Yrsa Sigurðardóttir : Abgrund

Abgrund
Gatið Verlag Veröld, Reykjavík 2017 Abgrund Übersetzung: Tina Flecken btb Verlag, München 2020 ISBN 978-3-442-75847-0, 398 Seiten ISBN 978-3-641-24969-4 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nahe der Residenz des isländischen Staatspräsidenten wird die Leiche eines Investmentbankers entdeckt. Man hat ihm einen Zettel an die Brust genagelt und ihn an einem Felsen erhängt. In seiner Luxuswohnung stößt die Polizei auf einen dreijährigen Jungen, der nicht sagen kann, wer ihn hinbrachte und auch nur die Spitznamen seiner Eltern kennt …
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Kritik

Yrsa Sigurðardóttir schreibt anschaulich und lässt die Romanfiguren lebendig werden. Als auktoriale Erzählerin versetzt sie sich in ein Mordopfer und beobachtet die Verbrecher. Die Arbeit der Ermittler erleben wir dagegen vor allem aus Huldurs Perspektive. Die Spannung bleibt bis zu einer unerwarteten Wendung am Ende hoch.
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Mord auf der Halbinsel Álftanes

Kurz bevor der Konvoi des chinesischen Außenministers auf dem Weg zum Herrenhof Bessastaðir, der Residenz des isländischen Staatspräsidenten, in Sichtweite vorbeikommen wird, ruft jemand die Polizei zur Hinrichtungsstätte des alten Thingbezirks von Kópavogur, wo ein Toter mit einem Strick um den Hals am Felsen hängt. Weil ein – inzwischen allerdings vom Wind abgerissenes – Stück Papier mit einer Nagelpistole am Brustkorb befestigt wurde, kann es sich nicht um einen Suizid handeln.

Das Opfer des Verbrechens ist der 35-jährige unverheiratete Investmentbanker Helgi Friðrikson, der vor einem Jahr aus den USA nach Island zurückkam.

Siggi

In der Luxuswohnung des Ermordeten stößt die Polizei auf einen dreijährigen Jungen, der nicht mehr als seinen Vornamen und die Spitznamen seiner Eltern nennen kann: Siggi, Systa und Sibbi. Seiner Beschreibung zufolge scheint die Mutter Systa hochschwanger zu sein. Ein Unbekannter habe ihn nachts in die fremde Wohnung gebracht, sagt er. Den Mann, dem sie gehört und dessen Leiche auf dem Lavafeld Gálgahraun gefunden wurde, kennt er nicht.

Weil Siggi offenbar nicht als vermisst gemeldet ist und sich die Suche nach Angehörigen als schwierig erweist, bringen ihn Diðrik vom Jugendamt Reykjavík und die Psychologin Freyja erst einmal in eine Notunterkunft.

Unter der Leitung ihrer Chefin Erla arbeiten Kommissar Huldur, sein jüngerer Kollege Guðlaugur und die an der Universität Akureyri Polizeiwissenschaft studierende Praktikantin Lína an dem Mordfall. Dabei geht es auch um die Frage, wie und warum der Dreijährige in die Wohnung des Opfers kam.

Weil Äußerungen Siggis häusliche Gewalt vermuten lassen, wendet sich die Polizei an die Notaufnahme des Krankenhauses, und eine Ärztin erinnert sich an eine hochschwangere Frau mit einer vermutlich von einem Schlag verursachten Kopfverletzung. Um den Datenschutz formal zu wahren, aber auch den Ermittlern zu helfen, lässt die Ärztin die Patientenakte auf dem Schreibtisch liegen und geht kurz hinaus. Die Frau heißt Sigurlaug („Systa“) Lára Lárusdóttir. Ihren Beruf als Lehrerin hat sie vor einiger Zeit aufgegeben. Verheiratet ist Systa mit einem ebenfalls arbeitslosen Elektriker namens Margeir („Sibbi“) Arnarson, und der volle Name des Sohnes lautet Sigurður Margeirsson. Seine Eltern sind nicht aufzufinden.

Ein Internet-Forum

Auf dem privaten Computer des Ermordeten finden die Ermittler offenbar heimlich aufgenommene Videos von Helgi Friðrikson und immer wieder anderen Frauen beim Sex.

Erla und ihr Team vernehmen Helgis Freund Jón, einen Zahnarzt. Dem zeigen sie den auf allen Videos erkennbaren Kopfteil eines Bettes. Huldur beobachtet ihn und vermutet, dass er das Bett erkannt hat, aber Jón behauptet das Gegenteil.

Als Leserinnen und Leser wissen wir mehr als die Polizei. Jón und Helgi richteten vor zehn Jahren mit drei weiteren Freunden – Tommi, Bjarni und Gunni – ein geschlossenes Forum im Dark Net ein, um ohne Wissen der betroffenen Frauen gedrehte Videos ihrer One-Night-Stands zu teilen. Als in dem Forum ein Video von dem am Felsen erhängten Helgi auftauchte, stellten sie fest, dass es seit einem Jahr ein sechstes Mitglied gibt, das sich Administrator nennt. Der Name ist Programm, denn als die Freunde wegen der polizeilichen Ermittlungen das Forum löschen möchten, scheitern sie, weil ihnen der Unbekannte die Administrator-Rechte weggenommen hat.

Der Hauptverdächtige

Doddi, der Hausmeister des Wohnblocks, in dem sich Helgis Apartment befindet, bestätigt die Aussage einer Nachbarin: Kurz nach dem Einzug Helgis vor einem Jahr hämmerte ein Fremder wie besessen gegen die Tür des Abwesenden, bis ihn der Hausmeister hinauswarf. Auf einem Foto identifiziert er Margeir Arnarson als den Mann, der damals vor Zorn auf Helgi ausrastete.

Daraufhin gilt Siggis gewalttätiger Vater als Hauptverdächtiger. Die Fahndung nach ihm und seiner hochschwangeren Frau Systa läuft ohnehin bereits.

Huldur kennt eine der Frauen auf Helgis Videos und erfährt von ihr, dass die Aufnahmen ohne ihr Wissen in einer Wohnung in Reykjavík-Suðurhlíð entstanden. Als er mit Guðlaugur hinfährt, stoßen sie dort auf Jón und Tommi, die dabei waren, alles gründlich zu reinigen – bis sie auf dem Balkon eine Leiche entdeckten.

Bei dem Toten handelt es sich um Margeir Arnarson. Jemand hat ihm den Hinterkopf zertrümmert.

Eine Gruppenvergewaltigung

Jón und Tommi behaupten, sie hätten Helgis Zweitwohnung ebenso wie die anderen Freunde abwechselnd als Party-Location benutzt. Gunni sei kürzlich hier gewesen und habe eine ziemliche Unordnung hinterlassen. Deshalb hätten sie nun aufgeräumt und geputzt. (Als Leserinnen und Leser wissen wir, dass es ihnen darum ging, Fingerabdrücke zu beseitigen.)
Bei der Vernehmung wird Tommi dazu gebracht, das Forum zu öffnen. Auf einem zwei Jahre alten Video sind Jón und seine Ehefrau Sigrún beim Sex zu sehen. Auch wenn die Rechtsanwältin mit der Aufnahme einverstanden war, hätte sie wohl etwas dagegen gehabt, dass auch Jóns Freunde sich das anschauten.

Ein fünf Jahre alter Film ist mit knapp zwei Stunden länger als alle anderen. Anfangs sieht man eine Frau, die sich vor dem Bett auszieht und versucht, ein Selfie zu knipsen, aber zu betrunken ist, um das Smartphone zu halten. Nachdem Helgi mit ihr kopuliert hat, fallen auch seine vier Freunde nacheinander über die inzwischen halb bewusstlose Frau her.

Die Polizei identifiziert die Vergewaltigte als Maren Þórðardóttir. Die 24-Jährige hatte sich wohl noch in derselben Nacht im Meer ertränkt. Unweit des Ortes, an dem jemand Helgi ermordete, war ihre Leiche angespült worden.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Spoiler

Marens Eltern reisten damals sofort aus Norwegen an. Inzwischen leben sie getrennt. Als die Praktikantin Lína die Telefonnummer von Marens Vater Þórdur nennt und Huldur sie in sein Smartphone eingibt, weist das Gerät darauf hin, dass diese Nummer bereits gespeichert ist. Es ist die des Hausmeisters Doddi!

Er lässt sich widerstandslos festnehmen, gesteht beide Morde und führt die Polizei zum Heizungskeller, in dem Siggis im achten Monat schwangere Mutter angekettet liegt.

Nach dem Suizid seiner Tochter fiel Þórdur auf ihrem Handy ein Selfie vor einem Bett auf, und vor einem Jahr sah er denselben Bettkopf zufällig wieder, und zwar auf einem Foto, das Margeir Arnarson bei sich hatte, als er vor Helgis Tür randalierte und der Hausmeister gerufen wurde. Das gut drei Jahre alte Bild zeigte Helgi Friðrikson mit Sigurlaug Lára Lárusdóttir beim Sex. Deshalb war der eifersüchtige Ehemann so zornig auf den gerade erst aus den USA zurückgekehrten Investmentbanker.

Jóns Stiefsohn Fannar hatte das Video auf dem Rechner seines Stiefvaters entdeckt, seine Lehrerin Sigurlaug Lára Lárusdóttir erkannt, den Film in einer Porno-Tauschbörse gepostet und Mitschüler darauf aufmerksam gemacht. Deshalb gab Systa ihren Beruf als Lehrerin auf. Und ihr Ehemann prügelte den Grund für ihre Kündigung aus ihr heraus.

Sobald Margeir aus dem Haus war, öffnete Þórdur mit seinem Generalschlüssel Helgis Wohnungstür und entdeckte auf dem ungesicherten Computer das Internet-Forum der fünf Freunde. Unter den Videos befand sich auch das von der Gruppenvergewaltigung seiner Tochter. Es war nicht weiter schwierig, sich als sechstes Forumsmitglied anzumelden und die Administrator-Rechte zu übernehmen.

Ebenso leicht fiel es ihm, Margeir für seinen Racheplan zu gewinnen.

Nachdem Þórdur den Investmentbanker ermordet hatte, verabredete er sich mit dem arbeitslosen Elektriker vor dem Haus in Suðurhlíð. Der Komplize brachte allerdings unerwartet seine Frau mit und kündigte an, er werde Systa in der Wohnung vergewaltigen, in der Helgi sie gefilmt hatte. Um das zu verhindern, erklärt Þórdur, habe er dem wütenden Ehemann mit einem Werkzeugkoffer auf den Kopf geschlagen und ihn dabei ungewollt getötet. Danach sei er mit Systa und Siggi zu dem Haus gefahren, in dem er wohnte. Dort habe er die Mutter in den Heizungskeller gesperrt und den Sohn in Helgis Wohnung gebracht.

Systa beteuert bei der polizeilichen Vernehmung im Krankenhaus, sie habe Sibbi bei dem One-Night-Stand mit Helgi nicht betrogen, weil sie zu dieser Zeit eine On-Off-Beziehung gehabt hätten.

Sie verschweigt allerdings ein paar wichtige Details. Nicht Þórdur, sondern sie erschlug Sibbi mit dem Werkzeugkoffer. Während sie dann im Auto wartete, schleppte Þórdur die Leiche ins Haus und schaffte sie auf den Balkon von Helgis Zweitwohnung. Als er von ihr erfuhr, dass Siggi nicht von Sibbi, sondern von Helgi gezeugt wurde, also das Erbe des ermordeten Investmentbankers beanspruchen könne, heckte er mit Systa einen neuen Plan aus. Gegen die Zusage einer finanziellen Beteiligung erklärte er sich bereits, das zweite Tötungsdelikt zusätzllich zu seinem Rachemord auf sich zu nehmen.

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Yrsa Sigurðardóttir zeigt in ihrem Thriller „Abgrund“ eine Gruppe von Männern der gehobenen Gesellschaft Islands, die im Dark Net Videos von One-Night-Stands tauschen, die sie ohne Wissen der beteiligten Frauen aufnehmen. Als auktoriale Erzählerin versetzt sie sich in ein Mordopfer und beobachtet die Verbrecher. Die Arbeit der Ermittler erleben wir dagegen vor allem aus Huldurs Perspektive, und weil Yrsa Sigurðardóttir dabei den Leserinnen und Lesern einen Wissensvorsprung gegenüber der Polizei verschafft, erhöht sich die Spannung. Und die bleibt bis zum Ende hoch, weil die Zusammenhänge erst nach einer weiteren unerwarteten Wendung auf den letzten Seiten klar werden. Allerdings enthält die Auflösung ein paar Ungereimtheiten.

Optimal ist die Verknüpfung des Kriminalfalls mit zwischenmenschlichen Beziehungen, darunter auch die zwischen dem Kommissar Huldur und der Psychologin Freyja. Yrsa Sigurðardóttir schreibt anschaulich und lässt die Romanfiguren lebendig werden.

Den Thriller „Abgrund“ von Yrsa Sigurdardóttir gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Dietmar Wunder.

„Abgrund“ ist der vierte Band einer Buchreihe von Yrsa Sigurðardóttir, in der Freyja und Huldur zum Personal gehören. Die Titel der ersten drei Bücher setzten sich jeweils aus nur drei Buchstaben zusammen: DNA (2014), SOG (2017), R. I. P. (2019).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © btb Verlag

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