Yelena Moskovich : Virtuoso

Virtuoso
Virtuoso Serpent's Tail, London 2019 Virtuoso Conny Lösch Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2022 ISBN 978-3-8031-3350-2, 272 Seiten ISBN 978-3-8031-4353-2 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Zorka, eine jugendliche Rebellin, und dann auch ihre Freundin Jana verlassen Prag nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des Warschauer Pakts. Zorka lebt einige Zeit bei Verwandten in den USA. ‒ Aimée und Dominique heiraten in Paris, als 2013 die Ehe für alle in Frankreich eingeführt wird. Im Alter von 42 Jahren nimmt Dominique sich das Leben. Aimée begegnet Jana in Paris, und dort taucht auch Zorka wieder auf.
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Kritik

Der feministische Roman "Virtuoso" dreht sich um Mädchen und Frauen, die sich nicht fügen, sondern auflehnen. Yelena Moskovich entwickelt die Geschichte(n) nicht chronologisch-linear, sondern fragmentarisch, im ständigen Wechsel zwischen Blickwinkeln, Handlungssträngen und Zeitebenen. Die Komposition von "Virtuoso" ist poetisch und orientiert sich an der Musik.
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Jana

Jana (Janka) wird 1981 in der Tschechoslowakei geboren, fast 13 Jahre nachdem sich die Studenten Jan Palach und Jan Zajíc kurz nacheinander (19. Januar / 25. Februar 1969) am Wenzelsplatz in Prag verbrannten, um gegen die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ durch Truppen des Warschauer Pakts zu protestieren und die Bevölkerung aufzurütteln.

Kurz vor Janas siebtem Geburtstag zieht in der Nachbarschaft ein Ehepaar mit einer gleichaltrigen Tochter ein. Sie heißt Zorka, wird jedoch „Malá Narcis“ gerufen, weil sie ständig etwas anstellt.

Die anderen Kinder waren matschig. Aber sie nicht, sie war stabil, das wusste ich gleich, als ich vom Hof aus zu ihr nach oben schaute.

Als die Berliner Mauer fällt, sind die beiden Mädchen acht Jahre alt. Mit zehn brüllt Zorka ihre Freundin Jana an:

„[…] hör zu, wir haben uns in diesem Land hier viel zu lange gegenseitig bekackt und bepisst, und jetzt wird es Zeit, dass mal jemand eine moderne Toilette baut.

Jana reagiert zunächst nicht.

[…] Dann schließlich sagte sie: „Ich möchte auch eine schöne, moderne Toilette, weißt du?“

Nach dem frühen Tod ihres Vaters verschwindet Zorka unvermittelt. Als dann im Treppenhaus der mit Wodka getränkte Pelzmantel ihrer Mutter brennt, ahnen die Bewohner, dass „Malá Narcis“ noch einmal zurückkam.

Jana zählte die Tage, zweiundneunzig waren es, seit Zorka Mr Bolshakovs Stiefel angezündet und sein Geld gestohlen hatte, verschwunden und wieder hergeschlichen war, um den Fuchspelz im Flur anzuzünden. Der ganze Boden war nach dem Brand verkohlt, und die Hausbewohner benahmen sich wie Wölfe gegenüber ihrer Mamka, die heimlich packte und ein paar Tage später frühmorgens fortzog.

Vilèm, Janas älterer Bruder, studiert Informatik in Prag und jobbt als Wachmann bei einem Produktionsbetrieb für Krankenhausbetten in Želevčice. Dort lernt er Karolina kennen, seine spätere Ehefrau, die ihr Studium ebenfalls mit Arbeit in der Fabrik finanziert.

Jana macht es wie Zorka:

Ich verschwand und tauchte als Pariserin wieder auf.

Zorka

Als Zorka geboren wurde, lebte ihr Onkel Gejza – der jüngere Bruder ihrer Mutter Marja – bereits in den USA. Inzwischen besitzt er die amerikanische Staatsbürgerschaft und ist mit der Lehrerin Tammie verheiratet. Das Paar wohnt in Milwaukee/Wisconsin.

Gejza hatte seit Jahrzehnten nichts von seiner Schwester gehört. Aber als er erfuhr, dass sie seit kurzem Witwe war und allein mit ihrer Tochter, einem schwer zu bändigenden Problemkind, ohne jemanden, der ihr helfen konnte … sprach Gejza mit Tammie und sie beschlossen, das einzig Richtige zu tun. Hinzu kam, dass Tammie keine Kinder bekommen konnte.

Gejza und Tammie bezahlen Marja und Zorka die Reise und nehmen die beiden auf. Zorka besucht in Milwaukee die Highschool.

Zorka war keine Streberin, sie war kein Punk, sie war kein Goth, weder schlau noch dumm, weder scharf noch hässlich, weder prüde noch ein Flittchen, sie war eine eingefleischte Einzelgängerin, und nach dem Columbine-Massaker im Frühjahr ihres ersten Jahres an der Schule flüsterten ihr manche im Vorbeigehen zu, »erschieß uns nicht!“

Zorka wurde von den meisten „Carrie“ oder „Psycho“ genannt.

Sobald Zorka 18 ist, „plündert sie das Geldversteck ihres Onkels und ihrer Tante und fährt mit dem Überlandbus los.

In einer Tankstelle in Boston klaut Zorka Proviant. Der Mann an der Kasse beobachtet es, bleibt aber gleichmütig. Er heißt Paul und ist für seinen 20-jährigen Cousin Ben eingesprungen, der am Community College in Roxbury Informatik studiert und hier normalerweise jobbt. Die beiden haben von Bens Vater ein Haus geerbt und Zimmer.vermietet. Auch Zorka kann dort einziehen.

An Weihnachten begleitet sie ihren Mitbewohner Rico nach Houston. Er besucht dort seine Eltern Perla und Bruce, bevor er nach New Haven/Connecticut zieht, wo der in ein Graduiertenprogramm der Yale University aufgenommen wurde.

Chat

Dominxxika_N39: Mein Mann so viel zu Hause seit zurück von Geschäftsreise. Jetzt ist weg, aber kommt bald wieder.
o_hotgirlAmy_o: Hat er wieder die Tür abgeschlossen und die Fenster verriegelt?
Dominxxika_N39: Ja …
Dominxxika_N39: Und … er … hat mich … mit dem Fuß … ans Bettgestell gekettet.
o_hotgirlAmy_o: Ach du Scheiße?! Echt jetzt??
[…]
o_hotgirlAmy_o: Oh Gott. Wir müssen dich da rausholen.
[…]
o_hotgirlAmy_o: Ich komme nach Prag und fahre nach Zelevcice und rette dich!
Dominxxika_N39: Das ist ehrgeiziges Plan.
o_hotgirlAmy_o: Ich hab fast 800 Dollar auf dem Sparbuch. Und meine Mom lässt immer ihre Brieftasche irgendwo zu Hause herumliegen. Und nächste Woche werde ich 18.

Amy fliegt nach Prag und findet den Weg zum Haus ihrer Chatfreundin nahe eines Produktionsbetriebs für Krankenhausbetten in Želevčice. Im Gebüsch wartet sie, bis der Mann herauskommt und wegfährt. Dann versucht sie, die Tür zu öffnen, aber das dafür erforderliche Werkzeug wurde ihr bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen abgenommen. Unerwartet kommt der Mann zurück.

Er sieht Amy, schaut sie direkt an und gleichzeitig flimmert sein Körper beim Gehen. Er kommt immer näher, und sein Körper flimmert eigenartig, als bestünde er in einem Moment aus Fleisch und Blut und im nächsten aus digitalen Daten, dann wieder aus Fleisch und Blut. Nur seine Augen bleiben fest, sind ohne Zweifel auf Amy gerichtet, wie sie vor der Haustür steht. […]
„HILLLL …FFFFFE!!“, keucht Amy.

Aimée und Dominique

Aimée war ein Wunderkind, das heißt, ihre Mutter bekam sie, obwohl sie schon längst aus dem Alter heraus war, und es war der letzte Fehler, den ihre Eltern gemeinsam machten.

Keine zwei Jahre nach Aimées Geburt lassen die Eltern sich scheiden. Sylvie, ihre ältere Schwester, zieht von Paris nach London. Der Bruder Benoît engagiert sich ehrenamtlich in einem Krankenhaus in Thailand, möglichst weit weg vom Vater, einem Arzt: Docteur de Saint-Pé.

Der Vater nimmt Aimée mit ins Theatre de la Madeleine, wo Fanny Ardant in einem Stück als „femme“ und eine Nachwuchsschauspielerin als „fille“ auftreten. Vier Jahre später begegnet Aimée der inzwischen 27 Jahre alten „fille“-Darstellerin Dominique.

Dominique wuchs in Portugal auf, wurde im Alter von neun Jahren in Porto von Pio Pinheiro entdeckt und als Model aufgebaut. Die Familie zog deshalb nach Paris. Dort nahm der Vater sich das Leben.

Sobald Aimée volljährig geworden ist, zieht sie zu Dominique, und als 2013 die „mariage pour tous“ in Frankreich ermöglicht wird, heiraten die beiden standesamtlich.

Mit 40 sagt Dominique zu ihrer Frau:

„Baby, du willst jemanden, dem du hinterherlaufen kannst, erst war’s dein Vater und jetzt bin ich’s und …“
„Das denkst du also von mir, Baby, das ist es, was du wirklich von mir denkst …“

Die Beziehung droht zu zerbrechen. Dominique wendet sich ihrer Maskenbildnerin Claire zu.

Dominique ist 42, als sie mit Aimée nach Estoril in Urlaub fährt. Aimée streift zwei Stunden lang durch den Badeort im Süden Portugals, weil ihre Frau für eine Weile allein sein möchte. Mit einem Kilo Zitronen in einer hauchdünnen blauen Plastiktüte kommt sie zurück ins Hotel Albatroz.

Dominique lag schlaff auf dem Bett, reglos, nackt, über dem Kopf eine Plastiktüte.

Der Notarzt versucht, Dominique mit einem Defibrillator zu reanimieren, aber die Bemühungen bleiben vergeblich.

Wiedersehen in Paris

Der Geschäftsmann Roman Doubek, der einen tschechischen Produktionsbetrieb für Krankenhausbetten in Želevčice bei einer Handelsmesse in Paris vertritt, engagiert Jana als Dolmetscherin. Er habe ihre Freundin Malá Narcis gekannt, behauptet er.

„Wie gesagt, ich kannte Ihre Freundin – die kleine Narzisse.“

„Ich weiß, dass ich mich aufdränge, Ms K … ich hatte den Eindruck, Sie würden vielleicht etwas mehr über Ihre Freundin erfahren wollen …“

Bei der Messe begegnet Jana einer Frau, die sich als Aimée de Saint-Pé vorstellt. Die beiden werden rasch ein Liebespaar.

Aimée nimmt Jana mit zu einer Party des aus Estland stammenden Designers Erki in der Bar „L’Ange Bleu“ (Der Blaue Engel). Dort taucht überraschend Zorka auf, und es stellt sich heraus, dass sie Erikis Muse ist. Als sie erfährt, dass Janas Begleiterin Aimée mit einer anderen Frau verheiratet war, kriegt sie sich kaum noch ein:

„Ehefrau?“, rief Zorka. „Willst du mich verarschen? Im Ernst jetzt? Scheiße! Das ist echte Einundzwanzigstesjahrhundert-Lesbenscheiße – verheiratet! Hättest du dir das damals vorgestellt, Janka – warte mal, warte, heißt das – Janka, ist das deine Freundin? Bist du auch lesbisch??“
Aimée wurde rot, aber Jana schaltete sehr schnell auf cool, wurde fokussiert, unnahbar.
„Ja, ich bin auch lesbisch, Zorka“, sagte sie scheinbar unbeteiligt.
Zorka schlug Jana auf die Schulter und zeigte ihr einen erhobenen Daumen.

Zorka berichtet, dass sie einige Zeit in den USA verbrachte und seit ein paar Jahren in Paris lebt. Ihre Mutter starb an Krebs.

„In den Titten hat sie’s gehabt“, sagte Zorka, nahm ihren Drink und stierte hinein. „Mamka meine ich.“

„Bis zum Schluss hat’s niemand gewusst, erst als es zu spät war. Sie hat es geheim gehalten und so. Und das Komische ist, dass alles passiert ist, als ich nochmal zu Besuch gekommen bin – nach so vielen Jahren. Mann, als ich da weg bin, hab ich ernsthaft gedacht, ich würde Mamka nie wieder sehen, aber mein Onkel Gejza hat mich überredet. Er hat gesagt, es wäre alles verziehen, und er hat mir auch das Ticket gekauft. Hab gar nicht kapiert, warum er so großzügig war, bis ich Mamka gesehen hab.“

Zorka zog die Nase hoch. „Ja, Scheiße. Ich hab sie gehasst, die irre Schlampe. Ich hab sie so sehr gehasst und meinen Papka auch, weil er so früh gestorben ist und mich mit ihr allein gelassen hat, und ich hab mich selbst gehasst, weil sie in mir war, ihre Gene, ihre Verdorrbenheit. Hab mich immer gefragt, wann ich auch den Verstand verliere, so wie Mamka …“
„Du wirst nicht den Verstand verlieren, Zorka. Du stehst nur in Flammen.“

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Der feministische Roman „Virtuoso“ von Yelena Moskovich dreht sich um Mädchen und Frauen, die sich nicht fügen, sondern auflehnen. Keine der Frauen engagiert sich politisch, aber jede von ihnen rebelliert gegen Unterdrückung und gesellschaftliche Erwartungen. In den verschiedenen Lebensläufen spiegelt sich dann auch das Politische.

Yelena Moskovich entwickelt die Geschichte(n) nicht chronologisch-linear, sondern fragmentarisch, im ständigen Wechsel zwischen Blickwinkeln, Handlungssträngen und Zeitebenen. Eingestreut sind Träume. Zwischendurch lesen wir auch noch das Chat-Protokoll von zwei Frauen. Die Komposition von „Virtuoso“ ist poetisch und orientiert sich an der Musik, etwa wenn Yelena Moskovich Szenen aus einer anderen Perspektive wiederholt bzw. variiert.

Yelena Moskovich wurde 1984 in der Ukraine geboren. Die Familie wanderte 1991 in die USA aus. Yelena studierte am Emerson College in Boston, an der École Lecoq und der Université Paris 8. Ihre Stücke und Performances wurden in den USA, in Kanada, Frankreich und Schweden aufgeführt. Ihr Debütroman „The Natashas“ erschien 2016. „Virtuoso“ folgte 2019.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Verlag Klaus Wagenbach

Gisa Klönne - Der Wald ist Schweigen
Mit wenigen Ausnahmen entwickelt Gisa Klönne die Handlung aus den Blickwinkeln der weiblichen Hauptfiguren von "Der Wald ist Schweigen". Dabei wechselt sie von Kapitel zu Kapitel die subjektive Perspektive und inszeniert das Geschehen wie im Kino.
Der Wald ist Schweigen