Michail Bulgakow : Das hündische Herz

Das hündische Herz

Michail Bulgakow

Das hündische Herz

Sobač'e serdce, Manuskript: 1925 Hundeherz, Übersetzung: Gisela Drohla Hermann Luchterhand Verlag 1968 Das hündische Herz Neuübersetzung: Alexander Nitzberg Verlag Galiani, Berlin 2013 ISBN: 978-3-86971-069-3, 171 Seiten, 16.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Im Zuge seiner Verjüngungsexperimente verpflanzt Professor Preobraschenski einem Straßenköter in Moskau Hoden und Hypophyse eines ermordeten Kleinkriminellen. Das Tier wird dadurch jedoch nicht verjüngt, sondern unerwartet vermenschlicht. Die Kreatur lernt schnell und will Polygraph Polygraphowitsch Lumpikow genannt werden. Trotz seines rüpelhaften Benehmens erhält Lumpikow ein Amt in der Moskauer Stadtverwaltung ...
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Kritik

Michail Bulgakow kritisiert ehrgeizige Wissenschaftler, die bedenkenlos in die Natur eingreifen. "Das hündische Herz" ist zugleich eine witzige Satire auf gesellschaft­liche Missstände und den Anspruch der Kommunisten, einen besseren Menschen schaffen zu können.
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Kurz nachdem der Straßenköter – eine Promenadenmischung, schätzungsweise zwei Jahre alt – von einem Kantinenwirt in Moskau mit kochendem Wasser verbrüht wurde, ködert der 60-jährige Chirurgie-Professor Filipp Filippowitsch Preobraschenski ihn mit einer eigens für diesen Zweck gekauften Krakauer und nimmt ihn mit nach Hause. Der Rüde glaubt, nun brächen gute Zeiten für ihn an.

Als sich in Filipp Filippowitschs Räumen die Haushälterin Sinaida („Sina“) Prokofjewna Bunina und der Arzt Dr. Iwan Arnoldowitsch Bormenthal auf den Hund stürzen, ihm einen Ätherbausch vor die Nase halten und ihm die Sinne schwinden, glaubt er, es sei aus mit ihm. Aber er kommt wieder zu sich und stellt fest, dass seine Verletzungen medizinisch versorgt und verbunden wurden. Die Köchin Darja Petrowna gibt ihm auf Anweisung des Professors in einer Woche so viel zu fressen, wie er als streunender Hund nicht einmal in eineinhalb Monaten auftreiben konnte. Die Menschen nennen ihn Lumpi. Nach ein paar Tagen legen sie ihm ein Halsband an. Daran erkennen die Straßenköter, dass er ein warmes Zuhause hat, und sie beneiden ihn deshalb, wenn er ausgeführt wird.

Lumpi beobachtet den emsigen Professor bei der Arbeit. Offenbar hat er eine Methode entwickelt, Menschen zu verjüngen. Ein bereits operierter Patient berichtet, dass er 25 Jahre lang keinen Geschlechtsverkehr mehr gehabt habe, seit 1899 in Paris, aber nun wieder aktiv sei. Einer Patientin, die behauptet, sie sei 45, die jedoch bestimmt zehn Jahre älter ist, kündigt Filipp Filippowitsch an, dass er ihr Eierstöcke eines Affen einpflanzen werde.

Außer den älteren Patienten tauchen vier junge Leute von der Hausverwaltung auf: Schwonder, Knallikow, Pfannkin und ein weiterer Mann, der sich jedoch als Frau ausgibt: Wjasemskaja. Die Herrschaften kommen von der Generalversammlung der Mieter und überbringen Filipp Filippowitsch Preobraschenski den Beschluss, dass er zwei von seinen sieben Zimmern abgeben müsse. Der Professor, der seit 1903 nicht nur in diesem Haus wohnt, sondern auch praktiziert, greift verärgert zum Telefon und ruft jemanden an, den er Witali Alexandrowitsch nennt und bei dem es sich offenbar um ein hohes Tier handelt. Er teilt ihm mit, dass er ihn nicht operieren könne und überhaupt von Moskau nach Sotschi umziehen werde, weil ihm die Hausverwaltung zwei dringend benötigte Zimmer wegnehmen wolle. Witali Alexandrowitsch redet auf den Chirurgen ein, bis dieser unter der Bedingung, dass er mindestens sieben Räume zur Verfügung habe, weiterzumachen verspricht. Dann reicht er Schwonder den Hörer, und der Vorsitzende der Hausverwaltung sagt Witali Alexandrowitsch zu, den Professor nicht weiter zu behelligen.

Als die vier jungen Leute fort sind, klagt Filipp Filippowitsch seinem Assistenten Dr. Iwan Arnoldowitsch Bormenthal, bis April 1917 sei in diesem Haus nie etwas weggekommen, aber seither werde immer wieder etwas gestohlen. [Im April 1917 kam Lenin aus dem Schweizer Exil nach Petrograd zurück.] Außerdem berichtet er Iwan Arnoldowitsch von einer wissenschaftlichen Erkenntnis:

Wissen Sie, ich habe in meiner Klinik 30 Versuche durchgeführt. Und was glauben Sie? Die Patienten, die überhaupt keine Zeitungen lesen, fühlen sich durch und durch fit. Während diejenigen, die ich extra zwang, die Prawda zu lesen, allesamt an Gewicht verloren.

Einige Tage später, am 23. Dezember 1924, kommt Dr. Bormenthal aufgeregt zu Prof. Preobraschenski. Der Mann sei vor drei Stunden seiner Verletzung erlegen, teilt er mit. Lumpi weiß nicht, wovon der Arzt spricht, ahnt jedoch Schlimmes. Prompt wird er von Sina ins Untersuchungszimmer gezerrt und von Dr. Bormenthal wieder mit Äther narkotisiert. Der Professor tauscht sowohl die Hypophyse als auch Hoden, Nebenhoden und Samenleiter des Tieres mit entsprechenden Organen aus, die Iwan Arnoldowitsch der menschlichen Leiche entnahm und mitbrachte.

Bei dem Toten handelt es sich um den 25-jährigen parteilosen kleinkriminellen Alkoholiker Klim Grigorjewitsch Tschugunkin, der in Bierstuben Balalaika spielte und durch einen Messerstich ins Herz starb.

In seinen Aufzeichnungen über die revolutionäre Operation und die Folgen hält Dr. Bormenthal fest, dass der Kreatur ab 30. Dezember die Haare ausfallen. Am 2. Januar 1925 verlässt sie das Bett und hält sich eine halbe Stunde lang auf den Hinterpfoten. Vier Tage später fällt ihr der Schwanz ab. Am 8. Januar notiert Dr. Bormenthal, sein Chef sei zu der Erkenntnis gekommen, dass die Einpflanzung einer menschlichen Hypophyse bei dem Hund statt der erwarteten Verjüngung eine Vermenschlichung bewirke. Bormenthal muss Kleidung und Unterwäsche für das Wesen kaufen, das eine erstaunliche Lernfähigkeit beweist, bald mit einer Gabel essen kann und Polygraph Polygraphowitsch Lumpikow genannt werden möchte. Allerdings trinkt Polygraph Polygraphowitsch Unmengen Wodka, stiehlt Geld, benutzt viele Ausdrücke der Gossensprache und benimmt sich rüpelhaft.

– Sie, Lumpikow, haben vor 3 Tagen im Stiegenhaus eine Dame gebissen! – gab Bormenthal seinen Senf dazu. […]
– Die hat mir eine in die Fresse geklatscht! –, kreischte Lumpikow.

Die Wjasemskaja bringt Polygraph Polygraphowitsch Lumpikow Papiere: Damit wird er zum Mitglied der Wohnungsgenossenschaft, und es stehen ihm 55 Quadratmeter Wohnfläche zu.

Filipp Filippowitsch beginnt, am Sinn seiner jahrelangen Forschungsarbeit zu zweifeln. Er habe sich verirrt, klagt er seinem Assistenten, die neue Entdeckung sei keinen Pfifferling wert. Iwan Arnoldowitsch entgegnet:

Immerhin ist das ein Mensch mit einem hündischen Herzen!

Aber Filipp Filippowitsch meint:

Begreifen Sie doch, das Furchtbare ist, dass er kein hündisches Herz mehr hat, sondern eben ein menschliches.

Der Arzt will das vermenschlichte Tier töten, aber das lässt der Professor nicht zu.

Polygraph Polygraphowitsch bleibt einige Tage lang verschwunden, und als er wieder auftaucht, zeigt er den Herren ein Dokument, aus dem hervorgeht, dass er zum Vorsitzenden der Unterabteilung für die Bereinigung der Stadt Moskau von wild streunenden Tieren ernannt wurde. Zu seinen Aufgaben gehört es, streunende Kater und Katzen zu erwürgen. Er bringt auch eine Sekretärin mit, Fräulein Wasnezowa.

Ein in der Verwaltung tätiger Patient überbringt Filipp Filippowitsch einen Brief, den er im Amt erhielt. Darin heißt es unter anderem, der Professor führe konterrevolutionäre Gespräche und habe verbotenerweise einen Untermieter aufgenommen. Unterschrieben ist das Papier von Polygraph Polygraphowitsch Lumpikow; Schwonder und Knallikow haben es beglaubigt.

Diese Denunziation bringt das Fass zum Überlaufen. Der Professor sagt alle Termine für diesen Tag ab.

Zehn Tage später stehen zwei Milizionäre mit einem Durchsuchungsbefehl vor der Türe. Professor Filipp Filippowitsch Preobraschenski, Dr. Iwan Arnoldowitsch Bormenthal, Sinaida Prokofjewna Bunina und Darja Petrowna werden verdächtigt, Polygraph Polygraphowitsch Lumpikow ermordet zu haben, denn der Vorsitzende der Unterabteilung für die Bereinigung der Stadt Moskau von wild streunenden Tieren wird seit zehn Tagen vermisst. Während sich die Milizionäre in der Wohnung umsehen, betritt ein aufrecht gehender Hund den Raum, in dem sie sich gerade aufhalten. Als der Hund dann auch noch unvermittelt „Keine obszönen Ausdrücke!“ sagt, fällt einer der Milizionäre in Ohnmacht.

Der Hund leidet zwar unter Kopfschmerzen, ist jedoch zufrieden.

„Schwein gehabt, richtig Schwein gehabt“, dachte er vor dem Einschlummern, „so richtig Schwein gehabt. […] Fragt sich nur, warum die mir den Kopf zerschunden haben. Aber was soll’s, es wird schon wieder. Wäre ja nicht das erste Mal.“

Allerdings wundert er sich über den Professor:

Der Hund war Zeuge abscheulicher Dinge. Der majestätische Mann tauchte seine Hände in glitschigen Handschuhen in einen Behälter und holte ein Hirn hervor. Ein hartnäckiger Mann, ein dickköpfiger Mann, andauernd musste er weiter forschen, zerschneiden, mustern, die Augen verkneifen […]

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In der Novelle „Das hündische Herz“ kritisiert Michail Bulgakow ehrgeizige Wissenschaftler, die bedenkenlos in die Natur eingreifen und dabei Unheil anrichten. Jetzt, fast 90 Jahre nach der Entstehung des Manuskripts, ist dieses Thema brisanter denn je. Man denke nur an die Möglichkeiten des Klonens. „Das hündische Herz“ ist zugleich eine Satire auf die Annahme der Kommunisten, einen besseren Menschen schaffen zu können. Ein vermenschlichter Hund mit üblen Charaktereigenschaften übernimmt in Moskau ein Amt, das es ihm erlaubt, die ihm persönlich verhassten Katzen auszurotten: Damit spielt Michael Bulgakow unverkennbar auf gesellschaftliche Missstände in der damaligen UdSSR an.

Anregungen für „Das hündische Herz“ fand Michail Bulgakow vermutlich auch bei Mary Shelley („Frankenstein oder Der moderne Prometheus“) und Gustav Meyrink („Der Golem“).

Ein Vorbild für Professor Filipp Filippowitsch Preobraschenski könnte der russisch-französische Chirurg Serge Voronoff (1866 – 1951) gewesen sein, ein Pionier auf dem Gebiet der Xenotransplantation, der damit experimentierte, ältere Tiere durch die Transplantation von Jungtier-Hoden zu verjüngern und am 12. Juni 1920 einem menschlichen Patienten zerschnittene Schimpansen-Hoden ins Skrotum einpflanzte. Der Name Preobraschenski ist vom russischen Wort für Verwandlungskunst abgeleitet.

Die von Professor Preobraschenski in „Das hündische Herz“ verpflanzten Körperteile stammen von dem kleinkriminellen Alkoholiker Klim Grigorjewitsch Tschugunkin. Der Name Tschugunkin leitet sich vom russischen Wort für Gusseisen ab und könnte eine Anspielung auf Stalin („der Stählerne“) sein.

Michail Bulgakow erzählt die witzige Geschichte sowohl anfangs als auch am Ende aus der subjektiven Sicht des Hundes und gibt dabei auch dessen Gedanken wieder, im Hauptteil verwendet er allerdings die dritte Person Singular und beschränkt sich auf Beobachtbares.

Michail Afanassjewitsch Bulgakow (1891 – 1940) schrieb die satirische Novelle „Sobač’e serdce“ in der Zeit von Januar bis März 1925. Er machte daraus dann auch ein Bühnenstück für das Tschechow-Kunsttheater Moskau. Aber „Sobač’e serdce“ wurde weder gedruckt noch aufgeführt. Stattdessen beschlagnahmte die GPU die Typoskripte bei einer Wohnungsdurchsuchung im Mai 1926, und Michail Bulgakow erhielt sie erst im Oktober 1929 auf Fürsprache des mit dem Leninorden ausgezeichneten Schriftstellers Maxim Gorki zurück. Nach dem Tod ihres Mannes bewahrte die Witwe Jelena Bulgakowa drei Typoskripte der Novelle auf: die Urfassung, eine Überarbeitung mit Streichungen und eine irgendwann zwischen 1929 und 1940 entstandene dritte Version, in der Bulgakow die meisten Streichungen rückgängig gemacht hatte.

Die erste Veröffentlichung erfolgte 1968 in russischer Sprache in der Zeitschrift „Grani“ des antisowjetischen Exilverlags Possew in Frankfurt am Main. Diese Ausgabe basiert jedoch auf keinem der Typoskripte, sondern auf Abschriften, die von den Originaltexten erheblich abweichen. Das gilt auch für die 1987 von Marietta Tschudakowa in der Zeitschrift „Snamja“ herausgegebene Fassung. Erst zwei Jahre später erschien die Novelle in einer fünfbändigen Edition der Gesamtwerke Bulgakows in Moskau in der zwischen 1929 und 1940 von ihm selbst vorgenommenen Überarbeitung, deren Original vom Michail-Bulgakow-Archiv der Handschriftenabteilung der Staatlichen Lenin-Bibliothek in Moskau aufbewahrt wird.

Unter dem Titel „Hundeherz“ veröffentlichte der Hermann Luchterhand Verlag 1968 eine deutsche Übersetzung von Gisela Drohla. 1994 erschien im Verlag Volk und Welt eine weitere Adaptation von Thomas Reschke. Keine der beiden Ausgaben basierte auf einem der drei Typoskripte.

Erst im April 2013 brachte der Galiani Verlag unter dem neuen Titel „Das hündische Herz“ eine authentische deutsche Fassung von Alexander Nitzberg heraus, und zwar auf der Grundlage der russischen Ausgabe von 1989. Alexander Nitzberg gibt im Nachwort Beispiele dafür, was er unternahm, um den Originaltext auch stilistisch möglichst unverfälscht ins Deutsche zu übertragen.

Der amerikanische Komponist William Bergsma (1921 – 1994) griff in seiner komischen Oper „The Murder of Comrade Sharik“ 1973 auf „Das hündische Herz“ zurück.

Alberto Lattuada verfilmte „Das hündische Herz“ 1976:

Warum bellt Herr Bobikow? – Originaltitel: Cuore di cane – Regie: Alberto Lattuada – Drehbuch: Mario Gallo, Alberto Lattuada, Viveca Melander nach der Novelle „Das hündische Herz“ von Michail Bulgakow – Kamera: Lamberto Caimi – Schnitt: Sergio Montanari – Musik: Piero Piccioni – Darsteller: Max von Sydow, Mario Adorf, Eleonora Giorgi, Gina Rovere, Cochi Ponzoni, Vadim Glowna u.a. – 1976; 110 Minuten

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: © Verlag Kiepenheuer & Witsch

Botho Strauß - Paare, Passanten
In mehr als hundert scheinbar beziehungslos aneinander gereihten Skizzen spiegelt sich die Gesellschaft: Beobachtungen in Alltagssituationen; poetische, metaphernreiche Episoden; absurde, surreale Szenen; Gedankensplitter und philosophisch-essayisische Betrachtungen.
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