Una Mannion : Licht zwischen den Bäumen

Licht zwischen den Bäumen
A Crooked Tree Faber & Faber, London 2021 Licht zwischen den Bäumen Übersetzung: Tanja Handels Steidl Verlag, Göttingen 2021 ISBN 978-3-95829-973-3, 344 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Faye Gallagher, die überforderte Mutter von fünf Kindern, setzt ihre 12-jährige Tochter Ellen im Zorn bei einbrechender Dunkelheit acht oder neun Kilometer von zu Hause entfernt am Straßenrand aus. Damit löst sie unbedacht eine verhängnisvolle Ereigniskette in Gang ...
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Kritik

"Licht zwischen den Bäumen" ist ein Adoleszenz- bzw. Coming-of-Age-Roman mit Thriller-Elementen, in dem die Autorin Una Mannion hinter einer Ich-Erzählerin zurücktritt. Obwohl die Geschichte mit einem Paukenschlag beginnt, ist sie nicht actionreich, sondern sensibel.
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Ferienbeginn

Am letzten Schultag vor den Sommerferien 1981 fährt Faye Gallagher, geborene Royston, mit ihren fünf Kindern im Auto nach Hause. Marie wird in drei Wochen ihren 18. Geburtstag feiern, Thomas ist ein Jahr jünger, Libby ist 15, Ellen 12, Beatrice 7 Jahre alt. Martin Gallagher, der aus Irland stammende Vater der vier älteren Geschwister, starb 1980 in New York an einer Blutvergiftung. Da waren er und Faye bereits seit sieben Jahren geschieden. Faye Gallagher arbeitet am Empfang der Notaufnahme des Paoli Memorial Hospitals und wohnt mit den Kindern in einem Haus am Valley Forge Mountain in Pennsylvania. Die Nachbarn Harry und Minnie Walker haben sich bereits über den ungemähten Rasen im Vorgarten beschwert.

Ellen möchte das Kunst-Sommercamp der Chestnut Grove Art Academy besuchen, aber trotz eines Empfehlungsschreibens der Lehrerin verweigert die Mutter ihre Zustimmung. Darüber ärgert sich Ellen, und es kommt zum Streit. Acht oder neun Kilometer vom Wohnhaus entfernt hält Faye an und fordert Ellen zum Aussteigen auf. Obwohl es bereits dunkel wird, lässt die Mutter die Zwölfjährige am Straßenrand stehen.

An diesem Abend geht Libby, wie an jedem Freitag, zu der Anwältin Boucher, um auf deren Söhne aufzupassen, den fünfjährigen Peter und den zwei Jahre alten Bruce. Wo Mrs Boucher die Freitagabende verbringt, verrät sie nicht.

Es ist bereits Nacht, als Ellen ans Fenster klopft. Sie ist verletzt und berichtet ihrer drei Jahre älteren Schwester, dass sie versucht habe, als Anhalterin nach Hause zu kommen. Ein auffallend großer Mann mit extrem langen Haaren nahm sie mit. Während der Fahrt wanderte seine rechte Hand über ihren Oberschenkel nach oben, und als sie aussteigen wollte, fuhr er einfach weiter. Daraufhin ließ sie sich in einer Kurve aus dem Auto fallen und rannte durch den Wald zu Mrs Bouchers Haus, weil sie sich nicht nach Hause traute und wusste, dass Libby am Freitagabend beim Babysitten ist.

Die Kinder verheimlichen der Mutter, was geschehen ist. Das Geheimnis kennen zunächst außer Ellen und Libby nur Marie und Libbys beste Freundin Sage Adams sowie Wilson McVay, den Marie noch in der Nacht bat, Ellen nach Hause zu fahren.

Wilson

Dass ihre älteste Schwester Wilson McVay hinzugezogen hat, missfällt Libby, denn der Biker, der bald 20 wird, ist vorbestraft und verrufen.

Ein paar Tage später mäht er ungefragt den Rasen der Gallaghers. Er taucht immer häufiger auf. Marie hält ihn für hilfsbereit, aber Libby fürchtet sich vor ihm und würde ihn am liebsten wegschicken.

Am nächsten Freitag spricht Mrs Boucher die Babysitterin auf die blutverschmierten Handtücher an, mit denen die 15-Jährige die Hautabschürfungen ihrer Schwester reinigte. Libby bleibt nichts anderes übrig, als Mrs Boucher zumindest in groben Zügen zu berichten, was mit Ellen passiert ist. Aber sie beschwört sie, ihrer Mutter nichts zu sagen und auch nicht die Polizei einzuschalten.

Marie, die eine Zusage für ein Stipendium an der University of Pennsylvania bekommen hat, zieht kurz nach ihrem 18. Geburtstag zu ihrer Freundin Rae Dixon in Philadelphia.

Libby ist entsetzt, als sie erfährt, dass Wilson nicht nur den Fahrer des Wagens ermittelte, aus dem Ellen geflohen war, sondern dann auch mit ein paar Kumpanen nach Pottstown fuhr und Julius Korhonen zusammenschlug.

Einige Zeit später erzählt Thomas, der noch immer nicht weiß, was Ellen passierte, von einem auffallend großen Mann mit extrem langen Haaren, Hämatomen im Gesicht und einem eingegipsten Arm, der ihn auf der Straße nach Wilsons Kumpel Craig Kowalski fragte. Und kurz darauf sehen Libby und Ellen den Kerl in der Mall. Offenbar ist er hier und sucht nach den Männern, die ihn zusammenschlugen, möglicherweise auch nach Ellen!

Showdown

Libby findet heraus, dass sich Mrs Boucher freitagabends jeweils mit Grady Adams trifft, dem Vater ihrer besten Freundin Sage. Offenbar betrügt der Arzt seine Frau Charlotte.

Libby vermutet, dass Sage ihrem Vater von dem Vorfall mit Ellen erzählt hat. (Später wird sie herausfinden, dass Grady Adams es von seiner Geliebten erfuhr.) Obwohl Sage beteuert, nichts verraten zu haben, sagt Libby verärgert, ihr Vater sei auch nicht perfekt, Sage solle ihn doch mal nach Mrs Boucher fragen. Tatsächlich spricht Sage ihren Vater darauf an − und so kommt die Affäre ans Licht. Darüber zerbrechen sowohl die Ehe der Adams als auch die Freundschaft von Sage und Libby.

Ellen überrascht ihre Geschwister mit der Ankündigung, sie dürfe nun doch am zweiwöchigen Kunst-Sommercamp teilnehmen, zusammen mit Gabriel, dem Sohn des Ehepaars Sofia und Lorenzo Gamino, das mit dem Vater befreundet war. Zur gleichen Zeit wird die Mutter die jüngste Tochter in ein Sommerlager in North Carolina bringen und sich in einem Hotel in der Nähe einquartieren. Thomas und Libby müssen allein zurechtkommen.

Faye Gallagher fährt mit Beatrice los. Ellen soll am nächsten Morgen von der Familie Gambino abgeholt werden.

Am Abend sehen sich Thomas, Libby und Ellen noch eine Parade an. Plötzlich fällt Libby auf, dass sie Ellen schon stundenlang nicht mehr gesehen hat. Verzweifelt sucht sie nach der jüngeren Schwester. Ihre Sorge ist groß, weil sie das in der Nähe geparkte Auto des Mannes aus Pottstown sah und es jetzt nicht mehr da ist. Hat er Ellen entführt? Erst jetzt berichtet sie Thomas kurz, was Ellen erlebte.

Der Polizeioffizier Day fragt Libby nach den Eltern. Weil der Vater tot ist und die Mutter verreist, möchte er mit der älteren Schwester Marie sprechen. Die Telefonnummer habe sie auf einem Zettel zu Hause, sagt Libby, und die Polizei fährt sie hin. Die Gelegenheit nutzt Libby, um eine Luftdruckpistole einzustecken und unbemerkt aus einem Fenster zu klettern.

Libby rennt zu Wilson. Da ist niemand zu Hause. Sie hört ein Motorrad. Es ist Wilson mit Thomas auf dem Sozius. Sobald sie in der Einfahrt stehen bleiben, springt Julius Korhonen aus der Dunkelheit und fordert die beiden Jungen mit vorgehaltener Pistole zum Absteigen auf. Er tritt Wilson ins Gesicht und dann noch einige Male in die Rippen, schüttet Benzin über das Motorrad und zündet es an. Der Tank explodiert. Die Pistole steckt er weg und holt ein Messer heraus. Libby nähert sich ihm von hinten, und während sie ihm einen Federbolzen in den Nacken schießt, packt Thomas das Messer und rammt es ihm durch die Hand des nicht eingegipsten Arms.

Inzwischen haben Nachbarn die Polizei alarmiert, und ein Streifenwagen rast heran.

Die Verletzten werden ins Krankenhaus gebracht. Ellen taucht auf. Als sie Korhonen bei der Parade sah, lief sie davon. Bis zum frühen Morgen dauert es, bis die Aussagen der Geschwister protokolliert sind. Thomas erklärt, er sei zu Wilson gerannt, um ihn zu warnen und mit ihm gemeinsam nach Ellen zu suchen. Als sie die Zwölfjährige nicht fanden, kehrten sie zurück, ohne zu ahnen, dass Korhonen vor dem Haus lauerte.

Als die Geschwister nach Hause kommen, wartet dort schon die Familie Gambino auf Ellen, um sie und Gabriel ins Sommerlager zu bringen.

Nachdem Faye am Telefon gehört hat, was geschehen ist, kommt sie aus North Carolina zurück und erfährt, welche Ereigniskette sie mit Ellens Aussetzung am Straßenrand auslöste.

Libby versöhnt sich mit Sage und beginnt, auf Wilsons Annäherungsversuche einzugehen.

Charlotte Adams trennt sich von ihrem untreuen Ehemann und zieht mit den Kindern fort.

Auch für die Gallaghers ist es der letzte Sommer am Valley Forge Mountain. Faye Gallagher verlässt den Ort mit ihrer Tochter Beatrice. Ellen erhält ein Vollstipendium für den Besuch eines privaten Kunst-Internats in Maryland. Libby und Thomas werden bis zum Abschluss der High School getrennt von einander in anderen Familien untergebracht.

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„Licht zwischen den Bäumen“ ist ein Adoleszenz- bzw. Coming-of-Age-Roman, in dem die Autorin Una Mannion hinter die Protagonistin Libby Gallagher zurücktritt, die sich als sensible Ich-Erzählerin zu einem nicht definierten Zeitpunkt an den Sommer 1981 erinnert, den letzten, in dem sie mit ihren vier Geschwistern und der Mutter noch zusammen war. Damals war sie 15 Jahre alt, ängstlich, sorgenvoll und voller Vorurteile. Die Welt der Erwachsenen verstand sie noch nicht.

Es fällt auf, dass es in „Licht zwischen den Bäumen“ keine intakte Familie gibt. Libbys geschiedene Mutter ist überfordert, der Vater ihrer besten Freundin betrügt seine Ehefrau mit einer Geliebten, deren Ex-Mann, der Vater ihrer beiden Kinder, mit einer anderen Frau zusammen ist.

Una Mannion beginnt ihren Debütroman „Licht zwischen den Bäumen“ zwar mit einem Paukenschlag: Faye Gallagher setzt ihre 12-jährige Tochter Ellen im Zorn bei einbrechender Dunkelheit acht oder neun Kilometer von zu Hause entfernt am Straßenrand aus. Damit löst sie unbedacht eine verhängnisvolle Ereigniskette in Gang. Trotzdem, und obwohl Una Mannion Thriller- bzw. Suspense-Elemente einstreut, ist „Licht zwischen den Bäumen“ eher handlungsarm, und ausführliche Beschreibungen wirken auch noch retardierend.

Die Originalausgabe trägt den Titel „A Crooked Tree“. Das bezieht sich auf einen im Roman erwähnten Baum, von dem Libbys Vater einmal behauptete, Ureinwohner hätten ihn als Schössling gekrümmt und dadurch zu einem Wegweiser gemacht.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021

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