sich vor, alles zu tun, damit die Regelung der Bestattung und des Nachlasses, die wohl an seinem jüngeren Bruder hängen bleiben wird, mit möglichst geringem Aufwand durchgeführt werden kann. Aber statt sein Vorhaben umzusetzen, hängt er Vergangenem nach und bleibt dabei egozentrisch.

Der Titel „Restlicht und Widerschein“ bringt es auf den Punkt.

Günther Bach erzählt schlicht und schnörkellos, ruhig, nachdenklich und ohne Effekthascherei. Nicht alles in „Restlicht und Widerschein“ ist tiefsinnig. Bei der Beschreibung des Alltags werden Trivialitäten wie das Lesen von Phishing-Mails mehrmals wiederholt. Vielleicht ist das wie bei einem Musikstück konzipiert. Stringent ist es nicht, aber es gelingt Günther Bach, eine dichte melancholische Atmosphäre zu schaffen. Ganz ohne Larmoyanz kommt er bei der Reflexion über die „Episoden eines fehlerhaften Lebens“ allerdings nicht aus.

Am Ende gibt es einen Hoffnungsschimmer. Es könnte zumindest sein, dass Eckner die letzten Lebensjahre mit seiner als Student verlorenen Jugendliebe Irene teilen wird.

Der Verlag hat aus „Restlicht und Widerschein“ ein besonders schön gebundenes kleines Buch mit Fadenheftung und Lesebändchen gemacht.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Hirnkost Verlag

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