Carmen Maria Machado : Das Archiv der Träume

Das Archiv der Träume
In the Dream House Verlag GraywolfPress, Minneapolis 2019 Das Archiv der Träume Übersetzung: Anna-Nina Kroll Tropen Verlag, Stuttgart 2021 ISBN 978-3-608-50450-7, 332 Seiten ISBN 978-3-608-11705-9 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Roman "Das Archiv der Träume" ist autobiografisch. Carmen Maria Machado rekonstruiert damit eine traumatische lesbische Beziehung, die sie durchmachte, als sie Mitte 20 war. Es geht um Unterwerfung und Abhängigkeit, um die Wiedergewinnung der Selbstbestimmung und die Bewältigung einer psychischen Verletzung.
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Kritik

Carmen Maria Machado entwickelt in "Das Archiv der Träume" keine durchgehende Handlung im gewohnten Sinn, sondern konfrontiert uns mit einem Kaleidoskop von Fragmenten, autobiografischen Szenen, Filmhandlungen, Märchen und Essays in zahlreichen meist nur eine Seite langen Kapiteln.
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Die Begegnung

Die Studentin Carmen teilt sich in Iowa eine Wohnung mit dem Paar John und Laura, als sie der „Frau aus dem Traumhaus“ begegnet. Die ist gerade erst von New York nach Iowa gezogen, um sich für Masterstudiengänge zu bewerben. Wie Carmen auch, möchte sie Schriftstellerin werden, und sie ist ebenso lesbisch. Auch mit Val, die seit drei Jahren mit der Frau zusammen ist, freundet sich Carmen an.

Weil Carmen sich für korpulent und unattraktiv hält, überrascht es sie, dass ihr die heimlich begehrte neue Bekannte Avancen macht und sie mit der Behauptung beruhigt, ihre Beziehung mit Val sei offen. (Später wird Carmen herausfinden, dass dies eine Lüge war.)

Weil die Bewerbungen der Frau in Iowa erfolglos bleiben, sie jedoch für ein Schreibseminar in Bloomington/Indiana angenommen wird, sucht sie sich dort ein Haus, und Val zieht aus New York zu ihr. Auch Carmen ist dort willkommen, und sie träumt von einer komplikationslosen Dreiecksbeziehung.

Als Carmen zur Hochzeit einer langjährigen Freundin in Nord-Virginia eingeladen wird, nutzt sie die Gelegenheit für einen längeren Roadtrip mit der Frau aus dem Traumhaus. Sie fahren zunächst nach Boston, treffen sich dann mit Val in New York, bevor sie Carmens Eltern in Allentown/Pennsylvania besuchen. In Washington D. C., sind sie mit Carmens Kommiliton*innen verabredet. Und nach der Hochzeit in Nord-Virginia wird Carmen in Florida den reichen Eltern ihrer Begleiterin vorgestellt. Am Ende bringt sie ihre Geliebte nach Bloomington zurück.

Selbstaufgabe

Kurz darauf trennt sich die Frau von Val und erklärt Carmen, dass sie mit ihr zusammen monogam leben wolle. Carmen zieht zu ihr nach Bloomington – und gerät immer stärker in Abhängigkeit von der grundlos eifersüchtigen Butch.

Irgendwann streicht sie dir gerade über die Klitoris, und du schließt genüsslich die Augen, als sie plötzlich dein Gesicht packt und es zu sich dreht. […] „An wen denkst du“, sagt sie. Es ist wie eine Frage formuliert, ist aber keine. […] „Guck mich an, wenn ich dich ficke“, sagt sie.

Später wird Carmen das, was zwischen ihr und ihrer Geliebten geschieht, mit der des Ehepaars in Patrick Hamiltons Theaterstück „Gaslicht“ vergleichen. In „Das Haus der Lady Alquist“, der Verfilmung von George Cukor mit Ingrid Bergman und Charles Boyer in den Hauptrollen, wird besonders deutlich, dass keine physische Gewalt erforderlich ist, um einen anderen Menschen zu unterwerfen.

Sie bringt dich dazu, aufzulisten, was mit dir nicht stimmt. Das wird zu einer Lieblingsbeschäftigung, noch besser, als wenn sie dir aufzählen muss, was mit dir nicht stimmt. Selbst Jahre später wirst du die Angewohnheit nicht richtig los.

Das Traumhaus als LOST IN TRANSLATION
Wie ihre kalte Schulter zu interpretieren ist: Etwas beschäftigt sie. Sie ist unzufrieden. Sie ist unzufrieden mit dir. Du hast etwas gemacht, und jetzt ist sie unzufrieden, und du musst herausfinden, was es war, damit sie nicht sehr unzufrieden ist. Du sprichst mit ihr. Du drückst dich klar aus. Du glaubst, dich klar ausgedrückt zu haben. Du sagst, was du denkst, und das erst, nachdem du gründlich nachgedacht hast, aber wenn sie es wiederholt, ergibt plötzlich nichts mehr einen Sinn. Das sollst du gesagt haben? Wirklich? Du erinnerst dich nicht, das gesagt oder auch nur gedacht zu haben, und doch teilt sie dir mit, dass du genau das gesagt und es definitiv so gemeint hast.

Das Traumhaus als TEXTAUFGABE
Also, es geht um eine Frau, die lebt in Iowa City, und dann zieht sie nach Bloomington, Indiana, 657 Kilometer weit weg. Und ihre Freundin, die sie sehr liebt, lässt sich auf die Sache mit der Fernbeziehung ein. Sie überlegt nicht mal, würde die Sache wohl als absoluten No-Brainer bezeichnen. (Den Witz versteht sie erst viel später.) Sie verbringt ihr gesamtes zweites Masterjahr damit, von Bloomington aus zu pendeln. Und sie macht es gern. Auf einer Strecke schafft sie 75 Prozent eines Hörbuchs. Wenn sie 100 Kilometer pro Stunde fährt und ein durchschnittliches Hörbuch zehn Stunden lang ist, wie viele Monate dauert es dann, bis ihr klar wird, dass sie die Hälfte ihres Masters damit vergeudet hat, zu ihrer Freundin zu fahren, um sich fünf Tage lang von ihr anschreien zu lassen? Wie viele Monate dauert es, bis sie einsieht, dass sie sich das im Grunde selbst angetan hat?

Beim Bowling mit Freund*innen klopft sich die Frau im Sitzen wortlos auf den Oberschenkel, und Carmen folgt der demütigenden Aufforderung, sich bei ihr auf den Schoß zu setzen. Doch als ihr die Frau an die Brüste greift und die anderen angestrengt wegschauen, sträubt sie sich, und zu Hause will sie nicht im Doppelbett, sondern auf der Couch im Wohnzimmer schlafen. Die Frau schreit sie an, schleudert Carmens Koffer durchs Zimmer und fordert sie auf, auf der Stelle zu packen. Sie wirft Gegenstände nach ihr und jagt sie durchs Haus. Carmen flüchtet ins Bad und sperrt ab.

Irgendwann verstummen die Geräusche. Die Stille ist unheimlich. Du schließt auf und trittst zitternd und weinend vor die Tür. Sie sitzt auf der Couch und starrt ins Leere wie eine Puppe. Sie schaut dich an, ihr Gesicht zeigt keine Regung.
„Was ist denn?“, fragt sie. „Warum siehst du so fertig aus?“

Ein paar Tage später liegt Carmen in der Badewanne, als die Frau sie anschreit: „Ich will, dass du sofort von hier verschwindest.“ Carmen sinkt schluchzend zusammen, während die Aggressorin hinausgeht.

Sie kommt zurück ins Bad. Erst als sie ganz nah ist und die Hand nach dir ausstreckt, merkst du, dass sie nackt ist.
„Warum weinst du denn?“, fragt sie mit einer Stimme, die so sanft klingt, dass dein Herz aufplatzt wie ein Pfirsich.

Carmen träumt vom Sterben, aber seltsamerweise lassen die seelischen Qualen ihre Kreativität explodieren. Sie schreibt wie im Rausch.

Du fängst an, mit Fragmentierung zu experimentieren. Wobei „experimentieren“ vielleicht ein bisschen sehr wohlwollend ausgedrückt ist, eigentlich kannst du dich bloß nicht lange genug konzentrieren, um einen ordentlichen Plot zu entwerfen. Jeder Text, den du schreibst, wird zerschlagen […].
Die nächsten paar Jahre deiner Karriere verbringst du damit, dir umständliche Rechtfertigungen für die Struktur der Geschichten auszudenken, die du in dieser Zeit geschrieben hast […]. Du bringst nicht über die Lippen, was du wirklich denkst: Ich habe die Geschichten auseinandergenommen, weil ich selbst zerfiel und nicht wusste, was ich sonst machen sollte.

Damals wusste ich noch nicht, woran ich da schrieb, zwei Sommer sollten noch vergehen, bis ich erkannte, dass ich ein Buch über ein Haus schrieb, das ein Haus war, und über einen Traum, der gar kein Traum war.

Wenn Carmen anderen ihr Leid klagt, hat sie das Gefühl, dass man ihr nicht glaubt. Alle gehen davon aus, dass es unter lesbischen Frauen keine Gewalt geben könne.

[…] wünscht du dir, sie hätte zugeschlagen. Heftig genug, dass du krasse, ins Auge stechende blaue Flecken davongetragen hättest, heftig genug, dass du Fotos gemacht hättest, heftig genug, dass du zur Polizei gegangen wärst, heftig genug, dass du die einstweilige Verfügung hättest erwirken können, die du gern gehabt hättest.

Ende und Neuanfang

Die Frau aus dem Traumhaus verliebt sich in ihre Kommilitonin Amber und trennt sich von Carmen. Nach einer Weile bereut sie ihre Entscheidung. Carmen sträubt sich gegen eine Fortsetzung der quälenden Beziehung, lässt sich dann aber doch darauf ein – bis sie von anderen hört, dass die Frau in Indiana weiterhin mit Amber zusammenlebt. Zur Rede gestellt, meint die Beschuldigte, es sei kompliziert.

Mitte Mai 2012 erklärt US-Präsident Barack Obama vor einem Fernsehteam, er sei dafür, dass auch Homosexuelle heirateten dürfen und diese Ehen denen heterosexueller Paare gleichgestellt werden. Am selben Tag trennen sich Carmen und die Frau aus dem Traumhaus endgültig.

Die Zeit der Selbstaufgabe ist vorbei, aber nun verspürt Carmen eine gähnende Leere.

Die endet erst, als aus der Freundschaft mit Val eine Liebesbeziehung wird. Carmen hat noch ein Studienjahr in Iowa vor sich, aber das verhindert den Neuanfang nicht, obwohl die traumatische Erfahrung der häuslichen Gewalt noch lange nachwirkt. Schließlich zieht Carmen mit ihrer Ehefrau Val [Val Howlett] in ein Apartment in West Philadelphia.

Sieben Jahre später träume ich noch immer davon, obwohl ich inzwischen vier Häuser / drei Geliebte / zwei Bundesstaaten / eine Ehefrau weit weg vom Traumhaus bin […].

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Carmen Maria Machado wurde 1986 in Allentown/Pennsylvania geboren. Ihr Großvater war im Alter von 18 Jahren aus Kuba eingewandert und hatte nach dem Zweiten Weltkrieg eine Migrantin aus Österreich geheiratet. Nach ihrem Bachelor-Abschluss an der American University in Washington D. C. im Jahr 2008 machte sie im Iowa Writers‘ Workshop einen Master of Fine Arts.

Ihr Roman „Das Archiv der Träume“ ist autobiografisch. Carmen Maria Machado rekonstruiert damit eine traumatische lesbische Beziehung, die sie durchmachte, als sie Mitte 20 war. Es geht um die Wiedergewinnung der Selbstbestimmung und die Bewältigung einer psychischen Verletzung. Den Namen der dominanten Partnerin erfahren wir nicht. Von sich selbst schreibt Carmen Maria Machado fast ausschließlich in der distanzierten zweiten Person Singular und nur selten in der Ich-Form.

„Das Archiv der Träume“ kreist um Unterwerfung und Abhängigkeit. Carmen Maria Machado bevorzugt den Begriff häusliche Gewalt und klagt, dass es gegen verbale, emotionale und psychische Misshandlung keinen Rechtsschutz gebe.

Das Traumhaus als AHA-ERLEBNIS
Die meisten Formen häuslicher Gewalt sind vollkommen legal.

Lange Zeit habe sich kaum jemand vorstellen können, dass es auch in lesbischen Beziehungen häusliche Gewalt geben könne. Und falls überhaupt, dann – so die landläufige Meinung – gehe die Gewalt von der Butch aus und nicht von der Femme. Ein Diskurs über das Thema begann erst Anfang der Achtzigerjahre in der queeren Community.

Ich trage ins Archiv ein, dass häusliche Gewalt zwischen Partner*innen mit der gleichen Geschlechtsidentität möglich und nicht unüblich ist und dass diese in etwa wie folgt aussehen kann.

Bei dem auch im Buchtitel verwendeten Begriff „Archiv“ denkt Carmen Maria Machado an den französischen Philosophen Jacques Derrida, der darauf aufmerksam machte, dass es bei der Entscheidung über aufzunehmende Inhalte um Autorität und Macht geht. Es wird immer eine Auswahl getroffen; ein vollständiges Archiv gibt es nur im Mythos.

Carmen Maria Machado entwickelt keine durchgehende Handlung im gewohnten Sinn, sondern konfrontiert uns mit einem Kaleidoskop von Fragmenten, zahlreichen meist nur eine Seite – manchmal nur einen Satz – langen Kapiteln, deren Überschriften alle mit „Das Traumhaus als“ beginnen: „Das Traumhaus als VORSPIEL“; „Das Traumhaus als ÜBUNG ZUR ERZÄHLPERSPEKTIVE“, „Das Traumhaus als TRAUMFRAU“; „Das Traumhaus als BILDUNGSROMAN“ …

Ich habe die Geschichten auseinandergenommen, weil ich selbst zerfiel und nicht wusste, was ich sonst machen sollte.

Autobiografische Szenen, Filmhandlungen, Märchen und Essays wechseln sich ab.

Dies ist eine Geschichte, die mir eine Krake erzählt hat […]

In einem Abschnitt von „Das Archiv der Träume“ entscheiden die Lesenden, wie es weitergeht. Carmen Maria Machado gibt Alternativen vor und nennt dazu die entsprechende Seite zum Weiterlesen. Dabei erlaubt sie sich auch einen Spaß:

Auf dieser Seite dürftest du gar nicht sein. Keine der Auswahlmöglichkeiten führt hierher. […]

Lesenswert ist „Das Archiv der Träume“, weil Carmen Maria Machado ein brisantes Thema zur Diskussion stellt und über eine kraftvolle poetische Sprache verfügt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

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In der kritischen, sachlichen und akribisch recherchierten Biografie arbeitet Jürgen Trimborn Unwahr-heiten in der Selbstdarstellung von Hildegard Knef heraus und bietet eine umfassende Fülle von Details, Fakten und Daten.
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