Stefanie Bachstein : Du hättest leben können

Du hättest leben können

Stefanie Bachstein

Du hättest leben können

Du hättest leben können Aufgezeichnet von Martina Sahler Originalausgabe: Bastei Lübbe Taschenbuch Bergisch Gladbach 2002 ISBN 3-404-61480-1, 269 S., 7.90 €
Buchbesprechung

Inhaltsangabe


Ein siebenjähriges Schulmädchen wird bei einem Verkehrsunfall verletzt und erstickt auf dem Weg ins Krankenhaus aufgrund einer Fehlintubation. Die Mutter leidet nicht nur unter dem Verlust ihrer Tochter, sondern auch unter dem Versuch von Ärzten, Politikern und Mitarbeitern der Haftpflichtversicherung, den Behandlungsfehler zu vertuschen und zu bagatellisieren.

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Kritik

"Du hättest leben können" ist kein abstrakter, sondern ein szenisch umgesetzter Bericht, in dem eine um ihr Kind trauernde Mutter differenziert und ohne Larmoyanz das Gefühlschaos darstellt, in dem sie sich zurechtfinden muss. Gleichzeitig untersucht sie die strukturellen Mängel im Umgang mit ärztlichen Kunstfehlern und fordert Verbesserungen.
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Stefanie wurde 1951 als Tochter einer Bäckerfamilie geboren und wuchs mit ihren beiden jüngeren Brüdern in einem ostfriesischen Dorf auf. Sportlehrerin wollte sie werden, aber das hielt ihr Vater für zu abgehoben. Mit sechzehn begann sie in Bremen mit einer Ausbildung zur Erzieherin. Nachdem sie drei Jahre in diesem Beruf gearbeitet hatte, kam sie durch Lukas, ihren ersten festen Freund, mit der evangelischen Kirche in Berührung und übernahm 1974 ein Referat einer ländlichen Kirchengemeinde. Sechs Jahre später heiratete sie den Elektrotechniker Horst Bachstein und zog mit ihm in eine Kleinstadt zwischen Köln und Düsseldorf. Sie engagierte sich in der kirchlichen Jugendarbeit und arbeitete einige Zeit als Seelsorgerin in einer Klinik in Düsseldorf. Ihr Kinderwunsch ging erst nach Jahren in Erfüllung: 1986 kam sie mit Bastian nieder, zwei Jahre später mit Marvin, und 1989 wurde sie von Jule entbunden. Nachdem die Jüngste mit drei Jahren in einen Kindergarten gekommen war, absolvierte Stefanie Bachstein eine sechsmonatige Zusatzausbildung als Klinikseelsorgerin und kümmerte sich parallel dazu um straffällig gewordene Jugendliche. Dann betreute sie zwei Jahre lang als Seelsorgerin die Krebsstation der Kölner Universitätsklinik.

Am 7. April 1997 wird Stefanie Bachstein von ihrem Ehemann Horst und ihrer siebenjährigen Tochter Jule mit einem kleinen, zweistimmigen Flötenkonzert geweckt. Die ganze Familie setzt sich an den Frühstückstisch, der aus Anlass des 46. Geburtstags der Mutter mit Kerzen und Blumen geschmückt ist.

Während die Eltern ein paar Tage Urlaub haben, gehen die drei Kinder zur Schule. Jule wird von einer Mitschülerin abgeholt, und unterwegs schließen sich ihnen noch weitere Mädchen und Jungen an. Jule ist ein lebhaftes, kontaktfreudiges Kind, das lieber im Freien herumtollt, als in ihrem Zimmer herumzusitzen – und sich bereits dreimal den Arm gebrochen hat. Von einem Strauch am Straßenrand bricht sie einen Zweig ab und neckt damit Jens. Der versteckt sich zwischen zwei an der Hauptverkehrsstraße geparkten Autos. Jule verfolgt ihn, zwängt sich zwischen zwei Autos hindurch, wird vom Außenspiegel eines vorbeifahrenden Kleinwagens im Gesicht getroffen und zu Boden geschleudert.

Der Autofahrer hält sofort an und kümmert sich um das wimmernde Kind. Der Notarzt wird gerufen. Jule fürchtet sich davor, eine Spritze zu bekommen und ruft nach ihrer Mutter. Eine Schulkameradin rennt in die Schule und alarmiert Marvin. Auch dessen Sportlehrer eilt zur Unfallstelle, wo sich inzwischen die Notärztin um das verletzte Kind kümmert. Weil sie befürchtet, dass es sich um ein Schädelhirntrauma handelt, lässt sie einen Rettungshubschrauber kommen, der auf einem nahe gelegenen Fabrikparkplatz landen soll. Auf der kurzen Fahrt mit dem Rettungswagen dorthin starrt Marvin vom Beifahrersitz aus durch die Trennwand ins Wageninnere, wo sich die Ärztin über seine auf der Trage liegende Schwester beugt.

Stefanie ist unter der Dusche und Horst hämmert unter dem Dach an einem Schreibtisch herum, den er in eine Nische einbauen will: Keiner von ihnen hört das Klingeln der Polizeibeamten. Nur den Rettungshubschrauber bemerkt Horst. Als die Polizeibeamten wiederkommen und erneut klingeln, öffnet Horst. Kurz darauf steht er in der Badezimmertür und blickt seine Frau an, die vor dem Spiegel steht und ihre Haare bürstet: „Stefanie, die Jule hatte einen ganz schweren Unfall.“

Sofort fahren sie los. Zuerst holen sie Marvin, den ein Polizist nach dem Abflug des Rettungshubschraubers ins Polizeipräsidium gebracht hatte. Der Elfjährige will nicht mit nach Köln in die Klinik, sondern zu Hause warten. Stefanie weiß, dass es schrecklich für den Jungen sein wird, allein in der Wohnung zu sitzen, aber für Diskussionen bleibt keine Zeit. Unterwegs fällt ihr ein, dass Bastian in der Schule verständigt werden muss.

Der gleichgültige Angestellte in der Anmeldung des Krankenhauses macht sie wütend. Sie konzentriert sich aufs Atmen, um nicht ohnmächtig zu werden. Während Marvin von einem öffentlichen Telefon aus die Schule anruft, kommt ein Arzt auf Stefanie zu:

„Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Tochter gestorben ist. Der Notärztin ist ein Fehler unterlaufen, sie hat falsch intubiert.“ (Seite 32)

Zögernd entscheidet sich Stefanie dafür, ihr totes Kind noch einmal sehen zu wollen, und man führt sie und ihren Mann in einen Raum, in dem gerade eine Frau mit einem Schrubber putzt. In der Mitte steht eine fahrbare Liege. Darauf liegt Jule, mit einem weißen Laken ganz zugedeckt. Vorsichtig hebt Stefanie das Tuch ein wenig an.

Am Nachmittag kommt ein Unbekannter vorbei, ein Herr Mitte dreißig, Hans Görgens, der Fahrer des Autos, der von dem Unfall schockiert ist und sich wundert, als Stefanie ihm sagt, dass ihre Tochter nicht mehr lebt, denn so schlimm habe es nicht ausgesehen. Stefanie findet es gut, dass der Fahrer sich erkundigt und schiebt ihm auch keine Schuld zu. Ihr ist klar, dass er keine Chance hatte, als Jule plötzlich zwischen den geparkten Autos auftauchte.

Sie nimmt sich vor, jetzt nicht den Fehler zu machen und ihre Söhne aus Angst vor einem ähnlichen Unglück mehr als bisher zu behüten.

„Sie hat falsch intubiert.“ Irgendwann dringt dieser Satz in ihr Bewusstsein vor. Was bedeutet das? Der in Oberhausen als Arzt praktizierende Bruder ihrer Freundin Uta erklärt ihr am Telefon, eine Fehlintubation liege vor, wenn der Schlauch für die künstliche Beatmung versehentlich in die Speise- statt in die Luftröhre geschoben werde. Der Patient drohe dann zu ersticken.

„Wenn diese Frau mein Kind umgebracht hat“, denkt Stefanie, „das verkrafte ich nicht. Wenn sie mein Kind getötet hat, bringe ich sie um.“ Nachdem sie herausgefunden hat, dass es sich bei der Notärztin um Dr. Michaela Fiedler handelt, eine in der Waldklinik angestellte Assistenzärztin und Internistin, ruft sie dort an, aber weder Frau Fiedler noch einer der Chefärzte sind zu sprechen.

Am Abend kommt ihre beste Freundin Maria mit ihrem Mann Martin und den Kindern Paul und Sarah. Als Stefanie noch einmal erzählt, was geschehen ist und auf die Fehlintubation zu sprechen kommt, meint Martin, der ebenfalls Mediziner ist:

„Wenn dir das als Arzt passiert, kannst du dich nur noch erschießen.“ (Seite 53)

Die Bemerkung dringt zu ihr durch, und sie begreift plötzlich, dass auch die Notärztin sich in einer schlimmen Lage befindet.

Dr. Fiedler ruft am nächsten Tag zurück und erläutert Stefanie, sie habe bei dem verunglückten Kind eine Pupillendifferenz festgestellt und ein Schädelhirntrauma vermutet. Ohne künstliche Beatmung wäre Jule auch gestorben oder sie hätte geistig und körperlich schwer behindert überlebt.

Ich wusste, dass Wut und Trauer geheimnisvolle Geschwister sind, die ich besser kennen lernten wollte. (Seite 166)

In der Familie kommt es zu Gefühlsausbrüchen. Einmal schließt Bastian sich in seinem Zimmer ein. Vor Angst, er könne sich etwas antun, beginnt Stefanie hysterisch zu schreien, und Horst droht brüllend damit, die Tür einzuschlagen. Hin und wieder deckt sie den Tisch versehentlich für fünf Personen, und wenn Horst sie darauf aufmerksam macht, muss sie weinen.

Als sie erfahren, dass der Obduktionsbericht und das gerichtsmedizinische Gutachten nur einem Rechtsanwalt ausgehändigt werden, kann Stefanie es zunächst nicht glauben:

Meine Tochter war gestorben, es wurde ein Bericht über ihren Tod angefertigt, und ich erhielt den Bericht nur, wenn ich mir einen Anwalt nahm? (Seite 62)

Mit einem verständnisvollen Bestattungsunternehmer sprechen sie Einzelheiten der Beisetzung ab. Am Grab fasst Stefanie einen Vorsatz:

Ich will, dass aus dem Tod meiner Tochter Gutes wächst. (Seite 71)

Einige Wochen nach dem Unglück stellt Stefanie aus Schnappschüssen von Jule eine Collage zusammen und hängt sie in dem verwaisten Kinderzimmer auf.

Einmal im Monat kommt sie mit dem Fahrrad an der Unfallstelle vorbei. Wenn sie Jules Schulfreundinnen und -freunde sieht, tritt sie blind vor Tränen fester in die Pedale.

Meine zum Ausdruck gebrachte Trauer lähmte mich nicht, sondern schenkte mir immer wieder neue Befreiung und Kraft. (Seite 78)

Für Marvin und Bastian war es zusätzlich zu dem Verlust ihrer Schwester sehr schwer, unsere Traurigkeit mitzuerleben. Normalerweise sehen und erleben Kinder ihre Eltern nicht so schwach und hilflos, sondern eher stark und beschützend. (Seite 76)

Stefanie reist zu einem zweitägigen Idiolektik-Seminar über Psychosomatik. Als der Kursleiter aus privaten Gründen überstürzt abreist, schimpft sie empört über dieses Verhalten. Später begreift sie, dass ihr Zorn damit zu tun hatte, dass auch ihre Tochter so unvermittelt fortgeblieben war.

Im September fahren Horst und Stefanie mit Bastian und Marvin an die Nordsee. Das dritte Bett im Kinderzimmer des Ferienhauses bleibt leer.

Wenn man bei einem Mobile ein Teil abschneidet, gerät alles aus dem Gleichgewicht und muss mühsam wieder neu ausbalanciert werden. So wie es einmal war, kann es ohne das Fehlende nicht mehr sein. (Seite 99)

Als sie nach Hause kommen, liegt ein großes Kuvert des Rechtsanwalts im Briefkasten. Es enthält den Obduktionsbericht und das Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin. Darin heißt es, die Notärztin habe sich zur künstlichen Beatmung des verunglückten Kindes entschlossen, Blut aus dem Rachen abgesaugt, intravenös ein Narkosemittel und ein Medikament zur Unterdrückung bzw. Ausschaltung der Spontanatmung injiziert und intubiert. Während sie den Tubus mit einer Mullbinde fixierte, beatmete der Sanitäter Jule manuell mit einem Ambubeutel. Dann wurde der Beatmungsschlauch an das Beatmungsgerät im Krankenwagen angeschlossen. Dr. Schmitt, dem Notarzt aus dem Hubschrauber, einem Anästhesisten, fiel sofort die Blaufärbung der Haut auf, und er rief: „Da stimmt was mit der Beatmung nicht.“ Unverzüglich führte er neben dem vorhandenen Beatmungsschlauch einen zweiten in die Luftröhre ein. Doch es war zu spät: In der Ambulanz des Krankenhauses konnte der diensthabende Arzt nur noch Jules Tod feststellen. Bei der Obduktion wurde zwar eine reiskorngroße Gehirnquetschung entdeckt, aber ein schweres Schädelhirntrauma hat nicht vorgelegen.

Ohne die Fehlintubation hätte Jule also leben können; mit bleibenden Behinderungen wäre nicht zu rechnen gewesen! Stefanie glaubt, in einen Abgrund zu stürzen. Es ist, als sei Jule ein zweites Mal gestorben.

Wegen des tödlichen Unfalls einer Schülerin wird in der Hans-Böckler-Schule eine Verkehrserziehungs-Veranstaltung durchgeführt, über die auch die Lokalpresse berichtet. Ein tödlicher Verkehrsunfall? Das stimmt doch gar nicht: Jule starb nicht an der Unfallverletzung, sondern an den Folgen eines Behandlungsfehlers! Stefanie will, dass man bei der Wahrheit bleibt und wendet sich an den populären Politiker Karl Erwin Lange. Der weist in seinem Antwortschreiben auf die hervorragende Notarztversorgung in der Stadt hin und verwahrt sich gegen jeden Vorwurf eines ärztlichen Kunstfehlers. Wieso reagiert er so defensiv? Schließlich findet Stefanie heraus, dass der Politiker der Geschäftsleitung der Waldklinik angehört. Sie sucht Lange in seinem Büro auf. Nachdem er ihr zugehört hat, sagt er:

„Wenn das wirklich so abgelaufen ist und Frau Dr. Fiedler dafür verantwortlich ist, dann ist es besser, wenn man so eine Ärztin entlässt, falls das an die Öffentlichkeit kommt.“ (Seite 124)

Er wäre also bereit, im Interesse der Klinik die Ärztin einfach fallen zu lassen! Stefanie will jedoch kein Menschenopfer, sondern die Anerkennung der Wahrheit.

Sie sucht das Gespräch mit Michaela Fiedler. Telefonisch vereinbaren sie einen Termin in der Waldklinik. Gleich zu Beginn der Unterredung geht Dr. Fiedler in die Verteidigung.

Bevor sie auch nur einen Satz mehr über das Gutachten sagen kann, stoppe ich sie abrupt. Ich spüre nämlich Wut in mir hochsteigen.
Wenn ich mich auf diese Ebene der Rechtfertigungen und der Schuldzuweisungen einlasse, werden wir uns gegenseitig zerfleischen, anstatt den inneren Frieden zu finden, nach dem ich mich sehne. (Seite 128)

Stefanie bittet die Ärztin, von sich zu erzählen und bringt sie damit aus dem Konzept, aber ihr ist daran gelegen, einen Kontakt von Mensch zu Mensch herzustellen. Sie erfährt, dass Michaela Fiedler verheiratet ist und zwei Söhne im Alter von zwei und fünf Jahren hat, um die sich während ihrer Dienstzeit ein Aupairmädchen kümmert. Ihr Ehemann, der sein Medizinstudium abgebrochen hat, arbeitet halbtags als Museumsführer und träumt von einer eigenen Kunstgalerie. Die beiden Frauen scheinen sich näher zu kommen, aber es gelingt Stefanie nicht, den persönlichen Kontakt aufrechtzuerhalten, und bei ihren Telefonaten hat sie den Eindruck, dass sie für die Ärztin – gegen die wegen fahrlässiger Tötung ermittelt wird – eher belastend sind. Am 6. April 1998, also unmittelbar vor dem Todestag Jules, ruft sie Dr. Fiedler noch einmal an. Die Ärztin freut sich, dass sie in der Woche davor einem Kind das Leben retten konnte und behauptet dann, bei Jule nichts falsch gemacht zu haben. Stefanie ist fassungslos.

Das Telefonat konnte ich so nicht stehen lassen. Ich wollte nicht in meinen Ohnmachtsgefühlen ertrinken! (Seite 141)

Als der Rechtsanwalt Mitte Juni mitteilt, dass Michaela Fiedler am 7. April – einem Tag nach dem Telefongespräch – wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe in Höhe von 8000 D-Mark verurteilt wurde, schreibt Stefanie einen wütenden Brief, in dem sie die Ärztin auffordert, sich einen anderen Beruf zu suchen. Antwort darauf erhält sie von Dr. Adams, einem der Chefärzte der Waldklinik: Er beschwert sich über die „Destruktivität“ und „unmenschliche Härte“ von Stefanies Brief und behauptet, seiner Assistenzärztin sei nichts vorzuwerfen. Dabei wurde sie wegen fahrlässiger Tötung rechtskräftig verurteilt!

Eineinhalb Jahre nach dem Unfall fragt unvermittelt eine Polizistin, was mit Jules inzwischen freigegebenen Kleidungsstücken geschehen soll. Möchte die Mutter sie abholen oder soll die Polizei sie entsorgen? Ohne ihrer Familie etwas davon zu sagen, holt Stefanie die Sachen ab. Im Keller schrubbt sie das Blut aus den Turnschuhen und weicht die Blutflecken auf der Jacke vor dem Waschen ein. Die aufgeschnittene Hose wirft sie in den Müll, die Turnschuhe gibt sie zur Kleidersammlung, und die Jacke schenkt sie Marias Tochter Sarah.

Dr. Michaela Fiedlers Haftpflichtversicherung, die „Expert“, spielt offenbar auf Zeit und erklärt sich erst Anfang 2000 bereit, eine unbedeutende Summe als Schadenersatz zu zahlen. Daraufhin rät der Anwalt den Bachsteins zur Klage gegen die Versicherung. Stefanie erinnert sich, was Martin einmal sagte:

„Reicht bloß keine Klage ein. Wenn ihr klagt, ziehen die euch durch alle Instanzen, das kann sieben, acht Jahre oder länger dauern. Danach seid ihr am Boden zerstört und zu nichts mehr fähig.“ (Seite 179)

Sie versucht deshalb, am Telefon mit dem Vorstandsvorsitzenden der Versicherung in Kiel zu sprechen und droht, den Fall publik zu machen, aber sie kommt nicht über dessen Vorzimmer hinaus. Dafür ruft ihr Anwalt an und beschwert sich über ihre eigenmächtige Kontaktaufnahme mit der Versicherung. Wuttke, der zuständige Sachbearbeiter, der ihn verständigte, deutete jedoch auch an, dass das Unternehmen bereit sei, den ursprünglich angebotenen Betrag im Rahmen eines Vergleichs zu vervierfachen. Die Drohung mit der Öffentlichkeit hat also gewirkt! Die Bachsteins folgen dem Rat des Anwalts und stimmen dem Vergleichsangebot zu. Sie erhalten auch tatsächlich das Geld. Die Überraschung folgt mit dem abschließenden Schreiben der Versicherung, in dem so getan wird, als sei vereinbart worden, über den Vorfall in der Öffentlichkeit zu schweigen.

In einem Telefongespräch teilt Stefanie der Ärztin mit, dass sie aufgrund des Vergleichs nicht mehr mit einer Zivilklage rechnen müsse. Da erfährt sie, dass Michaela Fiedler der Versicherung von sich aus Geld angeboten hatte, um einen Vergleich zu erleichtern und einen Zivilprozess abzuwenden. Wuttke habe ihr jedoch gesagt, sie solle ihr Geld behalten und „die Leute“ ruhig klagen lassen. Erst als es nach Stefanies Drohung, die Medien zu informieren, zu dem Vergleichsangebot kam, forderte er die Ärztin skrupellos auf, den genannten Betrag zu überweisen.

Wütend unterrichtet Stefanie das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen in Berlin über ihre Erfahrungen mit „Expert“.

Nach einem Wechsel an der Spitze des Unternehmens wendet sie sich 2001 an Ewald Niggeloh, den neuen Vorstandsvorsitzenden der „Expert“, und der lädt sie und ihren Mann zu einer Unterredung in ein Restaurant in Düsseldorf ein. Stefanie überlegt sich, wie sie sich für die Begegnung kleiden und welche Gesprächstaktik sie verfolgen soll. Dann beobachtet sie mit heimlicher Freude, wie Niggeloh angespannt darauf wartet, dass sie zur Sache kommt. Anders als sie steht er unter Zeitdruck. Nach dem Dessert fordert er die Bachsteins auf, ihr Anliegen endlich vorzutragen. Offenbar rechnet er damit, dass sie mit der Drohung, doch noch die Medien einzuschalten, zusätzliches Geld herausschlagen wollen. Stefanie schlägt eine Spende vor und merkt sofort, wie Niggeloh erleichtert überlegt, eine ohnehin geplante Spende für ein Kinderkrankenhaus in Höhe von 10 000 D-Mark vorzuschieben. Sie durchkreuzt die Absicht und nennt ein südamerikanisches Straßenkinderprojekt als Empfänger der Spende. Mit 10 000 D-Mark gibt sie sich auch nicht zufrieden; das Zehnfache sollte es schon sein, meint sie. Die „Expert“ geht zwar nicht darauf ein, aber Stefanie hat es gut getan, den Vorstandsvorsitzenden nervös gemacht zu haben.

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„Stefanie Bachstein“ ist ein Pseudonym, und auch die übrigen Namen wurden ebenso wie Daten und Ortsangaben verändert, „um die zu schützen, deren Leben es betrifft“. Aber es handelt sich bei „Du hättest leben können“ um den authentischen Bericht der Mutter eines siebenjährigen Mädchens, das nach einem Verkehrsunfall durch einen Behandlungsfehler einer Notärztin ums Leben kam.

„Du hättest leben können“, das ist keine abstrakte Abhandlung, sondern eine szenische, beinahe romanartige Darstellung, die den Leser mitreißt und betroffen zurücklässt. Störend sind allenfalls ein paar Kleinigkeiten, die sich durch eine bessere Lektorierung hätten vermeiden lassen, etwa unnötige Wiederholungen (wie der gelungene Vergleich der Familie mit einem Mobile auf Seite 99 und dann noch einmal auf Seite 132f) oder eine Reihe von zeitlichen bzw. gedanklichen Sprüngen (eine auf Seite 134 bereits in der Sache aktive Anwaltskanzlei wird auf Seite 172 erst ausgesucht und beauftragt). Wichtiger als diese stilistischen Schwächen sind allerdings der Inhalt und die geistige Haltung der betroffenen Mutter.

Ihr Buch ist weder larmoyant noch hasserfüllt, sondern sie bemüht sich, auch die schwierige Situation zu verstehen, in der sich die wegen fahrlässiger Tötung zunächst angeklagte und dann verurteilte junge Medizinerin befindet. Das zeugt von einer Größe des Charakters. Es ist verständlich, dass der Bericht egozentrisch ist, denn natürlich geht es Stefanie Bachstein zuallererst darum, sich in ihrem eigenen Gefühlschaos zurechtzufinden. „Du hättest leben können“ ist jedoch kein Buch, das nur der Autorin zur Aufarbeitung einer traumatischen Erfahrung dient, denn Stefanie Bachstein verbindet damit ein über ihr persönliches Leid hinausgehendes Anliegen, auf das wir gleich zu sprechen kommen, und es handelt sich bei ihr um eine kluge Frau, die genau hinschaut und ihre Erfahrungen differenziert zu artikulieren vermag. Von ihrer ungeachtet der Trauer um die Tochter positiven Einstellung zeugt, was sie sich am Grab vornimmt:

Ich will, dass aus dem Tod meiner Tochter Gutes wächst. (Seite 71)

Damit aus dem Unglück Gutes entsteht, fordert Stefanie Bachstein in ihrem Buch und bei ihren öffentlichen Auftritten beispielsweise eine verbesserte Schulung und ein Umdenken der Versicherungssachbearbeiter, die sich bewusst sein sollten, wie krass der Gegensatz zwischen ihrer routinemäßigen Bearbeitung der Fälle und dem persönlichen Leid der Betroffenen ist. Nicht nur das Vertuschen und Bagatellisieren, das den geschäftlichen Interessen des Versicherungsunternehmens dient, kann bei den Betroffenen eine Sekundär-Traumatisierung auslösen; häufig reicht schon ein unbedachtes Wort, um sie erneut in einen Schockzustand zu versetzen.

Auch das ist tragisch, wenn man nur noch auf der juristischen Ebene oder in materiellen Strukturen denken kann. (Horst Bachstein in seinem Schlusswort, Seite 254)

Stefanie Bachstein setzt darauf, durch Bewusstmachung Änderungen zu erreichen. Sie verlangt Transparenz und Rücksichtnahme im Umgang mit ärztlichen Kunstfehlern. Niemandem ist damit gedient, einen Arzt, dem ein Fehler unterlaufen ist, als Sündenbock zu entlassen; wichtiger sind die freimütige Untersuchung der strukturellen Ursachen und die Behebung systematischer Mängel.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Verlagsgruppe Lübbe

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