Sebastian Fitzek und Micky Beisenherz : Schreib oder stirb

Schreib oder stirb
Schreib oder stirb Originalausgabe Droemer Verlag, München 2022 ISBN 978-3-426-28273-1, 333 Seiten ISBN 978-3-426-46527-1 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Informationstechniker Carl Vorlau weist sich selbst in die Psychiatrie ein, gesteht, die siebenjährige Unternehmertochter Pia Kühnert entführt zu haben und fordert den erfolgreichen Literaturagenten David Dolla auf, ihm einen Verlagsvertrag mit einem Millionenvorschuss für einen True-Crime-Thriller zu vermitteln, dessen Autor und Protagonist David Dolla sein soll: "Schreib oder stirb".
mehr erfahren

Kritik

Die Metaebene gehört ebenso wie die zahlreichen Cliffhanger und die immer neuen Plot Twists zu den Besonderheiten, die "Schreib oder stirb" zu einem spannenden Lesespaß machen. Missglückt ist jedoch das Zusammenwirken eines Thriller-Autors (Sebastian Fitzek) und eines Gag-Schreibers (Micky Beisenherz). Thriller trifft Klamauk. Da wäre weniger mehr gewesen.
mehr erfahren

Ein unmoralisches Angebot

Einige Wochen nach der Entführung der siebenjährigen Pia Kühnert aus dem Garten der Familienvilla in der brandenburgischen Stadt Storkow legt Carl Vorlau ein Geständnis ab. Der 41 Jahre alte Informationstechniker aus Berlin-Steglitz wurde gerade erst bei einem Gerichtsprozess wegen Päderastie freigesprochen und hat sich gleich darauf selbst in die Psychiatrie der Schlachtensee-Klinik eingewiesen.

Weiter reden will er jedoch nur mit David Dolla, einem 38-jährigen erfolgreichen Literaturagenten, dessen Agentur sich im Dachgeschoss eines Gründerzeitaltbaus in Charlottenburg befindet. Bei seiner Assistentin Penelopé („Pen“) Karlowski handelt es sich um eine Kettenraucherin Mitte 50.

Widerwillig fährt David Dolla zur Klinik. Carl Vorlau erwartet ihn mit seinem Rechtsanwalt Dr. Ferdinand Lux und fordert von ihm einen Verlagsvertrag mit einer Million Euro Vorschuss für einen True-Crime-Thriller, dessen Protagonist und Autor David Dolla sein würde. Er habe Pia in einem Bunker versteckt und leider vergessen, die Luftzirkulation einzuschalten, behauptet Carl Vorlau. Deshalb werde das Mädchen ersticken, falls David Dolla – der Held des geplanten Romans „Schreib oder stirb“ – sie nicht rechtzeitig finde.

„Mein Thriller handelt von einem Literaturagenten, der eines Morgens aufwacht und seinen Namen in der Presse liest. Ein geständiger Kindesentführer bittet ihn zu sich in die Psychiatrie und macht ihm ein Angebot. Nimmt er es an, wird der Agent zum Helden und rettet ein kleines Mädchen. Lehnt er es ab, stirbt die Siebenjährige. Und kurz darauf ist auch das Leben des Literaturagenten auf ewig zerstört.“

Isolde Bildstock

Der Literaturagent lehnt das Angebot ab, denn obwohl er glaubt, dass aus der Idee ein Bestseller werden könnte, weigert er sich, einen Schwerverbrecher unter Vertrag zu nehmen.

Am späten Abend begleitet er seine Lebensgefährtin Isolde Bildstock nach Hause, eine 32-jährige Buchhändlerin in Charlottenburg („Isoldes Bücherwelt“), die keine Bestseller anbietet, nicht einmal von Sebastian Fitzek. Im Dunkeln schlägt plötzlich ein Mann Isolde mit einem Hammer in den Bauch.

Weil David nicht mit der Patientin verheiratet ist, erhält er im Sankt-Martin-Krankenhaus zunächst keine Auskunft. Erst als er mit einer von seinem Anwalt und Steuerberater Dr. Enno Meilchor gefälschten „Generalvollmacht“ zu Dr. Harry Schenkow kommt, erfährt er, dass Isolde in ein künstliches Koma versetzt wurde. David macht sich Sorgen um das ungeborene Kind, aber zu seiner Überraschung versichert ihm der Arzt, Isolde sei nicht schwanger gewesen.

Unvermittelt taucht Isoldes Vater auf, der Schuhpapst Georg Bildstock aus Saarlouis. Der Witwer – Isolde war zehn Jahre alt, als ihre Mutter starb – verweist auf eine Patientenverfügung seiner Tochter und verlangt, dass die Apparate abgestellt werden. Das kann David verhindern, weil dessen „Generalvollmacht“ jüngeren Datums als die Patientenverfügung ist. Der Schuhfabrikant und -händler beauftragt daraufhin den Rechtsanwalt Dr. Ferdinand Lux mit der Durchsetzung seiner Forderung.

Drei Rosen

Als David herausfinden will, warum Isolde auf einem alten Foto eine Rosen-Tätowierung hat, gerät er auf einen Schrottplatz in Storkow, wird dort überwältigt und mit einem Elektroschocker betäubt. Als er wieder zu sich kommt, liegt er nackt und gefesselt in einer Badewanne, und ein Psychopath, der sich Anselm nennt, beugt sich über ihn.

Cherry, eine Frau mittleren Alters, leitet die Einrichtung „Drei Rosen“, die letzte Wünsche erfüllt ‒ auch perverse. Anselm leidet darunter, dass er gegenüber anderen nichts fühlt. Vor seinem geplanten Suizid will er noch einen Menschen foltern und hofft, dabei wenigstens einmal etwas zu empfinden. Zwei Millionen Euro hat er „Drei Rosen“ dafür bezahlt.

Zunächst schneidet er David in die Beine. Bevor er mehr tun kann, bricht er über der Badewanne zusammen: Engin, ein „Drei-Zentner-Koloss aus dem türkischen Clan-Milieu“, der unter dem Pseudonym Heide West höchst erfolgreiche Schmachtfetzen schreibt und bei dem Literaturagenten unter Vertrag steht, hat gerade noch rechtzeitig Davids Handy geortet, die Wache, Cherry und Anselm erschossen.

Nachdem er David ins Virchow-Krankenhaus gefahren hat, zerstört ein Großbrand alles auf dem Schrottplatz in Storkow.

Bunker

David besucht die Mutter des entführten Mädchens und erfährt, dass Isolde Pias Babysitterin war und mit Pias Halbbruder Magnus Kühnert befreundet war.

Als er herausfindet, dass der dubiose Rechtsanwalt Dr. Ferdinand Lux ein Jagdrevier in der Döberitzer Heide besitzt, glaubt er, Pia finden zu können, denn von dem früheren NVA-Armeegelände dort existieren noch Bunker.

David nähert sich einem davon. Da klingelt sein Handy, und er hört Carl Vorlau, der ihn offenbar gerade beobachtet. David entdeckt den Mann, der ihn beschattet hat und nun vor ihm flieht – bis er die nahe Straße überqueren will und dabei von einer schwarzen Limousine durch die Luft geschleudert wird. Der Fahrer flüchtet. Das Unfallopfer ist tot.

Als die von David alarmierte Polizei eintrifft, ist die Leiche verschwunden, und der Kommissar versichert, dass Carl Vorlau in seiner Zelle in der JVA Moabit sitzt, wohin er unlängst überführt wurde.

In dem Bunker gibt es zwar Spuren von Pia, aber das entführte Mädchen ist nicht mehr da.

Jacht

Der Unternehmer Georg Bildstock befindet sich auf seiner im Großen Wannsee ankernden 40-Meter-Jacht. Obwohl seine Tochter Isolde kurz nach dem Erwachen aus dem künstlichen Koma wegen eines multiresistenten Keims an einem multiplen Organversagen zu sterben drohte, schafft sie es, das Krankenhaus zu verlassen und ihren Vater auf der Jacht zu überraschen.

Als David hinkommt, liegt Isolde mit einer Schussverletzung am Boden. Bildstock schießt auch auf David und trifft ihn an der Schulter. Trotz der Schmerzen gelingt es dem Literaturagenten, Bildstock umzurennen, und sie stürzen beide über die Reling ins Wasser. Der Unternehmer ertrinkt. David kann sich retten.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Davids Theorie (Spoiler)

Auf dem Außendeck hatte David ein Wlaby-Phone entdeckt und einen Hilfeschrei gehört. Er vermutet Pia nicht auf der Jacht, sondern im Haus Schilf, einem Geräteschuppen, der Bildstock gehört, und tatsächlich kann er das entführte Mädchen befreien.

Erst nach einiger Zeit begreift David, dass Carl Vorlau und Ferdinand Lux in der Schlachtensee-Klinik die Bekleidung ebenso wie die Rollen getauscht hatten, als er dort mit ihnen sprach. Er hielt deshalb den Rechtsanwalt für Carl Vorlau, und nicht der, sondern Ferdinand Lux starb bei dem Verkehrsunfall.

Der Literaturagent Roman Hocke, der zwar zu Davids erfolgreichsten Mitbewerbern zählt, den er aber trotzdem bat, den von Carl Vorlau – bzw. dessen Anwalt – verlangten Verlagsvertrag zu vermitteln, meldet sich telefonisch. Er habe ein entsprechendes Angebot von der Verlegerin Dr. Doris Janhsen, berichtet er. Droemer biete nicht nur die geforderte Million, sondern 1,2 Millionen. Das decke auch das Honorar der Agentur ab.

Diese Nachricht überbringt David Carl Vorlaus Ehefrau Annika, die sich mit dem vier Monate alten Sohn Moritz in der Potsdamer Wohnung ihrer Freundin Franziska aufhält. Bei seinem ersten Besuch war ihm ein Wlaby-Phone wie das auf Bildstocks Jacht aufgefallen. Nun konfrontiert er Annika Vorlau mit seiner Theorie, die er auch in den geplanten True-Crime-Thriller „Schreib oder stirb“ aufnehmen will, um die Polizei auf die richtige Spur zu bringen.

Um ein finanzielles Desaster abzuwenden, entführte der Unternehmer Georg Bildstock die siebenjährige Tochter Pia Kühnert eines Geschäftspartners. Aber statt Lösegeld zu fordern, bekam er kalte Füße, wollte sich der Polizei stellen und wandte sich deshalb an seinen Rechtsanwalt Dr. Ferdinand Lux. Der konspirierte mit Annika Vorlau, einer ehemaligen Psychologin, zu deren Patienten Georg Peer Bildstock gehört hatte, der Sohn aus der ersten Ehe des Schuhpapstes. Der half ihr dabei, David Dolla die Handlung des geplanten Romans erleben zu lassen, während Ferdinand Lux ihren gerade erst frei gesprochenen Ehemann Carl Vorlau dazu brachte, die Entführung zu gestehen und sich dann an den Literaturagenten wandte, um eine Million Vorschuss auf einen Verlagsvertrag zu bekommen.

Isoldes Geständnis (Spoiler)

Isolde gesteht David, dass sie sich als Studentin prostituierte, um ihren schwer drogenabhängigen Halbbruder Georg zu retten. Der schaffte es, clean zu werden und seinen Studienabschluss nachzuholen, aber der Vater verachtete ihn.

Bei „Drei Rosen“ wurde Isolde von einem Psychopathen vergewaltigt und dabei so schwer verletzt, dass ihr die Ärzte erklärten, sie könne keine Kinder bekommen. Als sie vor einiger Zeit dennoch schwanger wurde, sagte sie es David und freute sich mit ihm. Aber den Abortus in der siebten Woche verschwieg sie ihm.

nach oben (zur Kritik bzw. Inhaltsangabe)

Als ich wieder zu mir kam, stellte ich zwei Dinge fest:
1. Ich war vollkommen am Arsch. Seelisch und körperlich.
2. Auf den Typen, in dessen Gewalt ich mich befand, traf das auch zu.

Mit diesen Zeilen beginnt der Prolog des Romans „Schreib oder stirb“. Sebastian Fitzek und Micky Beisenherz schicken damit die Seite 157 voraus. Beim Ich-Erzähler handelt es sich um den Literaturagenten David Dolla, der ungewollt die Handlung eines geplanten True-Crime-Thrillers erlebt, den wir nun vor uns haben: „Schreib oder stirb“. Diese Metaebene gehört ebenso wie die zahlreichen Cliffhanger und die immer neuen Plot Twists zu den Besonderheiten, die „Schreib oder stirb“ zu einem spannenden Lesespaß machen. Amüsant ist auch, dass die Autoren ihren Literaturagenten Roman Hocke (AVA) als Romanfigur auftreten lassen.

Ein Thriller-Autor (Sebastian Fitzek) und ein Gag-Schreiber (Micky Beisenherz) wirken zusammen. Thriller trifft Klamauk. Aber da wäre weniger mehr gewesen. Maßlos überzeichnete Figuren und die Bemühung, alle paar Zeilen einen witzigen Spruch zu bringen, das ist zunächst noch lustig und ungewohnt, dann nervt es zunehmend.

Hier sind nur einige wenige Beispiele:

Ein winziges Fragezeichen, kaum größer als die Kniescheibe einer Amöbe.

Für eine Frau, die das Bruttoinlandsprodukt von Monaco in die äußere Erscheinung investierte […]

„Mein Psychiater sagt, ich hab zu viele Drogen genommen. Dadurch ist mein frontotemperales Gehirn geschädigt mit der Folge, dass ich keine Impulskontrolle mehr habe und mir jegliche Empathie fehlt.“
Ein Jammer. Der Mann wäre der ideale Vorstandsvorsitzende eines DAX-Konzerns.

Hätte er neben meinen Vitalwerten auch eine Depressionskurve angezeigt, hätte die wohl kaum besser ausgesehen als der Aktienkurs der Lufthansa in Pandemiezeiten.

Eine Frau wie Nutella. Es gibt nix, wovon man mehr will, obwohl man weiß, dass es einen gesundheitlich ruiniert.

Ich tat etwas, was man eigentlich nur tun sollte, wenn man völlig verzweifelt ist und nichts mit seiner Lebenszeit mehr anzufangen weiß – ich rief bei der Informationshotline an […]. Ich kenne Menschen, die in der Warteschleife der Wasserwerke verdurstet sind.

Allein in den Ledersitzen war mehr Technik verbaut als im Übungsreaktor des Hahn-Meitner-Instituts.

Vermutlich brach die Decke nur deshalb nicht durch, weil das Fundament über dickere Stützpfeiler als das neue World Trade Center verfügte.

Von dem Gebrüll fielen drei Fledermäuse tot vom Baum.

Die Story hat mehr Löcher als eine Straße in Hellersdorf.

Ich dachte an diesen Abend zurück, der so weit entfernt schien wie die ISS von der Erde.

Den Thriller „Schreib oder stirb“ von Sebastian Fitzek und Micky Beisenherz gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Simon Jäger.

nach oben (zur Kritik bzw. Inhaltsangabe)

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Droemer Verlag

Sebastian Fitzek: Der Augensammler

Heinrich Steinfest - Der Allesforscher
"Der Allesforscher" ist eine durchaus einfallsreiche Mischung aus Märchen und Groteske, ironischer Selbstfin­dungs­geschichte, Abenteuer- und Familienroman. Nach einem spekta­kulären Auftakt verliert sich Heinrich Steinfest in durch Traumlogik zusam­mengehaltene Nebengeschichten.
Der Allesforscher