Eugene McCabe : Tod und Nachtigallen

Tod und Nachtigallen
Death and Nightingales Secker & Warburg, London 1992 Tod und Nachtigallen Übersetzung: Hans-Christian Oeser Steidl Verlag, Göttingen 2011 ISBN 978-3-86930-233-1, 296 Seiten Deutscher Taschenbuch-Verlag (dtv), München 2013 ISBN 978-3-423-14228-1, 296 Seiten Neuausgabe Steidl Verlag, Göttingen 2021 ISBN 978-3-95829-984-9, 288 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Am Morgen nach dem 3. Mai 1883, ihrem 25. Geburtstag, will Beth den Mann verlassen, den ihre inzwischen von einem Stier getötete Mutter geheiratet hatte, als sie bereits das Kind eines anderen erwartete. Nun ist Beth schwanger, und zwar von ihrem heimlichen Liebhaber, mit dem sie durchbrennen will. Sie ahnt nicht, dass er vorhat, sie umzubringen, um an das von ihr geraubte Gold zu kommen ...
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Kritik

Der Roman "Tod und Nachtigallen" von Eugene McCabe ist eine düstere Mischung aus Familiendrama, Thriller und Schauergeschichte. Vor dem Hintergrund der irischen Unabhängigkeitsbewegung geht es um eine von Hassliebe geprägte Tochter-Vater-Beziehung, um Lüge und Verrat, Denunziation und Erpressung, Betrug und Habgier.
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Beth und Billy

Elizabeth („Beth“) wird nachts vom Brüllen einer Kuh auf der Weide wach. Weil niemand sonst nach dem gequälten Tier sieht, geht Bess hinaus und rammt in den aufgeblähten Bauch der Kuh beherzt eine Kanüle, durch die das stinkende Gas entweicht.

Der anbrechende 3. Mai 1883 ist Beth‘ 25. Geburtstag. Ihre Mutter lebt schon lange nicht mehr. Die Katholikin Catherine („Cathy“) Maguire war 29 Jahre alt − und bereits schwanger, als sie den sechs Jahre jüngeren protestantischen Gutsherrn William („Billy“) Winters heiratete. Billy verpflichtete sich bei der Eheschließung in der katholischen Kirche, alle Kinder aus dieser Ehe katholisch aufwachsen zu lassen. Bald nach der Hochzeit fand er heraus, dass er betrogen worden war. Cathy konnte nicht einmal sagen, wer das Kind gezeugt hatte. Es kamen mehrere Männer in Frage. Sie war erneut schwanger, als sie im Einspänner auf den Hof fuhr und von einem wütenden Stier angegriffen und getötet wurde.

Inzwischen ist Billy 49 Jahre alt. Der Gutsherr des Weilers Clonoula in der irischen Provinz Ulster bzw. der Grafschaft Fermanagh betreibt außer der Landwirtschaft einen Steinbruch. Das ursprüngliche Haus brannte bei einem Aufstand im Jahr 1641 nieder. Clement Winters baute es 1660 neu auf, und William Hudson Winters, ein Kapitän zur See, erweiterte es 1793. Der Legende zufolge war einer von Billys Vorfahren 1770 nach Kanada gereist und hatte es dort als Pelzhändler zu einem großen Vermögen gebracht, mit dem er dann nach Irland zurückkehrte. Einmal zeigte Billy seiner Tochter den mit Goldmünzen gefüllten Kasten im Tresor. Die drei Schlüssel, die für das Öffnen erforderlich sind, trägt er an einer Goldkette, die mit einer eigens angebrachten Lederschlaufe an seinem Gürtel befestigt ist.

Percy French

Anlässlich des Geburtstags der Tochter hat Billy zwei Eintrittskarten für eine Veranstaltung am Abend im Rathaus von Enniskillen besorgt. Der berühmte protestantische Künstler Percy French, den Billy noch von früher kennt, wird dort Lieder vortragen. Weil Beth sich weigert, Billy zu begleiten, nimmt er am Abend seinen Mitarbeiter Mickey Dolphin im Einspänner mit.

Zu der Vorstellung kommen auch die beiden Bischöfe von Clogher: der Katholik James („Jimmy“) Donnelly und der Protestant William Armstrong. Weil sich Percy French verspätet, versuchen der Ansager Gary Pringle und die Organistin Sarah Egerton, das Publikum bei Laune zu halten.

Liam Ward

Beth wollte nicht mit nach Enniskillen, weil sie beabsichtigt, das Haus am nächsten Morgen für immer zu verlassen. Sie erträgt es nicht länger, dass Billy sie begrapscht, wenn er betrunken ist. Sie fühlt sich von ihm gedemütigt und und rund um die Uhr als Milchmagd und Haushälterin ausgebeutet.

Seit sie dem Pächter Liam Ward vor einem Jahr half, eine im Moor eingesunkene Kuh herauszuziehen (die dann allerdings an Unterkühlung starb), hat sie heimlich ein Verhältnis mit ihm. Dass sie schwanger ist, weiß er noch nicht.

Der 32-Jährige wohnt in der Kate seines angeheirateten Onkels James Carey in Brackagh. Sein Vater Packie verließ die Familie, als Liam zwölf Jahre alt war, und die Mutter Mary Josephine lebt im Armenhaus in Blaney.

Der Kanonikus Leo McManus beschuldigt Liam und dessen Kumpane, sein Gewächshaus zertrümmert zu haben, aus Rache, weil der Geistliche den nächtlichen Tanz der Landjugend am Wegkreuz aufgelöst hatte.

Es heißt, Liam Ward sei Mitglied der irisch-republikanischen Irish National Invincibles und habe die Tatwaffen eingeschmuggelt, mit denen am 6. Mai 1882 die britisch-irischen Beamten Lord Frederick Cavendish und Thomas Henry Burke im Phoenix-Park in Dublin ermordet wurden.

Beth ahnt davon nichts, weiß auch nichts von seiner Spielsucht, die dazu geführt hat, dass er mit der Pachtzahlung in Verzug ist und seine Schulden nicht mehr begleichen kann.

Das Vorhaben

Beth stellt sich bereits vor, wie sie und Liam bei Tagesanbruch in Enniskillen in den Zug einsteigen, dann das Postboot nach Glasgow nehmen und von dort nach London weiterfahren.

Als sie das Dienstmädchen in ihr Vorhaben einweiht und sich verabschiedet, packt Mercy Boyle sogleich ihre Sachen und verlässt mit ihrem Bruder Gerry das Gut, denn sie möchte nicht ohne Beth mit dem Dienstherrn unter einem Dach wohnen.

Von Liam hat Beth vier Bromid-Tabletten bekommen. Die zerstampft sie und mischt das Pulver in den Senf, mit dem sie die Brote bestreicht, die sie als Abendessen für Billy vorbereitet. Einen Teil löst sie im Wasserkrug auf. Bei seiner Rückkehr von der Veranstaltung in Enniskillen wundert Billy sich über den Geschmack des Senfs und gießt arglos Wasser in seinen Whiskey.

Nachdem Beth sich vergewissert hat, dass er fest schläft, nimmt sie ihm die goldene Kette mit dem Schlüsselbund ab. Im geöffneten Safe findet sie eine Abschrift seines Testaments. Würde sie einen Katholiken heiraten, käme das Erbe unter treuhänderische Verwaltung, und falls sie kinderlos bliebe, müsste das Vermögen unter Billys Verwandten aufgeteilt werden. Beth packt das Gold ein und will sich gerade mit dem Pony Punch auf den Weg machen, als sich McGonnell nähert. Aufgeregt gibt ihr der als Dorfdepp verschriene Mann, der weder hören noch sprechen kann, mit Gesten zu verstehen, dass er unbemerkt beobachtet habe, wie Liam Ward und dessen Kumpel Attie („Blinky“) Blessing ein Grab schaufelten. Augenscheinlich beabsichtigen die beiden, Beth zu ermorden und ihr das Gold abzunehmen.

Entsetzt kehrt Beth um und will die Goldmünzen in das Fach im Safe schütten. Da taucht Billy auf und verprügelt sie zornig.

Das Ende

Beth flüchtet. Aber wo soll sie hin? Obwohl sie nun weiß, dass Liam ihr nach dem Leben trachtete, sucht sie Zuflucht in seiner Kate. Weil sie kein Gold bei sich hat, gibt es auch keinen Grund, sie umzubringen.

Liam erschrickt, als er ihr zerschlagenes Gesicht sieht. Sie berichtet, dass sie von Billy am Safe erwischt worden sei. Dass sie schwanger ist, überrascht Liam, und es macht ihn betroffen, dass er beinahe sein eigenes Kind ermordet hätte.

Bei ihm könne sie nicht bleiben, meint er und ist froh, als sie sich bereit erklärt, sich auf der von ihrer Mutter geerbten kleinen Insel Corvey zu verstecken, bis er mit ihr das Land verlassen kann.

Die beiden steigen in ein Ruderboot. Sobald sie die Hälfte der Entfernung zurückgelegt haben, fängt Beth an, heimlich mit einem als „Priester“ bezeichneten Landungshaken einen Pfropfen aus dem Boden zu ziehen. Es dauert einige Zeit, bis Liam merkt, dass Wasser im Boot schwappt. Weil er nicht schwimmen kann, strengt er sich stärker an, um es noch bis zur Insel zu schaffen, aber sobald das eingedrungene Wasser hoch genug im Boot steht, bringt Beth es zum Kentern.

Im Wasser streift sie Rock und Unterrock ab. Eine ganze Stunde benötigt sie, um zur Insel zu schwimmen. In der Hütte dort zündet sie ein Feuer an und hüllt sich in eine Decke.

Plötzlich steht Billy in der Tür. McGonnell hat ihn alarmiert. Billy fand bereits Liams Leiche im seichten Wasser. Beth gesteht, dass sie ihren Liebhaber umbrachte und meint, sie würde auch Billy töten, wenn sie noch die Kraft dazu hätte. Billy ist zuversichtlich, dass man Liam Wards Tod als Unfall zu den Akten legen wird.

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„Tod und Nachtigallen“ ist eine düstere Mischung aus Familiendrama, Thriller und Schauergeschichte. Die Handlung, die Eugene McCabe in diesem Roman entwickelt, spielt am 3. Mai 1883 und in den beiden Nächten davor und danach in der nordirischen Provinz Ulster vor dem Hintergrund der National- bzw. Unabhängigkeitsbewegung und der Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten. Eingestreut sind allerdings auch Erinnerungen und Rückblenden an frühere Ereignisse.

Es geht um eine von Hassliebe geprägte Tochter-(Stief-)Vater-Beziehung, um Lüge und Verrat, Denunziation und Erpressung, Betrug und Habgier.

Eugene McCabe erzählt weitgehend aus dem Blickwinkel der Protagonistin Beth, wechselt aber von Kapitel zu Kapitel die Perspektive.

Eugene McCabe wurde 1930 in Glasgow geboren, kam aber schon 1939 als Kind mit der Familie nach Irland und studierte später am Castleknock College in Dublin und am University College Cork. 1950 debütierte er mit einer Kurzgeschichte als Schriftsteller. Parallel zu seiner Tätigkeit als Autor und Dramatiker bewirtschaftete Eugene McCabe eine Farm bei Clones im Westen der Grafschaft Monaghan. Er starb am 27. August 2020 im Alter von 90 Jahren.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021

Stefan Aust - Der Baader-Meinhof-Komplex
"Der Baader-Meinhof-Komplex" gilt bis heute als Standardwerk über die Entstehung der RAF und die Entwicklung bis zum "heißen Herbst" 1977. Stefan Aust schreibt kenntnisreich, spannend und leicht verständlich, nicht als Ankläger oder Verteidiger, sondern wie ein journalistischer Berichterstatter.
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