Simone de Beauvoir : Das andere Geschlecht

Das andere Geschlecht
Originaltitel: Le Deuxième Sex Vorabdruck in "Les Temps Modernes", 1949 Erstausgabe: Librairie Gallimard, Paris 1949 Das andere Geschlecht Sitte und Sexus der Frau Übersetzung: Eva Rechel-Mertens, Fritz Montfort Rowohlt Verlag, Hamburg 1951 Taschenbuch: Rowohlt 1968 ISBN 3-499-16621-6, 715 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Simone de Beauvoir untersucht in ihrem Buch "Das andere Geschlecht" das Bild der Frau in der Biologie, in der Psychoanalyse und im historischen Materialismus, beschreibt die tatsächlichen Lebensbedingungen der Frau im Verlauf der Geschichte, setzt sich mit Mythen über das Wesen der Frau auseinander und beschäftigt sich mit aktuellen Frauenrollen, mit den Besonderheiten verschiedener Lebensphasen und der weiblichen Sexualität.
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Kritik

"Ich habe die Möglichkeiten untersucht, die diese Welt den Frauen bietet, und die Möglichkeiten, die sie ihnen vorenthält, ihre Begrenzungen, ihr Glück und Unglück, ihre Ausflüchte, ihre Leistungen." (Simone de Beauvoir: Der Lauf der Dinge)

Inhaltsverzeichnis

Fakten und Mythen

  • Schicksal (Biologische Voraussetzungen, Der psychoanalytische Gesichtspunkt, Der Gesichtspunkt des historischen Materialismus)
  • Geschichte
  • Mythos (Montherlant oder Das Brot des Abscheus, D. H. Lawrence oder Phallisches Hochgefühl, Claudel und die Magd des Herrn, Breton oder Die Poesie, Stendhal oder Die Romantik des Wahren, Schlüsse)

Gelebte Erfahrung

  • Formierung (Kindheit, Jugend, Erste Erfahrung, Lesbische Liebe)
  • Situation (Ehe, Mutterschaft, Gesellschaft, Dirnen- und Hetärentum, Von der Reife zum Alter, Situation und Charakter der Frau)
  • Rechtfertigung (Narzissmus, Liebe, Mystik)
  • Auf dem Weg zur Befreiung
  • Schlussfolgerungen

Simone de Beauvoir untersucht in ihrem Buch „Das andere Geschlecht“ das Bild der Frau in der Biologie, in der Psychoanalyse und im historischen Materialismus, beschreibt die tatsächlichen Lebensbedingungen der Frau im Verlauf der Geschichte,

setzt sich mit Mythen über das Wesen der Frau auseinander und beschäftigt sich mit aktuellen Frauenrollen, mit den Besonderheiten verschiedener Lebensphasen und der weiblichen Sexualität. Simone de Beauvoir kommt zu dem Schluss, dass die Geschlechtsidentität (im Englischen gibt es dafür das Wort gender) nicht angeboren, sondern anerzogen ist, und sie zeigt auf, dass man (sic!) in der abendländischen Kultur das Selbst männlich und das Weibliche als das Andere betrachtet; das Weibliche wird als negatives Spiegelbild des Männlichen funktionalisiert.

Beim Schreiben wurde mir klar, was die Geschlechter trennt. Ich behaupte lediglich, dass diese Verschiedenheiten nicht natur-, sondern kulturbedingt sind. Ich habe ihre Entstehung von der Kindheit an bis ins Alter hinein zu beschreiben versucht. Ich habe die Möglichkeiten untersucht, die diese Welt den Frauen bietet, und die Möglichkeiten, die sie ihnen vorenthält, ihre Begrenzungen, ihr Glück und Unglück, ihre Ausflüchte, ihre Leistungen. (Simone de Beauvoir: Der Lauf der Dinge. Rowohlt Verlag, Reinbek 1966, Seite 183)

[…] Die Frau, so heißt es, beneidet den Mann um seinen Penis und möchte ihn kastrieren. Aber der kindliche Wunsch nach dem Penis wird im Leben der erwachsenen Frau nur bedeutungsvoll, wenn sie ihr Frauentum als eine Verstümmelung empfindet. Dann wünscht sie sich das männliche Organ anzueignen, insoweit es alle Privilegien des Mannseins verkörpert […]
Die Gesellschaft, die von Männern in Rechtsordnungen gebracht wurde, erklärt die Frau für minderwertig: Sie kann diese Minderwertigkeit nur beseitigen, wenn sie die männliche Überlegenheit zerstört […] Jede Unterdrückung schafft einen Kriegszustand […]
Statt den Mann in ihrem Gefängnis mit einschließen zu wollen, versucht die Frau, aus diesem herauszukommen […]
[…] Die feminine Frau […] verlegt sich darauf, ihm [dem Mann] Fallen zu stellen, ihn durch die Begierde in Fesseln zu schlagen, die sie dadurch erregt, dass sie sich gefügig zu einer Sache macht. Die emanzipierte Frau dagegen möchte aktiv zupacken und verweigert die Passivität, die der Mann ihr auferlegen will […] Die moderne Frau akzeptiert jedoch die männlichen Werte, sie ist darauf aus, analog wie der Mann zu denken, zu handeln, zu arbeiten, schöpferisch tätig zu sein. Statt dass sie die Männer herunterzuziehen sucht, betont sie, dass sie ihnen gleichkommt […] [Viele Frauen] spielen auf zwei Tischen, sie verlangen gleichzeitig alte Rücksichtnahme und neue Wertschätzung, sie setzen auf ihre alte Magie und auf ihre jungen Rechte […]
Die Auseinandersetzung wird so lange dauern, als Mann und Frau sich nicht als ihresgleichen anerkennen, d. h. solange sich das Frauentum als solches weiter fortsetzt […]
In der Tat finden die Männer in ihrer Gefährtin einen besseren Komplizen, als der Unterdrücker üblicherweise im Opfer seiner Unterdrückung findet […] Die ganze Gesellschaft […] lügt sie [die Frau] an, wenn sie den hohen Wert der Liebe, der Ergebenheit, der Selbsthingabe predigen und ihr dabei verheimlichen, dass weder der Geliebte noch der Ehemann noch die Kinder geneigt sind, eine solch drückende Last zu ertragen […] Und darin liegt das schlimmste Verbrechen, das gegen sie begangen wird. Von Kindheit an und ihr ganzes Leben lang verwöhnt, verdirbt man sie, indem man ihr als ihre Berufung jene Selbstaufgabe hinstellt, die jeden Existierenden versucht, der sich vor seiner Freiheit ängstigt […]
Es muss nochmals darauf hingewiesen werden, dass es in der menschlichen Gesellschaft nichts Natürliches gibt und die Frau unter anderm ein Zivilisationsprodukt ist […] Der Abgrund, der das junge Mädchen vom jungen Mann trennt, ist von den ersten Tagen ihrer Kindheit an ganz bewusst geschaffen worden. Später kann man nicht mehr verhindern, dass die Frau das ist, wozu man sie gemacht hat […]
Wenn das junge Mädchen vom zartesten Kindesalter an mit dem gleichen Anspruch und der gleichen Anerkennung, mit der gleichen Strenge und der gleichen Freiheit wie ihre Brüder erzogen würde, wenn sie an denselben Studien, denselben Spielen teilnähme, wenn ihr dieselbe Zukunft offenstände, wenn sie von Männern und Frauen umgeben wäre, die ihr unbedingt gleichwertig erschienen, dann würden sich der Kastrations-Komplex und der Ödipus-Komplex von Grund auf ändern. Wenn die Mutter mit derselben Berechtigung wie der Vater die materielle und moralische Verantwortung für das Paar übernähme, würde sie dasselbe bleibende Ansehen genießen. Das Mädchen würde um sich herum eine mann-weibliche und keine männliche Welt empfinden […] Die Erotik, die Liebe gewännen den Charakter einer freien Überschreitung und nicht den einer Selbstaufgabe […]
Die Frau ist nicht das Opfer eines geheimnisvollen, unabwendbaren Schicksals […]
Die Tatsache des Menschseins ist unendlich viel wichtiger als alle Besonderheiten, die Menschenwesen auszeichnen […]
(Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht, Seite 668ff)

„Das andere Geschlecht“ löste eine ebenso heftige wie kontroverse Diskussion aus. Während beispielsweise die britische Soziologin Mary Evans der Meinung war, dass Simone de Beauvoir männlich-sexistische Vorstellungen übernommen hatte, argumentierte die Frauenbewegung, die sich 1970 in Frankreich formierte, mit Thesen aus dem Buch „Das andere Geschlecht“. Vom Feminismus ließ Simone de Beauvoir sich allerdings ebensowenig vereinnahmen wie von anderen Bewegungen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Rowohlt

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