Eva García Sáenz : Die Stille des Todes

Die Stille des Todes
El silencio de la ciudad blanca Editorial Planeta, Barcelona 2016 Die Stille des Todes Übersetzung: Alice Jakubeit Fischer Scherz, Frankfurt/M 2019 ISBN 978-3-651-02588-2, 566 Seiten ISBN 978-3-651-02588-2 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

2016 werden in der baskischen Stadt Vitoria acht Leichen gefunden. Die paarweise Drapierung gleicht der in einer Mordserie, für die der Archäologe Tasio Ortiz de Zárate seit 20 Jahren im Gefängnis sitzt. Ist er der Auftraggeber, ahmt jemand ihn nach oder wurde auch die frühere Mordserie von einem Anderen begangen?
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Kritik

Eva García Sáenz lässt in ihrem Thriller "Die Stille des Todes" den Ermittler Unai López de Ayala als Ich-Erzähler auftreten. Die Handlung spielt 1969 bis 1971, 1989/90 und 2016 im Baskenland. Der dort geborenen Autorin kommt es auf Suspense und Lokalkolorit an. Die Charaktere sind ihr weniger wichtig.
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Neue Mordserie

Am 24. Juli 2016 werden in der Krypta der Alten Kathedrale der baskischen Stadt Vitoria ein toter Mann und eine tote Frau gefunden. Am folgenden Tag liegen zwei weitere Tote in der Casa del Cordón.

Die Drapierung der nackten Paare gleicht der in einer früheren Mordserie. Der als achtfacher Mörder verurteilte Archäologe Anastasio („Tasio“) Ortiz de Zárate sitzt allerdings seit 20 Jahren im Gefängnis, könnte also allenfalls der Auftraggeber der neuen Mordserie sein. Zwei Neugeborene waren damals die ersten Mordopfer. Es folgten 5, 10 bzw. 15 Jahre alte Paare und nach zwei Jahrzehnten Pause nun zwei 20- und zwei 25-Jährige. Während die Opfer damals an Eibengift starben, erstickten die neuen an Schwellungen im Rachen: Der Mörder hatte ihnen Bienen in den Mund geschoben und diesen dann mit Klebeband versiegelt.

Inspector Unai López de Ayala („Kraken“) und Inspectora Estíbaliz („Esti“) Ruiz de Gauna leiten die Ermittlungen. Der Fallanalytiker und die Viktimologin unterstehen der Subcomisaria Alba Díaz de Salvatierra in Vitoria.

Der Archäologe Tasio Ortiz de Zárate war damals eine Berühmtheit mit einer eigenen Fernsehsendung. Festgenommen hatte ihn sein Zwillingsbruder Ignazio Ortiz de Zárate, der kurz darauf seinen Dienst bei der Polizei quittierte. In Kürze wird Tasio seinen ersten Hafturlaub antreten dürfen.

Bevor die Ermittler auch nur einen Schritt weitergekommen sind, setzt sich die Mordserie fort. Ein 30 Jahre altes Paar liegt zu Füßen der Virgen Blanca auf dem Vorplatz der Kirche San Miguel Arcángel. Am 9. August schlägt der Verbrecher erneut zu. Diesmal ermordet er zwei 35-Jährige: Estis Bruder Eneko Ruiz de Gauna („Eguzkilore“) und Martina López de Arroyabe, die mit Unais Bruder Germán López de Ayala verlobt war.

Erste Ermittlungsergebnisse

An der Wallfahrtskapelle in San Vicentejo fällt dem 40-jährigen Inspector Unai López de Ayala die Darstellung eines Paares auf, die dem Serienmörder bei der Drapierung der Leichen als Vorlage gedient haben könnte. Der 87-jährige Witwer Tiburcio Sáenz de Urturi, der vor Jahrzehnten die Restaurierung der Kapelle leitete, erinnert sich an einen rothaarigen Gehilfen, den er damals hatte.

Einen weiteren entscheidenden Hinweis erhält Unai López de Ayala von seinem Großvater in Villaverde. Der Witwer besucht mit ihm seine 102 Jahre alte Schwägerin Felisa. Und die berichtet ihrem Großneffen, was sie als Sprechstundenhilfe des Arztes Dr. Álvaro Urbina 1969 bis 1971 und dann als Rentnerin im Jahr 1989 erlebte.

Vitoria, 1969 bis 1971

Blanca Díaz de Antoñana heiratet 1969 den verwitweten Industriellen Javier Ortiz de Zárate, obwohl dieser sie bereits während der Verlobungszeit schlug. Sie betrügt ihn mit ihrem um sie besorgten Arzt Dr. Álvaro Urbina.

Als sie schwanger geworden ist und im Februar 1971 die Wehen einsetzen, ruft Javier Ortiz de Zárate den Arzt an, der daraufhin mit seiner Sprechstundenhilfe Felisa zur Villa des Industriellen eilt. Nachdem Blanca eineiige Zwillinge geboren hat, bringt sie unerwartet noch einen dritten Jungen zur Welt, der den beiden anderen überhaupt nicht ähnelt und rothaarig ist wie Álvaro Urbina. Javier Ortiz de Zárate darf nicht erfahren, dass die Kinder von einem anderen Mann gezeugt wurden, denn er würde Blanca, ihren Liebhaber und die Neugeborenen umbringen. Im Einverständnis mit Blanca schleicht sich Felisa mit dem rothaarigen Drilling aus dem Haus und bringt ihn einem Ehepaar in Izarra, dessen Kinderwunsch nicht in Erfüllung gegangen ist.

Javier Ortiz de Zárate wusste bereits von der Affäre seiner Frau. Er besteht darauf, dass sich der Arzt von seinem Chauffeur nach Hause fahren lässt – und danach gilt Álvaro Urbina als vermisst.

Villaverde / Izarra, 1989

Anfang 1989 fährt Blanca Díaz de Antoñana nach Villaverde und fragt Felisa nach der Familie, die 1971 ihren dritten Sohn aufnahm. Ihr Ehemann starb kürzlich, und sie selbst hat wegen einer aggressiven Krebserkrankung nicht mehr lang zu leben.

Im März 1989 taucht sie in Izarra auf und erkundigt sich nach dem Imker Venancio Lopdana und dessen Familie. In der gibt es zwei fünfjährige Kinder, Idoia und Andoni. Außerdem wohnt in dem verwahrlosten Bauernhaus ein 18-Jähriger, den Venancio Lopdana und Regina Muñoz als Tagelöhner herumschicken, um das Familieneinkommen aufzubessern. Er heißt Venancio, wird aber Nancho gerufen.

Blanca erklärt ihm, dass er ihr Sohn ist und zwei Brüder hat. Sie verspricht, in einer Woche mit einem Rechtsanwalt wiederzukommen, damit er nach ihrem baldigen Tod sein rechtmäßiges Erbe antreten kann.

Aber Nancho wartet vergeblich auf die elegante Dame aus Vitoria. Zufällig liest er in der Zeitung die Todesanzeige. Mit dem Zug fährt er nach Vitoria. Nach der Beerdigung spricht er seine beiden Brüder an. Aber Tasio und Ignazio Ortiz de Zárate halten den schäbig gekleideten Fremden für einen Betrüger und prügeln ihn noch auf dem Friedhof halb tot.

Nachdem Nancho sich in einem Schuppen einigermaßen von den Schlägen und Tritten erholt hat, kehrt er nach Izarra zurück. Venancio Lopdana verprügelt ihn mit einem Gurt. Nachts, als alle schlafen, fackelt Nancho das Haus ab. Idoia und Andoni, die beiden Fünfjährigen, kommen ebenso ums Leben wie ihre 45 Jahre alten Eltern.

Obwohl der zuständige Feuerwehrchef María Jesús Lerona den Verdacht äußert, dass es sich nicht nur um Brandstiftung, sondern zugleich um einen Vierfachmord handelt, ermittelt die Polizei nicht weiter.


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Die Identifikation des Serienmörders

Als Tasios Hafturlaub endet und er sich nicht in der Justizvollzugsanstalt zurückmeldet, bricht die Polizei die Tür seines Hauses auf – und findet dort die abgeschnittene elektronische Fußfessel. Zur gleichen Zeit alarmiert der Rechtsanwalt Antonio Garrido-Stoker den Inspector, denn Ignazio Ortiz de Zárate ist aus der Villa des Juristen in San Sebastian verschwunden. Wurden die 40-jährigen Zwillinge aus den beiden überwachten Anwesen entführt?

Fieberhaft fahndet die Polizei nach Nancho Lopdana. Es stellt sich heraus, dass er 1989/90 eine Abendschule in Pamplona besuchte und während dieser Zeit in einer Pension wohnte. 1990 brannte es in dem Zimmer, das er sich mit einem Journalistik-Studenten teilte. Der Polizeiakte zufolge kam er dabei ums Leben, aber das Gesicht und die Finger waren verkohlt. Identifiziert wurde er anhand der Reste von Kleidungsstücken und des Bettes, in dem die Leiche lag. Sein Mitbewohner verschwand zur gleichen Zeit, und Unai López de Ayala traut seinen Ohren nicht, als er den Namen Mario Santos Espinosa hört, denn dem Redakteur des „Correo Vitoriano“ vertraute er hin und wieder exklusive Informationen an. Offenbar verbrannte 1990 der Student, und Nancho nahm dessen Identität an.


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Spoiler

Nachdem Unai seine Kollegin Esti am 18. August telefonisch gebeten hat, Mario Santos zu verhaften, ruft er die gemeinsame Vorgesetzte an, um sie über die Identität des Serienmörders zu informieren. Alba Díaz de Salvatierra, die gerade die Mittagspause zu Hause mit ihrem Mann verbringt, ist kurz angebunden.

Unai sucht nach den verschwundenen Zwillingen in einem Gebiet, in dem sich San Vicentejo befindet, aber in der Wallfahrtskapelle ist niemand. In dem 1934 aufgegebenen Dorf Ochate stößt er auf eine verdächtige Hütte, und durch ein Kellerfenster gelangt er hinein. Nachdem er Tasio und Ignazio gefunden hat, verständigte er Esti – und erfährt, dass es sich bei Mario Santos um den Ehemann der Subcomisaria handelt. Beide sind verschwunden. Offenbar wurde der Serienmörder durch das kurze Telefongespräch von Unai und Alba gewarnt.

Bevor Unai reagieren kann, injiziert ihm Mario Santos Rohypnol in den Hals und zerrt ihn dann ins Freie. Dort liegt Alba, leblos, nackt, mit zugeklebtem Mund. Mario schießt auf Unai und trifft ihn in den Kopf. Im nächsten Augenblick wird er von Esti mit einem Kopfschuss getötet.

Am 28. August erwacht Unai aus dem Koma. Das ins Gehirn eingedrungene Projektil hat sein Sprachzentrum beschädigt.

Er erfährt, dass Alba 40 Jahre alt ist, ebenso wie er. Der Serienmörder wollte sie beide vor den fünf Jahre älteren Zwillingen töten. Aber nachdem er seiner Frau Bienen in den Mund geschoben und diesen verklebt hatte, hörte er ein Geräusch aus dem Keller und schaute nach. Alba gelang es, die Bienen zu zerbeißen, aber als Mario mit Unai zurückkam, stellte sie sich tot.

Die Zwillinge ziehen nach Los Angeles. Tasio Ortiz de Zárate will dort ein Drehbuch mit dem Titel „Die Stille des Todes“ schreiben.

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Eva García Sáenz lässt in ihrem Thriller „Die Stille des Todes“ den Ermittler Unai López de Ayala als Ich-Erzähler auftreten. Bereits im Prolog erfahren wir, dass er bei der Aufklärung der Mordserie im Baskenland einen Kopfschuss erhält, und auf Seite 105 heißt es noch einmal:

Jetzt bin ich der Polizist, der den berühmtesten Serienmörder in der Geschichte Vitorias verfolgte und am Ende eine Kugel im Kopf abbekam.

Das klingt erst einmal paradox.

Unai López de Ayala erzählt chronologisch vom 24. Juli bis 10. November 2016. Eingestreut sind Kapitel über die Vorgeschichte in den Jahren 1969 bis 1971 bzw. 1989/90. Nicht alles davon ist überzeugend, aber es gibt in „Die Stille des Todes“ eine Reihe spannennder Wendungen, und der Thriller lässt sich flott lesen.

Offenbar kommt es Eva García Sáenz darauf an, die Leserinnen und Leser mit Suspense zu unterhalten. Dabei baut sie auch viel Lokalkolorit ein. Die Charaktere sind ihr weniger wichtig; sie bleiben allesamt eindimensional.

„El silencio de la ciudad blanca“ (2016) / „Die Stille des Todes“ (2019) ist der erste Band einer Thriller-Reihe von Eva García Sáenz, die mit „Los ritos del agua“ (2017) / „Das Ritual des Wassers“ (2019) und „Los señores del tiempo“ (2018) / „Die Herren der Zeit“ (2020) fortgesetzt wurde. Von den spanischen Originalausgaben sollen mehr als eine Million Exemplare verkauft worden sein. „El silencio de la ciudad blanca“ wurde von Daniel Calparsoro nach einem Drehbuch von Roger Danès und Alfred Pérez Fargas mit Belén Rueda, Javier Rey, Aura Garrido u. a. verfilmt. Den Thriller „Die Stille des Todes“ von Eva García Sáenz gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Uve Teschner (ISBN 978-3-8398-1728-5).

Eva García Sáenz de Urturi wurde 1972 in Vitoria im Baskenland geboren. 2012 debütierte sie mit dem Roman „La saga de los longevos. La vieja familia“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

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