Lucy Foley : Neuschnee

Neuschnee
The Hunting Party HarperCollins, London 2018 Neuschnee Übersetzung: Ivana Marinovic Penguin Verlag, München 2020 ISBN 978-3-328-10492-6, 430 Seiten ISBN 978-3-641-25394-3 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine Clique von vier Frauen und fünf Männern aus London will den Jahreswechsel in der exklusiven Atmosphäre eines abgelegenen Landguts in den schottischen Highlands feiern. Als eine der seit Jahren miteinander befreundeten Personen ermordet aufgefunden wird, kann die Polizei zunächst nicht zu dem eingeschneiten Anwesen vordringen ...
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Kritik

Für Spannung sorgt Lucy Foley in "Neuschnee" durch eine ganze Reihe von Andeutungen. Zwar geschieht ein Mord, aber dieser Thriller ist alles andere als reißerisch. Lucy Foley geht es nicht um Action und Gewalt, sondern um die Gruppendynamik, die sich in diesem Fall aus Spannungen innerhalb einer Clique langjähriger Freunde ergibt.
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Loch Corrin und die Gäste

Miranda und Julien, Samira und Giles mit ihrer sechs Monate alten Tochter Priya, Nick und sein amerikanischer Lebensgefährte Bo, Katie, Emma und Mark fahren am 30. Dezember mit dem Zug von London nach Schottland, um Silvester mit vielen Flaschen Dom Pérignon auf dem Landgut Loch Corrin in den schottischen Highlands zu feiern. Emma gehört erst seit ihrer Begegnung mit Mark vor drei Jahren zu der Clique, aber die anderen haben zusammen in Oxford studiert; Miranda und Katie sind sogar schon seit der Schulzeit miteinander befreundet. Die Yuppies sind Anfang 30 und können sich den teuren Aufenthalt leisten.

Das Landgut Loch Corrin besteht aus einer zentralen Lodge und umliegenden Hütten für die Gäste. Der ursprüngliche Jagdsitz, die Alte Lodge, brannte vor knapp 100 Jahren ab. Dabei kamen 24 Menschen ums Leben. Der heutige Besitzer des Anwesens lebt in London. Heather Macintyre arbeitet seit knapp einem Jahr für ihn als Managerin von Loch Corrin, ebenso wie der Wildhüter Doug und ein weiterer Mann namens Iain, der Besorgungen erledigt.

Eigentlich dachte Emma, die den Aufenthalt für die Clique organisierte, sie hätten Loch Corrin für sich allein. So versprach es Heather bei der Buchung am Telefon, aber Iain hatte ohne ihr Wissen die Schlafbaracke auf der anderen Seite des Sees für ein isländisches Paar reserviert.

Kristin und Ingvar kommen allerdings nur für das Highland Dinner am ersten Abend herüber.

Heather, Doug und Iain

Heather hat sich nach dem Tod ihres bei einem Feuerwehreinsatz umgekommenen Ehemanns Jamie bewusst von Edinburgh in die Einsamkeit dieses abgelegenen Landguts zurückgezogen. Ähnlich ist es bei Doug, der vom letzten seiner drei Afghanistan-Einsätze mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zurückkam. Bei der Sicherung eines routinemäßigen Außeneinsatzes war dem Scharfschützen ein etwa fünfjähriger Junge aufgefallen, der eine viel zu große Jacke getragen hatte. Doug zögerte mit dem Finger am Abzug – bis die Explosion der Sprengstoffweste alle Männer der Einheit bis auf ihn zerfetzte. Später erkannte ihn Adrian Campbell, ein Gast in einer Bar in Glasgow, und zeigte auf seinem Handy ein Foto aus Afghanistan, auf dem sein Freund Glen Wilson mit Doug zu sehen war. Aufgebracht fragte er den Kriegsveteran, warum er lebe, Glen jedoch nicht. Doug beherrschte sich, bis ihn Adrian Campbell als Feigling beschimpfte. Da stürzte er sich auf ihn und hätte ihn umgebracht, wenn andere Gäste nicht dazwischen gegangen wären und die Polizei gerufen hätten.

Seit seinen Erlebnissen in Afghanistan leidet Doug unter Fugue-Episoden: Des Öfteren kommt er an einem Ort zu sich und weiß weder, warum er dort ist noch was er in der letzten Stunde getan hat.

2. Januar

Miranda ist verschwunden. Wegen eine Unmenge Neuschnee ist Loch Corrin von der Außenwelt abgeschnitten, und die von Heather alarmierte Bergwacht kann bei dem Schneetreiben nicht einmal mit einem Hubschrauber nach der Vermissten suchen.

Doug findet die Leiche der Frau unterhalb einer Brücke, und es sieht nicht nach einem Unfall, sondern nach Mord aus. Fiel Miranda dem Highland Ripper zum Opfer, einem noch nicht gefassten Serienmörder, der in der letzten Zeit für Schlagzeilen gesorgt hat?

Heather ruft die Polizei an, aber die Kriminaloberkommissarin Alison Querry kann ebenso wenig wie die Bergwacht nach Loch Corrin kommen, solange die Schneefälle nicht nachlassen.

Als noch am selben Tag der Highland Ripper in Glasgow festgenommen wird, übergibt Alison Querry den Fall auf dem abgelegenen Landgut ihrem Kollegen John MacBride.

Heather fällt auf, dass in der Lagerhalle eines der Gewehre fehlt. Den Türcode kennen außer ihr nur Doug und Iain.

Sie erinnert sich, in der Silvestenacht ein Licht am zum Landgut gehörenden Munro gesehen zu haben. Argwöhnisch nimmt sie ein Gewehr und steigt trotz des hohen Schnees zur Alten Lodge hinauf. Man hat ihr gesagt, das Gebäude sei einsturzgefährdet, und sie kennt auch den Türcode nicht. Nachdem sie ein paar Bretter abgerissen hat, mit denen die Fenster vernagelt sind, sieht sie im Inneren aufgestapelte Päckchen. Das ist kein Zucker. Das sind Drogen! Kaum hat sie das erkannt, wird sie von Iain niedergeschlagen.

Er schleift sie hinein und fesselt sie auf einen Stuhl. Heather befragt ihn und erfährt, dass der Besitzer das abgelegene Landgut nur zur Tarnung zahlenden Gästen anbietet. Eigentlich dient es als Depot für Drogen, die von Leuten wie Kristin und Ingvar aus Island eingeschmuggelt und später mit der Bahn nach London gebracht werden.

Als Iain das Gewehr hebt, das er Heather abgenommen hat, hört sie einen ohrenbetäubenden Knall.

Der Schuss kam von der Tür. Doug war Heathers Spuren im Schnee besorgt gefolgt und hat Iain in die Schulter getroffen.

Um einen noch stärkeren Blutverlust zu vermeiden, verbindet er den wehrlosen Verletzten.

Heather und Doug nehmen an, Iain habe Miranda getötet, aber er beteuert, den Mord nur beobachtet zu haben. Auch habe er kein Gewehr aus der Lagerhalle genommen. Wer ist dann damit bewaffnet?


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Neujahrsnacht

Nach der Silvesterfeier mit sehr viel Alkohol ertappt Miranda ihren Ehemann Julien mit Katie, ihrer besten Freundin, nackt und in flagranti. Dabei fällt ihr auf, dass Katie schwanger ist. Empört kündigt sie an, mit dem ersten Zug nach London zurückzukehren und droht, Juliens Existenz als Hedgefonds-Manager zu zerstören. Seit einem Jahr weiß sie von seinen Insidergeschäften.

Als Miranda um 4 Uhr morgens Trost bei Emma sucht und gedankenlos mit einem Himitsu Bako spielt, entdeckt sie ein verloren geglaubtes Feuerzeug und andere Gegenstände, die ihr abhanden kamen. Miranda litt seit dem Studium in Oxford und auch noch in den ersten Jahren in London darunter, dass ihr hin und wieder jemand Gegenstände schickte, von denen sie geglaubt hatte, sie verloren zu haben. Sie hielt sich für das Opfer eines unbekannten Stalkers, aber jetzt begreift Miranda, dass Emma sie nicht nur zu imitieren versucht, sondern auch Sachen von ihr gestohlen hat.

Emma läuft ihrem Idol verzweifelt nach und holt Miranda auf einer geländerlosen Brücke ein. Als Miranda sie im Zorn als Psychopathin beschimpft, packt Emma sie am Hals, und als sie spürt, wie der Körper erschlafft, stößt sie ihn entsetzt von sich. Miranda stürzt von der Brücke und schlägt mit dem Kopf auf.

2. Januar

Emma, die über ein fotografisches Gedächtnis verfügt, prägte sich durch Zusehen den Türcode der Lagerhalle ein, um ein Gewehr stehlen zu können. Sie gibt Katie und Julien die Schuld: Wenn die beiden Miranda nicht betrogen hätten, würde sie jetzt noch leben. Emma will Rache.

Während der Polizeihubschrauber einfliegt, kehren Heather und Dough zur Lodge zurück. Von weitem sehen sie Emma und Katie. Als Emma mit dem Gewehr auf Katies Brust zielt, rennt Heather los und stößt Katie um. Der Schuss trifft sie in den Bauch.

Im Krankenhaus kommt sie wieder zu sich.

Und trotz des heftigen Sturzes treten bei Katie Lewis‘ Schwangerschaft keine Komplikationen auf.

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Während eine Gruppe von Menschen vorübergehend von der Umwelt abgeschnitten ist, geschieht ein Mord. Diese Szenerie gehört zu den bewährten Topoi des Krimi-Genres. Eine dichte, beklemmende Atmosphäre entsteht dabei fast von selbst. Und Lucy Foley macht in ihrem Thriller „Neuschnee“ etwas Neues aus dem Ansatz.

Bei einem Plot wie diesem müssten unter den vom Neuschnee eingeschlossenen Menschen Furcht und Argwohn aufkommen. Aber Lucy Foley zeigt uns die Clique nur, solange gefeiert wird. Nach Silvester treten die Gäste nicht mehr als Gruppe auf.

Für Spannung sorgt Lucy Foley in „Neuschnee“ durch eine ganze Reihe von Andeutungen, beispielsweise über einen Serienmörder in der Umgebung, traumatisierende Ereignisse in der Vergangenheit der Witwe Heather Macintyre und des Wildhüters Doug, der drei Aghanistan-Einsätze hinter sich hat. Aber auch in der Clique der Freunde gibt es Konflikte und Geheimnisse. Gleich zu Beginn erfahren wir, dass eine Leiche gefunden wurde – aber erst ganz zum Schluss nennt Lucy Foley den Namen der toten Person. Dass sie über hunderte von Seiten hinweg nicht einmal verrät, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, erhöht zwar die Spannung, wirkt aber auch verkrampft.

Die Handlung von „Neuschnee“ spielt an wenigen Tagen, vom 30. Dezember bis 2. Januar, und Lucy Foley springt fortwährend zwischen „Jetzt“ (2. Januar) und den Tagen davor hin und her. Außerdem wechselt sie die Perspektive. Sie lässt Emma, Katie, Miranda und Heather in der Ich-Form und im Präsens erzählen, aber für Dougs Blickwinkel wählt sie die dritte Person Singular. Dass dabei auch eine am Ende tote Person zu Wort kommt, ist ein wenig schief.

Bei den Akteuren in „Neuschnee“ handelt es sich um elf, zwölf mehr oder weniger gleichgewichtige Romanfiguren. Das erschwert eine Ausleuchtung der Charaktere. Lucy Foley zeichnet sie zwar sehr verschieden und zum Teil gegensätzlich, aber Tiefe können sie nicht gewinnen.

Zwar geschieht ein Mord, aber „Neuschnee“ ist alles andere als ein reißerischer Krimi. Lucy Foley geht es nicht um Action und Gewalt, sondern um die Gruppendynamik, die sich in diesem Fall aus Spannungen innerhalb einer Clique langjähriger Freunde ergibt.

An einer Stelle hat man den Eindruck, dass eine Kapitelüberschrift vergessen wurde: Auf Seite 78 beginnt ein „Jetzt“-Kapitel. Es geht also um den 2. Januar, aber auf Seite 90 springen wir unvermittelt zurück zum 30. Dezember.

Zur Belustigung sei auf zwei kleine Denkfehler hingewiesen. Auf Seite 245 gibt es Patronenhülsen, mit denen Tiere erlegt wurden, und auf Seite 258 schenkt Julien neun Personen „großzügig“ aus einer Flasche Champagner ein (80 Milliliter pro Person).

Den Thriller „Neuschnee“ von Lucy Foley gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Maja Maneiro, Sandrine Mittelstädt, Monika Oschek, Florens Schmidt und Heike Warmuth (ISBN 978-3-8445-3681-2).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020

William Faulkner - Licht im August
Das Besondere an "Licht im August" sind die modernen Stilformen. Statt als allwissender Erzähler aufzutreten, versetzt William Faulkner sich abwechselnd in eine der Figuren und schildert nur, was diese weiß oder vermutet, beobachtet oder ihrerseits erzählt bekommt.
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