Hajar Taddigs : Onkel Hassans wundersame Wiederauferstehung in einem alten Mercedes

Onkel Hassans wundersame Wiederauferstehung in einem alten Mercedes
Onkel Hassans wundersame Wiederauferstehung in einem alten Mercedes Originalausgabe: Blanvalet Verlag, München 2018 ISBN 978-3-7645-0629-2, 349 Seiten ISBN 978-3-641-21552-1 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die türkische Gastarbeiterfamilie Özer ist 1984 mit einem 12 Jahre lang als Taxi benutzten Mercedes unterwegs von Berlin-Kreuzberg zu einer Hochzeit in der Heimatstadt am Schwarzen Meer. Ausgerechnet auf der Interzonenautobahn stirbt Onkel Hassan. Ein ehedem gescheiterter Republikflüchtling hilft, den Toten heimlich auf dem Gelände einer Hühnerfarm zu beerdigen – und reist dann als "Onkel Hassan" mit in die Türkei …
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Kritik

Hajar Taddigs' Debütroman "Onkel Hassans wundersame Wiederauferstehung in einem alten Mercedes" ist eine originelle Culture-Clash-Komödie, ein lustiges, unterhaltsames Plädoyer gegen Xenophobie und für Völkerverständigung.
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Berlin-Kreuzberg

Jedes Jahr macht sich die türkische Gastarbeiter-Familie Özer im Sommer auf den Weg von Berlin-Kreuzberg in die Heimat am Schwarzen Meer. So auch 1984.

Weil der gelernte Schlosser Yilmaz Özer  dem türkischen Beamten Yunus Dursun nicht gut genug für seine Tochter Emine war, brannte das Paar durch und heiratete ohne Feier in einem Standesamt. Vor 15 Jahren kamen sie als Gastarbeiter nach Westberlin. Yilmaz träumt davon, einen Köfte-Imbiss aufzumachen, aber dafür reicht das Geld noch lange nicht, obwohl er fleißig arbeitet und Emine vor ihrem Job als Krankenschwester frühmorgens in einer Sparkasse putzt und abends in einem Frisörsalon aushilft. Inzwischen haben sie sich mit Yunus Dursun ausgesöhnt und verbringen jedes Jahr den Urlaub mit dem Sohn Cem und der Tochter Selma in Emines Elternhaus in Karasu.

Als die Özers bereits ihr Gepäck aufs Autodach schnallen, kommt Onkel Hassan Tekin dazu, ein Halbbruder einer Cousine von Yilmaz‘ in Karasu gebliebener Mutter Sunna Özer. Der 56-Jährige, der Anfang der Sechzigerjahre nach Westberlin gekommen war und seither nie wieder die Türkei besucht hatte, will seinen Lebensabend in der Heimat verbringen und hält es für selbstverständlich, dass die entfernten Verwandten ihn mitnehmen, zumal es sich bei ihrem elfenbeinfarbenen Mercedes um das Taxi handelt, mit dem er seit 1972 in Westberlin unterwegs war, bis man ihm unlängst wegen einiger Beschwerden von Fahrgästen und kleiner Unfälle sowohl die Taxilizenz als auch den Führerschein entzog und er Yilmaz Özer den Wagen verkaufte.

Im „Tal der Ahnungslosen“

Die Özers fahren spätabends mit Onkel Hassan am Kontrollpunkt Dreilinden auf die Transitautobahn durch die DDR. Nördlich von Dresden stellen sie plötzlich fest, dass der hinten neben den Kindern sitzende Onkel Hassan nicht schläft, sondern gestorben ist.

Sollen sie den Toten zurück nach Berlin bringen? Aber dann kämen sie nicht mehr rechtzeitig zur Hochzeit von Emines jüngerer Schwester Fatma in Karasu. Die findet in drei Tagen statt, und die Özers haben das von Emine besorgte Brautkleid dabei. Verbotenerweise verlassen sie die Transitautobahn, halten vor dem Kombinat Industrielle Mast und bitten den Nachtwächter um Hilfe.

Walter Escheck hält die Fremden zunächst für Zigeuner. Weil der 46-Jährige wegen eines fehlgeschlagenen Republik-Fluchtversuchs unter Beobachtung steht, überlegt er kurz, ob es sich um getarnte Stasi-Agenten handeln könnte.

Die Stasi nahm sich viel zu ernst, um sich so lustig zu verkleiden, beschloss er. Die waren echt.

Nachdem ihm die Özers ihre Lage erklärt haben, hilft er ihnen beim Ausheben eines Grabs und bei der respektvollen Bestattung des in ein Bettlaken aus dem Reisegepäck gehüllten Toten. Vor dem Zuschaufeln wirft er seinen Ausweis ins Grab, denn die Özers haben ihn überredet, die unerwartete Gelegenheit zum Verlassen sowohl des „Hühner-KZ“ als auch der DDR zu nutzen. Die Türken sind bei Dreilinden zu fünft gewesen, und weil das in den Reisepapieren vermerkt ist, würden sie bei der Ausreise am Kontrollposten Zinnwald-Georgenfeld auffallen, wenn nur vier Personen im Auto säßen. Walter Escheck wird zu Onkel Hassan.

Karasu

Der Mann aus Radeburg, aus dem „Tal der Ahnungslosen“, in dem es keinen Empfang des Westfernsehens gibt, der noch nie im Ausland war, noch nicht einmal in einem der „Bruderstaaten“, reist mit der türkischen Familie über Prag und Brünn, Budapest und Sofia nach Istanbul.

Aber dort stellen sie fest, dass das bundesdeutsche Konsulat an diesem Freitagnachmittag bereits geschlossen ist und erst am Montag wieder öffnen wird. Notgedrungen nehmen die Özers den Deutschen weiter mit in die 200 Kilometer östlich von Istanbul liegende Stadt Karasu am Schwarzen Meer.

In Emines Elternhaus, in dem auch ihre verwitwete Schwägerin Arzu mit deren Sohn Osman wohnt, wird die Hochzeit der 24-jährigen Tochter Fatma, einer Frisörin, mit dem zehn Jahre älteren Architekten Ibrahim vorbereitet und dann auch im Beisein des Gasts aus der DDR gefeiert.

Istanbul

Danach nimmt das neue Ehepaar Walter mit nach Istanbul in die von Ibrahim gekaufte Drei-Zimmer-Wohnung in einem von ihm entworfenen Apartmenthaus, und am nächsten Tag hilft der selbstbewusste Türke dem unsicheren Deutschen, an den Warteschlangen vor dem Konsulat vorbeizukommen, indem er einfach behauptet, sein Freund sei Bundesbürger und habe seine Papiere verloren.

Erst als sich eine Mitarbeiterin seiner annimmt, gibt Walter sich als DDR-Flüchtling zu erkennen und beantragt Asyl. Weil das in diesem Konsulat zum ersten Mal vorkommt und der Konsul nicht anwesend ist, hört sich der Kanzler Claus Fassbender Walters Bericht an und lässt sich die Angaben schließlich von Ibrahim bestätigen. Als er sich davon überzeugt hat, dass es sich bei Walter nicht um einen getarnten Spion oder Terroristen handelt, ordnet er an, den Deutschen in eine Unterkunft zu bringen.

Der Konsul Günther Behrmann lädt Walter zum Frühstück in die Residenz ein. Der Gast wundert sich darüber, dass der Diplomat und seine Frau Käse, Wurst und Brot aus Deutschland einfliegen lassen.

Walter bedauerte die Behrmanns. Die beiden waren schon in aller Herren Länder gewesen und hatten ihren beschränkten kulinarischen Horizont immer von zuhause mitgenommen. Walter hingegen sah sich da ganz klar als Gewinner. Er war gerade einmal eine Woche weg aus der DDR und kannte Ayran, Köfte, Raki, Salgam, Balık Ekmek und die gute Feigenmarmelade von Arzu.

Der Anlass für die Einladung zum Frühstück ist unerfreulich: Auf dem Gelände einer Hühnerfarm nördlich von Dresden wurde ein Toter ausgegraben. Nun ist Walter Escheck in der DDR nicht nur wegen Republikflucht, sondern auch im Zusammenhang mit einem Mordfall zur Fahndung ausgeschrieben. Um diplomatische Verwicklungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR zu vermeiden, könne das Konsulat den Asyl-Suchenden nicht nach Deutschland fliegen, erklärt Günther Behrmann, dem es vor allem darum geht, seinen nächsten Karriereschritt nicht zu gefährden.

Im „Tal der Ahnungslosen“

Nachdem Thomas Nollau, der 25 Jahre alte Betriebsleiter der Hühner-Farm, seine Kontakte bei der Stasi über das Verschwinden seines Nachtwächters unterrichtet hatte, fand die örtliche Volkspolizei beim Einsatz von Spürhunden auf dem Gelände eine vergrabene Leiche und einen Ausweis auf den Namen Walter Escheck.

Major Schlag und seine Assistentin Inge Gorny leiten die Ermittlungen. Der südländische Mann, dessen Identität noch ungeklärt ist, erlag ohne Gewalteinwirkung einem Herzstillstand, und zwar – das ergibt die Obduktion ebenfalls – zu der Zeit, als Escheck verschwand. Wie hängt beides zusammen? Um den Druck der Fahndung nach Escheck zu erhöhen, ordnet Major Schlag an, nichts vom natürlichen Tod des Beerdigten verlauten zu lassen, sondern einen Mordfall vorzutäuschen.

Die Volkspolizei tappt noch immer im Dunkeln, als Major Schlag nachts auf dem Gelände des Kombinats Industrielle Mast herumstreift und von dem als Nachtwächter eingesprungenen Betriebsleiter für einen Einbrecher gehalten wird. Thomas Nollau schlägt ihn mit einem Brecheisen nieder und erkennt erst dann seinen Irrtum.

Während Major Schlag im Krankenhaus behandelt wird, knöpft sich Inge Gorny den Betriebsleiter vor und lässt ihn nach einer stundenlangen Vernehmung in eine Arrestzelle sperren, denn sie hält ihn für verdächtig, obwohl er immer wieder beteuerte, er habe weder etwas mit dem unbekannten Toten noch mit dem Verschwinden des Nachtwächters zu tun.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Istanbul / Karasu

Walter entdeckt im Futter von Onkel Hassans Koffer, den ihm die Özers schenkten, ein Bündel D-Mark-Banknoten. Die 10.000 DM – die ihm eigentlich nicht gehören – bietet er den Özers dafür an, dass sie ihn auf der Rückfahrt wieder mitnehmen. Den Betrag habe das Konsulat dafür zur Verfügung gestellt, lügt er.

Emine hält das Vorhaben für zu riskant, aber Yilmaz sieht sich der Verwirklichung seines Traums von einem eigenen Imbiss näherkommen und überredet seine Frau zum Mitmachen.

Bis zur Abreise beherbergen sie Walter erneut in Emines Elternhaus in Karasu.

Von seiner Mutter Sunna erfährt Yilmaz, dass Onkel Hassan in Karasu ein unbebautes Traumgrundstück direkt am Meer erbte und sie ihm die Besitzurkunde nach Deutschland schickte. Yilmaz – der Onkel Hassan gemeinsam mit seinen drei an verschiedenen Orten in der Türkei verheirateten Schwestern beerben wird – erhält das Dokument von Walter, der es ebenso wie die Geldscheine im Futter des Koffers fand.

Dreilinden

Ohne Zwischenfall gelangen die Özers mit dem erneut als Onkel Hassan ausgegebenen Deutschen zum Kontrollpunkt Dreilinden.

Dort traf gerade der Befehl ein, die Plakate abzuhängen, mit denen nach Walter Escheck gefahndet wurde. Der damit beschäftigte Beamte überlegt, wieso ihm das Gesicht bekannt vorkommt. Nach ein paar Minuten fällt es ihm ein: In dieselben Augen schaute er soeben, als er einen Kontrollblick in den Fond des elfenbeinfarbenen Mercedes warf.

Aber der Schlagbaum vor dem Wagen wird in diesem Augenblick geöffnet, und Emine, die den Aufruhr im Rückspiegel beobachtet, gibt Gas, ohne den anderen im Auto zu verraten, wie knapp es war. Machtlos blicken die DDR-Beamten dem Fahrzeug nach.

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Hajar Taddigs‘ Debütroman „Onkel Hassans wundersame Wiederauferstehung in einem alten Mercedes“ ist eine originelle Culture-Clash-Komödie, ein lustiges, unterhaltsames Plädoyer gegen Xenophobie und für Völkerverständigung. Da wird die Lust gefeiert, mit der sich ein Deutscher in der Türkei nicht nur auf bis dahin unbekannte Speisen und Getränke, sondern auch auf fremde Sitten und Gebräuche einlässt. Vielleicht hätte Hajar Taddigs die eine oder andere Episode weglassen oder glaubhafter gestalten können, aber es handelt sich bei „Onkel Hassans wundersame Wiederauferstehung in einem alten Mercedes“ um eine vergnügliche Lektüre mit einer sympathischen Botschaft.

Hajar Taddigs wurde als Tochter marokkanischer Eltern in Bonn geboren und lebt inzwischen mit ihrer Familie in Hamburg.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © Hajar Taddigs / Blanvalet Verlag

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