Gustav Meyrink : Der Golem

Der Golem
Der Golem Erstveröffentlichung: 1913/14 in René Schickeles Zeitschrift "Die weißen Blätter" Buchausgabe: Kurt Wolff Verlag Leipzig 1915
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Erzähler begibt sich zu Bett, und in einer Art Halbschlaf glaubt er, der gut 40 Jahre alte Athanasius Pernath zu sein, der in der Hahnpassgasse im Prager Judenviertel wohnt und es als Gemmenschneider und Ausbesserer von Antiquitäten zu einem Bankkonto gebracht hat. ...
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Kritik

Fantasie, Traum und Wirklichkeit sind durch den virtuosen Aufbau geheimnisvoll verwischt. Die konkret beschriebenen surrealen und häufig auch bedrohlichen Szenen erinnern an Franz Kafka, und auf jeder Seite geschieht etwas Unerwartetes. Das macht "Der Golem" zu einem außer-gewöhnlichen Lesevergnügen.
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Der Erzähler hat vor dem Zu-Bett-Gehen in einem Buch über das Leben Buddhas gelesen und muss nun fortwährend an einen Satz denken:

Eine Krähe flog zu einem Stein hin, der wie ein Stück Fett aussah, und dachte: vielleicht ist hier etwas Wohlschmeckendes. Da nun die Krähe dort nichts Wohlschmeckendes fand, flog sie fort. Wie die Krähe, die sich dem Stein genähert, so verlassen wir — wir, die Versucher, — den Asketen Gotama, da wir den Gefallen an ihm verloren haben.

Der Mond scheint in sein Zimmer und er verfällt in eine Art Halbschlaf.

Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum vermischt sich in meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehörtem, wie Ströme von verschiedener Farbe und Klarheit zusammenfließen.

Er glaubt, der gut 40 Jahre alte Athanasius Pernath zu sein, der in der Hahnpassgasse im Prager Judenviertel wohnt und es als Gemmenschneider und Ausbesserer von Antiquitäten zu einem Bankkonto gebracht hat.

Während eines Sturms beobachtet er, was mit einer Zeitung geschieht, die auf einem menschenleeren Platz am Boden liegt.

Nur eine dicke Zeitung konnte nicht mitkommen; sie blieb auf dem Pflaster liegen und klappte haßerfüllt auf und zu, als sei ihr der Atem ausgegangen und als schnappe sie nach Luft.
Ein dunkler Verdacht stieg damals in mir auf: was, wenn am Ende wir Lebewesen auch so etwas Ähnliches wären wie solche Papierfetzen? — Ob nicht vielleicht ein unsichtbarer, unbegreiflicher „Wind“ auch uns hin und her treibt und unsre Handlungen bestimmt, während wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, freiem Willen zu stehen?
Wie, wenn das Leben in uns nichts anderes wäre als ein rätselhafter Wirbelwind? Jener Wind, von dem die Bibel sagt: „Weißt du, von wannen er kommt und wohin er geht? – – – Träumen wir nicht auch zuweilen, wir griffen in tiefes Wasser und fingen silberne Fische, und nichts anderes ist geschehen, als dass ein kalter Luftzug unsere Hände traf?“

In Pernaths Wohnung taucht unvermittelt ein Herr auf, der sich benimmt, als ob er hier zu Hause wäre und weder grüßt, noch den Hut abnimmt. Er zieht einen Folianten mit einem Einband aus Metall aus der Tasche. Die Initiale I am Beginn des Kapitels „Ibbur“ muss restauriert werden. Wie ein Geist ist der Besucher plötzlich wieder verschwunden.

Handelt es sich um den Golem, von dem es heißt, er gehe alle 33 Jahre in Prag um? Rabbi Löw soll ihn 1580 am Ufer der Moldau nach verloren gegangenen Vorschriften der Kabbala aus Lehm geschaffen haben, weil er sich einen Diener wünschte. Aber nach einem Tobsuchtsanfall der künstlichen Kreatur riss ihr der Rabbi den magischen Zettel aus dem Mund, und sie stürzte leblos zu Boden.

Einmal hat Pernath seine Freunde, den Marionettenspieler Zwakh, den Maler und Schnitzer Vrieslander sowie den Musiker Josua Prokop, zu heißem Punsch eingeladen. Während des Gesprächs hängt Pernath seinen eigenen Gedanken nach.

Plötzlich sahen die drei am Tisch aufmerksam zu mir herüber, und Prokop sagte ganz laut: „Er ist eingeschlafen“, — so laut, dass es fast klang, als ob es eine Frage sein sollte.
Sie redeten mit gedämpfter Stimme weiter, und ich erkannte, dass sie von mir sprachen.
Vrieslanders Schnitzmesser tanzte hin und her und fing das Licht auf, das von der Lampe niederfloss, und der spiegelnde Schein brannte mir in den Augen.
Es fiel ein Wort wie: „irr sein“, und ich horchte auf die Rede, die in der Runde ging.
„Gebiete, wie das vom ‚Golem‘ sollte man vor Pernath nie berühren,“ sagte Josua Prokop vorwurfsvoll, „als er vorhin von dem Buche Ibbur erzählte, schwiegen wir still und fragten nicht weiter. Ich möchte wetten, er hat alles nur geträumt.“
Zwakh nickte: „Sie haben ganz recht. Es ist, wie wenn man mit offenem Lichte eine verstaubte Kammer betreten wollte, in der morsche Tücher Decke und Wände bespannen und der dürre Zunder der Vergangenheit fußhoch den Boden bedeckt; ein flüchtiges Berühren nur und schon schlägt das Feuer aus allen Ecken.“
„War Pernath lange im Irrenhaus? Schade um ihn, er kann doch erst vierzig sein“, sagte Vrieslander.

Im Vorderhaus befindet sich der Laden des Trödlers Aaron Wassertrum, der wie die Karikatur eines hässlichen Juden aussieht.

Sein starres, grässliches Gesicht mit den runden Fischaugen und der klaffenden Oberlippe, die von einer Hasenscharte gespalten ist.
Wie eine menschliche Spinne kam er mir vor, die die feinste Berührung ihres Netzes spürt, so teilnahmslos sie sich auch stellt.
Und wovon er nur leben mag? Was denkt er, und was ist sein Vorhaben?
Ich wusste es nicht.
An den Mauerrändern seines Gewölbes hängen unverändert Tag für Tag, jahraus jahrein dieselben toten wertlosen Dinge.
Mit geschlossenen Augen hätte ich sie hinzeichnen können: hier die verbogene Blechtrompete ohne Klappen, das vergilbte Bild auf Papier gemalt, mit den so sonderbar zusammengestellten Soldaten. Dann eine Girlande verrosteter Sporen an einem schimmligen Lederriemen und anderes halb vermodertes Gerümpel.
Und vorne auf dem Boden, dicht nebeneinander geschichtet, sodass niemand die Schwelle des Gewölbes überschreiten kann, eine Reihe runder eiserner Herdplatten. —
Alle diese Dinge nahmen an Zahl nie zu, nie ab, und blieb wirklich hier und da einmal ein Vorübergehender stehen und fragte nach dem Preis des einen oder andern, geriet der Trödler in heftige Erregung.
In grauenerregender Weise zog er dann seine Lippen mit der Hasenscharte empor und sprudelte gereizt irgend etwas Unverständliches in einem gurgelnden, stolpernden Bass hervor, dass dem Käufer die Lust weiter zu fragen verging und er abgeschreckt seinen Weg fortsetzte.

Kaum jemand ahnt, dass diesem Trödler ein Drittel des Judenviertels gehört. Wassertrum misstraut allen Menschen und hasst sie wie sich selbst. Nur für seinen Sohn hat er alles getan. Aber es war eine böse Lehre, die er ihm einimpfte:

Aus jedem Geschöpf so viel Freude und Genuß für sich selbst herauspressen, wie nur irgend möglich, und dann die Schale sofort als nutzlos wegzuwerfen: das war ungefähr das Abc seines weitblickenden Erziehungssystems.

Wassertrums Sohn war der Augenarzt Dr. Theodor Wassory, der ein Vermögen verdiente, indem er gesunden Patienten einredete, sie seien an grünem Star erkrankt und würden ohne eine sofortige Operation bald erblinden. Die behandelten Patienten waren ihm dankbar, weil sie nicht erblindeten und förderten seinen Ruhm — bis Dr. Savioli den Betrug aufdeckte und seinen Kollegen in den Selbstmord trieb.

Als Wassertrum herausfindet, dass eben dieser Dr. Savioli das Atelier neben Pernaths Wohnung für Schäferstündchen mit der verheirateten Gräfin Angelina gemietet hat, glaubt er den Tod seines Sohnes rächen zu können.

Als Angelina die Bedrohung erkennt, wendet sie sich verzweifelt an Pernath. Sie trifft sich mit ihm in der Domkirche auf dem Hradschin und bittet ihn um seinen Beistand, denn sie fürchtet, im Fall eines Skandals und einer Scheidung auf ihre Tochter verzichten zu müssen. Warum sie sich Pernath anvertraut? Weil er vor vielen Jahren einmal zu ihr sagte, er hoffe, ihr einmal helfen zu können. Damals wollte sie ihm das Korallenherz schenken, das sie an einem Seidenband um den Hals trug, aber sie schämte sich und unterließ es. Pernath sieht durch einen Nebel die Erinnerung an die Jugendliebe aufsteigen. War diese unglückliche Liebe der Grund für seinen Wahnsinn und den Verlust seines Gedächtnisses?

Eines Abends, als er mit Zwakh, Vrieslander und Prokop in der Gaststätte Loisitschek sitzt, treten ein Polizeikommissar und ein Schutzmann ein. Sie wollen das Lokal schließen, weil verbotswidrig getanzt wird. Fürst Ferri Athenstädt baut sich vor den Beamten auf und behauptet, die Anwesenden seien seine Gäste, es handele sich also um eine geschlossene Veranstaltung. Nachdem die Polizisten abgezogen sind, erblickt Pernath das 14-jährige rothaarige Judenmädchen Rosina, das bei Aaron Wassertrum haust. Selbst Rosinas Mutter, die bei der Niederkunft 15 Jahre alt war, wusste nicht, wer der Vater war, und sie verschwand gleich nach der Geburt ihrer Tochter, angeblich wegen eines Mordes, der ihretwegen begangen worden war. Rosina ist betrunken; sie trägt einen großen Hut, rosafarbige Strümpfe und auf dem nackten Körper einen Herrenfrack.

Bei dem Anblick der jungen Hure wird Pernath ohnmächtig.

Wilder Ekel vor dem Leben schnürt mir die Kehle zusammen.

Prokop und Vrieslander tragen ihn zu Schemajah Hillel, der mit seiner schwarzhaarigen Tochter Mirjam im Stockwerk unter Pernaths Wohnung lebt. Der 45-Jährige gilt als Lichtgestalt. Er dürfte den Titel „Rabbi“ tragen, aber er bescheidet sich mit seiner Rolle als Archivar im jüdischen Rathaus, wo er die Register über die Lebendigen und die Toten führt. Er und seine reine, schöne Tochter stehen im krassen Gegensatz zu dem hasserfüllten Trödler Aaron Wassertrum und der gemeinen rothaarigen Hure Rosina Metzeles.

Schemajah Hillel und Mirjam kümmern sich um den Bewusstlosen.

Pernath ist seinen Rettern dankbar und befreundet sich mit ihnen. Er porträtiert Mirjam auf einer Gemme und schenkt ihr das Schmuckstück. Zu seiner Überraschung erfährt er, dass Mirjams verstorbene Mutter ursprünglich Wassertrum zugedacht gewesen war, sich jedoch erfolgreich gegen eine Heirat mit ihm geweigert hatte. Vater und Tochter sind bettelarm. Wenn sie nichts mehr zu essen haben, läuft Mirjam auf die Straße und findet dort mitunter ein verlorenes Geldstück. Pernath würde den beiden gern aushelfen, aber bei dem Gedanken, nicht mehr auf Wunder angewiesen zu sein, zuckt Mirjam zusammen. (Pernath hilft dann hin und wieder den „Wundern“ mit einer Goldmünze nach.)

Dem schwindsüchtigen Medizinstudenten Innozenz Charousek steckt er eine Banknote zu. Charousek ist so arm, dass er den Mantel auf dem nackten Oberkörper tragen muss, weil er sich weder Hemd noch Jackett leisten kann. Bei ihm handelt es sich um einen unehelichen Sohn Wassertrums. Nicht Dr. Savioli, sondern er will bei der Vernichtung von Dr. Theodor Wassory die Drähte gezogen haben. Und jetzt trachte er danach, seinen Vater zu ermorden, denn er ekele sich vor dessen Blut.

Zuweilen kommt’s mir sogar wie ein geheimnisvoller Zusammenhang vor, dass ich schwindsüchtig bin und Blut spucken muss: Mein Körper wehrt sich gegen alles, was von ‚ihm‘ ist, und stößt es mit Abscheu von sich.

Durch die Falltür im Atelier nebenan steigt Pernath nach unten, er folgt einem dunklen Gang, und als er über sich einen Schimmer wahrnimmt, steigt er auf einer Leiter nach oben und gelangt in einen Raum, der offenbar nur diesen Zugang hat, obwohl er sich — nach den gegenüberliegenden Fassaden zu urteilen — im 3. Stockwerk eines Hauses befindet. Es ist bitterkalt; er zieht ein paar halb vermoderte Fetzen aus dem herumliegenden Gerümpel, hüllt sich darin ein und kauert sich in eine Ecke. Ein Tarockspiel fesselt seine Aufmerksamkeit, und vor allem die erste Karte, der Pagat. Plötzlich glaubt er sich selbst in der Zimmerecke gegenüber sitzen zu sehen.

Dann wieder, halb Traum, halb Gewißheit, tauchte ein Bild vor mir auf: Ein geschwärztes Schulhaus, bucklig, schief, ein mürrisches Hexengebäude, die linke Schulter hochgezogen, die andere mit einem Nebenhaus verwachsen.

Am anderen Morgen klettert er nach unten und setzt seine Erkundung des unterirdischen Ganges fort — bis er plötzlich im Flur des Schulhauses steht. Als er auf die Straße tritt, laufen die Passanten zusammen. Da merkt er, dass er noch immer die Fetzen aus dem geheimnisvollen Zimmer umgehängt hat und die Leute ihn deshalb wohl für den Golem halten.

Seine Freunde überbringen ihm die Nachricht, der Golem sei wieder gesehen worden. Der Lebensversicherungsdirektor Karl Zottmann soll ermordet worden sein, vermutlich von dem halbwüchsigen Loisa Kwáßnitschka, den die Polizei bereits verhaftet hat.

Der blatternarbige Loisa und sein gehörloser Zwillingsbruder Jaromir wohnen im selben Haus wie Pernath. Ihr Vater, ein Hostienbäcker, starb vor 17 Jahren, als sie gerade geboren wurden. Jetzt leben sie bei einer alten Leichenwäscherin, der sie alles abliefern müssen, was sie stehlen und erbetteln.

Wassertrum klopft bei Pernath. Ob er ihm die verbeulten Deckel einer goldenen Taschenuhr reparieren wolle. Pernath untersucht die Uhr und entdeckt die Inschrift „Karl Zottmann“. Der Trödler kommt auf die Dame zu sprechen, die sich mit Dr. Savioli im Atelier nebenan traf. Pernath befürchtet eine Erpressung und wirft den Trödler aus der Wohnung. Nach einer Minute kommt er zurück und verlangt seine Uhr.

Einige Zeit später kommt Wassertrum erneut zu Pernath und drängt ihm zur Versöhnung die goldene Uhr auf. Noch jemand klopft an der Tür. Wassertrum verbirgt sich im Nebenzimmer, während Pernath den Studenten Charousek einlässt. Der zwinkert Pernath zu und beginnt theatralisch von Wassertrums Hochherzigkeit zu schwärmen — denn zu seinem Plan gehört es, sich bei seinem Vater einzuschmeicheln. Lautstark weist er darauf hin, er habe das Giftfläschchen seines toten Freundes Theodor Wassory an sich genommen und bitte Meister Pernath nun darum, das kostbare Andenken Wassertrum auszuhändigen, ohne etwas über Charouseks Gefühle zu verraten.

Er hat Wassertrum richtig eingeschätzt: Der Trödler schleicht mit dem Gift davon.

Athanasius Pernath wird verhaftet und in eine Vier-Mann-Zelle gesperrt, wo er mit Loisa zusammentrifft. Man beschuldigt nun auch Pernath des Mordes an Karl Zottmann und hält die goldene Uhr für ein Indiz.

Ein spitzer Gegenstand sticht Pernath in die Hüfte. Die Feile, mit der er vor einiger Zeit Wassertrum erstechen wollte, rutschte aus der Tasche ins Futter des Jacketts. Er zieht sie heraus und wirft sie achtlos auf seinen Strohsack. Loisa nimmt sie an sich, und nachdem er verlegt worden ist, bricht er aus.

Im Mai wird ein Häftling namens Wenzel zu Pernath in die Zelle gesperrt. Er gab einen Raubüberfall zu, den er gar nicht begangen hatte, um Pernath einen Brief von Charousek übergeben zu können. Darin steht, Wassertrum sei bereits dabei gewesen, seinen Selbstmord vorzubereiten. In seinem Testament habe er Charousek als Alleinerben eingesetzt. Da sei der aus dem Gefängnis ausgebrochene Loisa in den Trödlerladen eingedrungen und habe Wassertrum mit einer Feile erstochen. Wenzel weiß außerdem zu berichten, dass Angelina nach der Scheidung von dem Grafen mit ihrer Tochter und Dr. Savioli fortzog.

Anfang November wird Pernath freigelassen. (Schon im Juli unterschrieb der Untersuchungsrichter die Verfügung.) Die Polizei weiß inzwischen, dass Karl Zottmann von Rosina, der Mätresse des Fürsten Ferri Athenstädt, in ein Kellergewölbe gelockt wurde und dort verhungerte, während Loisa seine Wohnung ausraubte.

Charousek wurde im Mai auf dem Grabhügel Wassertrums gefunden, tot auf der Brust liegend. Er hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten und die Arme dann in die Erde gesteckt. Ein Drittel seines von Wassertrum geerbten Vermögens hinterließ er Pernath.

Das Judenviertel wird renoviert. Es ist ein Trümmerhaufen, die Straßen sind aufgerissen, die alten Häuser stehen nicht mehr. Hillel und Mirjam sollen weggezogen sein. Niemand weiß, was aus Zwakh, Vrieslander und Josua Prokop geworden ist. Jaromir sei im Café Chaos zu finden, erfährt Pernath von einem Bauarbeiter. Der Gehörlose verkauft dort Scherenschnitte, um sich Geld für die Hure Rosina zu beschaffen. Ein fliegender Händler bietet wertlose Antiquitäten an. Darunter entdeckt Pernath das Seidenband mit dem Korallenherz, das Angelina ihm einmal schenken wollte.

Er mietet eine Dachkammer in der Altschulgasse, in dem Haus, in dem der Golem verschwunden sein soll. Plötzlich sieht er sein Ebenbild auf der Schwelle, nur einen Augenblick, dann steht die Tür in Flammen. Es brennt im ganzen Haus. Pernath rettet sich aufs Dach. Am Schornstein findet er ein Seil des Kaminkehrers. Daran lässt er sich vor der Fassade hinab, wie er es als Schuljunge im Turnunterricht gelernt hat. Als er an einem hell erleuchteten Fenster vorbeikommt, schreit er „Hillel! Mirjam! Hillel!“ Im gleichen Augenblick verliert er den Halt, und das Seil reisst.

Noch im Sturz greife ich nach dem Fenstersims, aber ich gleite ab. Kein Halt: der Stein ist glatt. Glatt wie ein Stück Fett.

Der Erzähler nimmt den fremden Hut, den er nach dem Hochamt im Dom auf dem Hradschin mit seinem eigenen verwechselt und irrtümlich aufgesetzt hatte. (Zu Hause entdeckte er im Seidenfutter des Huts den Namen Athanasius Pernath.) Er geht ins Judenviertel, wo alles neu renoviert ist, auch die Gaststätte Loisitschek. Dort trifft er Ferri Athenstädt. Von der Bedienung erfährt er, dass der Fürst von einer rothaarigen Hure ruiniert worden sei. Athenstädt erinnert sich an einen Mann namens Pernath. Der sei verrückt gewesen, soll aber eine schöne dunkelhaarige Jüdin geheiratet haben. Der Fährmann Tschamrda behauptet: „Es gibt ja wohl Leut‘, die sagen, der Pernath lebt noch immer. Er is, hör ich, Kammschneider und wohnt auf dem Hradschin.“ Der Fährmann rudert den Erzähler über die Moldau und weist ihm die Richtung zu dem Anwesen „an der Mauer zur letzten Latern“, aber er weigert sich, mitzukommen und warnt ihn: „Sie stürzen in den Hirschgraben und brechen Hals und Knochen!“

Der Erzähler war einmal im Traum hier, doch statt an einem weiß schimmernden Haus endet der Weg jetzt an einem vergoldeten Tor, dessen Flügel den weiblichen und den männlichen Teil eines Hermaphroditen darstellen. Dem Diener, der sich von links nähert, reicht der Erzähler den Hut durch das Gitter. Er erblickt eine tempelartige Villa und auf der Freitreppe Pernath und Mirjam.

Einen Augenblick wendet sich Mirjam um, erblickt mich, lächelt und flüstert Athanasius Pernath etwas zu.
Ich bin gebannt von ihrer Schönheit.
Sie ist so jung, wie ich sie heut nacht im Traum gesehen.
Athanasius Pernath dreht sich langsam zu mir, und mein Herz bleibt stehen:
Mir ist, als sähe ich mich im Spiegel, so ähnlich ist sein Gesicht dem meinigen.

Der alte Diener gibt mir meinen Hut und sagt — ich höre seine Stimme wie aus den Tiefen der Erde –:
„Herr Athanasius Pernath lässt verbindlichst danken und bittet, ihn nicht für ungastfreundlich zu halten, dass er Sie nicht einlädt, in den Garten zu kommen, aber es ist strenges Hausgesetz so von alters her.
Ihren Hut, soll ich ausrichten, habe er nicht aufgesetzt, da ihm die Verwechslung sofort aufgefallen sei.
Er wolle nur hoffen, dass der seinige Ihnen keine Kopfschmerzen verursacht habe.“

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Gustav Meyer (1868 – 1932) wurde als unehelicher Sohn der Münchner Hofschauspielerin Maria Meyer und des württembergischen Staatsministers Freiherr Karl Varnbühler von und zu Hemmingen in einem Wiener Hotel geboren. Im Alter von 23 Jahren gründete er zusammen mit einem Neffen des Dichters Christian Morgenstern das Bankhaus „Meyer und Morgenstern“ in Prag. Nach dem Bankrott des Unternehmens wurde er 1902 wegen angeblicher Unterschlagungen drei Monate lang inhaftiert. Er wurde zwar rehabilitiert, war aber geschäftlich ruiniert und verließ Prag. Ludwig Thoma veröffentlichte 1903 im „Simplicissimus“ die Geschichte „Der heiße Soldat“ unter Meyers Pseudonym „Gustav Meyrink“, dem Namen, den der ab 1911 in Starnberg wohnende Autor 1917 mit Erlaubnis des bayrischen Königs auch im bürgerlichen Leben annahm.

„Der Golem“ wurde erstmals 1913/14 in René Schickeles Zeitschrift „Die weißen Blätter“ veröffentlicht. Buchverlage lehnten das Manuskript ab. Nur der junge Leipziger Verleger Kurt Wolff erkannte dessen Wert. Er veröffentlichte das Buch 1915 und tat damit einen Glücksgriff, denn innerhalb von zwei Jahren wurden 145 000 Exemplare davon verkauft.

Die Golem-Legende bildet in diesem Roman einen diffusen Hintergrund. Mit der düsteren, grotesken Geschichte steht Gustav Meyrink in der Tradition von E. T. A. Hoffmann und Edgar Allan Poe. Die Grenzen zwischen Fantasie, Traum und Wirklichkeit sind durch den virtuosen Aufbau geheimnisvoll verwischt. Einige der konkret beschriebenen surrealen und bedrohlichen Szenen erinnern an Franz Kafka, und auf jeder Seite geschieht etwas Unerwartetes. Das macht diesen Roman zu einem außergewöhnlichen Lesevergnügen.

In der Apotheose sind Pernath und Mirjam vereint — aber der Erzähler ist nicht der, für den er sich hielt; er steht als Mann ohne Eigenschaften vor dem Tor des Paradieses, das er nicht betreten darf.

Eine Hörbuch-Fassung von „Der Golem“ mit Wolf Euba als Sprecher erschien 2003 im Ullstein-Hörverlag, München.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002/2003
Textauszüge: © Langen Müller in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München

Carlos Ruiz Zafón - Das Labyrinth der Lichter
Carlos Ruiz Zafón interessiert sich weder für die Charaktere seiner Figuren noch für psychologische Entwicklungen. Stattdessen kommt es ihm auf ein komplexes Geflecht von Handlungs­strängen und Zusam­men­hängen an, das er nach und nach entwirrt.
Das Labyrinth der Lichter

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