Michael Köhlmeier : Das Philosophenschiff

Das Philosophenschiff
Das Philosophenschiff Originalausgabe Carl Hanser Verlag, München 2024 ISBN 978-3-446-27942-1, 222 Seiten ISBN 978-3-446-28237-7 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die hundertjährige Architektin Prof. Anouk Perleman-Jacob erzählt einem aus Bregenz angereisten Schriftsteller im Mai 2008 in Wien, wie sie Ende 1922 als 14-Jährige mit ihren Eltern und einigen anderen missliebigen Intellektuellen auf einem "Philosophenschiff" aus Russland deportiert wurde. Sie wussten nicht, was mit ihnen geschehen würde, und die Besatzung blieb für sie unsichtbar. Nur Anouk wagte es, das Schiff zu erkunden ...
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Kritik

"Das Philosophenschiff" handelt von einer Revolution, die nicht nur ihre Kinder, sondern auch ihre Väter frisst, es ist eine Geschichte über Despoten und das Debakel einer großen Idee. Michael Köhlmeier verknüpft sowohl in der Rahmen- als auch in der Binnenhandlung Fakten und Fiktion. Er lässt eine Hundertjährige erzählen. Das geschieht natürlich nicht stringent, sondern assoziativ und verschachtelt.
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Die Hundertjährige

Anlässlich des 100. Geburtstags der Architektin Prof. Anouk Perleman-Jacob im Mai 2008 veranstaltet der Österreichische Ingenieur- und Architektenverein ein Bankett im Palais Eschenbach in Wien und lädt dazu auf ausdrücklichen Wunsch der berühmten Jubilarin auch einen Schriftsteller aus Bregenz ein. Er hat nur eine Nacht in Wien eingeplant, aber Anouk Perleman-Jacob fordert ihn am Abend auf, sie in ihrer Villa im Nobelviertel Hietzing zu besuchen. Er soll einen Roman über sie schreiben.

Im Verlauf mehrerer Tage erzählt sie, was sie ihn wissen lassen möchte. Zwischendurch recherchiert der Schriftsteller in der Nationalbibliothek und befragt die Amerikanerin Alice Wingard, die als 18-jährige Studentin vor 40 Jahren in der texanischen Hafenstadt Corpus Christi eine Vorlesung der Professorin hörte, sich mit ihr anfreundete und seit 20 Jahren in Wien lebt.

Anouk wurde 1908 in Sankt Petersburg geboren. Ihr Vater Michail Jacob war ein Architekturprofessor, ihre Mutter Maria Perleman eine Ornithologin, 25 Jahre jünger als ihr Mann.

1918 wurde Michail Jacob aufgefordert, die als zu groß geltende Wohnung in Sankt Petersburg aufzugeben. Die Familie fuhr deshalb mit dem befreundeten, bei ihr wohnenden Ehepaar Ioakim und Rosa Kannegiesser aufs Land, um einen zum Verkauf angebotenen Bauernhof zu besichtigen. Dabei stieß die neunjährige Anouk auf die Leiche eines Mannes, die mit einem in den Anus gerammten Schaufelstil in einem Baum hing.

Maria Perleman organisierte dann den Umzug in eine kleinere Wohnung. Ihr depressiver Mann war dazu nicht in der Lage.

Ende 1922 musste die Familie Russland auf einem sog. Philosophenschiff verlassen. Anouks Eltern lebten neun Jahre lang in Berlin, dann kündigten sie ihrer damals 23-jährigen Tochter ihren gemeinsamen Suizid an und setzten ihr Vorhaben um.

Anouk Perleman-Jacob erhielt 1968 durch die Eheschließung mit dem Arzt Dr. Albert Wehinger die österreichische Staatsangehörigkeit. (Er starb 1988.)

Das Philosophenschiff

Ende 1922, Anouk ist 14 Jahre alt, werden sie, ihre Eltern und das Ehepaar Kannegiesser in Sankt Petersburg abgeholt. Zum Packen bleibt ihnen nur eine halbe Stunde. Mit sieben weiteren Personen bringt man sie an Bord eines Dampfturbinenschiffes, das 2000 Passagiere aufnehmen könnte. In der 3. Klasse werden ihnen Kabinen zugewiesen.

Ioakim und Rosa Kannegiesser brechen sterbend zusammen. Sie haben Gift geschluckt.

Bei den zwangsweise an Bord gebrachten Personen handelt es sich um Mitglieder der Intelligenzija. Schon in den Wochen davor wurden in Ungnade gefallene Intellektuelle auf sog. Philosophenschiffen deportiert. Allerdings waren jeweils um die zweihundert Ausgebürgerte auf einem Schiff, nicht nur zehn.

Der Befehl dazu kam von Lenin. Der ärgerte sich über den Philosophen Nikolai Alexandrowitsch Berdjajew, der Lenins Buch „Materialismus und Empiriokritizismus“ verrissen hatte. Weil Lenin aber weder als kleinlich noch als rachsüchtig gelten möchte, ließ er nicht nur Berdjajew, sondern gleich hunderte von missliebigen Intellektuellen ausweisen.

Das Philosophenschiff mit den zehn Passagieren sticht in See, aber am nächsten Tag werden die Maschinen mitten im Finnischen Meerbusen abgestellt.

Weder Anouks Eltern noch die anderen Ausgebürgerten wissen, was mit ihnen geschehen wird. Fragen können sie niemanden, denn die Besatzung bleibt für sie unsichtbar, und sie dürfen den ihnen zugewiesenen Bereich in der 3. Klasse nicht verlassen. Wohin geht die Reise? Vielleicht sollen sie auf dem Meer umgebracht werden.

Am fünften Tag nähert sich ein Motorboot, dreht bei und entfernt sich nach einer Weile wieder.

Anouk hält sich nicht an die Absperrungen, sondern erkundet andere Bereiche des Schiffs. Auf dem Sonnendeck der 1. Klasse entdeckt sie einen in Decken gehüllten Mann im Rollstuhl, der den Roman „Ruf der Wildnis“ von Jack London liest. Einige Zeit beobachtet ihn die 14-Jährige unbemerkt, dann entdeckt er sie. Er sei Lenin, erklärt er und warnt sie vor seinen Bewachern. Anouk besucht ihn an den folgenden Tagen, und die beiden reden miteinander.

Verwicklungen

Anouk Perleman-Jacob erfährt und versteht erst später, warum sowohl ihre Eltern als auch das Ehepaar Kannegiesser Russland verlassen mussten.

Als sie noch ein Kleinkind war, lehrte ihr Vater an der École polytechnique in Paris und ihre Mutter studierte Ornithologie. Michail Jacob freundete sich in Paris mit dem Schriftsteller Boris Wiktorowitsch Sawinkow an. Den hatte man 1906 wegen seiner Beteiligung an der Ermordung des russischen Großfürsten Sergei Alexandrowitsch Romanow im Jahr davor zum Tod verurteilt, aber er war aus dem Gefängnis in Odessa nach Paris geflohen. Nach der Revolution kehrte er zwar als Held nach Russland zurück, musste aber 1922 erneut nach Paris fliehen. (1924 lockte man ihn von dort zurück, inhaftierte ihn und stieß ihn im Mai 1925 aus einem Fenster im fünften Stock des Lubjanka-Gefängnisses in Moskau.)

1922 wurden Michail Jacob, Maria Perleman und sogar die 14-jährige Tochter getrennt voneinander über Boris Wiktorowitsch Sawinkow vernommen. Anouk glaubte damals, die Freundschaft ihres Vaters mit ihm sei der Grund für die Deportation auf dem Philosophenschiff.

Tatsächlich war es zumindest nicht der einzige Grund.

In Paris hatte sich Michail Jacob nicht nur mit Boris Wiktorowitsch Sawinkow angefreundet, sondern auch mit dem Dichter Nikolai Stepanowitsch Gumiljow, und für Maria Perleman wurde er mehr als ein Freund. Als sie von ihm schwanger war, organisierten Liebhaber und Ehemann eine Abtreibung. Die Ménage à trois endete auch nach der Rückkehr nicht, obwohl Nikolai Gumiljow 1909 in Sankt Petersburg die Lyrikerin Anna Achmatowa heiratete und zugleich eine sexuelle Beziehung mit Leonid Kannegiesser hatte, der wiederum auch mit Michail Jacob intim war.

Ich glaube, die Einzigen, die es nicht miteinander trieben, waren meine Mutter und mein Vater.

Leonid Kannegiesser erschoss am 30. August 1918 Moissei Solomonowitsch Urizki, den Chef der Tscheka in Petrograd (Sankt Petersburg). Der Attentäter wurde rasch gefasst und im Oktober 1918 ohne Urteil erschossen. Vier Jahre später mussten seine Eltern und die mit ihnen befreundete Familie von Michail Jacob und Maria Perleman das Land verlassen. Leonid Kannegiessers Freund Nikolai Stepanowitsch Gumiljow hatte man im August 1921 erschossen.

Lenins Tod

Schließlich nähert sich ein Kutter dem Philosophenschiff. Keiner der Deportierten kann sehen, ob jemand an Bord kommt.

Anouk schleicht sich zur 1. Klasse hinauf und sieht, dass ein Mann – es ist Stalin – vor Lenin steht und auf ihn einredet. Ein weiterer Mann, der die beiden nicht zu beachten scheint und um den diese sich auch nicht weiter kümmern, sägt ruhig ein Stück aus der Reling heraus. Sobald Stalin gegangen ist, schiebt er Lenin im Rollstuhl an diese Stelle und stößt ihn ins Meer, 30 Meter tief.

Epilog

Der Schriftsteller kehrt von Wien nach Bregenz zurück. Dort erhält er einen Anruf von Alice Wingard: Anouk Perleman-Jacob ist gestorben.

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In seinem Roman „Das Philosophenschiff“ hat Michael Köhlmeier die eigentliche, nach der Russischen Revolution spielende Geschichte in eine Rahmenhandlung eingefügt, auf die er zwischendurch immer wieder zurückkommt: Die fiktive hundertjährige Architektin Prof. Anouk Perleman-Jacob erzählt einem aus Bregenz angereisten Schriftsteller im Mai 2008 in Wien, wie sie Ende 1922 als 14-Jährige mit ihren Eltern auf einem „Philosophenschiff“ aus Russland deportiert wurde. Ob Michael Köhlmeier bei der Protagonistin an die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (1897 – 2000) dachte, weiß ich nicht, aber beim Schriftsteller, dessen Ehefrau Monika in Vorarlberg auf ihn wartet, gibt es zweifellos Parallelen zum mit Monika Helfer verheirateten Autor.

Michael Köhlmeier verknüpft sowohl in der Rahmen- als auch in der Binnenhandlung Fakten und Fiktion. Die Ich-Erzählerin Anouk Perleman-Jacob lügt zwischendurch und gesteht dann:

Ich habe de Wahrheit ein bisschen von mir weg erfinden wollen.

„Philosophenschiffe“ gab es tatsächlich. Den Begriff prägte der Philosoph und Mathematiker Sergej Choruschi 1990. Im Herbst 1922 ließ Lenin ein paar hundert missliebige Intellektuelle („Intelligenzija“) auf mehreren Schiffen ausweisen.

Lenin (Wladimir Iljitsch Uljanow, 1870 – 1924) war Ende 1922 ebenso wie die Romanfigur schwer krank und teilweise gelähmt, aber dass er am Ende selbst auf ein Philosophenschiff gebracht wurde, gehört zur Fiktion. Sein Zustand war vermutlich auch eine Folge des Attentats auf ihn, das in den Bereich der historischen Tatsachen gehört: Wie im Roman beschrieben, traf die 28-jährige Anarchistin Fanny Kaplan den Revolutionsführer am 30. August 1918 in Moskau mit zwei Schüssen und wurde drei Tage später ohne Gerichtsurteil erschossen, möglicherweise als Sündenbock.

Ebenfalls am 30. August 1918 erschoss der 22-jährige Leonid Ioakimowitsch Kannegiesser Moissei Solomonowitsch Urizki, den Chef der Tscheka in Petrograd (Sankt Petersburg). Der Attentäter wurde rasch gefasst und im Oktober 1918 ebenso wie Fanny Kaplan ohne Urteil liquidiert.

Auch bei den Romanfiguren Nikolai Alexandrowitsch Berdjajew, Boris Wiktorowitsch Sawinkow und Nikolai Stepanowitsch Gumiljow hat Michael Köhlmeier auf historische Personen zurückgegriffen.

Und wenn Michael Köhlmeier von einem Zaren behauptet, er habe sich einen mehr als acht Meter langen Tisch machen lassen, um Staatsgäste auf Distanz zu halten, dann denken wir an Putins bizarre Machtgeste kurz vor dem Angriff gegen die Ukraine. Putin ist wohl auch gemeint, wenn es in „Das Philosophenschiff“ heißt, Lenin habe nicht wegen einer großen Idee, sondern wegen einer Kränkung Menschen ermorden lassen. Autokraten und Despoten jeglicher Couleur gleichen sich in ihren Methoden.

„Das Philosophenschiff“ handelt von einer Revolution, die nicht nur ihre Kinder, sondern auch ihre Väter frisst, es ist eine Geschichte über das Debakel einer großen Idee.

Michael Köhlmeier lässt eine Hundertjährige erzählen. Das geschieht natürlich nicht stringent, sondern assoziativ und abschweifend, mäandernd und verschachtelt.

Ein paar Kleinigkeiten in „Das Philosophenschiff“ sind wohl auch im Lektorat nicht aufgefallen. Beispielsweise heißt eine Romanfigur auf Seite 96 Grigorij Petrow, auf der nächsten Seite Alexander Petrow. Der erweiterte Suizid von Michail Jacob und Maria Perleman findet 1931 in Berlin statt (Seite 10), aber auf Seite 60 lesen wir, dass Maria Perleman ihrer Tochter 1932 in Geheimnis anvertraut. (Die Angabe, die im Mai 1908 geborene Anouk sei zum Zeitpunkt des Todes ihrer Eltern 23 Jahre alt gewesen –Seite 211 –, könnte in beiden Fällen zutreffen.)

Den Roman „Das Philosophenschiff“ von Michael Köhlmeier gibt es auch als Hörbuch, gelesen vom Autor selbst.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2024
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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